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brand eins 12/2007 - WAS UNTERNEHMERN NÜTZT

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Was ist eigentlich ...: ... MECHANISMUS-DESIGN-THEORIE?

Der Nobelpreis für Ökonomie geht in diesem Jahr an drei Amerikaner für die Entwicklung der Mechanismus-Design-Theorie.

Ein schöner Begriff. Aber was hat er mit uns zu tun?

- Leonid Hurwicz ist 90 und scherzt gern: "Langlebigkeit unter Wissenschaftlern hat einen großen Vorteil." Denn der Nobelpreis wird nur an lebende Personen vergeben. 1917 wurde er als Sohn polnisch-jüdischer Eltern in Moskau geboren, mitten hinein in die Revolution. Die Familie geht nach Warschau. Leonid studiert, erst Jura, dann Experimentalphysik und Piano am Musikkonservatorium. Bei Beginn des Zweiten Weltkrieges geht er in die Schweiz, später in die USA und wird Professor an der University of Minnesota in Minneapolis.

Das Foto, das die Nachrichtenagenturen von Leonid Hurwicz verbreiten, zeigt einen knorrigen Herrn mit weißem Haarkranz, der an den Ohren buschig absteht ebenso wie die Augenbrauen. Hinter ihm sieht man eine Tafel voller Formeln: hohe Mathematik - auf der Wand und in seinen Büchern.

Leonid Hurwicz ist ein Marktkritiker. Was bedeutet, dass er nicht an die perfekten Marktgesetze glaubt, wie sie Adam Smith 1776 beschrieben hat: Auf einem perfekten Markt sind alle Bedingungen optimal. Käufer und Verkäufer finden zueinander; alle handeln vollkommen rational und unabhängig. Sie bieten Güter von gleicher Qualität und haben alle den gleichen Informationsstand. Es herrscht idealer, offener Wettbewerb. Das freie Spiel von Angebot und Nachfrage führt zu einem Preis mit Handschlag zum Wohle der Gemeinschaft. Friede, Freude, Harmonie.

Die Realität aber sieht ganz anders aus. Im wirklichen Wirtschaftsleben agiert der Mensch mit all seinen Unzulänglichkeiten, Neid und Habgier, List und Tücke. Da wird getrickst und geschummelt und der Konkurrent über den Tisch gezogen. Der Handel ist nicht friedlich, er ist strategisch bis kriegerisch. Jeder hält Informationen zurück um des eigenen Vorteils willen. Käufer untertreiben ihre Zahlungsbereitschaft so sehr, dass am Ende gar kein Geschäft zustande kommt. Dann versagen die Gesetze des freien Marktes.

Solch ein Basarverhalten ist schwer in eine Wirtschaftstheorie umzusetzen. Hurwicz versucht es trotzdem. Seine Mecha-nismus-Design-Theorie bringt den Menschen in die Markttheorie und ist damit eine Unterkategorie der sogenannten Spiel theorie. In den fünfziger und sechziger Jahren untersucht er die verschiedenen Strategien von Akteuren bei Vertragsverhandlungen. Alle Beteiligten wollen ein optimales Ergebnis, aber jeder legt im Streben nach dem eigenen Vorteil nicht alle Karten auf den Tisch. Der Informationsstand ist asymmetrisch. Dadurch werden Tauschmöglichkeiten nicht wahrgenommen, der Markt funktioniert nicht optimal, das gute Ergebnis ist gefährdet.

Die Mechanismus-Design-Theorie analysiert nun, welche Institutionen geeignet sind, die Akteure zur Preisgabe ihrer Informationen zu veranlassen und so volkswirtschaftliche Verluste zu mildern. Sie liefert keine Generalrezepte, hilft aber bei der Analyse.

__ Wie soll man eine Verhandlung führen, damit am Ende beide Seiten froh über das Ergebnis sind?

__ Wie bündelt man dezentrale Informationen, sodass sinnvolle Entscheidungen für die ganze Gruppe herauskommen?

__ Welche Verfahren gibt es zur Verteilung knapper Ressourcen, und wie müssen Institutionen aussehen, die Verschwendung vermeiden?

__ Mit welchen Anreizmethoden können nicht funktionierende Märkte funktionsfähig gemacht werden?

Hurwicz definiert einen "Mechanismus" als Vorgang, bei dem die Teilnehmer untereinander beziehungsweise über einen Koordinator Signale austauschen und es anhand klarer Regeln zu einem Ergebnis kommt. Er schafft damit erstmals einen Analyserahmen für solche Arten von Fragen. Ein Grundgerüst.

"Leg auf! ", hat Leonid Hurwicz seiner Frau zugerufen, als morgens um sechs Uhr das Nobelpreis-Komitee anrief. "Das ist ein dummer Witz." Sie legte nicht auf. Ebenso wenig wie Eric Maskin, 57, vom Institute for Advanced Study in Princeton und Roger Myerson, 56, von der University of Chicago. Die beiden Wissenschaftler haben die Mechanismus-Design-Theorie in den siebziger und achtziger Jahren verfeinert und verschiedene Modelle entworfen, die ebenfalls nobelpreiswürdig sind.

