Ausgabe 05/2000 - Was Wirtschaft treibt

Kämpfe im Internet

Früher war alles besser, im Internet natürlich auch. Jeder war mit jedem verbunden, Hyperlink hieß das, und von Bottrop kam man nach Osaka mit einem Klick der Maus. Das Netz der Netze war vor allem Netz, und wer vor sechs Jahren das Glück hatte, im Internet zu sein, erinnert sich heute vor allem an dieses seltsame Gefühl der Weite und der Verbundenheit mit sehr vielen anderen Menschen. Ein Meer aus Botschaften, die jedem und niemandem gleichzeitig gehören, ein großes Murmeln rund um den Globus. Der Horizont leuchtete golden.

"Gold" heißt heute eine Zeitschrift für Online-Shopping, und mit der glänzenden Stimmung ist es auch vorbei: Denn langsam wird es eng im Internet. Die Claims sind abgesteckt. Der ehemals friedliche Raum ist ein Ort der Klagen geworden. Anwälte pressen mit Serienabmahnungen Geld aus privaten Homepage-Besitzern. Große Marken wie L'tur und Volkswagen kämpfen gegen Startups um Namensrechte und die Hauptrolle im Markt der Zukunft. Statt sich mit Partnerschaften zu verstärken, panzern sich die Unternehmen im verletzlichen Moment des Börsenganges mit Abmahnungen und einstweiligen Verfügungen - wie im Fall der Jobbörsen Jobpilot und World Wide Jobs. Souveräne Marktführer wie das Softwarehaus Intershop werden zu bissigen Paranoikern, wenn Konkurrenten wie Openshop bei ihrem Börsengang zu laute Töne beim Marketing anschlagen. Die ersten Marktforschungen melden: Die Unternehmen wachsen schneller als der Markt. Es zählt nun weniger die Idee als Besitz, Eigentum und Macht.

Auf Macht verstehen sich vor allem die Unternehmen aus der alten Wirtschaft. Doch die finden 15 sich nun in einer neuen Situation. Ihre Geschäftsideen tauchen, mit frischen Zutaten aufgepeppt, nun im Internet auf, und weil sie sich auf dem neuen Terrain machtlos fühlen, schlagen sie um sich. Ihr Problem: Songtexte, Formeln und Verfahren lassen sich patentieren. Geschäftsideen nicht. Und wo bei den bisherigen Besitzgütern Urheberrecht, Markenrecht oder Namensrecht greifen, zieht beim Ideenklau nur das Wettbewerbsrecht. "Der letzte Strohhalm für viele Unternehmen", sagt der Stuttgarter Anwalt und Markenrechtler Rüdiger Bäcker.

Das erklärt die Vehemenz, mit der die L'tur Tourismus AG seit Jahren vor Gerichten als Wächter der eigenen Geschäftsidee auftritt und sie vor Verunreinigungen durch die Konkurrenz zu schützen sucht. L'tur-Gründer Karlheinz Kögel bietet seit 1987 Billigreisen an, die bei den Pauschalbuchungen im Tourismus übrig bleiben. Aus der Idee wurde ein Markt, auf dem bald auch andere das neue Produkt anboten: Last-Minute-Reisen. Seitdem klagt L'tur auf Einhaltung eines Reinheitsgebotes für Billigflüge - 14 Tage zwischen Buchung und Abflug - das vor der Erfindung von L'tur gar nicht existierte. Ein Anspruch, der mittlerweile aus Verbraucherschutzgründen zwar gerichtlich anerkannt, aber nicht vollkommen bestätigt ist.

L'tur verklagt Lastminute.com. Ein Grundsatzurteil wackelt.

