Ausgabe 08/2000 - Was Wirtschaft treibt

Die UMTS-Lemminge

"Uuuh-Äm-Te-Äs! Die Welt ist schön, und zwar durch Uuuh-Äm-Te-Ähäs! Wir wer'n noch mehr lizenzier'n, um dann noch mehr zu kassier'n..." SWR3-Parodist Andreas Müller als Kanzler Schröder zur Melodie von "Y-M-C-A". UMTS - ein Witz? In jedem Fall ein teurer Spaß. Kann nicht sein? 98,8 Milliarden Lizenz-Mark, nur aus Jux und Tollerei? Kann nicht sein.

Oder doch. Sämtliche Annahmen über den UMTS-Markt sind bislang hochgradig spekulativ: wie vielen Menschen welche Dienstleistungen wie viel Geld wert sein werden; welche Geräte es für den Netzzugang überhaupt geben wird - und wann; ob die neuen mobilen Dienste die alten Umsatzträger ergänzen oder ersetzen; wie lange die UMTS-Technik aktuell bleibt.

Die Ersten zweifeln schon an der Supertechnik UMTS Diese Unwägbarkeiten hielten Ron Sommer (Dl), Chris Gent (D2), Gerhard Schmid (Mobilcom) und ihre Statthalter nicht davon ab, höher zu pokern, als es Vorstände börsennotierter Unternehmen jemals mit barem Geld getan hatten -wenn auch nicht aus Begeisterung, sondern aus der lemminghaften Überzeugung, keine andere Wahl zu haben. Nur eines wissen die Bosse genau: Sie müssen die Erfolgsstory von GSM weit übertreffen, denn die dritte Mobilfunkgeneration wird viel teurer als die zweite.

Jubelstorys über den "riesigen Zukunftsmarkt" UMTS sind nicht mehr gefragt. Als Erste senkten die Börsianer den Daumen. Schon vor Beginn der britischen Auktion im April flüchteten die ersten Anleger aus den Papieren der Lizenzbewerber. Nach der deutschen Versteigerung rangen die Pessimisten die Optimisten endgültig nieder. Die T-Aktie, mit fast 100 Euro ins Jahr 2000 gestartet, blieb oberhalb der 40-Euro-Marke hängen. Den Investoren war aufgegangen, dass Großbritannien und Deutschland erst der Anfang waren - das "universelle mobile Telekommunikationssystem" ist ein Weltstandard. Die Finanzminister in Italien, Skandinavien, Nord- und Südamerika, Osteuropa und Asien reiben sich schon die Hände. Geht es weiter wie bisher, benötigen die Tele-Multis allein für Europa mindestens eine halbe Billion Mark: 300 Milliarden für Lizenzen, 200 für die Technik. Allein in Deutschland wird der Netzausbau bis Mitte des Jahrzehnts 50 Milliarden Mark verschlingen. Für das, was der UMTS-Einstieg kostet, könnte die Deutsche Bahn ihr gesamtes Schienennetz, die Bahnhöfe und den Fuhrpark auf den neuesten Stand bringen.

Wer fragt eigentlich, wer die tolle Multimediatechnik bedienen kann?

Ob UMTS trotz der enormen Kosten ein Erfolg werden kann, hängt davon ab, ob die Menschen wirklich jederzeit und überall Zugang zu Informationen aller Art haben wollen. Den Propagandisten des neuen Datennetzes ist keine Idee zu absurd. Sie sehen uns künftig nicht mit ultraleichten Mikro-Handys herumlaufen, sondern mit taschenbuchgroßen, schweren, batteriehungrigen, teuren Vielzweck-Organizern mit angeflanschter Minikamera. Auf dem bunten TFT-Display sollen wir im Web surfen, online einkaufen, Stadtpläne einsehen. Bildtelefonate führen, eMail-Bildpostkarten schreiben oder via Internet fernsehen und Radio hören.

Ein Sciencefiction-Szenario mit Schönheitsfehlern. Weil die Menschen mehr Handys kaufen als Computer, glauben die UMTS-Lautsprecher, das Internet müsse mobil werden. Statt zu bedenken, dass ein PC eben viel schwerer zu bedienen ist als ein Handy. Oder dass viele Menschen unterwegs lieber telefonieren als auf einen Bildschirm zu starren. Der nützt im Auto ohnehin nur dem Beifahrer. Wer keine bewegten Bilder braucht, kann sich UMTS sparen. Übersehen wird auch, dass schon heute nur ganz wenige Webdesigner in der Lage sind, Inhalte lesbar, übersichtlich und fehlerfrei auf einem stinknormalen Büromonitor zu präsentieren. Wie soll das auf einem Monitörchen gehen? Und wer braucht mobiles TV und Radio via UMTS? Es gibt genug preiswerte, unkomplizierte Geräte, bei denen kein Gebührenzähler tickt. Walkman mit und ohne Radioteil, Mikro-Radio, Minidisc, MP3- oder CD-Player. Für Filme gibt es tragbare DVD-Player. Und Taschenfernseher? Die gibt es schon lange. Sie sind Ladenhüter, das Bild ist zu klein.

