Ausgabe 05/2000 - Was Menschen bewegt

DIE NEUE GESELLSCHAFT

Was ist eigentlich aus der High-Society geworden? Ist es High-Society, wenn Jenny Elvers mit Heiner Lauterbach auf einen Filmball geht, und in der Woche darauf in der " Bunten" abgebildet ist? Oder wenn der neue Internet-Adel im Rohbau bei Sekt und Fingerfood den dritten wachstumsbedingten Umzug feiert? Wer ist high und wer ist Society?

Die einst geschlossene Gesellschaft langweilt sich mit sich selbst.

Noch vor 20 Jahren war die Grenze klar gezogen. Es gab die Schönen und die Reichen, die glücklichsten waren beides. Um sie herum: Mädchen, Autos, Abenteuer, Geld. Die breite Masse bekam das Leben der Götter in ihren Porsches und Swimmingpools über Klatschblätter vorgeführt, TV-Magazine brachten es ins eigene (bescheidene) Wohnzimmer. Doch spätestens als Kurt Cobains Nirvana 1991 mit "Smells Like Teen Spirit" den wütenden Charthit zur weltweiten Rezession lieferte und Brandanschläge dem jungen vereinigten Deutschland den Spaß verdarben, interessierte sich niemand mehr für die Punkfrisuren der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis. Schlimmer noch: Die vormals geschlossene Gesellschaft schien sich selbst zu langweilen. Fortan standen nun Zahnärzte, Friseure und Anwälte auf den Gästelisten großer Partys und Empfänge.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Party ist nicht vorbei. Sie geht nur anders weiter. Die Neue Wirtschaft hat eine Zwillingsschwester in den Feuilletons und in der Boulevardpresse bekommen: die Neue Gesellschaft. So wie die Neue Wirtschaft mit neuen Märkten auch neue Regeln und Mitspieler in die Wirtschaft bringt, so verändert sie auch die Gesellschaft, die wie die Wirtschaft kurz vor der Erstarrung stand.

Der Adel als Zustand hat ausgedient -nur wer arbeitet, gehört dazu.

Reality-TV-Sendungen wie "Big Brother" machen Nobodys innerhalb von ein paar Monaten zu Prominenten, die fast so bekannt sind wie der Bundeskanzler. Nach dem Abitur gründen die Coolsten des Jahrgangs keine Rockband, sondern Start-ups, die in ihren Branchen gefeiert werden wie Popstars. Die großen Partys in den Klatschspalten der Presse sind keine Privatfeten mehr, sondern PR-gesteuerte Marketing-Events. Und sogar die Stimme der Berichterstattung ist softer geworden. Marie Waldburg, Klatschkolumnistin der "Bunten", beschreibt die Neue Gesellschaft als "ausgelassener, freier, selbstbewusster, frei von Modediktaten und gemischt wie selten zuvor". Doch wer mischt sich hier mit wem? Und: Wie sind die Spielregeln dieser Neuen Gesellschaft?

Adel als Zustand hat ausgedient. PR-Mann Carl-Eduard Graf von Bismarck bringt eine Zigarre auf den Markt und lädt nebst Gattin Celia auf das Familienanwesen ein. Prinzessin Lilly zu Schaumburg-Lippe und ihr Mann brüten über einem Marketingkonzept, das aus dem familieneigenen Schloss Bückeburg eine Geldquelle machen soll. Auch Friedrich von Bohlen und Halbach will mit dem üblichen Bild des Adeligen nichts zu tun haben und gründete das Biotech-Unternehmen Lion Bioscience: "Das ist doch alles falscher Schein", erklärt er der "Bild am Sonntag". Die neuen Prinzen reiten nicht auf ihren Vollblütern, sondern auf den tagesaktuellen Börsenkursen auf die Partys der " Dot.com-Society" ein, wie die US-"Vogue" den Internet-Adel betitelt.

