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brand eins 12/2007 - SCHWERPUNKT: Design
Bierfässer aus Birkenholz
Schönheit rettet die Welt, behaupten die Russen. Tatsächlich benutzen sie Schönheit zu allem Möglichen. Nur nicht, um die Welt zu retten.
- Schönheit, die nicht an sich glaubt, verliert ihren Wert. Auch in Moskau. Was nutzt es Natascha, dass ihre Augen groß sind und honigbraun. Natascha traut ihren Augen nicht, sie trägt blauviolette Kontaktlinsen. "Und ich werde mir", verkündet sie, "die Nase kürzer machen lassen." Nataschas Nase ist nicht länger oder breiter als die von Audrey Hepburn, aber Natascha traut auch ihrer Nase nicht. Sie ist 31, geschieden und überzeugt, dass es höchste Zeit ist, ein paar Tausend Dollar in ihr Gesicht zu investieren.
"Schönheit", sagt ein russisches Sprichwort, "ist eine schreckliche Kraft." Für ihre Schönheit ist jede zweite Russin willens, eine plastische Operation zu riskieren, so eine Umfrage der internationalen Marktforschungsagentur AC Nielsen. Hier sind die Russinnen weltweit führend.
Früher galt Schönheit in Russland als Kraft, die von tief innen kam. Turgenjews oder Tolstois Nataschas waren magere, wilde, ungeschminkte Mädchen, die statt mit Busen mit Blicken bezauberten, voll Sehnsucht nach Liebe, Glück und Selbstaufopferung. Auch die sowjetische Schönheit blieb sehr zweckfrei. Lausig bezahlte Eiskunstläuferinnen schindeten sich jahrzehntelang für ein paar Momente optischer Vollkommenheit. Und die Hauptrollen im Sowjetkino kriegten regelmäßig fischäugige, aber herzensgute Mauerblümchen.
Ganz zu schweigen von den stämmigen Heldinnen der damaligen Plakatkunst. Ästhetisch gewährte die Sowjetdiktatur ihren Bürgern viel weitere Freiheiten als die westliche Fashionkratie: In der UdSSR konnte sich jeder auf der Straße sein eigenes Schönheitsideal aussuchen.
Für schlanke Mädchen hat der Volksmund einen Kosenamen: "Birken". Aus Stolz
Heute aber diktieren auch in Moskau "Vogue" und "Cosmopolitan", was schön ist, zwängt sich auch Russlands weibliches Schönheitsideal in Kleidergröße 36, ist wahres Glück weder in Petersburg noch Perm ohne Botox denkbar.
Aber man braucht nur zwei bis zehn Minuten, um zu begreifen, dass der Terror anglo-arischer Ideale eher Anlass als Grund für die Selbstverstümmelungswut russischer Frauen ist. Zehn Minuten an der Wolgograder Uferpromenade oder zwei Minuten auf einer Petersburger U-Bahn-Rolltreppe. Da wie dort drängen sich einem zu viele, zu junge, zu hübsche Mädchen entgegen, mit zu riesigen, zu neugierigen Augen.
Berjoski, Birken, nennt Russland seine Jungfern, nicht nur wegen ihres schlanken Wuchses, sondern auch, weil sie überall wälderweise herumstehen. Für russische Männer sind diese Heerscharen weiblicher Schönheit angenehmer Alltag, für Ausländer eine Attraktion. "Ohne die russischen Frauen", sagt ein deutscher Manager grinsend, der sich selbst allwochenendlich mit Wonne im Moskauer Birkenwald verläuft, "wären die westlichen Direktinvestitionen hier nur halb so hoch." Oder wie es der Volksmund sagt: "Schönheit wird die Welt retten."
Die Nataschas über 30 drängen auf die Schlachtbänke der Schönheitschirurgen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Auch als Folge des sehr russischen Irrtums, dass im Kapitalismus alles, auch Schönheit, zu kaufen ist.
