Ausgabe 10/2001 - Schwerpunkt Chancen

So Smart

Auto-Präsentationen sind eine schöne Sache. Es gibt Champagner und Hummer-Krabben-Cocktails. Sensationell, das Catering. Natürlich ist auch der Wagen eine Sensation: diese Neuerungen! An der Karosserie, nicht am Motor. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz in der Branche: maximal eine Innovation pro Modell, entweder eine neue Motoren-Generation oder eine neue Zierleiste. Für den Verkauf ist das Marketing zuständig. Und die Fachpresse. Die Medienvertreter werden zusätzlich für drei Tage in ein Grand Hotel irgendwo im Süden eingeladen. " Wegen des planbaren Wetters", erklären die Auto-Manager.

Vor ein paar Monaten musste die Fachpresse zur Auto-Präsentation ins Industrieviertel der kleinen schweizerischen Stadt Biel reisen - auf eigene Kosten. Angeboten wurde nur ein Shuttle-Service vom Bahnhof bis zum Ort des Geschehens, der sonst übliche Hubschraubertransfer fehlte. Zur Begrüßung servierten unauffällige Mädchen Orangensaft. Vorgestellt wurde ein Wagen mit dem Namen "Sam" in der Montagehalle eines unbekannten Autokonzerns mit Namen Cree AG (Creation Research Ecology Engineering) - direkt unter dem Büro von Vorstandschef Marc Frehner. Der CEO der Autofirma trug zwar keine Hermes-Krawatte, hatte dafür aber eine echte Neuigkeit zu berichten: Die ersten 80 Prototypen des ursprünglich geplanten Swatch-Mobils waren fertig.

Nicolas Hayek lässt sich nicht sehen Ein weiterer Smart? Nein. Was ein winziges Team von Auto-Freaks präsentierte, war die Materialisation einer großen Idee, die einst Uhren-König Nicolas Hayek der Weltöffentlichkeit versprach. Er kündigte Anfang der neunziger Jahre den Bau eines Autos an, das nicht viel mehr als 10 000 Schweizer Franken kosten und Platz für zwei Personen sowie einen Sechserpack Bier bieten sollte. Die internen Pläne des Swatch-Mobils sahen als Antrieb einen batteriebetriebenen Elektromotor vor. Das Mobil sollte sich auf das Wesentliche konzentrieren - " reduced to the max" eben. Doch auf dem Weg in die Wirklichkeit ging die Vision verloren. Heraus kam das Lifestyle-Vehikel Smart.

Aber jetzt stehen sie da - ein paar Kilometer weg vom Swatch-Hauptquartier. Orangefarbene, grüne, hellblaue, schwarze und beige Karossen, die aussehen wie Raumkapseln für eine neue Attraktion in Disneyland. Das fahrende Ding - es fährt wirklich! - heißt Sam. Ein Dreirad mit einer kajakähnlichen Kunststoffkabine und einem sehr leistungsstarken batteriebetriebenen Elektromotor, der in sieben Sekunden von 0 auf 50 km/h beschleunigt und auf der Landstraße immerhin 85 km/h erreicht. Wenn dem leise summenden Sam einmal die Luft ausgeht, lädt er sich beim Hinunterfahren eines Hügels von selbst wieder auf. " Rekuperation" nennen das die Schweizer Ingenieure, die sehr stolz sind auf die selbst entwickelte Technik. Im Wagen ist Platz für zwei Personen - bei etwas gewöhnungsbedürftiger Sitzaufteilung: Der Beifahrer muss auf den Rücksitz. "Sam soll die Lücke zwischen dem BMW-Motorrad C1 und einem Kleinwagen füllen", sagt Frehner. Er verspricht " ökologischen Anspruch, aber ohne Birkenstock-Image". Darauf legt er Wert.

Der Swatch-Boss blieb der heiteren Präsentation in der Lagerhalle fern - ebenso wie Vertreter seiner früheren Partner VW und Daimler-Benz. Doch die Nahe der Hersteller von Sam zum Firmensitz von Swatch ist kein Zufall. Die drei Gründer und Vorstände der wohl kleinsten Autofirma der Welt, Marc Frehner, Daniel Ryhiner und Reiner Martin, hatten alle entscheidende Positionen im Management der damaligen Swatch-Autofirma SMH Volkswagen AG/SMH Automobile AG, die im März 1994 durch die teilweise Übernahme von Mercedes-Benz in MCC (Micro Compact Car) GmbH umgewandelt wurde. Frehner, 35, Autodesigner, war für Design, Modelle, Prototypen und Aerodynamik zuständig. Ryhiner, 55, Spezialist für Automobil- und Umwelttechnologie, war Projektleiter für den motorischen Antrieb bei der SMH Volkswagen AG. Und der heutige Finanzchef der Cree AG, Martin, 47, ordnete zuvor die Zahlen für Hayeks Autopläne. Zu dieser Zeit träumten alle von dem Auto, das Hayek skizziert hatte. Doch daraus wurde bekanntlich nichts.

Warum eigentlich?

