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Ausgabe 04/2008 - Artikel

Der Alltagschronist

An jenen Krankenhausbesuch er-innert sich Hein Driessen genau. "Hanns Dieter war so glücklich", sagt er. "Er zeigte mir die Röntgenaufnahmen seiner Lunge, die an der Wand hingen und sagte: 'Guck mal, die Metastasen sind alle weg.' Er dachte, dass er es geschafft hatte."

Neun Jahre später sitzt Hein Driessen in seinem Atelier in Emmerich, breit und sämig zieht draußen der Rhein vorbei, und binnen einer Stunde sind drei Passanten hereingekommen, um das Buch zu kaufen, das er gemacht hat mit seinem Freund Hanns Dieter Hüsch, der vor drei Jahren gestorben ist, nachdem die Metastasen doch zurückgekommen waren. "Mein Traum vom Niederrhein" heißt es. Zeichnungen von Driessen, Texte von Hüsch. "Ich geh' mit meinen Bildern zu den Menschen", sagt Driessen, "und Hanns Dieter hat es mit seinen Worten getan."

Driessen und Hüsch. Der Maler und der Kabarettist. "Ich hab' das Gefühl, jetzt, wo er tot ist, wird er der Heilige vom Niederrhein. Jetzt kapieren die Leute, wer das wirklich war." So spricht Hein Driessen über Hanns Dieter Hüsch, den nimmermüden Erzähler, den rastlosen Handlungsreisenden in Sachen Erinnerung, Trommler gegen deutsche Großmannssucht und poetischen Chronisten des Alltags. Alles in einer Person. Wobei Hüsch selbst sich nicht mit dem Etikett "Poet" schmücken mochte. "Ich bin der Kerl, der gern Poet wär'", hat er mal gesagt. "Aber meistens komm' ich nur dazu, mir so'n Butterblum in 't Knopfloch zu stecken, damit ich wenigstens so'n poetisch' Gefühl hab'." Und Niederrheiner war er natürlich, das ist das Wichtigste, vor allem Niederrheiner. "Alles, was ich bin, ist niederrheinisch." Hüsch über Hüsch.

Hanns Dieter Hüsch und Hein Driessen. Zwei Freunde. Der eine 1925 in Moers geboren, der andere sieben Jahre später in Emmerich. Dort lebt und arbeitet Driessen heute noch, wenn er nicht gerade auf Mallorca weilt, fernab vom Ballermann-Remmidemmi in dem kleinen Fischerort Cala Figuera, wo er fast die Hälfte des Jahres verbringt. Beide haben die Landschaft als Kraftquell genutzt, als Inspiration. Der Niederrhein ist das Feld, das sie über Jahrzehnte immer wieder bestellten. Jeder griff sich sein Stück heraus. Driessen nahm sich die Kirchtürme, die Kopfweiden, die Bauernkaten und die Aalschokker, jene Boote, mit denen früher auf dem Rhein Aale gefangen wurden, und brachte all dies auf Leinwand und Papier. Für Hüsch wiederum war der Mensch das Faszinosum, der Niederrheiner, freundlich und dabei doch aggressiv gehemmt, weil er nicht weiß, wie er sich wehren soll, davon war Hüsch überzeugt, und schwer melancholisch, jener Mensch, der "zuletzt doch menschenfremd und menschenleer in seiner Gegend herumsteht". Ihm widmete er sich, liebevoll und immer nachsichtig. "Hass ist nicht mein Brot", hat Hüsch manchmal gesagt. Das war so eine Stelle, an der es ganz still wurde im Publikum.

Wie sie sich kennenlernten, weiß Hein Driessen nicht mehr so ganz genau. In Emmerich war es, bei einem Gastspiel Hüschs in den frühen Achtzigern. Damals stand der spätere Freund an bis zu 250 Abenden im Jahr auf der Bühne. Auf jeden Fall trafen sie nach dem Auftritt zusammen, kamen ins Gespräch und verstanden sich auf Anhieb.

Von nun an sahen sie sich, wann immer es sich einrichten ließ, hockten zusammen, redeten über Landschaft und Leute, den Niederrhein halt, arbeiteten an gemeinsamen Büchern. Driessen war Hüschs Adjutant mit dem Skizzenblock. "Er hat mir die Geschichten von all den Menschen erzählt, die er kannte, und ich hab' ihm die Landschaft gezeigt", erinnert sich der Maler mit dem Ulbricht-Bärtchen. "Wir sind zusammen durch die Gegend gefahren, mit dem Auto, einmal auch mit Pferd und Wagen."

Über Politik sprachen sie wenig. Hüsch war durchaus ein scharfzüngiger politischer Beobachter, sein Herz schlug links, aber den Linken war er zu undogmatisch, unberechenbar, zu versöhnlich. Ihm fehlte die politische Härte. "Kitschgemüt mit Goldbrokat" haben sie ihn mal verspottet.

Wenn Hüsch ein Gastspiel irgendwo am Niederrhein hatte, in Kleve oder Wesel oder Rees und in Emmerich sowieso, saß Driessen oft im Publikum. Bei einem Auftritt in Kleve, als es Hüsch gesundheitlich schon nicht mehr gut ging und der Weg auf die Bühne ihm schwerfiel, stand Driessen kurzerhand auf, eilte dem Freund entgegen und stützte ihn. Ein andermal, in Emmerich war's, brachte ein schwer erkälteter Hüsch vor dem Auftritt keinen Ton mehr hervor. Driessen holte einen Arzt aus dem Feierabend, der Hüsch behandelte. Der Auftritt konnte stattfinden, und der Arzt, ach ja, "Gott hab' ihn selig", sagt Driessen, "war auch ein lustiger Kerl, der ist vor seiner Stammkneipe hingefallen, Genick gebrochen." Und er zitiert Hüsch: "Etwas Verschnitt im Leben ist immer."

