Ausgabe 01/1999 - Artikel

Politik Digital

• Die meisten Geschichten sind wie Bier. Wenn man sie nicht aufschreibt, solange sie noch frisch sind, werden sie schal. Diese Geschichte ist wie Wein. Sie reift heran und wird dabei immer besser. Und da es ein guter Jahrgang ist, hat er sein Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft.

Der Jahrgang, um den es hier geht, ist der 76er. Es ist wohl der erste Jahrgang, der im World Wide Web landen konnte, ohne vorher den Umweg über andere Medien oder Techniken nehmen zu müssen. Es ist der erste Jahrgang, der das Neue lernen konnte, ohne erst das Alte entlernen zu müssen. Es ist der Jahrgang von Lars Hinrichs und Peer-Arne Böttcher.

Als ich den beiden vor fünf Monaten das erste Mal begegnete, hatten sie gerade erst eine neue Form des politischen Journalismus erfunden. Zwei Monate später, beim zweiten Treffen, hatten sie einen ganz neuen Weg beschritten, im Internet Geld zu verdienen. Beim dritten Treffen, vor wenigen Wochen, waren sie gerade dabei, eine Firma zu gründen, deren Struktur zum Vorbild für den Konzern des 21. Jahrhunderts werden könnte.

Aber der Reihe nach. Begonnen hat die Geschichte am 2. September 1996 auf den Fluren des Bundesverteidigungsministeriums. Die Wehrdienstleistenden Hinrichs und Böttcher hatten dort nach der Grundausbildung ihren Dienst anzutreten – Böttcher in der Redaktion von »Bundeswehr aktuell«, Hinrichs in der Internet-Redaktion. Beide kamen aus Hamburg, beide kamen zu spät. So lernten sie sich kennen.

Für den Internet-Auftritt gab's die Ehrenmedaille der Bundeswehr

Nach der Wehrdienstzeit (die Hinrichs sogar die Ehrenmedaille der Bundeswehr einbrachte, weil er den Internet-Auftritt des Ministeriums gestaltet hatte) beschlossen die beiden, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Aus dem ganzen Sack voller Ideen (und Domains), die sie hatten, entschieden sie sich für ein Projekt, das garantiert kein Geld einbringen würde und dessen Umsetzung niemand zwei 20-Jährigen zutrauen würde – wahlkampf98.de.

Was das werden sollte, wussten sie genau: ein Angebot mit all dem, was Wähler im Vorfeld der Bundestagswahl interessieren könnte – Berichte und Kommentare der wichtigsten Printmedien, die neuesten Meinungsumfragen, Infos über Parteien, Programme, Personen, Termine.

Also schrieben sie ein Konzept und versendeten es an 30 Medien. 29 Schreiben blieben unbeantwortet, die »Süddeutsche Zeitung« schickte immerhin eine Absage.

Also stellten sie ihr Angebot selbst auf die Füße und schafften es damit, vom »Spiegel« die Genehmigung zu erhalten, wahlkampfbezogene Artikel aus der aktuellen Ausgabe auf wahlkampf98.de zu stellen. Mit dieser Zusage im Rücken holten sie auch all die anderen Medien, denen sie vorher nicht einmal eine Absage wert waren, mit ins Boot. Damit machten sie aus wahlkampf98.de ein ordentliches Informationsmedium mit viel Übersicht und ein bisschen Entertainment – etwa einem „Phrasendrescher“, mit dem jeder durch beliebigen Mix aller Parteiprogramme eine eigene Wahlrede zusammenstellen konnte.

Auch der schönste Wahlkampf geht irgendwann zu Ende, die Entscheidung für die nächste Idee (und Domain) musste gefällt werden. Sie fiel auf politik-digital.de.

Inzwischen waren Hinrichs und Böttcher schon 21 und wieder wussten sie genau, was sie wollten: einen Komplett-Überblick über die politischen Akteure und Institutionen Deutschlands und Europas, mit Hintergrund, Einordnung, Interaktivität und ein bisschen Fun. Und wieder war klar, dass ihnen das keiner zutrauen würde. Also machten sie einfach.

Sie holten sich zwei Mitstreiter ins Boot: den Journalisten Philipp Stradtmann, 26, und den Politologen Steffen Wenzel, 32, und entwickelten das Brauchbarste, was das deutsche Internet an politischem Journalismus zu bieten hat. Die Macher von politik-digital.de tun alles dafür, dass sich die User in der Politik ihren eigenen Interessen gemäß zurechtfinden können.

Sie haben damit eine originäre, dem neuen Medium angemessene Informationsform entwickelt und eben nicht, wie alle übrigen Anbieter, versucht, in üblicher Zeitungsmanier das politische Geschehen abzubilden und zu erklären – wahrscheinlich muss man vom 76er Jahrgang sein, um ohne diesen Umweg auszukommen.

Lafontaines Rücktritt war keine einzige Website wert

Gut, nicht alles ist gelungen. Die Poesie-Ecke zum Beispiel, in der der Überzeugungstäter Hermann Sammet, 72, bisher gut 100 Fünfzigzeiler abgesondert hat, kann nur Freunde des Extrem-Trashs begeistern. Was dort zu viel ist, fehlt an wichtigerer Stelle: Während im Institutionenbereich ein Vollprogramm geboten wird, beschränkt sich die aktuelle Begleitung des politischen Geschehens auf Netzpolitik. Als hingegen Oskar Lafontaine zurücktrat, war das Politik-Digital keine Website wert.