Daniel Ryhiner, ein Schweizer Urgestein mit wenig Sinn für Etikette und inzwischen Verwaltungsrats-Präsident der Cree AG, trinkt einen kräftigen Schluck Rotwein und beginnt in breitem Schwyzerdütsch über die Vergangenheit mit den Ex-Kollegen zu sinnieren. ,Ja, ja, die VW-Ingenieure. Alles nette Leute." Aber zurechtgekommen sei man nie mit ihnen. Frehner, knapp 20 Jahre jünger als sein Mentor, stimmt zu. Der 35-jährige Schweizer, den Kopf voll mit Ideen und seit der Fertigstellung der Prototypen immer bestens gelaunt, gilt als Antreiber des neuen Teams.

Die VW-Mannschaft: ideenlos Das Problem bei der SMH Volkswagen AG sei die ungeregelte Aufteilung der Kompetenzen gewesen, sagen beide. Der Volkswagen-Konzern hatte sich 1991 mit 50 Prozent am Swatch-Mobil beteiligt. Diese Verteilung der Machtverhältnisse sorgte innerhalb des Teams für große Schwierigkeiten. Während die Schweizer Ingenieure, allen voran Daniel Ryhiner und Marc Frehner, auf alternativen Konzepten beharrten, stellte sich das VW-Management hinter die eher traditionellen Ideen ihrer Mitarbeiter aus Wolfsburg. Wer sollte die Entscheidung treffen? Den VW-Leuten habe offenbar ein Auto vorgeschwebt, "dessen einzige Innovation darin bestand, statt vier Sitzen zwei anzubieten", so Frehner. "Das Ding war komplett unverkäuflich." Als der heutige Volkswagen-Chef Ferdinand Piech im Jahre 1993 den damaligen Boss Carl Hahn ablöste, stieg der Konzern aus dem Swatch-Projekt wieder aus. Frehner und Ryhiner sahen den Verzicht der Wolfsburger als Chance, doch noch ein sinnvolles Gefährt zu bauen. Doch es kam noch schlimmer.

Im März 1994 erwarb Daimler-Benz 51 Prozent an der SMH Automobile AG und übernahm die Macht in Biel. Graue Herren mit goldenen Manschettenknöpfen trafen in der alten Fabrikhalle am Lac de Neuchâtel ein und hatten wenig übrig für die Ideen von dahergelaufenen Schweizer Turnschuhträgern. Der damalige Mercedes-Forschungs- und Entwicklungschef Dieter Zetsche, trug seine eigenen Vorstellungen vor. Ryhiner, der mit seiner schwarzen Weste mit Sam-Aufdruck aussieht, als nehme er gleich an einem Ölwechsel-Wettbewerb teil, wurde nicht warm mit "diesem deutschen Automann".

Mercedes beharrt auf Benzin Ryhiner wollte einen Elektromotor, Zetsche beharrte auf dem Benziner. " Warum muss es immer eine tonnenschwere Kabine mit vier Rädern und hoher Endgeschwindigkeit sein?", fragte Ryhiner. Zetsche und sein Team interessierte das nicht. Die Schweizer, deren einzige Verbindung zur großen Autowelt darin besteht, einmal im Jahr zum Genfer Autosalon zu laden, wurden nicht ernst genommen. " Der heutige benzinbetriebene Smart ist ein Produkt aus dem Hause Daimler-Benz und hat nichts mit den Plänen des einstigen Swatch-Teams gemein", geben selbst die Techniker von MCC heute zu.

Wut und Frust bei den Idealisten. Den SMH-Ingenieuren in Biel wurden daraufhin von Mercedes "völlig absurde" (Frehner) neue Job-Angebote unterbreitet. Der heutige Cree-Chef sollte bei der MCC als Assistent des aus Stuttgart angereisten Chefdesigners fungieren. Der war wiederum bis dahin für die Gestaltung von Lastwagen zuständig. Frehner kündigte fristlos. Ryhiner und vier weitere Schweizer Ingenieure folgten ihm.

Die Swatch-Truppe zerbrach.

Jeder gründete mehr oder weniger sein eigenes Unternehmen - doch der Kontakt zu den anderen Ingenieuren des alten Swatch-Teams blieb erhalten. Ebenso wie der Frust über die "innovative" Autoindustrie. "Wir haben gedacht: Mein Gott, das kann doch nicht sein, dass alle Autos gleich aussehen", erinnert sich der Cree-Chef. Der kritische Geist verließ die Visionäre nie. Deshalb stehen seit August 80 Elektro-Fahrzeuge in fünf verschiedenen Farben in Coop-Märkten von Zürich und Basel - zum Test für künftige Käufer.