Driessens Bruder kommt ins Atelier. Er ist schon auf dem Weg zum freitäglichen Stammtisch. Hein Driessen wird ihm später folgen. Es entwickelt sich ein Dialog, den Hüsch geschrieben haben könnte.

Der Bruder: Ich geh' wieder ins Krankenhaus.

Hein Driessen: Wie Krankenhaus? Wieder operieren?

Der Bruder: Nee.

Hein Driessen: Nur mal so?

Der Bruder: Nur mal so.

Hein Driessen: Mach das nich wie die Micki.

Der Bruder: Wie die Micki?

Hein Driessen: Kennste Micki von Bercken?

Der Bruder: Ja.

Hein Driessen: Die is immer noch nich aufgewacht.

Der Bruder: Wat is die?

Hein Driessen: Noch nich aufgewacht!

Der Bruder: Wie nich aufgewacht?

Hein Driessen: Die hat vor zehn Tagen einen Tiefschlaf bekommen.

Der Bruder: Tiefschlaf?

Hein Driessen: Weißte dat nich?

Der Bruder: Ja, im Koma liegt die.

Hein Driessen: Und is immer noch nich wach.

Der Bruder: Is immer noch nich wach.

Hein Driessen: Un so wat willze auch machen?

Der Bruder: Nee, so wat nich. So ähnlich.

Hüsch hat den Niederrhein erst spät als Gegenstand seiner Erzählungen für sich entdeckt, in den Siebzigern. Programme wie "Das schwarze Schaf vom Niederrhein" machten ihn auch bei jenen bekannt, die ansonsten keinerlei Zugang zum Kabarett finden. So mancher kann kleine Kostbarkeiten wie "Silberhochzeit bei Schlottmanns" auch nach 30 Jahren noch rezitieren. Den Hüsch, der im "Scheibenwischer" gegen die Nachrüstung polemisierte, mochten sie dagegen weniger.

Geschichten von kleinen Leuten

Seit seiner Kindheit hatte Hüsch all die Menschen, Geschichten und Bilder mit sich herumgetragen, die er nun vor seinem Publikum ausbreitete. Kleine Leute, ganz groß. Sein Onkel beispielsweise, Schneidermeister von Beruf, "einer, der nichts erreicht hatte, nicht einmal sich selbst". Oder Ditz Atrops, der sich vor den Zug geworfen hat, immer besof-fen, aber auch nach 23 Bier und neun Schnäpsen noch kerzengerade stehend, bei Hein Lindemann an der Theke natürlich, wo sonst.

Ungezählte Familienfeste, Silberhochzeiten und Trauerfeiern, Verwandte, Nachbarn und so manche grandios gescheiterte Existenz ­ all das verwob Hüsch zum Stakkato seiner Philicorda-Heimorgel zu mitunter waghalsigen Assoziationsketten, um im nächsten Moment zu fragen: "Was ist eigentlich aus dem Mann geworden, der uns damals auf dem Bahnhof in Mainz so nett die Koffer getragen hat?" Man rätselte ständig, wo sie wohl hinführen mochten, seine Geschichten, während er den dicken Packen Papier mit Texten, Blatt für Blatt, akkurat von der rechten Orgelkante auf die linke häufte.

Die Zuschauer lachten, und manchmal weinten sie auch vor Freude, aber stets schwebte eine Melancholie über Hüschs Erzählungen. Heimeligkeit wurde im Keim erstickt. Seine Geschichten vom Niederrhein waren "endlose Trauermärsche in Dur", so hat er es selbst einmal gesagt.

"Hanns Dieter fehlt sehr", sagt Hein Driessen, bevor er seinem Bruder zum Stammtisch folgt. "Solche wie ihn gibt es nicht mehr." "Wat willze machen?", würde Hüsch jetzt wahrscheinlich sagen. "Ich wandere in Gedanken durch mein Niemandsland", singt er im "Wanderlied", "da wird kein Halt sein. Und es wird höllisch kalt sein."

Schon zu Lebzeiten Hüschs hat Hein Driessen dem Freund auf der Emmericher Uferpromenade ein Denkmal gesetzt. In der Hetter, einem Feuchtgebiet zwischen Rees und Emmerich, entdeckte er eines Tages eine Weide. Oder besser: die Ruine einer Weide. Driessen bittet den Bauern, auf dessen Grund der Baum steht, ihm das Totholz zu überlassen, lässt es nach Emmerich transportieren und auf der Rheinpromenade einbetonieren.

Er schnitzt das Gesicht Hüschs hinein, später lässt er die "Hüschweide" in Bronze gießen. Ein Denkmal für die Ewigkeit. Dafür hat Hein Driessen gesorgt. Und manchmal, an besonders stillen Abenden, sagt Driessen, könne man Hanns Dieter Hüsch mit dem Flusswind flüstern hören: "Und immer von Neuem kommen die Lieder und Träume, die Erinnerung und die Fantasie und das plötzliche Ende von allem am Niederrhein."

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