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brand eins 06/2005 - SCHWERPUNKT: Kommunikation
Zweifel säen
Eine neue Form der Datenverarbeitung. Besser lernen mit CDs.
Heilen mit Licht. Neue Ideen, die das Leben verändern könnten.
Jetzt muss nur noch die Welt überzeugt werden.
Aber wie?
"Nichts ist unglaubwürdiger als die Wirklichkeit"
(Fjodor Michajlowitsch Dostojewskij)
"Innovationen werden oft von Erfindern ausgetüftelt, die keinen akademischen Hintergrund haben und die deshalb ihre Ideen nicht formal beweisen können", sagt Peter Krieg. "Was das bedeutet, haben wir erlebt. Wir wurden überall abgewimmelt, weil wir Außenseiter sind. Der Höhepunkt war ein Kontakt beim Fraunhofer Institut, das immerhin die Aufgabe hat, sich um angewandte Forschung zu kümmern. Nach einem Jahr hatten wir jemanden gefunden, der sich unsere Sache zumindest anschauen wollte. Wir wollten ihm unsere Software vorführen, wir hatten fertige Programme, aber er sagte: ,Die will ich nicht sehen. Ich will erst mal den mathematischen Beweis, dass das, was Sie da machen, überhaupt möglich ist.' Damit war das Treffen zu Ende. Und das ist nicht untypisch. Sowohl Akademiker als auch deutsche Risikokapitalgeber haben uns gesagt: Wenn Sie Kapital wollen oder Fördermittel, muss Sie ein Professor unterstützen. In den USA interessiert das niemanden. Da heißt es: Wenn das Ding funktioniert, schieben wir den Beweis später nach." Es geht um Pile, ein neues Datenverarbeitungssystem für Computer. Pile speichert, kurz gesagt, nicht komplette Datensätze, sondern die Relationen zwischen Daten, sodass die Daten nicht mehr fertig abgerufen, sondern laufend erzeugt werden. Das System soll der herkömmlichen Datenerfassung weit überlegen sein - falls es funktioniert. Krieg behauptet, das tue es, und ich bin kein Fachmann, ich kann nicht beurteilen, ob das möglich ist. Aber ich halte es nicht von vornherein für unmöglich, so wie es offenbar Experten tun.
"Die typische Reaktion von Leuten, denen wir Pile vorgestellt haben, war erstens: Das kann nicht funktionieren. Zweitens: Das kann nicht von jemandem kommen, der nicht mal ein Akademiker ist. Und drittens: Wir brauchen das nicht, wir haben alles im Griff. Dahinter steht meiner Ansicht nach Angst. Einerseits die Angst der Akademiker, die ein Problem 50 Jahre nicht lösen konnten und die sich bloßgestellt fühlen von einem, der sich das Programmieren selbst beigebracht hat. Und andererseits die Angst davor, dass die alte Technik obsolet werden könnte ..." Halt, einen Moment! Worüber reden wir eigentlich?
Wir reden darüber, was passiert, wenn man eine Idee hat, die innovativ ist, die also nicht nur bestehende Prinzipien abwandelt oder auf andere Gebiete überträgt: Man bekommt Probleme. Das ist ziemlich seltsam, denn Bedarf für Innovationen ist vorhanden. Die Naturwissenschaften werden mit zunehmendem Wissen nicht vollständiger, ihre Unvollständigkeit wird nur deutlicher. Und die nach neuen Ideen schreiende Lage in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, eigentlich allem, liegt auf der Hand.
Trotzdem herrscht überall Stillstand. Dabei mangelt es nicht an Ideen, es gibt sie, nur dringen sie weder an die Öffentlichkeit, noch setzen sie sich in Fachkreisen durch. Warum ist das so? Und was kann man dagegen tun? Darum geht es, Anfang Juni in Berlin, in einem Lokal am Potsdamer Platz. Peter Krieg ist ein freundlicher Mittfünfziger, der oft lächelt, gut informiert ist und keineswegs verbittert. Er möchte bloß etwas bewegen, und davon erzählt er: von dem Willen zur Veränderung und dem Widerstand dagegen. Also weiter.