Und die Männer? "Bei uns laufen so nur die Schwulen rum", staunt mein Wiener Freund Heinz in Moskau. Junge Großstadtrussen schniegeln, strähnen, piercen und ölen sich mit derselben Eitelkeit wie ihre Altersgenossinnen. Zumindest solange sie sich noch als "Maltschiki" fühlen, als Jungs, ohne ernste Absichten. Erst mit etwa 30 werden aus den Jungs richtige Kerle, "Muschiki". Mit viel Muskelfleisch und noch mehr Speck, barocke Prachtbullen, bis auf die kurz rasierten Haare.
Schönheit? "Ein Mann muss nur ein bisschen besser aussehen als ein Schimpanse", hat der im Volk angesehene Ex-General Alexander Lebed einmal gesagt. Jedenfalls ist das männliche Konzept von Schönheit eher unkompliziert: Man ist schön, weil man mehr hat - mehr Fleisch, mehr Hubraum, mehr Macht. "Unsere Reichen glauben, ihre Millionen reichen völlig, um für schön gehalten zu werden", meint die Zeitschrift "Ogonjok".
Die russische Schönheit hat ihre Unschuld verloren, ist längst Mittel zu allen möglichen Zwecken geworden, will Eindruck machen, Nutzen ziehen. Eiskunstläufer biedern sich als TV-Talkmaster an, Bolschoi-Ballerinen angeln sich Milliardäre. Und die Birken lassen sich die Brüste vergrößern.
"Die Frauen bei euch bemühen sich viel weniger, schön zu sein", sagt Olga, 30, nach der Rückkehr von einer Deutschlandreise. "Euren Frauen ist es wichtiger, dass es um sie herum schön ist." Sicher protzen Moskaus Neureiche mit Marmorklosetts und subtropischen Wintergärten. Aber in den Wohnzimmerregalen der Durchschnittsrussen starren rosa Teddybären made in China voll Langeweile auf an die Wand geklebte Kalenderblätter. Und auf den Friedhöfen wuchert Unkraut, auf den Gräbern rosten Sowjetsterne neben Kreuzen, die mit Plastikblumen geschmückt sind. Nicht, dass die Russen ihre Verstorbenen vergessen: Zu Pfingsten picknicken auf den Gräbern die Lebenden mit den Toten. Aber das beerdigte Russland braucht keine Schönheit, um in Frieden zu ruhen.
Dass Schönheit verfliegt, ist Schicksal. Was den Schmerz lindert? Wodka
Die Schönheit der Frauen endet dort, wo sie ihren Zweck erfüllt hat. "Sie heiraten, kriegen ein Kind", schimpft mein Moskauer Freund Wladimir über seine weibliche Verwandtschaft in einem Dorf bei Tula, "und hast du nicht gesehen, werden die Mädels zu Weibern. Dick, fetthaarig, nur damit beschäftigt, im Garten zu buddeln, zu fressen und über die Nachbarn zu tratschen." Bierfässer aus Birkenholz. Ihre Gatten arrangieren sich: "Es gibt keine hässlichen Frauen", spottet der Volksmund, "es gibt nur zu wenig Wodka." Vielleicht hat Schönheit in Russland nie mehr als eine Handvoll adliger Dichter oder sowjetischer Asketen wirklich beunruhigt.
Es ist mehr als hundert Jahre her, da schrieb Walerij Brjussow seine Erzählung "Im Spiegel": Eine junge Frau verliebt sich so heftig in ihr Spiegelbild, dass sie darüber den Verstand verliert. Manchmal, nachts, in wummernden Provinzdiskotheken, trifft man auch heute Schönheit, die sich an sich selbst berauscht. Ein bildhübsches, junges Mädchen bewegt sich vor einer Spiegelwand und verschlingt das eigene Spiegelbild mit großen, gierigen Augen. Schönheit, die alle Konkurrentinnen vergessen hat, alle männlichen Bewerber ignoriert und wie verzaubert mit sich selbst tanzt. Man mag es Narzissmus nennen, vielleicht auch Erkenntnis in der Ekstase: Mein tanzendes Spiegelbild ist wunderschön, aber ich kann es nicht festhalten, nicht konservieren oder verkaufen.
Auch russische Schönheit ist eine sehr flüchtige Materie. -
