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brand eins 12/2007 - SCHWERPUNKT: Design

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Aus der Froschperspektive

Design steckt in der Klemme.

Entweder rutscht es zum austauschbaren Styling ab oder steigt zur strategischen Innovationsplanung auf.

Das legendäre Designhaus Frog muss sich deshalb neu erfinden.

- Es sollte der große Start in die Welt der Nachhaltigkeit werden. Eine knapp 40 Jahre alte Firma, so der Plan, springt ganz vorn auf den grünen Zug auf, der durch die Design- und Fertigungswelt rollt. Dazu hatte Frog Design in einem hippen Viertel San Franciscos die "Hundepark Studios" angemietet und Einladungen verschickt, um genau zum World Design Congress eine Handvoll neuer Konzepte rund um umweltfreundliches Leben und Arbeiten vorzustellen.

Über eine Million Dollar hatte das Unternehmen in seine Mischung aus Denkfabrik und hauseigenem Inkubator gesteckt, um ein Handy für Schwellenländer und eine umweltfreundliche Glühbirne zu entwerfen. Doch einen knappen Monat vor der Eröffnungsveranstaltung für die Frogware getaufte Initiative setzte sich deren geistige Mutter Valerie Casey, die Kreativ-Direktorin des Unternehmens, zum Konkurrenten Ideo ab, um dort künftig das zukunftsträchtige Gebiet Software-Erfahrung zu leiten. Aus der großen Premiere wurde ein Empfang in Frogs Büroräumen.

Eigentlich hätte sich ein Design-Veteran, der den Laden wie kein Zweiter kennt, angeboten, um durch Frogs Sprung in die grüne Zukunft zu führen. Hartmut Esslinger gründete die Agentur bereits 1969 in Deutschland und machte sie mit Kunden wie Apple und Sony zur großen Nummer im Silicon Valley und im Rest der Welt. Esslinger indes wollte nicht den Moderator für Frogware spielen, denn das Unternehmen hat mit seiner Kreativbude von einst nur noch wenig gemein (siehe Kasten unten). Und für die Nachwuchs-Designer redet Esslinger manchmal zu sehr, wie ihm der 68er-Schnabel gewachsen ist.

Die jüngsten Irrungen und Wirrungen von Frog sind eine Fallstudie für das Dilemma, in dem Designer in Zeiten von Globalisierung und allgegenwärtiger Software stecken. Einst war der Entwurf von Objekten eine Dienstleistung, die Firmen als Kostenfaktor wohl oder übel akzeptierten. Irgendjemand musste den neuen Fernseher schöner machen als den vorherigen. Designer waren gedungen und geduldet, sie lebten von der Produktion ihrer Ideen durch Dritte. Das war die alte Welt, in der Frog wuchs und gedieh - vor allem dank gut dotierter Aufträge von Großkunden wie Hewlett-Packard oder Microsoft, um wechselnde Kombinationen neuer Hardware und Software zu entwerfen.

Diese Arbeit verrichten Esslingers Erben auch heute noch. Aber Design ist inzwischen etwas völlig anderes geworden: am unteren Ende des Spektrums eine oft sinnleere Worthülse, um möglichst billige Styling-Versuche an allerlei Produkten von der Hotelkette bis zur Klobürste semantisch wie preislich aufzuwerten. Am oberen Ende ist es in eine strategische Schlüsselrolle bei der Unternehmensplanung hineingewachsen.

Das Nachdenken über Form, Funktion und die finanziellen, sozialen wie ökologischen Folgen setzt früher und weiter oben in einem Unternehmen an. Ein Konzern, der etwas auf sich hält, leistet sich einen dem CEO unterstellten Manager für Strategie- und Designfragen. Zahlreiche Universitäten haben Design bereits in ihre Kurse rund um Herstellung und Management integriert.

Wer in dieser neuen Welt als Designfirma erfolgreich mitspielen will, steht vor einer schwierigen Positionierungsfrage. Er kann sich, wie der Konkurrent Ideo, als geistiger Marktführer rund um das Thema Innovation etablieren. Er kann kleine Beiboote abspalten und in Start-up-Manier riskante Projekte selbst verfolgen, also Kreativität anbieten, statt auf den Auftrag zu warten.