Völlig ins Stottern kommen UMTS-Experten, wenn man sie nach den Gebühren fragt. Weil der User permanent online ist, kann es keine Minutentarife geben. Stattdessen wollen die Betreiber die gesendeten Kilobits berechnen. Dieses Tarifmodell ist untauglich für den Massenmarkt. Kein Laie kann abschätzen, wie groß die Dateien sind, die er anfordert. Darum kann er die Kosten nicht kalkulieren. Die avisierten Neukunden, die keine PC-Erfahrung haben, können sich unter einem Megabyte nichts vorstellen. Dennoch hüten sich T-Mobil & Co., das nahe liegende Wort "Flatrate" in den Mund zu nehmen. Eine Pauschale, die sich Privatkunden leisten könnten, wäre bei Geschäftskunden ein Verlustgeschäft. Werbefinanzierung einzelner Angebote könnte ein Ausweg sein, doch dann hätte der User keinen Zugriff auf normale Internetseiten.

Beim UMTS-Start Ende 2002 wird zumindest das Tarifproblem gelöst sein. Denn die "alten" Netzbetreiber führen noch dieses Jahr die "zweieinhalbte Generation" des digitalen Mobilfunks ein, die auch schon eine Abrechnung von Datenanwendungen nach Bit-Volumen erfordert. Dieses GPRS genannte Verfahren (General Packet Radio Services) beschleunigt das für Daten zu langsame GSM-Netz auf ISDN-ähnliche Geschwindigkeiten -und es bringt die lahme Ente WAP auf Trab. Weil die Aufrüstung der Infrastruktur nicht die Welt kostet, rechnen Branchenkenner mit reellen Preisen. Die Stärken von GPRS sind schlecht für die UMTS-Vermarkter. Millionen Besitzern von Notebooks und Palmtops wäre mit einer solchen Funkschnittstelle schon geholfen. Für das höhere Tempo von UMTS, das sich nur beim Download von Software oder Videoclips bemerkbar macht, müssten sie einen erheblichen Aufpreis zahlen. Günstiger wird es sein, Multimedia-Dateien zu Hause aus dem Festnetz zu ziehen - über die Highspeed-Technik ADSL, die beim UMTS-Start nahezu flächendeckend verfügbar sein wird.

Bis dahin könnte sich schon eine ganz andere Erfindung durchgesetzt haben, die den gleichen Nutzen verspricht wie UMTS, aber von jedem noch so alten Telefon oder Handy aus funktioniert: das Sprachportal zum Internet. Dieses Voice- oder Phone-Portal ist ein Callcenter, in dem nicht Menschen, sondern Roboterstimmen Auskünfte erteilen. Das gibt es bereits. Die Softbots verstehen normale Umgangssprache und können beliebige Texte verständlich vorlesen. Das Einsatzgebiet reicht von der Navigationshilfe für Autofahrer über Flugpläne und Telefonauskunft bis zu Hotelbuchung und Ticketreservierung. Dem Kunden steht das ganze Internet offen. Und er braucht kein neues Gerät.

Nicht mal Hans Eichel kann sich über UMTS freuen Als wären das nicht schon genug Sorgen für die sechs Gewinner der Auktion, mussten sie auch noch enorm viele Zinsen zahlen. Sie durften nicht die rund 99 Milliarden Mark abstottern, wenn Umsätze fließen, sondern mussten den gesamten Betrag zehn Werktage nach dem Zuschlag hinblättern. Als Dl und D2 versuchten, zwei Tage herauszuschinden ("Samstag ist kein Werktag"), drohte das Finanzministerium prompt mit Strafzinsen. Fatal auch der Fehlversuch der D-Netzler, kurz vor Schluss noch einen Konkurrenten aus der Bahn -zu kegeln. Dafür blecht jeder der sechs täglich mehr als eine halbe Million Mark. "Würde eine Telekommunikationsgesellschaft die von ihr in UMTS-Lizenzen investierten 16 Milliarden Mark über 20 Jahre in Pfandbriefen anlegen", hat die Hypo-Vereinsbank für brand eins ausgerechnet, " kämen am Ende rund 52 Milliarden Mark heraus." Weil ein Break-even frühestens in zehn Jahren erwartet wird, müsste jedes der Unternehmen in der zweiten Lizenz-Dekade 3,6 Milliarden Mark Profit pro Jahr erwirtschaften - allein mit UMTS, ohne GSM und Festnetz. Bei zehn Prozent Umsatzrendite setzt das voraus, dass jeder Haushalt monatlich 550 Mark verumtst. Nun ja.

Zufrieden kann nicht einmal Hans Eichel sein. Hätte der Bund in der Hausse Anfang des Jahres eine Tranche T-Aktien im Wert von 100 Milliarden Mark abgestoßen und dafür die Lizenzen nach spanischem Vorbild in einem "Schönheitswettbewerb" verschenkt, wäre das für alle Beteiligten nervenschonender und lukrativer gewesen. Der Erlös wäre derselbe, das T-Aktienpaket des Bundes wertvoller, die Liquidität von Telekom & Co. höher, der UMTS-Zugang billiger.

Die Auktion sei die fairste und marktwirtschaftlichste Methode, ein knappes Gut wie Funk-Frequenzen zu vergeben - so hatten Puristen argumentiert. Dass sie die beste Methode sei, hat niemand behauptet.

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