Zurzeit bleiben die Dot.coms hierzulande allerdings noch gern unter sich - viele Veranstaltungen haben den Reiz einer Abschlussparty der Kölner BWL-Fachschaft mit angeschlossener Berufsberatung. Bei der "@Night" in München oder dem "First Tuesday" in Berlin schlendern Kapitalsuchende und Kapitalgeber mit entsprechenden Schildchen durch den Abend und warten darauf, angesprochen zu werden. Ganz Schüchterne können sogar den Service eines "Bellboys" nutzen. Der geht mit einer Tafel durch den Saal, auf der entweder "Biete fünf Millionen" oder "Suche fünf Millionen" steht. Die Business-Kontaktbörse erweitert sich jedoch schnell auch ins Soziale. Am schwarzen Brett hängt schon mal ein Zettel: "Suche Frau fürs Leben", beobachtet First-Tuesday-Mitbegründer Carsten Gumprecht, der selbst fast alle seine Freunde auf dem First Tuesday kennen gelernt hat.

Doch wenn sich die Internetunternehmer aufs Feiern konzentrieren, kommt es auch schon mal vor, dass die Gäste ihnen die Bude einrennen. Der Hamburger Ableger der Flip-Agentur Razorfish musste unlängst Clubausweise für seine begehrten After -Work-Partys einführen. Bei den freitäglichen Partys mischen sich die Werber, Journalisten und eine neue Gruppe von Bewunderern unter die IT-Spezialisten: Internetgroupies, die in ihren vorherigen Leben mit Werbern tanzten, nun aber mit dem Kapital weitergewandert sind.

Gerade stößt eine neue Gruppe zum Internet-Adel und verleiht den Dot.coms einen neuen Glanz. "Jetzt kommen die Super-Söhne" textet die "Bild am Sonntag". So betreibt Maximilian Cartellieri, Sohn des Deutsche-Bank-Aufsichtsrats Ulrich Cartellieri, zusammen mit Frederick Paul und Verena Mohaupt das Meinungsportal Ciao.com. Lars Wössner, Sohn des ehemaligen Bertelsmann-Vorsitzenden Mark Wössner stieg beim Internet-Diskussionsforum eCircle ein. "Der Name der Gründer bürgt oft für deren Glaubwürdigkeit", erklärt Matthias Bonjer von der Berliner PR-Agentur Zucker Kommunikation.

Das wichtigste Kapital der neuen Start-up-Gründer aus gutem Hause sind vor allem "die meist besonders gute Ausbildung und die zu Hause erlernte Risikobereitschaft", erklärt Sohn Maximilian Cartellieri. Selten hantieren sie mit dem Familiengeld, meistens steckt Venture Capital in den Unternehmen. Oder es gilt: Sohn finanziert Internet. Marc Schrempp, Spross des Daimler-Chrysler-Chefs Jürgen Schrempp und Lars Schlecker, Drogerieketten-Sohn, sind Investoren bei Surplex.com, einem Handelsplatz im Internet für überschüssige Wirtschaftsgüter und Restposten.

Doch eines unterscheidet die neuen Dot.comUnternehmer von ihren Kollegen. Die Söhne sind, natürlich, Socialites durch Geburt. Das trennt sie von den Socialites des Internets, die ohne eingeführte Namen ihre Unternehmen (Kabel New Media, Intershop, Pixelpark) gründeten. Für die Gründer der ersten Stunde führte erst der erfolgreiche Börsengang zum Society-Aufstieg. Das allerdings bedeutet für diese Seifmade-Leute noch lange keinen freien Eintritt zu promotion-tauglichen Promi- oder finanziell interessanten Society-Partys.

"Das Neue Berlin" führt vor, wie die Neue Gesellschaft aussehen kann.

Die Internet-Adligen benötigen oft noch Hilfe. So besorgt zum Beispiel der Manager eines bekannten deutschen Popstars gegen entsprechendes Honorar Karten für die wichtigsten Partys und öffnet so die erste Tür zur Klatschspalte. Doch lange wird die Nachhilfe nicht mehr nötig sein. "Einige Teile der Gesellschaft haben sich auf die jungen Start-up-Gründer noch nicht so richtig eingestellt. Aber das wird kommen", meint Prominenz-Fachfrau Alexandra von Rohlingen, die Kunden wie Giorgio Armani, Montblanc und Vivienne Westwood berät.