Frog aber muss den Weg zum postindustriellen Sinnstifter erst noch finden. Die Frustration des Gründers schimmert durch, wenn man ihn am Firmensitz in Palo Alto trifft. Esslinger streift durchs Büro wie ein alter Löwe. Bis 2004 war der berühmte Designer-Laden noch durch und durch seine Kreation. Die Belege für Esslingers goldenes Händchen stehen auf schlichten Regalen wie Museumsstücke. Vor allem der Sony-Trinitron-Fernseher und der Apple IIc, für den Steve Jobs den Schwaben anheuerte, legten das Fundament für Frogs Legende als Adresse für besonderes Industriedesign und machten Esslinger zum Helden.

Das ist allerdings ein Vierteljahrhundert her, und man sieht es Objekten wie Erfinder an. Der Designer, der inzwischen einen US-Pass besitzt, beugt die silberne Mähne über ein paar bunte schnurlose Telefone und Walkie-Talkies, die er im Auftrag von Walt Disney entwickelte, fährt sich mit etwas unruhiger Hand über die Bartstoppeln und sinniert über die Zukunft der Informationstechnik.

Esslinger ist nicht mehr der Chef im Haus, sondern Berater und Professor für Industriedesign an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Vorher führte er das Unternehmen aus der Dotcom-Flaute und verkaufte es 2004 in gutem Zustand. Mit mehr als 350 Mitarbeitern in neun Studios von Schanghai bis Herrenberg bei Stuttgart und angepeilten 78 Millionen Dollar Umsatz im Jahr 2007 scheint auf den ersten Blick alles im grünen Bereich.

Doch Frog Design 2007 hat mit der Ursprungsfirma nur noch wenig gemein. Zum einen gehört die Firma seit einem Jahr zum Imperium der Finanzbeteiligungsfirma Kohlberg Kravis Roberts (KKR & Co.), die rund 53 Milliarden Dollar von Privatanlegern in diverse Unternehmen wie etwa die deutsche ProSiebenSat.1 Media AG investiert und Frog in eine globale Maschinerie für Software-Outsourcing mit dem Fantasienamen Aricent integriert hat.

Zum anderen kann sich Frog nicht mehr auf seinen Lorbeeren aus den achtziger und neunziger Jahren ausruhen, sondern muss dort aggressiv um Kunden kämpfen, wo jüngere Anbieter heute Umsatz und Aufmerksamkeit ernten: bei strategischer Beratung entlang der gesamten globalen Wertschöpfungskette vom Entwurf in Europa über Fertigung in Asien bis zu Vertrieb, Marketing und Werbung in den USA. Das bringt massive Veränderungen mit sich, wie Doreen Lorenzo, Leiterin des operativen Geschäfts, feststellt. Seit zehn Jahren ist sie bei Frog und hat das Auf der Internetblase und das Ab der folgenden Kurskorrekturen miterlebt. "Wir waren eine projektbezogene Firma. Vor zehn Jahren wären wir zu einem Kunden gegangen, hätten ihm Entwürfe vorgelegt und gesagt: , Wir sind Designer ganz in Schwarz, wir sind cool! ' Aber wir sprachen nicht die Sprache unserer Kunden. Das war unsere größte Lücke."

Frog musste erst lernen, seine Kompetenz als strategischer Ratgeber von der richtig angebrachten Schraube bis zum schlanken Vertriebsmodell aufzubauen. "Seit 2004 haben wir uns auf das Beratungsgeschäft konzentriert, seit 2006 ist der Aufbau, auch was das Personal angeht, in vollem Gang", berichtet Lorenzo. Gegenwärtig, schätzt sie, seien rund ein Zehntel aller Frösche strategische Berater, Tendenz steigend. Der Personalzuwachs ist so einfach nicht, denn Berater kommen aus einer anderen Welt mit stolzen Gehältern, aggressivem Auftreten und wenig Loyalität.