"... Das ist aber unbegründet: Das Wachstum im Computer-Bereich basiert heute darauf, dass ein linearer Fortschritt in der Software mit einem exponentiellen Wachstum in der Hardware erkauft wird. Wenn man dieses Verhältnis linearisieren könnte, würde eine Explosion der Software- und damit der Anwendungsmöglichkeiten folgen, und mehr Anwendungen wären ein enormer Impuls für die Industrie. Aber das gehört eben auch zur Innovation: dass man nicht von heute ausgeht, sondern neue Möglichkeiten erkennt." Computer sind dumm, und ihre Benutzer tendieren dazu, sich diesem Niveau anzupassen Mit dem Erkennen von Möglichkeiten kennt sich Peter Krieg aus. Er kommt aus Schwäbisch Gmünd, sein Urgroßvater war Baumeister am Straßburger Münster, sein Großvater erfand den Schnellhefter und gründete die Glühlampenfabrik Südlicht, die sein Vater übernahm. Peter Krieg, der Sohn, ging nach einem Jahr BWL und VWL als Reitlehrer nach Beirut und Saudi-Arabien, wurde Ende der sechziger Jahre Mitglied des US-Filmkollektivs Newsreel, studierte danach an der Film- und Fernsehakademie Berlin und gründete anschließend eine Firma, die unabhängig Dokumentarfilme produzierte. Gleich seine zweite Arbeit über das Elend, das die Verbreitung von Milchpulver in Afrika nach sich zog, wurde 1975 ein Riesenerfolg. So drehte Krieg weiter Filme, unter anderem über Computer. Dabei lernte er die Grundprinzipien der künstlichen Intelligenz kennen und freundete sich mit dem Mathematiker Heinz von Foerster an. 1996, Krieg baute gerade ein digitales Filmproduktionszentrum in Babelsberg auf, bekam er einen Anruf von einem Freund aus Prag: "Hier ist einer, der ganz allein an einem mathematischen Problem arbeitet. Wir verstehen nicht, was er tut, aber wir haben das Gefühl, es ist wichtig." Peter Krieg war der Erste, der begriff, was Erez Elul wollte. Der Israeli hatte lange über Beziehungen gegrübelt und seine Erkenntnisse der Welt in Gedichten vermitteln wollen, bis ihm jemand sagte, er solle seine Ideen lieber Programmierern erzählen, für die wäre das wirklich interessant. Doch an der Universität wollte ihm niemand zuhören, und so wurde Elul zum Einzelkämpfer, den zwar keiner verstand, der aber viele wie Krieg überzeugte: "Wenn er erzählte, war völlig klar, dass zumindest er ganz genau wusste, wovon er redete. Er hat genau die richtige Mischung für einen Innovator: verrückt genug, aber nicht zu verrückt." Elul ging mit Krieg nach Berlin, wo er weiter an seiner Idee arbeitete. 2000 gründeten die beiden gemeinsam eine Firma, 2001 wurde Pile patentiert. Dann begann die Suche nach Kapital.
"Wir waren bei allen, bei IBM, Microsoft, SAP, Sun, Hewlett-Packard, und es war überall das Gleiche: Wir fanden immer mal wieder Leute, die sich für uns interessierten, aber nicht in der Lage waren, sich in der konzerninternen Bürokratie durchzusetzen. Oder sie hatten kein Budget, oder ein standardisiertes Verfahren, mit dem Ideen von außen behandelt wurden, war im Weg." Außerhalb der Branche war zu der Zeit sowieso nichts zu machen, nach dem Börsen-Crash 2001 wollte niemand in Software investieren. Krieg, der vor einigen Jahren eine Firma gegründet hat, die Events organisiert, unter anderem für den deutschen Pavillon auf der Expo in Hannover und den Space Park Bremen, steht inzwischen in Verhandlungen mit Risikokapitalgebern aus den USA - er hofft, dass die Zukunft von Pile in Dallas liegt.