Es dauerte fast zwölf Monate, bis sich Frehner und seine ehemaligen Kollegen wieder an einem Tisch in der Altstadt von Biel einfanden. Mit "viel Rotwein und den alten Visionen" (Frehner) diskutierte man noch einmal über die Vergangenheit. Plötzlich entfernten sich die Autofans von der Vorstellung, ein "Auto" bauen zu wollen und fertigten die Skizze eines Dreirads an. Binnen kurzer Zeit sprudelten die Ideen von dreiteiliger Karosserie, wegfallendem Differenzial, auffälligem Design und einfachem ökologischem Antrieb aus den Köpfen der ehemaligen Swatch-Bande. ,Ja natürlich, das ist es!" Es fehlte nur an Zeit und Geld. Doch allein die Vorstellung, etwas völlig Neues zu bauen, trieb die Ingenieure an. Die offizielle Gründung der Cree AG folgte im Frühjahr 1996. Der Schweizer Business Angel und Tausendsassa Ernst Thomke half mit Geld, Rat und Tat. Thomke gilt im Raum Biel auch als der wahre Swatch-Vater und ist seit seinem Engagement als CEO beim Schuhhersteller Bally als "der Sanierer" bekannt.

Neuanfang mit Coop Die drei Gründer arbeiteten mehr oder weniger gratis. Doch auch nach dem offiziellen Start war die Realisation des Autos bis ins Jahr 2000 nie gesichert - die Truppe kämpfte ständig um Geld. " Wir haben 50 Prozent unserer Zeit damit verbracht, Investoren bei der Stange zu halten und neue hinzuzugewinnen", so Frehner, der in der Position des Geschäftsführers seine einstigen Designaufgaben fast gar nicht mehr wahrnehmen konnte. "Das war ein ständiges Auf und Ab. Jedes Jahr haben wir den Mitarbeitern beichten müssen, dass wir nicht wissen, ob es im nächsten Monat Gehalt geben wird." Als hilfreich erwies sich eine alte Idee des ehemaligen Swatch-Teams, das bei der Präsentation seiner Pläne im Jahre 1994 auch im Vertrieb neue Wege gehen wollte. Hayek sprach damals intern von der Möglichkeit, seine Swatch-Mobile auch über Supermärkte zu verkaufen. So kam es, dass sich die Cree AG Anfang des Jahres 2001 mit der Schweizer Handelskette Coop auf eine Lieferung der ersten 80 Prototypen einigte, die ab Sommer in den Coop-Märkten von Basel und Zürich getestet werden sollten. Als finanzielle Hilfe boten die Coop-Manager an, die 80 Testfahrzeuge im Voraus zu bezahlen. Das war der Startschuss.

Natürlich wird der Sam nicht allein von 15 Mitarbeitern in einer Wellblechhalle gegenüber dem Firmenhauptsitz der noblen Uhrenmarke Rolex gebaut.

Solidarische Zulieferer "Man braucht Kooperationspartner, die einem das Zeug, das wir im Kopf hatten, herstellen", sagt Ryhiner, einer der wenigen Aufsichtsräte, die bis zu zehn Stunden pro Tag für ihr Unternehmen da sind. Die Karosserie etwa, ein im Rotationsgussverfahren hergestelltes Kunststoffchassis, doppelwandig und innen hohl, liefert ein deutsches Unternehmen in Hockenheim. Als Problem erwiesen sich die Scheibenwischer: In ganz Europa recherchierten die Schweizer, wer besonders kleine Wischblätter herstellen kann. Schließlich wurde man bei einem Anbieter in Spanien fündig. Und machte ihm - wie allen anderen Lieferanten - klar, dass keine marktüblichen Preise drin sind. "Wenn uns Firmen wie der Blinkerhersteller Hella nicht entgegengekommen wären, hätten wir heute keinen einzigen Sam in der Halle stehen", so Marc Frehner.

Das Ikea-Prinzip Das Motto des französischen Philosophen Antoine de Saint-Exupery, aufzuhören, wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat, wurde einfach umgedreht. "Das Produkt war fertig, als wir nichts mehr wegnehmen konnten, weil es sonst den Anforderungen des TÜV nicht genügt hätte." Bleibt die Frage, wer das Ei mit den drei Rädern eigentlich kaufen soll? "Das wissen wir vielleicht im Frühjahr oder Sommer 2002", sagt Frehner. Keine Marktforschung in den vergangenen Jahren? "Unsere Marktforschung bestand darin, einmal mit dem Prototyp durch Biel zu fahren und dann festzustellen, dass schwerreiche Porsche-Fahrer eine Blankobestellung abgaben." Deren Preisvorstellung? "Egal." Das ersetzt natürlich keine Studie, doch es zeigt die Begeisterung für etwas Neues.

Wann der Sam in Deutschland zu kaufen ist, steht noch nicht genau fest. Beim geplanten Preis von knapp 8200 Euro erreicht er das unterste Kleinwagensegment. Etwas diffus sind auch noch die Vertriebs-Ideen. Die Vorstellungen reichen vom Supermarkt bis hin zu einem Küchenbauer, der den in seine knapp 130 Teile zerlegten Wagen angeliefert bekommt und dann nach dem Ikea-Prinzip zusammenbaut.

Ach ja, Tankstellen für das Elektromobil gibt es übrigens schon mehr als genug: Die Steckdose tut's.

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