Wie das aussehen könnte, wenn die Neuzugänge aus der Neuen Wirtschaft die Sphären der alten Prominenz aufmischen, könnte das Beispiel "Das Neue Berlin" lehren. Dort sind vor allem die Alteingesessenen und die Vor-89-Zugezogenen von den Auswirkungen des Hauptstadtfiebers betroffen. "Die bisherigen Lokalgrößen gehören nicht mehr selbstverständlich dazu", erkennt "Die Welt" den Geist des neuen Berlins. Zu viel Neues ströme in die Stadt, das unmöglich von allen Mitgliedern der alten Gesellschaft nachvollzogen, ja mitgetragen werden kann. Es gellt um Prominenz, doch schon markieren Begriffe wie "Abstiegsbiografie" die schmerzhafte Fallhöhe der alten West-Berliner Society.

Manch ehemaliger Szene-König oder andere Prominente, die schon zu Adenauers Zeiten glänzten, stechen plötzlich heraus wie Vorstadtproleten. Auf den Empfängen erkennt man sie an kleinen Lederjacken, Bienenkorbfrisuren oder an den zu eng geschnittenen Anzügen aus Samt mit Paisley-Muster. Sie glauben, Individualität sei ihre Lebensaufgabe. Und weil sie sich von der in den achtziger Jahren erlernten Lektion nicht trennen wollen, haben sie es schwer, noch in die Gästelisten aufgenommen zu werden und sich unter die Jungschauspieler, Theaterleute und Promi-Politiker der neuen Mitte mit ihren Fendi-Bags, Sling-Pumps und Tausend-Mark-Jeans zu mischen.

Berlin feiert - und Münchner, Hamburger, Düsseldorfer sind dabei.

Doch es gibt "Überlebende" der alten Gesellschaft wie Promi-Friseur Udo Walz, Berlinale-Star Wim Wenders oder Ben-Becker-Stiefvater Otto Sander, die durch genügend Offenheit und Flexibilität den Absprung geschafft haben. Wer auf den Einladungslisten steht, bestimmt zunehmend die Society-Instanz Berlins Isa von Hardenberg, die von der Filmpremiere bis zur Charity-Veranstaltung die meisten großen Anlässe des neuen Berlins mit Prominenz bestückt. Für eine Gesellschaft sei eine "interessante Persönlichkeit und anspruchsvoller Charakter" wichtig, meint die Frau mit der Ausstrahlung eines preußischen Wintersees. Neben von Hardenberg thronen Medienstars wie Sat-1-Chef Fred Kogel oder "Tagespiegel"-Chefredakteur und Talkmaster Giovanni di Lorenzo, Schauspieler wie Ben Becker oder Iris Berben und Allround-Prominente wie Michel Friedman und Wolfgang Joop an den Tresen vom " Borchardt", dem "Schwarzenraben" oder ähnlichen Orten, von denen man später in Romanen lesen wird.

Kaum eine Woche vergeht, in der das neue Berlin nicht ein "Top-Event" feiert, denn "die Offenheit der neuen Berliner Gesellschaft ist sehr groß, nicht so elitär und abgeschlossen wie in anderen Städten", so PR-Frau Alexandra von Rehlingen. Das lässt sich der Rest der Republik nicht zweimal sagen, der Zuzug nach Berlin vor allem aus den Business-Städten Hamburg, München und Düsseldorf steigt an. Um sich trotzdem noch heimisch zu fühlen, bringen die Zugereisten gern ihre eigenen Clubs und Kneipen mit. Bislang prominentestes Beispiel: die "Ständige Vertretung", genannt "Stäv", rheinische Gemütlichkeit für die ehemaligen Bonner Abgeordneten. Die Hamburger importieren ihre loungeartigen Bars und Model-Partys. Die Münchner tun dasselbe, doch alles noch ein wenig edler und teurer.

Doch es macht wenig Sinn, die Heimatnischen der Zugezogenen als Hamburgisierung, Düsseldorfisierung oder Münchnerisierung Berlins zu beklagen. Denn die Leute, die sich das alte Berlin zurückwünschen, profitieren auch von der jetzigen Situation. Berlins Aufschwung ist im ersten Schritt importiert. Das Gesicht des neuen Berlins ist geprägt von Internationalismus, neuen Allianzen und Geschwindigkeiten. Nicht nur die Werte der alten Wirtschaft ändern sich, auch die der alten Gesellschaft.