Warum tut er das? Immerhin war Krieg ein erfolgreicher Regisseur, sein Film "Septemberweizen" gilt als Dokumentarfilm-Klassiker. "Regisseure gibt es viele, aber so eine Chance hast du nur einmal: Ich will eine Innovation im Denken bewirken." Das ist ihm wichtig, es geht nicht nur um Computerprobleme. Gerade hat er ein Buch veröffentlicht, "Die paranoide Maschine", über die Geschichte des Computers und den Grund für seine Intelligenz beziehungsweise Dummheit. Als Motto ist dem Buch vorangestellt: "Die Gefahr der Computer besteht nicht darin, dass sie eines Tages so klug wie die Menschen werden, sondern darin, dass wir bereit sind, ihnen bis dahin auf halbem Wege entgegenzukommen." Das ist sein Thema. "Wir sind darauf trainiert, linear zu denken, also logisch und hierarchisch wie eine Maschine. Aber das entspricht nicht unserem Gehirn. Wir sind zu intelligent für eine Ja-Nein-Logik. Außerdem bekommt eine Gesellschaft, die diese Maschinenlogik verinnerlicht, Probleme." Keine Frage: Probleme haben wir. Aber vermutlich gibt es auch Lösungen. Nur: Woran erkennt man die? Die Kommunikationsprobleme bei Innovationen sind schließlich beidseitig. Die einen wissen nicht, wie sie ihre Ideen vermitteln können, die anderen haben keine Ahnung, wem sie glauben sollen. Allerdings gibt es einige Anhaltspunkte. Innovationen kommen oft aus der Provinz, weil die Menschen dort Zeit haben, sich ausgiebig mit Problemen zu beschäftigen, und einen größeren Druck, erfolgreich zu sein - sie wollen raus, in die Welt. Aus demselben Grund ist der Druck in der Unterschicht relativ hoch - und damit das Innovationspotenzial. Und dann gibt es noch Familien wie die von Peter Krieg, in denen seit Generationen eine innovative Kultur herrscht. Aber selbstverständlich kann trotzdem ein Sozialhilfeempfänger aus Pirmasens, dessen Vorfahren alle Erfinder waren, Quatsch reden. Hinzu kommt, dass sehr komplexe Probleme oft sehr einfache Lösungen haben. Pile etwa ist ein kleiner Code, und das macht misstrauisch - komplizierte Lösungen erscheinen vielen Menschen realistischer als einfache.
Dabei hat Peter Krieg noch Glück, bei ihm geht es um ein Computerprogramm, also eine vergleichsweise leicht zu überprüfende Technik. Schwieriger wird es, wenn es um weniger Greifbares geht. Etwa um Licht. Um Krankheiten zu heilen. Das klingt doch sehr nach Esoterik, oder? " Es ist schade, dass Esoterik zu einem Schimpfwort geworden ist. Dabei geht es bloß um eine Sicht der Welt, die anders funktioniert als die etablierte Wissenschaft, eine komplementäre Sichtweise, die die Welt manchmal sogar besser erfassen kann. Der griechische Philosoph Demokrit hat im 4. Jahrhundert vor Christus behauptet, die Materie bestände aus Atomen - und es hat mehr als 2000 Jahre gedauert, bis das bewiesen werden konnte." Das sagt Alexander Wunsch, ein ernster, jedes Wort bedenkender Mann - und hat er nicht Recht? Schließlich ist es nicht so, als wurde die Welt prima funktionieren. Vielleicht gibt es in vielen Bereichen andere, bessere Methoden als die, die wir heute benutzen - warum sie nicht ausprobieren? Einerseits. Andererseits: Wenn es um die eigene Gesundheit geht, macht man keine Experimente. Aber die will der 44-jährige Arzt auch nicht. "Ich muss als Arzt natürlich abschätzen, was ich tun kann. Ich kann einem Krebspatienten nicht empfehlen, auf seine Chemotherapie zu verzichten und sich mit Licht behandeln zu lassen. Aber ich kann, ja, ich muss sogar einem Krebspatienten, der unter Nebenwirkungen einer Chemotherapie leidet, eine Lichtbehandlung empfehlen, wenn ich weiß, dass sie ihm helfen kann." Wunsch arbeitet seit zwölf Jahren mit Licht. In seine Privatpraxis in Heidelberg kommen vor allem chronische Schmerzpatienten und so genannte austherapierte Fälle, Menschen, denen die Schulmedizin nicht mehr helfen kann. In einem Hospiz in Speyer hat er für die Palliativ-Station, der Station für unheilbar Kranke, und für chronische Schmerzkranke einen Lichtraum eingerichtet - dort soll den Patienten ein anderes, positiveres Körpererlebnis ermöglicht werden. Bei seiner Arbeit bewegt sich Wunsch allerdings oft am Rande der Legalität: Er darf Patienten als Arzt oder zu medizinischen Zwecken nicht mit farbigem Licht bestrahlen, denn dafür müssten die Lampen als medizinische Geräte in teuren Tests zertifiziert werden - und das kann er, der seine Apparate selbst baut, nicht finanzieren.