Im Oktober vergangenen Jahres nun startete der deutschsprachige Ableger des englischen Unternehmens Lastminute.com, so als Marke im englischen Register eingetragen, seinen Web-Auftritt. Dort gibt es neben Reisen auch Restaurantbesuche, Konzerte, Geschenke und andere Schnäppchen für Kurzentschlossene. Mitte Februar, kurz vor der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin (der weltweit wichtigsten Veranstaltung der Branche) und wenige Tage vor dem Börsengang der englischen Mutter, klingelt beim deutschen Managing-Director Philipp Montgelas das Telefon. Am anderen Ende der Leitung fragt der Nachrichtendienst Newsaktuell, was er von der Klage halte, die L'tur gerade eingereicht habe. Montgelas, der im Januar bereits eine Abmahnung von L'tur zurückgewiesen hatte, ruft seinen Anwalt an und gibt durch; "Es geht los." Gemeinsam mit seiner Kanzlei hatte Montgelas alle Szenarien durchgespielt, alte Fälle durchgearbeitet und sich vorbereitet. "Die PR-Wirkung war phantastisch", schwärmt der 30-Jährige. Die Zeitungen berichten darüber. Lastminute.-com gibt richtig Gas: hängt sein Logo 24-mal drei Meter groß an drei Außenwände des Internationalen Congresscenters (ICC) in Berlin, der 42-Quadratmeter-Messestand ist überlaufen. Lastminute.com stiehlt L'tur die Show, obwohl deren Muttergesellschaft TUI eine ganze Halle belegt. eCommerce ist das Thema der ITB.

Der Börsengang in London und an der Nasdaq verläuft solide. Zwei Wochen später trifft die Klageschrift ein, L'tur zieht alle Register. Auf 17 Seiten Argumente, die nicht nur alle rechtlichen Aspekte in Sachen Schnäppchenreisen illustrieren, sondern die Probleme der alten Wirtschaft mit der neuen. Lastminute.com antwortet auf 28 Seiten, die die Sicht der neuen Wutschaft dokumentieren.

Wer sich eine Adresse im Netz sichert, kann noch lange nicht dort wohnen.

Kurz gesagt, die alte Wirtschaft meint, die neuen Shops im Internet würden Kunden irreführen, so auch die Argumentation von L'tur. Im Kern der L'tur-Klage steht das Grundsatzurteil "www.mitwohnzentrale.de": Gattungsbegriffe als Domain-Name stellen demnach eine unerlaubte Kanalisierung von Kunden auf das eigene Angebot dar und benachteiligen die Mitbewerber - eine Übertragung aus dem Markenrecht. Die L'tur-Anwälte Graefe & Partner hatten ihren Klageort schlau gewählt: Hamburg, hier wurde das berühmte Urteil gefällt. Die Richterin deutet bei der ersten Verhandlung am 12. Mai an, sie habe keine Lust, sich große Mühe zu machen, weil sie davon ausgehe, dass die nächste Instanz ihr Urteil sowieso kippt. Eine Woche vorher jedoch akzeptierte der Bundesgerichtshof ein Revisionsverfahren wegen des "Mitwohnerzentrale"-Urteils. Bis zur Neuentscheidung auf oberster Ebene kann es allerdings ein Jahr dauern. Die Verwirrung ist komplett. Da passt es, das ausgerechnet der L'tur-Mutterkonzern TUI Anfang April für einen sechsstelligen Betrag die Rechte an der niederländischen Domain www.lastminute.nl. kaufte.

Wer sich eine Adresse im Internet sichert, kann vorerst noch lange nicht dort wohnen. Mit der Anmeldung einer Web-Adresse ergeben sich zwar gewisse Namensrechte, doch mehr auch nicht. Denn Marke sticht Name. Eine Domain ist aus juristischer Sicht nicht mehr als ein Türschild. Die Marke jedoch ist der Highlander unter den schützbaren Werten: Sie ist unsterblich. Egal, ob .de, .com oder .net hinter dem Punkt steht: Es kann nur einen geben. Juristisch gesehen, ist die Benennung einer Domain nach einer bestehenden und geschützten Marke nichts weiter als eine Hausbesetzung.

