brand eins Autor Asmus Heß berichtete in der Ausgabe 06/2008 über ein Dorf in Namibia, welches ein einzigartiges soziales Experiment startete: Jeder Einwohner bekam dort ein bedingungsloses Grundeinkommen.
Die Initiatoren wollten beweisen, dass sich Armut so am besten bekämpfen ließe. Die Gegner witterten eine Aufforderung zum Müßiggang.
Hoffen auf ein zweites Wunder
Im namibischen Dorf Otjivero bekommt jeder Einwohner seit vier Jahren das bedingungslose Grundeinkommen. Das soziale Experiment hat internationales Aufsehen erregt, ist momentan aber wegen fehlender Mittel stark gefährdet. Ein Ende könnte Kirchen und Gewerkschaften, die hinter dem Projekt stehen und die landesweite Einführung eines Grundeinkommens fordern, deutlich schwächen.
Das namibische Dorf Otjivero liegt im Nirgendwo. Die Ansammlung von Wellblechhütten und einigen Steinhäusern befindet sich rund hundert Kilometer von der Hauptstadt Windhoek entfernt. Rund um das Dorf überleben nur Pflanzen, die Wochen ohne Wasser auskommen. Das Land ist karg und staubig und gehört weißen Farmern, die es für die Viehzucht nutzen. In Namibia werden Dörfer wie Otjivero „Squatter camps“ genannt. „Squatter“ sind Illegale – Menschen, die sich einfach irgendwo niederlassen.
Vor genau vier Jahren wurde dieser verlassene Fleck Erde schlagartig weit über die Grenzen Namibias hinaus bekannt. Namibische Kirchen, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen setzten beim Kampf für ein neues Sozialsystem auf das bedingungslose Grundeinkommen und initiierten in Otjivero ein weltweit einzigartiges Experiment. Mit der Einführung eines „Basic Income Grant“ (BIG) in dem Tausend-Seelen-Nest wollte die BIG-Koalition beweisen, das dies der beste und einfachste Weg ist, Armut, Hunger und Krankheiten zu besiegen. Die Allianz sammelte überall auf der Welt Spenden ein, erfasste zu einem bestimmten Stichtag jeden Bewohner des Dorfs und zahlte ab Anfang 2008 100 Namibia-Dollar (rund neun Euro) pro Kopf und Monat aus. brand eins war das erste Medium überhaupt, das die Folgen des unerwarteten Geldsegens für das Dorf in einer Reportage ausführlich beschrieb (6/2008: „Als das Geld vom Himmel fiel“).
Anderthalb Jahre nach der Einführung legte die BIG-Koalition eine hoffnungsvolle Studie über die Wirkungen des Grundeinkommens vor. Noch wenig überraschend: Die Armutsrate in Otjivero war drastisch gesunken. Schon erstaunlicher: Verschiedene Dorfbewohner hatten das Grundeinkommen als Startkapital genutzt, um beispielsweise Brot zu backen, Kleider zu nähen oder Ziegel herzustellen. Das Untergewicht bei Kindern reduzierte sich von 42 auf 10 Prozent innerhalb eines Jahres, die Abbrecherquote in der kleinen Dorfschule fiel innerhalb desselben Zeitraums von rund 40 auf beispielhafte null Prozent. Fast alle Eltern zahlten plötzlich das Schulgeld, und auch die vier Namibia-Dollar für die Krankenstation konnte sich jetzt jeder leisten. Die örtliche Polizeistation registrierte einen Rückgang der Kriminalität um über 40 Prozent, wovon auch die dem Feldversuch kritisch gegenüberstehenden weißen Farmer profitierten: Viehdiebstähle nahmen um knapp die Hälfte ab.
Es sieht also gut aus in Otjivero – und dennoch hat die BIG-Koalition noch nichts erreicht. Denn alle Argumente, Studien und ausführlichen Berechnungen für eine landesweite Einführung des Grundeinkommens (siehe www.bignam.org) sind an der Unlust der namibischen Regierung gescheitert, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Der Präsident Namibias, Hifikepunye Pohamba, äußerte sich erstmals zweieinhalb Jahre nach Projektbeginn in Otjivero, ohne offenbar näher informiert zu sein: Das Grundeinkommen animiere die Menschen zum Nichtstun, monierte er. Premierminister Nahas Angula tat daraufhin das Grundeinkommen als „patriarchalische Form der Armutsbekämpfung“ ab. Die Menschen würden sich gekränkt fühlen, wenn der Staat sie versorge und damit wie Kinder behandele.
Argumente, die sich gerade im Fall von Otjivero leicht widerlegen lassen. Der evangelische Bischof Zephania Kameeta, führender Kopf der BIG-Koalition, findet zwar auch in der ehemaligen marxistischen Befreiungsbewegung und jetzigen Regierungspartei SWAPO immer wieder Gehör. Doch gegen den Präsidenten will sich niemand öffentlich positionieren. Alle Hoffnungen der BIG-Koalition ruhen deswegen jetzt auf Handels- und Industrieminister Hage Geingob. Er ist der einzige führende Politiker des Landes, der sich bisher deutlich zum Grundeinkommen bekannt hat. Geingob ist auch SWAPO-Vizepräsident und gilt als aussichtsreicher Kandidat für die Präsidentschaftswahlen 2014.
Solange muss die BIG-Koalition jetzt durchhalten und hartnäckig bleiben, wenn aus dem sozialen Experiment in Otjivero mehr werden soll als nur bedrucktes Papier. Dabei muss Petrus Khariseb, Leiter des Projekts, aktuell ein echtes Problem lösen: Der BIG-Koalition ist das Geld ausgegangen. Ursprünglich war die Auszahlung des Grundeinkommens in Otjivero auf zwei Jahre angelegt und sollte dann eingestellt werden. Doch um die Menschen „nicht in den Teufelskreis von Armut und Hunger zurückzustoßen“, habe man beschlossen, es unbegrenzt zu gewähren, berichtet Khariseb. Damit die eingesammelten Spenden möglichst lange reichen, wurde es um zwanzig Prozent auf 80 Namibia-Dollar pro Kopf reduziert. Doch jetzt ist der Spendentopf – trotz aller Mühen der Koalition, frisches Geld aufzutreiben – leer, für Februar fehlen bereits die Mittel. Otjivero braucht ein zweites Wunder.