Er kann allerdings unzählige Belege für die Tradition der Lichtmedizin geben: Wunsch sammelt alte Bücher über Heilung mit Licht, von dicken Dokumentationen internationaler Kongresse bis zu Katalogen der Hanauer Quarzlampen Gesellschaft, die die Höhensonne erfand, aber auch Lichtbäder und das Lichtbidet für die Dame baute. Doch die Tradition riss ab mit dem exzessiven Lichtkult der Nazis - nach deren Ende wollte mit dem Thema verständlicherweise niemand mehr etwas zu tun haben.
Auch Wunsch kam nicht auf geradem Weg zum Thema. Er war zuerst mal von der klassischen Medizin frustriert, die er in seinem Studium kennen lernte. "Meine Vorstellung von Heilkunst war anders, mich haben immer die Ursachen von Krankheiten interessiert. Aber dafür muss man mit den Menschen reden, und die sprechende Medizin ist bei uns nicht erwünscht. Man lernt im Studium sogar, dass man bestimmte Fragen nicht stellt, weil dann der Patient zu lange redet - Zeit ist Geld." Auf einen neuen Weg führte ihn ein Vortrag des US-Wissenschaftsjournalisten Robert Anton Wilson, der Ende der achtziger Jahre von Mind-Machines berichtete, mit denen man die eigenen Gehirnfrequenzen beeinflussen kann. Wunsch begann, selbst eine Mind-Machine zu entwickeln, "denn schon damals war ich davon überzeugt, dass Heilung auch eine Frage des Bewusstseins ist". Weil einige Mind-Machines mit Lichtimpulsen arbeiten, kam er zum Licht, später stieß er auf den schweizerischen Wissenschaftler Hans Cousto, der das Prinzip der kosmischen Oktave entwickelt hatte (das zu erklären hier zu weit führen würde), womit sich Hirnfrequenzen in Klang- und Lichtfrequenzen umwandeln lassen - also begann Wunsch, Lampen zu bauen.
Wer an dieser Stelle Zweifel bekommt, ist nicht allein - auch Wunsch zweifelte. Doch dann stieß er auf den indischen Arzt Dinshah Ghadiali und dessen Spektrochrom: "Hier hatte ich erstmals das Gefühl, einem echten wissenschaftlichen Ansatz zu begegnen." Dinshah hatte \ 897 in Indien der Tochter eines Kollegen, die unter extremem Durchfall litt, das Leben gerettet, indem er sie mit indigofarbenem Licht bestrahlte. Nach der wundersamen Heilung hatte er 23 Jahre geforscht und Behandlungspläne entwickelt, doch als er damit an die Öffentlichkeit ging, konnte er sich nicht durchsetzen. "Heute", sagt Wunsch, "zeigt eine Studie, dass Karieserreger absterben, wenn man den Mund mit blauem Licht bestrahlt, und vor zwei Jahren gab es eine Studie über die Behandlung von Neurodermitis mit grünem und blauem Licht. Das gilt alles als neu, beweist mir aber nur, dass Dinshah vor hundert Jahren auf der richtigen Spur war." Wunsch fragte sich, "wie kann ich die Wirkungen der Farben mit dem zusammenbringen, was ich in meiner Ausbildung gelernt habe?", und stieß auf die Biophotonen-Forschung, die Licht als Steuerungsmechanismus in biologischen Systemen erforscht. Die Erkenntnisse des relativ neuen Zweiges der Wissenschaft bestätigten ihn zwar, sind aber noch vage - während der Alltag und seine Gesetze weiterhin der klassischen Biologie folgen. Das hat für ihn ganz praktische Folgen, zum Beispiel die, dass er seine Lampen als Fertigbausatz verkaufen muss. Dann nämlich gilt derjenige, der den Bausatz zusammensetzt als dessen Hersteller und muss sich auch um eine medizinische Zertifizierung kümmern.