So ist auch das Domain-Grabbing (wir erinnern uns: Marken-Domain anmelden, dann den Markeninhaber erpressen) heute passe. Der neueste Schrei heißt Marken-Grabbing, und das geht so: Man nehme ein gebräuchliches Wort wie "Web-space" melde beim Deutschen Patent- und Markenamt eine gleich lautende Marke an, und mahne daraufhin alle Web-Seiten-Betreiber ab, am besten mittelständische Unternehmen, auf deren Web-Seite der Begriff auftaucht. Der Inhaber der Marke Webspace, Klaus Thielker, ist an seiner Idee unlängst gescheitert, seine Serienabmahnungen flogen auf, die Marke wurde im Februar gelöscht.

Wer mit Marken-Grabbing anfängt, hat mit Web-Mobbing zu rechnen.

Thielkers damaliger Anwalt, der Münchner Günter Freiherr von Gravenreuth steht auch hinter der aktuellen Welle von Serienabmahnungen: Seine Klientin, die Ratinger Firma Symicron ist im Besitz der Marke " Explorer". Von Gravenreuth versendet gerade wieder Serienabmahnungen an Privatleute und mittelständische Unternehmer, auf deren Web-Seiten das Wort Explorer auftaucht. Wieder in Höhe von 1900 Mark, ein Betrag den man eben noch hinblättert, um seine Ruhe zu haben. Das vermeintliche Vergehen: Verweise auf den US-amerikanischen FTP-Server "FTP-Explorer", auf dem unter anderem ein Exemplar des Online-Handbuches "Self HTML" bereitliegt. Unlängst hat der Berliner Provider Speedlink eine Strafzeige wegen Rechtsmissbrauchs gegen von Gravenreuth gestellt. Der kontert mit einer Gegenstrafanzeige und findet, das alles sei Teil des gegen ihn "gerichteten Web-Mobbings".

Was aber passiert, wenn sich eine prima Geschäftsidee mit dem Traum von viel Geld paart, eine Prise Dreistigkeit hinzukommt und ein Hauch von Starrsinn? Idealer Nährboden für Unternehmertum, sagen die einen. Dieselben Zutaten können für andere allerdings auch viel Arger bedeuten - und den Einstieg von Unternehmen der Neuen in die knallharten Konkurrenzkämpfe der alten Wirtschaft. Wie im Falle des Streites zwischen einer Suchmaschine, die keine sein wollte und einem Jobanzeigenmarkt, der an die Börse musste.

Der Journalistin Ursula Triller fällt bei einer Recherche für eine Geschichte auf, dass "die spannendsten Stellenanzeigen auf den Web-Seiten der Unternehmen selbst sind". Ihre Idee: Warum nicht eine halbautomatische Suchmaschine für Stellenanzeigen entwickeln, die alle vorhandenen Jobangebote findet und diese anschließend von Redakteuren in einen verständlichen Katalog ordnen lassen? Prima Idee, findet auch ihr Geschäftpartner Ingo Marjan von der Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Die beiden überzeugen einen Finanzier, und Ursula Triller legt los. In ihrer Wohnung in Hamburg entwickelt sie ihre Idee: "www.worldwidejobs.de". Ihre Firma heißt Themenpark, hat zwei feste und ein paar freie Mitarbeiter und vor allem "ein Angebot, das sofort größer ist als das des Marktführers", erzählt die 33-Jährige. Ende September des vergangenen Jahres gehen sie online.

Der Marktführer, die Stellenbörse Jobpilot.de und sein Betreiber, die Jobs & Adverts AG aus Oberursel, hatte damals ganz andere Sorgen. Er will endlich an die Börse, doch kaum jemand interessiert sich für die Aktien. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, entdeckt Vorstand und Gründer Roland Metzger nun auch noch diese Web-Seite der Hamburgerin, auf der steht: "50 000 freie Stellen, größte Jobbörse Deutschlands geht an den Start". Weiter unten auf der Seite veranschaulicht ein Balkendiagramm den Vorsprung der Suchmaschine gegenüber den klassischen Jobbörsen, die als " Auslaufmodelle" bezeichnet werden. Sein Jobpilot liegt mit 30000 akquirierten Anzeigen weit hinter den 50000 Links des kleinen Haufens in Hamburg. Und das zwei Wochen vor dem Börsengang.