„Wir wollen gar kein politischer Komplettanbieter sein“, sagt Böttcher, „dafür fehlen uns die Leute und die Kompetenz.“ Was er nicht dazusagt, ist das „noch“. Denn daran arbeiten sie heftig. Inzwischen sitzt in Köln eine zehnköpfige Redaktion, die eine Art Dschungelbuch für den Weg durch die EU-Institutionen erstellt. Stradtmann und Wenzel bauen gerade in Berlin die Hauptstadt-Redaktion auf. Das Komplettangebot ist so nur eine Frage der Zeit.

Nur: Womit wollen die Jungs Geld verdienen? Mit klassischer Banner-Werbung haben sie gar nicht erst angefangen – das passe nicht zum Produkt. Gut, es gibt Partnerschaften: mit der Internet-Illustrierten »Tomorrow« zum Beispiel, für die Politik-Digital jeden Monat zwei Chats mit Politikern veranstaltet; die Einnahmen decke gerade die Kosten. Gehälter für die Gründer sind da nicht drin. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie, indem sie an Projekten der Multimedia-Agentur Lava (mittlerweile iXL Germany) mitarbeiten, die ihnen einen Büroraum und Infrastruktur zur Verfügung gestellt hat.

Also, wo soll das Geld herkommen? Auch das wusste Hinrichs schon beim ersten Besuch vor fünf Monaten genau: Er erzählt vom „digitalen Mehrwert“, seiner Lieblingsvokabel, nennt als Beispiel eine Politiker-Datenbank, die gerade in Arbeit sei, und erntet höfliche Skepsis: ein sicher verdienstvolles Projekt, aber wie damit etwas verdienen? Das Schema kennen Hinrichs und Böttcher schon: Wenn sie etwas zu erklären versuchen, glaubt ihnen keiner – erst wenn sie es demonstrieren können.

Bei meinem nächsten Besuch dann die Präsentation. Die Politiker-Datenbank: eine hochgradig verlinkte Applikation, in der ich vom Lebenslauf über die Fachgebiete und den Terminkalender bis zum Votum bei namentlichen Abstimmungen alles über alle Abgeordneten erfahre; in der ich nach jedem beliebigen Kriterium suchen kann; in dem einzelne Teile ständig von der Redaktion aktualisiert werden, andere Teile (wie der Terminkalender) von den Abgeordneten selbst. Und damit lässt sich Geld verdienen – indem man anderen Content-Anbietern wie etwa spiegel.de oder zdf.de Lizenzen verkauft. „Der Content bleibt bei uns“, sagt Böttcher, „was wir verkaufen, ist der Zugang zu einer Applikation.“ Die Lizenznehmer können die Datenbank mit ihrem eigenen Design versehen, in das eigene Angebot integrieren und darauf Werbebanner platzieren.

Wer sich über Banner-Werbung finanziert, braucht Traffic. Wer Traffic braucht, braucht Content. Wer Content braucht, ist gern bereit, für Qualität zu zahlen. Zum Beispiel an Hinrichs und Böttcher. Und dafür gibt es jetzt die „Böttcher Hinrichs AG“, den bislang höchsten Reifegrad des 76er Jahrgangs. Das Business-Modell beruht auf zwei Säulen:

__Ideen brauchen den schnellen und einfachen Zugang zu Ressourcen, die andere schon aufgebaut haben.

__Wir müssen etwas zeigen können, um ernst genommen zu werden.

Und das Ganze soll so funktionieren: Hinrichs und Böttcher greifen sich eine ihrer vielen Ideen (und Domains) heraus, suchen sich passende Projektleiter dafür und basteln ein neues Internet-Angebot (das nächste zum Beispiel wird schule-online.de heißen). Alle Ressourcen, die sie für die Umsetzung brauchen, haben sie in einem Beirat versammelt, dem unter anderem der Medientreff-Veranstalter Manfred Schmidt und Werbe-Altmeister Reinhard Springer angehören.

Ist das Projekt so weit gediehen, dass auch andere begreifen, welches Potenzial darin steckt, wird daraus ein Spin-off, die Projektleiter werden Geschäftsführer, Investoren stoßen dazu, die AG behält ein paar Anteile (oder auch nicht) und geht das nächste Projekt an – mit durchaus beachtlicher Taktfrequenz. Böttcher: „Politik-Digital ist jetzt zehn Monate alt und inzwischen so weit, dass andere in die operative Verantwortung hineingewachsen sind. Diesen Anschub-Zeitraum wollen wir auf sechs oder weniger Monate reduzieren.“ Das heißt: Zwei bis drei Projekte pro Jahr werden zur Marktreife gebracht, verlassen danach ganz oder teilweise das Unternehmen, bleiben aber im Netzwerk. Und wenn alles gut geht, wird daraus Stück für Stück ein Content-Konzern, der nicht durch Controlling oder Kapitalanteile zusammengehalten wird, sondern durch die gemeinsame Geschichte – Corporate History sozusagen.

Klar: Wenn zwei Hamburger Jungs des 76er Jahrgangs ihr Konzern-modell erklären, glaubt ihnen keiner, dass daraus etwas werden könnte. 
Es bleibt ihnen also nichts anderes übrig, als einfach anzufangen. ---

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