Frauen werden jünger, indem sie sich sagen, sie seien jünger. Das Ende der Kosmetikindustrie?
Bei seinen Kollegen findet Wunsch wenig Interesse für sein Fach. "Das ist zu erklärungsintensiv, dafür hat ein Mediziner keine Zeit. Allerdings entwickeln manchmal Arzte im Ruhestand, die nur noch einige Privatpatienten behandeln, eine Offenheit für diese Art von Komplementärmedizin." Zur Unterscheidung von echten Innovationen und Humbug sieht der Heidelberger zwei einfache Wege. Der eine ist evidenzbasiert, also: Funktioniert es? Der andere läuft anhand des Erklärungsmodells: Passt es zu bestehenden wissenschaftlichen Erkenntnissen?
Das allerdings ist in unserer ständig expandierenden Welt des Wissens ein weites, schwer zu überprüfendes Feld, wie Wunsch selbst beweist, als er über supraleitende Quanten Interferenz Detektoren (Squid) spricht. Damit, sagt der Heidelberger, könne man berührungslos Hirnwellen messen - warum sollte das nicht auch ein Heiler können? Er hat selbst an einem Versuch teilgenommen, bei dem die Hirnaktivität von Heilern und ihren Patienten per EEG gemessen wurde. "Erst hat sich der Heiler auf eine bestimmte Gehirnfrequenz eingestellt, kurz darauf war auch der Patient auf dieser Frequenz. Das war verblüffend." Okay, wir verlassen jetzt den konsensfähigen Raum. Aber keine Sorge: Wir kehren zurück. Ehrlich!
Der Versuch mit den Geistheilem wurde von dem Lernforscher Günter Haffelder durchgeführt, der in Stuttgart sein eigenes Institut für Kommunikation und Gehirnforschung betreibt, das 18 Angestellte aus den Bereichen Psychologie, Pädagogik, Biologie, Medizin, Informatik und Physik beschäftigt und vollständig privat finanziert ist. Eine von Haffelders Einnahmequellen sind CDs, mit denen man angeblich besser lernen kann, doch als ich mit ihm darüber sprechen will, macht mir bereits die Frage nach seinem Alter klar, dass es hier um mehr geht als Lernhilfen: Sein Alter, sagt der Forscher, der mit seinen etwas wüst wirkenden Haaren schwer zu schätzen ist, wolle er nicht nennen. Warum? Er führe seit anderthalb Jahren einen Versuch mit Frauen über 70 durch, die sich mehrmals am Tag sagen: Ich bin 50. Oder: Ich bin 45. Die Ergebnisse seien verblüffend, die Frauen seien gesünder und lebendiger, ihre Haut würde sich verjüngen, bei einer hätte sogar die Periode wieder eingesetzt. Auf die Frage, wie er auf den Versuch gekommen sei, antwortet er: Er wollte sehen, wie weit uns das, was wir denken, beeinflussen könne.
Günter Haffelder war erst Physiker, studierte dann Psychologie und führte eine Praxis als Psychologe, später arbeitete er als Manager und Managementtrainer. Unter anderem war er bei Hewlett-Packard beschäftigt, wo er sich in den siebziger Jahren teilweise mit Computern bezahlen ließ, die damals noch sehr teuer waren. Als er immer wieder Probleme hatte, Französisch zu sprechen, kam er auf die Idee, seine Hirnströme selbst mit einem EEG zu messen. Als Physiker fielen ihm dabei Unstimmigkeiten bei der Umrechnung der Daten auf, und so entwickelte er am Computer eine eigene Form der Umrechnung, später fand er auch neue Messpunkte. Basierend auf dieser Arbeit gründete er sein Institut, das auf Lernstörungen bei Kindern spezialisiert ist.