Kurz vor dem Börsengang ist ein Unternehmen leicht zu verletzen.

Samstag, den 25. September, erhält Triller eine Abmahnung (siehe Randspalte S. 21) aus Oberursel. Erstens: Der Slogan sei wettbewerbswidrig. Zweitens: Man dürfe die Anzeigen ohne entsprechenden Auftrag gar nicht veröffentlichen. Drittens: Das Balkendiagramm müsse weg. Ursula Triller ist besorgt und fragt ihren Anwalt, der ihr ein rechtliches Gutachten zur Geschäftsidee erstellt hatte, ob man sich überhaupt Jobbörse nennen dürfe. Und was zu tun sei.

Der Anwalt erwirkt am Dienstag darauf eine einstweilige Verfügung (siehe Randspalte S. 21), denn auch die Oberurseler werben in ihrer Kampagne zum Börsengang damit, "Europas größter Internet-Stellenmarkt" zu sein. Trillers Anwalt benachrichtigt seinen Kollegen in Süddeutschland davon und lädt ihn nach Hamburg ein, denn "seiner Mandantin sei keineswegs an der Eskalation dieser Angelegenheit gelegen".

Horst Daniel, der Rechtsanwalt von Jobs & Adverts, reist noch in derselben Woche nach Hamburg, die Sache eilt. Beim Treffen sind anwesend: Ursula Triller, ihr Vater, Trillers Anwalt Frank Eickmeier und Horst Daniel. Ab hier gibt es zwei Versionen des Meetings. Der Job-& -Adverts-Anwalt berichtet von einem verblüffenden Angebot der Hamburger: Gegen entsprechendes Entgelt würden Themenpark verkaufen oder das Geschäft einstellen. Grob rechnen sie ihre Geschäftsidee vor, addieren die Kontakte, multiplizieren sie mit der besonders prekären Lage von Jobs & Adverts kurz vor dem ohnehin schon wackeligen Börsengang. Die Summe, auf die sie kommen: sieben Millionen Mark.

Daniel fragt nach Zahlen, Kunden oder einsehbaren Daten. Die gäbe es noch nicht, das Unternehmen sei zu jung. Der Anwalt unterbricht die Sitzung, telefoniert mit Oberursel. Der Chef-Controller am anderen Ende der Leitung schüttelt den Kopf: ohne Zahlen, kein Interesse. Roland Metzger, den Chef und Gründer, kann Daniel nicht fragen, der ist auf Bankentour für seinen Börsengang. Doch später wird der gelernte Ingenieur auf die Frage, ob es für die 150 Mitarbeiter starke AG jemals zur Debatte stand, sich das Hamburger Start-up einzuverleiben, empört und unverständig blicken wie ein Werkmeister auf einen Schraubenhaufen und sagen: "Wenn ich eine Firma kaufe, muss das was Ordentliches sein. Aber da war ja nix. Ich kaufe doch keine Link-Liste." Wer einem Richter droht, kann mit einer Niederlage rechnen.

Für Ursula Triller sah das Meeting jedenfalls anders aus. Der Frankfurter Anwalt Daniel habe versucht, auszuspionieren, wie viele echte Kundenbeziehungen sie besitze, um die nächsten rechtlichen Schritte planen zu können. Und: "es hat nie ein Kaufangebot von Themenpark gegeben. Wer das behauptet, lügt", sagt Triller. Die Kundenbeziehungen dürften Daniel sehr wohl interessiert haben. Die gehören nämlich zu den wichtigsten Werten der Branche, in der sich beide, Jobsuchmaschine und Jobbörse, bewegen. Und egal, ob es zu einem tatsächlichen Kauf kommt oder nicht: Die Tatsache, dass Themenpark Links als Stellenangebote ausgäbe, ohne dafür einen Auftrag zu besitzen, ist stützender Punkt der einstweiligen Verfügung, die Horst Daniel am Ende der vierstündigen Sitzung aus dem Koffer nimmt, und auf den Tisch legt, sprich zustellt. Themenpark, ebenfalls in Besitz einer einstweiligen Verfügung, lässt ihre in der Schublade, und zieht sie sogar Monate später wieder zurück.

