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brand eins 12/2007 - SCHWERPUNKT: Design

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Ross und Reiter

Der Design-Philosoph Donald A. Norman über die Gestaltung von Autos und Küchengeräten, die mit uns in Beziehung treten und streiten wollen.

brand eins: Herr Norman, in Ihrem Buch "The Design of Future Things" beschreiben Sie eine Welt, in der von Menschen entworfene Geräte mitdenken, uns sogar widersprechen. Welche Folgen hätte das für Designer wie Nutzer?

Donald A. Norman: Gegenstände werden zunehmend intelligenter und reagieren auf äußere Umstände. Autos werden vorsichtig, Haushaltsgeräte streitlustig. Die Maschinen werden nicht intelligent im menschlichen Sinne, aber smarter. Sie benutzen uns Menschen schon, um etwas zu erledigen. Das ist eine Wende, auf die man sich einstellen muss, wenn man neue Geräte entwirft.

Ob es künstliche Intelligenz wirklich gibt, ist strittig - egal, was uns Programmierer oder Marketingleute weismachen wollen.

Ein Teil der sogenannten Intelligenz steckt im Kopf des Entwicklers und wandert von dort ins Auto oder Navigationsgerät. Maschinen haben bislang keinen Schimmer von ihrem Umfeld. Sie messen ihre Umwelt auf vorgegebene Größen und reagieren auf vorgegebene Weise.

Was bedeuten diese Trends für das Design der Zukunft?

Design ist ein sehr komplexer, wandelbarer Begriff. Früher ging es um die äußere Erscheinung, dann um die Funktion, schließlich um die Interaktion zwischen Mensch und Elektronik. Je mehr autonome Systeme wir um uns haben, umso wichtiger wird es für Designer, an die Interaktion zwischen Mensch und Maschine zu denken, also an die Interface-Schnittstellen. Das ist die große Lücke, vor der wir heute stehen: Mensch und Technik haben keine gemeinsame Verständigungsgrundlage.

Haben Sie schon eine Idee, wie die aussehen könnte?

Warum muss bei Geräten immer alles piepsen, flöten, blinken? Wäre es nicht besser, sich an den akustischen und optischen Signalen der Natur zu orientieren, die weniger stören und meist mehr Informationsdichte besitzen? Designer von morgen sollten nicht nur Ingenieur- und Software-Kenntnisse haben, sondern auch soziale und psychologische Kompetenzen besitzen.

Und wie sollten sie diese Kenntnisse einsetzen?

Ich vergleiche Geräte der Zukunft, die ein Gefühl für ihre Umwelt und ihren Nutzer haben, mit einem Reitpferd. Das Pferd weiß, was es will und wie das Gelände beschaffen ist. Es findet seinen Weg von A nach B und handelt autonom, wird aber vom Reiter wie in einer Feedback-Schleife am losen oder kurzen Zügel geführt. Ebenso werden wir bald Autos haben, die selbstständig fahren und sich anpassen, wenn wir angespannt oder nervös sind. Sorgen macht mir allerdings die Übergangsphase, in der schlecht programmierte Maschinen den Menschen Entscheidungen abnehmen, ohne sie in einen Dialog einzubinden.

Ein gut designtes Navigationssystem ist doch ein Geschenk des Himmels ...

Da ist vieles noch nicht durchdacht. Welches System erklärt mir, wie und warum es eine Strecke wählt? Es weiß nicht, wie ich mich fühle, ob ich Zeit habe und deswegen die Landstraße nehmen könnte. Geräte müssen künftig so gestaltet werden, dass sie ihre Handlungen begründen oder transparent machen. Das gibt es bislang nur in Ansätzen. Selbst der modernste vollautomatische Backofen hat immer noch ein Fenster, damit ich beim Backen zusehen kann. Es bringt für den Backvorgang überhaupt nichts. Aber es ist eine vertrauensbildende Maßnahme. Weil der Designer daran gedacht hat. In vielen Lebensbereichen sind wir aufgrund der Technik zu stark von der Wirklichkeit abgeschirmt. Das verleitet etwa beim Fahren zu riskantem Verhalten. Intelligente Geräte sollten uns helfen, indem sie uns die Realität spüren lassen.