Mit der Neuen Gesellschaft kommt neuer Klatsch - und der ist ganz sanft.

Selbst Zeitungsklassiker wie die "Süddeutsche Zeitung" oder auch die Berliner Seiten der " Frankfurter Allgemeinen Zeitung" leisten sich regelmäßige Gesellschaftsreportagen. Für die " FAZ" in Berlin besucht Alexander von Schönburg, Bruder von Gloria von Thurn und Taxis, regelmäßig typische Berlin-Events und erzählt, wie sich ein Prenzlauer-Berg-Hipster in grauem Filz auf einer Premierenparty von Volker Schlöndorff macht.

Dem neuen Glamour fehlt jedoch ein wesentliches Attribut aus den Achtzigern: Zynismus. Der ist out, niemand lässt sich noch durch Feinde seine kostbare Zeit rauben. So ist aus dem harten subversiven Klatsch der achtziger Jahre die softe Berichterstattung PR-gesteuerter Events geworden.

Noch in den achtzigern Jahren etablierten der damalige "Bunte"-Chef Franz Josef Wagner, sein Knecht Michael Graeter, Klatsch-Chef der "Bunten", und Hannes Obermaier, genannt Hunter, von der Münchner " Abendzeitung" den Hard-core-Klatsch. In seinen legendären Kolumnen nannte Graeter grundsätzlich alle Namen, auch wenn es hässlich wurde. Hammersätze wie "Spielknabenfutter mit der Concorde herbeigechartert" oder "Girls von der Sorte Super-Knacker" fielen wie selbstverständlich. Kurz: Es wurde be- und verurteilt. Klatsch war nach Diedrich Diederichsen, dem Poptheoretiker der achtziger Jahre, "die unsauberste, vulgärste Ausdrucksform, das Tor zum diskursiven Anarchismus".

Doch die Zeiten sind vorbei. Das Dream-Team des Hard-Klatschs ist zerstritten. Graeter plant seit geraumer Zeit, seine Kolportagen im Internet zu veröffentlichen, Wagner schreibt sich im "Max" und der "Welt am Sonntag" den Altherrenschmerz charmant von der Seele. Anstelle der Giftschleudern ist Soft-Klatsch getreten, sanfte Verlautbarungen, die die Namensnennung der Prominenz mit schmerzfreien Beobachtungen umrahmen. Auch die "Bild" -Klatsch-Frau Katja Keßler reitet keine Klatsch-Attacken, sondern folgt einer generellen Tendenz in den Medien: Entschärfung. Ihre Baby-Talk-Kolumnnen sprechen die neue Sprache des Soft-Klatschs: "Liebe ist... Partygast und Verona-Freund Franjo Pooth in die Pupillen zu schauen: glimmer, sprüh, rotier. Ferndiagnose: schwer verschossen." Klatsch, der keinem weh tut und im Vergleich zu Graeters Stil die Schärfe von Rotbäckchen-Saft besitzt.

Die meisten klatschträchtigen Events sind heute über Sponsorenverträge an Marken und Unternehmen gebunden und werden zu reinem PR-Zweck veranstaltet. Jeder Prominente auf der Gästeliste erhöht die Wahrscheinlichkeit der Berichterstattung. Dabei fließen Geld, Flüge, Luxus-Naturalien. PR-Berater vermehren sich im gleichen Tempo wie die Berichterstattung. Die Presse geht zu jeder Eröffnung eines Briefumschlags. "Die Latte für das gesellschaftliche Entree wird immer niedriger gehängt, aber mit irgendwelchen Leuten müssen wir den Zoo ja füllen", gesteht eine RTL-"Exclusiv" -Reporterin dem "Spiegel".

Gleichzeitig sind prozessgeplagte Blätter wie die " Bunte" zunehmend daran interessiert, ihrem Klatsch eine ernsthafte Note zu verleihen. "Wir recherchieren bei Klatsch genauso seriös, wie Wirtschaftszeitungen das bei Börsentipps tun", erklärt "Bunte"-Chefin Patricia Riekel. Die großen Namen der Gesellschaft bewachen zudem die Berichterstattung mit demselben Aufwand wie die Sponsoren ihre teuren Events. "Kaum ein Prominenter kommt noch ohne Pressestab von zehn Leuten, die dann die komplette Situation dirigieren, in der das Interview stattfindet", sagt der Unterhaltungschef der " Bild"-Zeitung Manfred Meier.