Jobs & Adverts verschiebt den Börsengang. Zu wenig Anleger haben Interesse, im übervollen Markt der Jobbörsen Aktien zu kaufen, nicht einmal die des Marktführers. Mitte Oktober geht die Sache vor das Landgericht Frankfurt. Dort lässt sich der Richter erst mal erklären, was ein Banner sei, also Werbung, und ein Link, die Verbindung zwischen einzelnen Seiten des Netzes. Aha. Trillers Anwalt, auf so viel Unwissen wohl nicht vorbereitet, rastet aus und droht dem Richter, wenn er diesen Fall nicht so entscheide wie von Themenpark gewünscht, würde der Richter die ganze Internet-Rechtsprechung neu definieren.

Der Richter - wie alle Richter, denen ein Anwalt emotional kommt und obendrein noch droht - stellt auf stur. Genau das könne er, meint er und gibt der Klage statt. Im ersten Punkt, ein normaler Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht, hatte Themenpark ohnehin schon aufgegeben. Das Frankfurter Urteil missachtet tatsächlich die geltende Rechtsprechung, es ignoriert die Natur eines Hyperlinks und die Tatsache, dass in vorigen Fällen sehr wohl davon ausgegangen wurde, dass jemand, der im Internet Inhalte veröffentlicht, damit einverstanden ist, wenn darauf verwiesen wird (das liegt ja in der Natur des Medium). Doch das Urteil ist rechtsgültig.

Big Brother klagt Endemol mahnt Betreiber von Fan-Web-Seiten ab. Eine 23-jährige Heizungsbauerin soll über 10 000 Mark Anwaltskosten zahlen. Sie hatte ein Foto von Zlatko (3200 Mark) und das "Big Brother"-Logo (3800 Mark) abgebildet. Der Name der Web-Seite, www.zladkos-welt.de, unterscheidet sich nur in einem Buchstaben von der Endemol-eigenen Web-Seite und der gleichnamigen Sendung auf RTL 2 (3200 Mark). Obendrein stand auf ihrer Seite der dezente Hinweis, die Domain könne auch gekauft werden.

Kopien und Tippfehler Ähnlich lautende Domain-Namen sollen das Publikum auf Kopien erfolgreicher Web-Seiten umleiten. Die Wittenbergerin Katja Ebert führt unter dem Namen Klugsuchen.de ein Suchmaschinenverzeichnis. Einem Mitbewerber ließ sie gerichtlich verbieten, eine Kopie ihres Angebotes unter der Adresse klug-suchen.de zu betreiben.

Andere tragen den Namen der Konkurrenz gleich in den Meta-Tag der eigenen Web-Seite ein. Meta-Tags sind Schlagwortfelder der Homepages, die von den Suchmaschinen regelmäßig durchsucht werden, um den Inhalt einer Web-Seite zu erfassen, ebenfalls ein Verstoß gegen das 'Wettbewerbsrecht.

Als Nächstes klagt die "FAZ", doch da " geht's nur um Peanuts".

