Ausgabe 04/2001 - Schwerpunkt Aufbruch!

Stan und Ollie lernen kochen

Die Welt vor 100 000 Jahren.

Die Menschheit ist aufgeteilt in Flexible, die heißen Stan, und Unflexible, mit Namen Ollie. Die Ollies haben ein eindeutiges Bild der Welt, das auf früher Erlerntem und alten Erfahrungen basiert. Die Stans haben ein unklares Bild der Welt, weil sie laufend neue Erfahrungen und Erkenntnisse in ihre Sichtweisen aufnehmen. Das Handwerkszeug der Ollies ist die Macht, eine Befehlsstruktur innerhalb einer hierarchischen Ordnung, mit der sie ihre Sichtweise der Welt durchsetzen. Das Handwerkszeug der Stans ist die Kreativität, die Fähigkeit, auf Ereignisse immer wieder anders zu reagieren. Beide Seiten haben an den Werkzeugen der anderen nur begrenzt Interesse: Die Ollies interessieren sich für Kreativität nur so weit, wie sie sich in ihre Machtstruktur und in das Bild ihrer Welt einfügen lässt. Die Stans interessieren sich für Macht nur insofern, als dass sie ihnen bei der Entwicklung ihrer wechselnden Vorstellungen helfen kann. Das Ziel der Ollies ist, dass die Welt so bleibt, wie sie ist. Das Ziel der Stans ist, dass sich die Welt verändert.

Die Geschichte spielt in einem Tal in der Steinzeit, aber in einer Version wie bei Fred Feuerstein, also mit Fernsehern aus Granit. Es gibt mehrere Stämme, in denen auf 100 Ollies ein Stan kommt. Das ist auch okay so, weil die Welt selbst ebenfalls starr ist - alles ist, wie gesagt, aus Granit und schwer zu verrücken. Nun gibt es aber einen neuen Stamm, der nur aus Stans besteht. Da gibt es keine Hierarchie, nur zwei Stans, die die Gruppe gegründet haben, und ihre Freunde, die mitmachen, weil das Projekt interessant klingt. Das Ziel ist die Verbesserung der Nahrung. Einer hat nämlich Salz gefunden, was in der bis dahin gewürzlosen Welt der Steinzeit wie eine Bombe eingeschlagen ist. Jetzt ist die Frage: Was kann man mit Salz alles machen?

Das Projekt ist ganz gut losgegangen: Einige haben das Kochen erfunden und üben nun. Obst mit Salz, das haben sie schon festgestellt, geht nicht. Andere meinen, wenn man die Nahrung verbessern will, muss man auch deren Beschaffung sichern. Sie basteln an Jagdwaffen und Angeln. Noch andere meinen, zum Fangen von Vögeln wäre es am besten, wenn man fliegen könnte. Nach Kreativ-Meetings stürzen sie sich von Felsen, man hört die Schreie im ganzen Tal. In dieser Zeit kommt der Stamm natürlich nicht zum Jagen, aber das ist nicht so schlimm. Andere Stämme unterstützen das Projekt, weil deren Herrscher glauben, sie könnten mit den Forschungsergebnissen ihre Macht vergrößern. Doch irgendwann verlieren die Herrscher die Geduld. Die Salzleute sollen Ergebnisse präsentieren, am besten, sie zeigen, wie Fliegen geht. Wenn nicht, sollen sie wieder selbst jagen.

Bei dem Stamm der Stans herrscht erst mal noch gute Stimmung. Jeder macht seinen Kram, ab und zu zieht man sich gegenseitig am Lendenschurz, in den Büschen wird zwischendurch gevögelt. Bis eines Tages die Gründer erklären, dass die Vorräte zur Neige gehen - es muss rationiert werden. Weil niemand aus der Gruppe damit Erfahrung hat, wird ein Stammesberater engagiert. Der Stammesberater ist Homer Simpson. Homer macht gleich mal klar, dass er weniger den Stamm als die Stammesgründer berät. Die haben anfangs damit Probleme, aber schließlich glauben sie ihm: Der Stamm kann nur überleben, wenn die Regeln geändert werden und die Gruppe verkleinert wird. "Downsizing", nennt Homer das.

Die alte Welt: ist überall, es herrscht Dumpfbackenalarm. Nachgedacht wird dort nie. Schade, denn: Denkverbot ist Spaßverbot.

Das geht ganz fix: Die Kochgruppe wird halbiert, die Jagdgruppe von fünf auf zwei Personen reduziert, das Angeln wird abgeschafft. Nur das Fliegen bleibt wie es war, weil einige Stämme daran Interesse haben. Außerdem muss sich der Stamm besser darstellen, findet Homer. Also wird jemand fürs Marketing eingestellt. Das ist DJ Bobo. Die erste Tat von DJ Bobo: Er besorgt einen neuen Unterstützer, ein Wüstenvolk, das Vorräte liefert. Dafür soll die Kochgruppe Rezepte für "Kochen mit Sand" finden. Das Wüstenvolk erhofft sich davon einen Aufschwung im Sandhandel.