Was fehlt, sind Prominente, die freiwillig etwas von sich erzählen.

Die großen Filmstars geben nur noch Auskunft zu Themen, die an Harmlosigkeit nicht zu überbieten sind. Artikel und Interviews werden mit PR-Agenten von vom bis hinten auf Skandalminen untersucht. Doch selbst blanke Busen machen keine Nachricht mehr, findet "Bild"-Mann Meier, der vor einem lebensgroßen Pappaufsteller von Verona Feldbusch in seinem Büro sitzt; "Die Prominenten-Berichterstattung ist ernsthafter geworden, die Geschichte dahinter interessiert mehr, der nackte Po reicht als Vorkommnis nicht mehr aus." Nicht anders als beim Börsengang ist auch bei der Neuen Gesellschaft Inhalt gefragt, die Geschichte hinter der News. Manfred Meier ist der Erfinder der "geheimen Tagebücher der Verona Feldbusch", die der "Bild" steigende Auflagen bescheren sollten und aus Verona Feldbusch einen ausgewachsenen Star machten. Das lief so gut, dass Frau Feldbusch jetzt ebenfalls mit zehnköpfigem Presse-und Stylistenstab unterwegs ist.

Also geht die Suche nach neuen Gesichtern weiter, die freiwillig etwas erzählen wollen. "Die neuen Börsen- und Wirtschaftspromis, von denen es langsam immer mehr gibt, sind schon auskunftsfreudig", erklärt Patricia Riekel. Da darf der "Bunte" -Intim-Befrager Paul Sahner den Boss-Vorstandsvorsitzenden Werner Baldessarini fragen, ob "viele Designer koksen, um besonders genial zu sein". Oder Thomas Haffa samt Bruder Florian, Leo-Sohn Thomas Kirch und Roland-Sohn Oliver Berger lassen sich bereitwillig zu ihrem Leben aus und tauchen danach wie selbstverständlich in der Liste der 100 Party-VIPs auf.

Die zweite Kategorie der neuen Auskunftsfreudigen besteht aus jungen Soap-Stars und Schauspielern, die noch in der Grauzone zwischen dem Sat-1-Film des Monats und den letzten Verpflichtungen ihrer Soap-Rolle frei flottieren. Die Privatfernsehstars erzählen gern alles, weit entfernt vom Pressetext, der durch die PR-Agentur festgelegt ist. Als der "Gute Zeiten, schlechte Zeiten"-Star Rainer Meifert mal bei Dreharbeiten vergaß, seinen Hosenstall zu schließen, wurde das als Ereignis beim RTL-eigenen Klatsch-Magazin " Exclusiv" zweitverwertet, wobei der Betroffene ausführlich berichtete, wie er sich "dabei gefühlt hat".

Eine dritte Kategorie der neuen Auskunfts und Zeigefreudigen scheint wirklich den Kern des Publikumsinteresses zu treffen: die echten Menschen. Ganz Deutschland will wissen, was "Big Brother" -Exilant Zlatko Trpkovski wirklich bewegt. Die Einkaufstrips der aus dem Big-Brother-Käfig entlassenen Manu werden von wachsamen Hamburgern per Handy an die Radiostation Energy durchgegeben, Direktklatsch sozusagen. Weitere "Echte-Menschen-Sendungen" sollen laut RTE-Chefredakteur Hans Mahr folgen.

Berühmt wird, wer eine Geschichte hat. Oben bleibt jedoch nur, wer nachliefern kann, und die besten Lieferanten dauerhafter Nachrichten sind die Großfusionen der Prominenz, die neuen Power-Paare. Noch in der alten Gesellschaft setzten sich prominente Paare oft aus Schönheit und Macht zusammen, die Frau war schön, der Mann mächtig. Veränderten sich die Positionen der beiden im Laufe der Zeit, zerbrach die Verbindung, wie im Fall von Veronica Ferres, die ihren Regisseur-Mann Helmut Diet! an Prominenz langsam überholte.