Triller legt natürlich Widerspruch ein und besorgt sich einen neuen Anwalt. Später, am 13. April 2000, wird sie vom Oberlandesgericht in Frankfurt Recht bekommen, natürlich darf sie eine Suchmaschine betreiben, die sie inzwischen in Jobsuchmaschine umbenannt hat. Ihren Sieg meldet sie der Presse als "Gerichtsschlappe für Jobs & Adverts". Die sind inzwischen nach Bad Homburg umgezogen, seit gerade einer Woche an der Börse. Den Börsengang haben sie mit Ach und Krach an der unteren Preisspanne und mit einer einstweiligen Verfügung von Themenpark im Rücken vollzogen. Themenpark hatte nämlich die Zahl der Stellenanzeigen, die sich im Jobpilot kurz vor dem Börsengang innerhalb von zwei Wochen verdoppelt haben, nachgezählt.

Doch auch dieser Stich kam erst, nachdem Jobs & Adverts sogar den Provider von Themenpark angemahnt hatte. Ob Triller tatsächlich noch damit rechnete, gekauft zu werden, weiß niemand. Jobpilot bezeichnet sich mittlerweile als Karriereportal, will bis Ende des Jahres 50 neue Mitarbeiter einstellen, das weltweite Filialennetz ausbauen und Fullservice um das Stichwort Karriere anbieten. Weil es nun auch ihren Jobpilot am Kiosk zu kaufen gibt, haben sie gerade eine Abmahnung vom Verlag der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" auf dem Tisch wegen eines Details im Slogan für ihr Printobjekt. Aber das, meint Metzger, seien "nun wirklich Peanuts". Die "FAZ" hatte schon 1995, als sie mit dem Jobpilot starteten, abgemahnt. Aber danach war Ruhe. Ursula Triller, nach ihrer Perspektive gefragt, "will Jobportal werden".

Ob die ungleichen Partner jemals hätten zusammenfinden können, mit etwas weniger Kaltschnäuzigkeit aus Hamburg und etwas mehr Systemoffenheit aus Oberursel/Bad Homburg, steht in den Sternen. Unternehmen auf Mitarbeitersuche arbeiten mit beiden Services. Und Surfer auf Jobsuche gehen auf beide Web-Seiten.

Einen neuen Markt zu erschließen kostet viel Zeit und Geld. Eine Marke ist zwar schnell angemeldet, aber es dauert lange, sie aufzubauen. Der Erste im Markt muss sein Produkt erklären, muss schreien, werben, überzeugen. Ist der Markt einmal erschlossen, kommen die anderen mit Kopien und Variationen. Sie produzieren zum Beispiel Teddys mit Knopf im Ohr, und falls sie Steift zu nahe ans Image rücken und ein Gericht den Verstoß gegen das Wettbewerbs- oder Markenrecht anerkennt, kommt sie das noch immer günstiger als eine groß angelegte, ausgeklügelte Markenkampagne. Die Strafe lehnt sich in der Regel an der üblichen Lizenzgebühr an, dazu kommen Gerichts- und Anwaltskosten. Dennoch unterm Strich kein schlechter Deal.

Intershop gegen Openshop. Ein Rechtsstreit, der ans Komische grenzt.

Wer also keine Angst vor Konfrontation hat, holt einmal tief Luft und verkündet lautstark die Kernattribute des Marktführers. Wenn zwei sich streiten, fragt jeder, worum es geht, und: wer gegen wen? Ist einer der beiden berühmt, wird es der Zweite auch.

Als Openshop an die Börse ging, passierte nichts anderes. Mittlerweile haben sich Openshop, die Kleinen, und Intershop, die Großen, in einem Rechtsstreit verkeilt, der an Komik schwer zu überbieten ist. Openshop hieß früher mal OpenNet Internet Solutions, beschäftigte sich, damals noch als Provider, mit eCommerce-Lösungen. Heute macht Openshop Software für elektronische Marktplätze im Internet, genau wie Intershop. Openshop, mittlerweile Nummer zwei in Deutschland, konzentriert sich auf mittelständische Unternehmen und Lizenzgeschäfte. Das Angebot von Intershop - hierzulande sind sie mit Abstand Nummer eins, weltweit unter den ersten drei - ist breiter.