Derweil ändert sich bei den anderen Stammesmitgliedern die Stimmung. Die einen machen sich Sorgen um ihre Versorgung, die anderen ärgern sich über die Verringerung der Möglichkeiten durch Einsparungen. Einer soll mal bei anderen, großen Stämmen gucken, ob es dort nette Stammesteile gibt, denen man sich anschließen kann. Stan, einer der Köche, zieht los. Beim ersten Stamm trifft er die andere Hälfte der früheren Jagdgruppe. Die hat in der ersten Woche die neuen Möglichkeiten gut genutzt, das Dynamit erfunden und vorgeschlagen: Wir machen Dynamitfischen. Der Vorschlag wurde abgelehnt, in dem Stamm wird nicht gefischt. Jetzt bastelt die Gruppe an Faustkeilen, beaufsichtigt von einem Ollie, der die Qualität überprüft.

Im nächsten Stamm ist es besser. Stan trifft einen Stan, der versucht, den Ollies die Angst vor dem Wasser zu nehmen. "Sie glauben, Wasser ist gefährlich, weil sie es nicht festhalten können", erklärt der fremde Stan. Es gibt weitere Stans, einige experimentieren mit Salz, andere arbeiten zusammen mit Ollies an der Entwicklung von Schrift. " Schrift?", fragt Stan. "Ja", erklärt der Stan, "ein Zeichensystem, gleichzeitig festgelegt und flexibel, mit dem man alles ausdrücken kann." Stan kratzt sich am Kopf. Später spricht Stan mit dem Stammesführer, ein netter Ollie mit Stan-Gewohnheiten, der, ja gern, auch noch Leute aufnimmt. "Vorräte haben wir genug." Das klingt doch gut.

Stan macht sich auf den Rückweg zu seinem alten Stamm, als er auf einen Ollie in einem Stan-T-Shirt stößt. "Joh", sagt der Ollie, "wir sind jetzt alle Stans. Weil das besser ist." "Aha", sagt Stan, "kocht ihr auch mit Salz?" Olli schüttelt den Kopf. "Nö, mit Sand. Wir haben aus der Wüste tolle Rezepte bekommen." Schließlich erreicht Stan die alte Gruppe. Dort ist inzwischen alles ganz anders. Die Büsche, wo früher gevögelt wurde, sind weg, weil zum Vögeln keine Zeit mehr ist. Es gäbe aber auch niemanden mehr, der wollte, denn es sind bloß die beiden Gründer übrig und die Fluggruppe. Die Gründer kochen jetzt selbst, und zwar mit Sand, Holz oder Schlamm, denn DJ Bobo hat noch weitere Kooperationspartner gefunden. Die Fluggruppe gehört zum Marketing, weil das so erfolgreich ist. Da werden Strategien gemacht, um weitere Lieferanten zu finden, als Nächstes einen Stamm in einer Kiesgrube. Zwischendurch erzählen sich alle, wie toll es wäre, wenn man fliegen könnte. Homer kommt einmal die Woche vorbei und frisst den Kühlschrank leer.

Traurig zieht Stan ab, dort hat er nichts mehr verloren. Auf dem Weg zu dem netten großen Stamm trifft er die ehemalige Kochgruppe, die wieder zusammen ist. Sie hat ein Restaurant eröffnet, aber, na ja, die Geschäfte laufen mäßig. "Die Ollies wollen immer dasselbe", erzählt ein Stan frustriert. "Jede Woche haben wir eine neue Karte, aber sie bestellen immer nur Hamburger und Pommes Schranke." Doch die Stimmung ist gut. "Willst du einen Happen essen?" Stan bestellt Streifen von Dorade Royale mit Gemüsefrühlingsrollen und Topinamburpüree.

Die neue Welt: gibt es noch nicht. Aber immerhin: Einer traut sich und stellt der richtigen Person die richtige Frage.

Schließlich erreicht Stan den großen Stamm. Er trifft den Wasser-Stan, der ihm erzählt, dass einige Ollies inzwischen hervorragende Schwimmer seien und es nun alle lernen wollen. Stan gewöhnt sich ein, in der Kantine gibt es ab und zu Kreationen aus dem Kochlabor, Pasta mit Meeresfrüchten, Pizza, einmal auch Sushi, da ist aber hinterher allen schlecht. Trotzdem, besser als nichts. Eines Tages erzählt jemand, über dem Chef-Felsen fliegt ein Stan. Fliegt? Fliegt! Alle rennen hin. Als der Stan landet, steht unser Stan zufällig neben dem netten Ober-Ollie. Es gibt ein Gespräch mit dem Gast, er wird gefragt, ob man beim Fliegen tatsächlich Vögel fangen kann. Der Gast ist verwirrt. "Vermutlich schon, aber darum geht es nicht. Es ist das Fliegen an sich. Die Welt von oben. Das ist... ganz anders." Der Ober-Ollie schüttelt langsam den Kopf, er lächelt traurig: " Wir wollen keine andere Welt. Wir können schwimmen, das reicht uns. Und Vögel, die essen wir nie. Ich glaube, wir brauchen Fliegen nicht." Der Ober-Ollie sieht sich um, schaut Stan an, fragend. "Oder was meinst du?" Stan sieht zurück, in blaue wässrige Augen, in die Vergangenheit, die genau in diesem Moment enden könnte, abgelöst von einer Zukunft, die niemand absehen kann. Er schweigt einen Moment. Dann antwortet er leise: "Willst du das wirklich wissen?"

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