Die Fusionen der Neuen Gesellschaft jedoch sind echte Pakte unter Gleichen. Die Power-Paare der Neuen Gesellschaft bringen zwar unterschiedliche Arten von Power in die Verbindung ein, sie besitzen jedoch meist, jeder für sich, gleichwertig große Mengen. Zum Beispiel Filmproduzentin und Schauspielerin Liz Hurley und Schauspieler Hugh Grant, "Lola rennt"-Regisseur Tom Tykwer und Schauspielerin Franka Potente. Hier zählt der Strahlwert des öffentlichen Auftritts gleichwertig geladener Teile.

Das Supermodel Claudia Schiffer und der Londoner Galerist Tim Jeffries erfüllen alle Erwartungen an ein modernes Power-Paar. Beide sind unabhängig voneinander prominent. Sie hat als Model sämtliche Laufstege und Zeitschriften-Cover der Welt geschmückt, wirkte jedoch an der Seite ihres Ex-Freundes, dem Zauberer David Copperfield, immer wie eine Figur aus einem Kitschroman. Erst mit ihrem jetzigen Freund -dickster Freund aller noch übrig gebliebenen Playboys mit der Ausstrahlung eines entschlossenen Pferdes - ist Claudia Schiffer die eine Hälfte eines Power-Paares.

Beide verfügen über perfekt eingerichtete Wohnsitze auf Mallorca, in Monte Carlo und London. Beide üben Glamour-Berufe aus: Galerist und Model. Doch das Ergebnis Schiffer plus Jeffries ist mehr als die Summe der Teile. Wenn sie "ihren Freundeskreis kombinieren, ist das schon eine Party: u. a. Karl Lagerfeld, Prinz Albert, Elton John, Prinz Charles", schreibt die " Bunte".

Der neue Glamour heißt Glitz: urban, mobil, geschäftig und selbstbewusst.

Sieht so die neue High-Society aus? Schiffer und Jeffries repräsentieren die aktuelle Form des Glamours: " Glitz". Glitz ist der Glamour des Jahres 2000. Urban, mobil, geschäftig, selbstbewusst und strategisch natürlich. War die Denver- oder Dallas-Zicke in gerüschten Chanel-Roben noch der Inbegriff einer Glamour-Frau, so ist die neue Glitz-Frau selbstbewusst statt zickig, bleibt trotz Reichtum einer gewissen Bodenständigkeit verhaftet und trägt den definitiven Glitz-Look: Da funkelt nicht der ganze Hofstaat, sondern nur ein Teil.

Die Uniformen der neuen Vorsitzenden des weltweiten Glitz-Clubs sind - Börsenwerten ähnlich - wertvoller als je zuvor. Die Stoffe und Schnitte von Prada bis Donna Karan sind künstlich und von schweren Rohstoffen unbelastet. Lean Management, kein Zuviel, der neue Glitz ist strategisch eingesetzte Natürlichkeit, kombiniert mit subtilen Zeichen des Erfolges.

"Aller Aufstieg kommt aus der Mitte, und so führt die Mittelschicht einen doppelten Kampf: nach unten gegen die drohende Proletarisierung und nach oben um den erlauchten Kreis der Auserwählten", meint Publizist Hermann Haarmann. In der Neuen Wirtschaft wie in der Neuen Gesellschaft scheinen die Begriffe Oben und Unten zwar antiquiert. Doch der Kampf um Ruhm hört deswegen noch lange nicht auf.

Mehr aus diesem Heft

Ideen 

Eine Idee: Aufträge statt Geld

Eine Professoren-Runde hatte die Idee, einige Großunternehmen haben mitgemacht. Sie warten nun auf Gründer, an die sie Aufträge vergeben können. Aber die Gründer zögern noch.

Lesen

Ideen 

Erfindung oder nur eine gute Idee?

Erfinder - sind das nicht diese intelligenten, aber reichlich weltfremden Menschen, die nie etwas auf die Reihe kriegen? Von wegen, meint Armin Witt und beschreibt, mit welchen Schwierigkeiten Erfinder in Deutschland zu kämpfen haben.

Lesen

Idea
Read