Am 21. März will Openshop an die Börse. Vier Wochen davor wollen sie auf der Cebit ihre Produkte vorstellen: Openshop "Mail" und Openshop "Hosting" haben sie die genannt. Die Konkurrenz von Intershop heißt "Intershop Mall", markenrechtlich geschützt, auch für "Intershop Hosting Edition" besitzt das Softwareunternehmen aus Jena die Markenrechte.

Auf der Cebit gibt es ein Gentlemen's Agreement. Danach: Abmahnungen.

Die Abmahnung kommt prompt. Openshop bittet um Aufschub, kurz vor der Cebit sind die Broschüren gedruckt, die Produkte stehen. Die Anwälte verabreden sich auf der Computermesse, noch am ersten Tag formulieren die beiden Softwarehäuser eine Vereinbarung, die damals noch von beiden als Gentlemen's Agreement gehandelt wird. Openshop muss spätestens zum Juni seine Produkte umbenennen, bis dahin sollen zehn Prozent Lizenzgebühren aus deren Verkauf an Intershop fließen. Außerdem verpflichtet sich Openshop, in ihrer Werbung für Produkte der Firma die Wettbewerbsregeln zu beachten - also schlicht nicht gegen geltendes Recht zu verstoßen. Dafür darf Intershop nicht behaupten, technologischer Marktführer zu sein. Strafe für beide bei Vertragsbruch: 12000 Mark.

Dann wirbt Openshop für den Börsengang. Während der Cebit laufen Spots auf n-tv: Zwei alte, etwas rostige Einkaufswagen sind miteinander verklemmt, auf den Griffen steht: Intershop. In einem anderen Clip sieht man die leeren Regale einer Bäckerei, deprimierende Plattenbaustimmung, am Laden steht: Intershop. Der Abspann, wie auch der davor, sagt: "Openshop - upgrade to eSuccess. Jetzt zeichnen." Intershop findet das gar nicht lustig und beobachtet fortan den Börsenaspiranten wie ein Geschwür, dokumentiert jede Absonderung des scheinbaren Mitessers und rennt damit zum Gericht. Openshop juckt das nicht. "Wir sind kleiner als Intershop. Deshalb können wir Der Link bleibt frei In den USA wurde gerade eines der wichtigeren Urteile über "tiefe Links" gesprochen, das sind Verweise, die tief in die Struktur der referenzierten, fremden Seite eintauchen und den Inhalt mitunter in einem Rahmen auf der eigenen Seite darstellen. Das ist dann zulässig, meinte das US-Gericht im Fall der Online-Kartenshops Ticketmaster.com und Ticket.com, solange die Quelle des Inhalts ausreichend gekennzeichnet ist, das Zitat als solches erkennbar bleibt.

Auch deutsche Gerichte sehen in solchen Fällen kein Verstoß gegen das Urheberrecht.

schneller wachsen", texten sie in einer Anzeige. Die Abmahnung folgt. Später eine einstweilige Verfügung. Intershops Anwälte durchforsten die Frequently-Asked-Questions-Listen des Mitbewerbers. Der Hausanwalt, Dirk Jovy, stellt in einem Presse-Chat, als DJovy mit einer anonymen eMail-Adresse, Fragen, wohl um aus Thomas Egner, Chef von Openshop, Futter für die nächste Abmahnung zu locken. Der geht nicht auf die seltsam drängenden Fragen ein, denn mittlerweile wurde der Absender nach Jena, Intershops Heimat, zurückverfolgt. Doch was Egner den anderen Interessenten erzählt, genügt Jovy. Am nächsten Tag kommt eine neue Abmahnung.

Eine Abmahnung jagt die andere: Der Streit mündet in die paranoide Phase.

Intershop-Anwalt Dirk Jovy will seine Verhandlungsstrategie nicht kommentieren. Doch dass sich Intershop wehren müsse, steht für ihn außer Zweifel. Schließlich habe sich die andere Seite nicht an die Abmachungen gehalten. Aber das tut Intershop auch nicht. In einem Pressetext erklären sie ihre " Technologieführerschaft in der Digital Economy" und verstoßen damit gegen eben jene Vereinbarung.