Haffelder misst die Gehirnströme und fertigt danach eine neuroaktive CD an, die die Kinder beim Lernen regelmäßig hören und die ihre Lernfähigkeit langfristig verändern soll. Die CD wird individuell angefertigt, das unterstreicht Haffelder mehrfach, sie ist vom individuellen EEG abhängig. Später höre ich, dass der Forscher die EEG-Analysen fast immer selbst macht: Er habe schon tausende EEGs analysiert, und es sei phänomenal, was er daraus ablesen könne. Das erfahre ich allerdings nicht von ihm.
Überhaupt ist Günther Haffelder ein Musterbeispiel für die alte These, dass die, die viel wissen, ungern reden. Er sagt, dass liege daran, dass er ein privates Institut betreibe, "wir leben von unserem Wissen und können vieles nicht veröffentlichen". Seine Arbeit hat sich trotzdem herumgesprochen, rund um Stuttgart arbeiten inzwischen mehrere Schulen mit ihm zusammen, außerdem bekommt er zunehmend Aufträge aus der Wirtschaft. Etwa von einer Fluglinie. "Es gab mal eine Serie von Flugzeugunfällen. Wir wurden beauftragt, die Piloten zu testen. Wir haben bei allen ähnliche Muster im Delta-Bereich gefunden, die kamen von zu eng programmierten Flugsimulationsprogrammen. Die wurden geändert, und danach gab es diese Art von Unfällen nicht mehr." Gruppen schwingen in ihren Gehirnwellen ähnlich, meint Haffelder. Und wenn man nicht in derselben Art schwingen möchte, muss man nur einige Kleinigkeiten ändern. "Es reicht, wenn Sie ein paar Dinge tun, die nicht normal sind. Also wenn alle gerade sparen, geben Sie viel Geld aus. Es hilft auch, Freunde aus unterschiedlichen Gesellschafts- und Berufsgruppen zu haben, denn wir lernen vor allem im Zusammenhang mit Menschen, in Sozialkontakten." So wie wir leben, meint der Forscher, leben wir bequem, aber falsch. Vor allem nutzen wir unser Gehirn weit unter seinen Möglichkeiten. "Es gibt natürlich bestimmte Verknüpfungen, die bereits angelegt sind, sodass uns bestimmte Sachen einfacher fallen als andere, aber man kann alles löschen. Letztlich können wir alles lernen, was wir lernen wollen. Es gibt für das Gehirn keine Kapazitätsgrenze." Na, immer noch dabei? Haben Sie Zweifel? Der Gedanke, dass wir lernen können, was wir wollen, ist kaum noch umstritten - der alte Spruch " Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" ist überholt. Ob dagegen Frauen jünger werden, wenn sie sagen, sie seien jünger - das ist, zugegeben, zweifelhaft. Aber ist das nicht alles? Unsere Computer, die oft nicht funktionieren, sind ebenso zweifelhaft wie ein Programm, das eine neue Form der Datenverarbeitung ermöglichen soll. Die Heilung durch Licht ist nicht abwegiger als Auswüchse der modernen Gerätemedizin, die oft eine Lebensverlängerung, aber nur selten eine Lebensverbesserung ermöglichen. Und Lernen mit neuroaktiven CDs ist ganz sicher nicht absurder als der Frontalunterricht, mit dem in unseren Schulen Kindern gequält werden. Vielleicht ist alles, was wir denken, unser gesamtes, uraltes, mechanischen Weltbild richtig - aber vielleicht funktioniert die Welt auch ganz anders.
Möglicherweise geht es bei der Verbreitung von Innovationen nicht darum, Zweifel zu verringern, sondern darum, sie auszuweiten: auf das, was normal ist, was sicher scheint und vernünftig. Vielleicht geht es nur darum: Zweifel zu säen, bei sich selbst und bei anderen. Denn wer Zweifel sät, wird Wissen ernten.