Das Foto, das die Nachrichtenagenturen von Roger Myerson verbreiten, zeigt ihn auf einem Football-Feld, mit Stadion und Spielern im Hintergrund. Offensichtlich eine andere Generation von Forscher als Hurwicz. Diese Ökonomen sind auch Mathematiker, verstehen sich aber eher als Ingenieure, die Institutionen designen, um dem freien Markt auf die Sprünge zu helfen. In ihren Büchern wimmelt es von mathematischen Herleitungen. Auf Myersons Revelationsprinzip werden Studenten angeblich in zwei Vorlesungsstunden seelisch vorbereitet, bevor es zur Herleitung geht.

Myerson erforscht, wie sich Reformen leichter durchsetzen lassen. Arbeitsmarktreformen zum Beispiel. Zwar soll eine Lockerung des Kündigungsschutzes das Sozialprodukt steigern, aber die Mehrheit der Arbeitnehmer befürchtet Nachteile. Also müssen Anreize geschaffen werden. Die Gewinner der Reform müssen etwas für die Verlierer tun. Zum Beispiel durch Transferzahlungen. Erst dann kommt die Reform voran. Es ist alles eine Frage des Anreizes - ebenso wie beim Fußballspiel: Gibt es für einen Sieg drei Punkte statt wie früher zwei, dann lohnt sich das Laufen wieder.

Die Kernidee: Wo der Markt nicht funktioniert, muss ihm geholfen werden

Ein klassisches Feld der Mechanismus-Design-Theorie sind Auktionen. Wie viel ist man bereit zu bieten? Das ist die zentrale Frage, die Mitbieter und Auktionator umtreibt. Doch keiner offenbart seine maximale Zahlungsbereitschaft, in der Hoffnung, billiger dabei wegzukommen. Der Markt ist suboptimal. Die Lösung sind sogenannte Zweitpreisauktionen. Der Höchstbietende erhält den Zuschlag, muss aber nur ein wenig mehr als das zweithöchste Gebot bezahlen. So wird der Bieter animiert, gleich sein Höchstgebot, seine Schmerzgrenze, preiszugeben.

Das Online-Auktionshaus Ebay funktioniert so. Wer dort einen Artikel ersteigern will, der kann ein Höchstgebot eingeben, und ein Computer-Programm (Agent) bietet automatisch bis zu dieser Grenze mit. Das beschleunigt die Sache ungemein und sorgt dafür, dass schnell die Karten offen auf dem Tisch liegen. Der große Zweifel daran: Ebay könnte selbst als Zweitbieter auftreten und die Preise gezielt in die Höhe treiben.

Ganz im Sinne der Mechanismus-Design-Theorie ist auch das Wettportal InTrade.com. Auch dort lohnt es sich, sein Wissen preiszugeben. Denn mit dem Wissen der anderen kombiniert, lassen sich bessere Vorhersagen für die Zukunft treffen. Welches Pferd zum Beispiel gewinnt. Die Masse macht's.

Aber ist die Masse nicht dumm?

Sie ist es. Immer dann, wenn für ein allgemeines Gut niemand bezahlen will. Für Sicherheit zum Beispiel oder saubere Luft. Hier laufen die Marktgesetze ins Leere. Gemeinsame Projekte kommen nicht zustande, weil man sich nicht über die Verteilung der Kosten einigen kann. Alle hoffen auf den anderen und geben nichts. "Die Trittbrettfahrerthematik" nennt das die Wirtschaftswissenschaft. Dann werden Ökonomen zu Designern und formen ein neues Instrument oder eine neue Institution, die ein neues Ziel erzwingt. Sie geben sauberer Luft einen Wert und erfinden Emissionszertifikate, um Luftverschmutzung mit Kosten zu belasten. Auf dass der Markt mit seinen Regeln sein Übriges tue.

In manchen Fällen bringt ein Monopolunternehmen mehr Wohlstand für die Allgemeinheit als der freie Wettbewerb. Manchmal ist sogar eine wohlmeinende Diktatur sinnvoll. Auch wenn Ökonomen (und nicht nur die) das eigentlich nicht hören wollen. "Freie Märkte mögen frei sein", sagte Leonid Hurwicz in einem "Zeit"-Interview. "Aber sie sind nicht unbedingt das Beste. Viele Leute denken darüber nie besonders tief nach. Die fordern eine bestimmte Marktstruktur nicht als eine Lösung für ein Problem, sondern als ideologisches Ziel, und gehen damit den wirklichen Problemen aus dem Weg."

Ein erfreuliches Ergebnis hat Leonid Hurwicz' Mechanismus-Design-Theorie auch gezeigt: Trotz aller Zwänge und Hemmnisse - er funktioniert eigentlich ganz gut, der Markt. -


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