Doch bei Openshop sieht man das alles nicht so eng. Die Mitarbeiter plaudern munter weiter und helfen dem Softwarehaus aus Jena, in die paranoide Phase einzutreten. Eine Abmahnung mit späterer einstweiliger Verfügung, Reaktion auf einen Bericht im Anlegerblatt "Die Telebörse", ignoriert die Regeln des Journalismus und klagt Openshop für den Text des Redakteurs an. Eine andere Abmahnung untersagt die Aussage: "Openshop ist Technologie-Führer in Plattformen für eCommerce-Systeme", ein Fundstück von der Openshop-Web-Seite. Was die Anwälte übersahen: Vor dem Satz im Bereich Unternehmensprofil stand " Vision". Dahinter ein Doppelpunkt.

Schönste Episode der Farce: Analysten bescheinigen Openshop einen Technologievorsprung gegenüber Mitbewerbern von sechs Monaten. Egner lässt seiner Phantasie vor laufender Kamera freien Lauf, wieder bei n-tv, und rechnet vor, dass Openshop somit einen Vorsprung von 24 Monaten habe, da im Internet ja bekanntermaßen "ein Kalenderjahr vier Internetjahren entspricht". Jeder Analyst, der bei einer Branchenbewertung deren Innovationsgeschwindigkeit vernachlässigt, würde seinen Job verlieren. Der Beschleunigungsfaktor ist also schon drin, der Openshop-Chef redet puren Blödsinn. Doch Intershop sieht sich genötigt, darauf einzugehen und mahnt ab.

Lustig? Auch Openshop-Anwalt Schotthöfer ist mittlerweile mehr amüsiert als besorgt: "Wenn Openshop sagt, Inter Mailand sei ein prima Verein, kommt Intershop sofort daher und behauptet, die Vereinbarung mit Intershop sei verletzt, weil der Bestandteil " Inter" darin vorkommt." Mittlerweile fordert Intershop von Openshop - inzwischen mit viel Wind und gutem Start an der Börse - einen Betrag deutlich über 100000 Mark, allein für die Brüche der Vereinbarung. Denn Intershop habe gegenüber den Aktionären eine Verpflichtung, die Marke zu schützen, meint Intershop-Justitiar Jovy. Openshop ist, wie geplant, durch die ganze Streiterei bestens als Konkurrent von Intershop positioniert. "Die Gegenseite hat wohl noch nicht viel Erfahrungen mit derartigen Verfahren, aber das wird sie schon noch lernen", kommentiert Schotthöfer das Verhalten des Intershop-Anwalts.

Das Internet besteht aus Verbindungen. Lassen sich die im Wettbewerb halten?

Kühl, kalt, eisig - ist das die Zukunft des Internets? Ist das Netz, entstanden als Medium der Verbindung, auf dem besten Weg zur Kampfarena? Der Münchner Patentanwalt Robert Schnekenbühl sieht die Sache nüchtern: "Wer sich die gute alte Zeit zurückwünscht, muss auch mit den Inhalten der ersten Stunde vorlieb nehmen." Aber es gibt Modelle für einen vernünftigen Wettbewerb, der auch im Netz funktioniert. Lucasfilm verschenkt Vorabschnipsel seiner Filme an Fans und bezieht sie ins Marketing ein. In München gibt es die erste AG für den Handel mit Ideen, vertraulich, versteht sich. Denn in einem Markt, der aus Verbindungen besteht, müssen auch die Wettbewerbsbarrieren neu definiert werden. Für Daniel Wild, Vorstand der Getmobile AG, sind Kooperationen mit Partnern "die wichtigen, nicht einklagbaren Unternehmenswerte." Und das hält er keineswegs für eine romantische Schwärmerei: Im Internet, wo nichts zählt mehr als Geschwindigkeit und Image, können Klagen genau das Gegenteil erreichen.

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