Also muss sich ein guter Designer in die Maschinen hineinversetzen?

Ich gehe noch einen Schritt weiter: Man sollte sich vorstellen, wie Maschinen sich untereinander über ihre menschlichen Nutzer unterhalten. Das klingt vielleicht seltsam, aber es wird kommen. Jeder Druck auf die Fernbedienung, jede E-Mail ist bereits eine wenn auch streng geregelte - Unterhaltung zwischen Maschinen. Noch tauschen sie keinen Klatsch über uns aus. Aber denkt man das weiter, kommt man auf völlig neue Ansätze beim Design von Geräten und Benutzeroberflächen. Die Autos und Staubsauger von morgen werden sich überlegen, womit sie uns bei Laune halten oder uns vorgaukeln, wir hätten alles unter Kontrolle.

Wer passt sich hier wem an? Früher haben Sie argumentiert, dass sich die Technik auf den Menschen einstelle.

Ich habe meine Meinung korrigiert. Wir verändern unser Leben, um uns neuer Technik anzupassen, und das ist völlig in Ordnung. Es wirft aber grundlegende Fragen auf, wenn man den Trend weiterdenkt. Nehmen wir neue Bein-Prothesen, mit denen Amputierte wieder einen Marathon laufen können: Das sind Design-Wunder mit schwerwiegenden ethischen und moralischen Konsequenzen. Was machen wir, wenn sich künftig jemand beide Beine abnehmen lassen will, weil er mit den neuesten Hightech-Prothesen schneller laufen kann als je zuvor? Oder nehmen wir die Gentechnik: Was, wenn man sein Denkvermögen oder sein Gedächtnis frisieren kann wie ein Auto?

Worauf muss sich der normale Verbraucher gefasst machen?

Wir werden Drucker zu Hause haben, mit denen sich dreidimensionales Design und die entsprechende Fertigung ins Büro oder Wohnzimmer verlagern. In Ansätzen sehen wir das schon bei Firmen und an Schulen. Ein 3D-Drucker, der vor Kurzem noch 100 000 Dollar gekostet hat, ist jetzt für weniger als 5000 Dollar zu haben und bald für ein paar 100. Das demokratisiert Design in ungeahntem Ausmaß. Jeder kann Objekte, Ersatzteile oder Accessoires entwerfen und die Pläne als Dateien an andere verteilen oder verkaufen. Wir werden in Zukunft alle Designer sein.

Wie denn, wenn alles immer komplexer wird und vernetzte Intelligenz selbst in meiner Kleidung eingenäht sein wird?

Professionelle Designer wird es weiterhin geben. Es ist wie beim Tennis: Die Tatsache, dass mehr Menschen spielen, macht die Profis nicht arbeitslos. Wenn sich jeder an etwas versucht, steigt die Wertschätzung für Fachleute umso mehr.

Sie lehren an der Northwestern University. Nehmen angehende Manager Ihre Warnungen vor halbschlauen Geräten und freiwilligen Amputationen für Designerbeine ernst?

Ich versuche, meinen Studenten "Design Thinking" zu vermitteln: nicht darüber nachdenken, wie man ein vorgegebenes Problem löst, sondern die grundlegenden Fragen erörtern, die sich dahinter verbergen wie die gesellschaftlichen und ökologischen Folgen von Design. Wer immer nur an neue Produkte und Dienstleistungen denkt, füllt Bedürfnisse, die wir in vielen Fällen lieber unbefriedigt lassen sollten. Es gibt schon genug unnötigen Kram. -

Zur Person:

Der Computerwissenschaftler und Unternehmensberater Donald A. Norman hat unter anderem für Apple und Autokonzerne gearbeitet und ist Autor viel beachteter Bücher über Menschen und die von ihnen ersonnenen Maschinen ("The Design of Everyday Things", "Things That Make Us Smart", "The Invisible Computer", "Emotional Design"). Er lehrt an der Northwestern University in Evanston bei Chicago.

Literatur:

The Design of Future Things. Basic Books, New York 2007; 256 Seiten; 27,50 Dollar


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