Eine solche Neuausrichtung des Geschäfts will vorsichtig angegangen werden - die jüngste Geschichte von Frog und die brenzlige Situation nach der Dotcom-Blase sind Lorenzo noch schmerzhaft im Gedächtnis. "Was haben wir daraus gelernt?", sinniert der Gründer Esslinger heute. "Einmal, dass sich Design nicht demokratisieren lässt, indem man den Prozess einfach online stellt. Es ist und bleibt eine Elite-Angelegenheit, eine Frage von Begabung und Motivation. Deswegen bin ich froh, dass ich heute in Wien lehre und Leuten ins Gesicht sagen kann, dass sie kein Talent besitzen." Zum anderen, sagt er, habe sein Unternehmen nicht grundsätzlich falsch gelegen.

Der damals erkannte Trend zum Entwurf ganzer Erlebniswelten für den einzelnen Nutzer hat sich noch verstärkt. Es geht längst nicht mehr um einen schön gestylten Kasten, ein einziges Gerät, das die Wünsche möglichst vieler Kunden befriedigt, sondern um persönlich zugeschnittene Bündel aus Software, Hardware und Service, die immer weiter zu einer Erfahrung verschmelzen. Produkt und Dienstleistung werden eins - kein Wunder also, dass auch die Idee vom reinen Industriedesign überholt ist.

"Mir ging es noch nie um Industriedesign", ereifert sich Esslinger, der gerade mit dem Manuskript für eine Autobiografie mit dem Arbeitstitel "Made in Frogland" ringt, die 2008 erscheinen soll. "Aber in die Schublade gerät man schnell. Design ist immer ein Mittel zum Zweck, ebenso wie Beratung heute auch nur ein Mittel zum Zweck ist. Kreative und Geschäftsleute sollen eine Einheit bilden." In der Einleitung zu seinem Buch nennt Esslinger das vollmundig "kreative Strategien für eine humanisierte Industrie", in der die Form nicht mehr der Funktion folgt, sondern dem Geist, genauer: Emotionen und Werten.

Das Finanzielle, das Esslingers Visionen mit sich bringt, überließ der Designer schon immer seiner Ehefrau Patricia Roller, die mit ihren 44 Jahren fast 20 Jahre jünger ist als er. Er bezeichnet sie als die Seele von Frog, sie selbst muss bei der Beschreibung schmunzeln. "Ich war eher der Kopf, Hartmut die Seele. Wir sind wie Yin und Yang", berichtigt sie ihren Ehemann, der vor einigen Jahren einem Reporter verriet, nicht zu wissen, wie viel Gehalt der eigene Betrieb ihm zahlt. Bis 2004 hatte das ungleiche Paar den Laden wieder auf Kurs gebracht und den jährlichen Umsatz auf 35 Millionen Dollar gepäppelt, sodass sie Frog gewinnbringend verkaufen konnten. "Ab einer bestimmten Unternehmensgröße haben private Eigentümer wenig Sinn", argumentiert Roller, die damals zusammen mit Esslinger noch 93 Prozent der Anteile hielt.

Mittlerweile ist Frog eine Abteilung von Aricent, dem weltweit agierenden Entwickler von Software, Netzwerk-Infrastruktur und Mobilgeräten, dessen Mitarbeiter zur Mehrzahl in Indien sitzen und weitgehend unsichtbar bleiben. "KKR gab uns die Option, unseren Laden zurückzukaufen und weiterzumachen", sagt Esslinger. "Aber irgendwann mussten wir raus."

In den Augen der Gründer haben die neuen Eigentümer nichts am Charakter ihrer Firma verändert. "Sie schätzen unsere Markenkultur und betrachten uns ein bisschen wie eine Trophäe, die man sorgfältig behandelt. Und KKR hat gute Firmen im Portfolio, bei denen wir frühzeitig an interessante Projekte herankommen", sagt der ehemalige Chef. Machen die Finanzprofis zu viel Druck? "Nein! Design ist ein hartes Geschäft, und wir sind gezwungen, profitabel zu sein. Es ist wie bei einem Schwimmer, der immer ein Krokodil hinter sich hat. Das tut uns allen nur gut."

Die beiden Exildeutschen haben keineswegs Kasse gemacht, um sich zu verabschieden. Sie tauchen regelmäßig am Firmensitz in Palo Alto auf und sprechen mit der neuen Führungsmannschaft unter COO Doreen Lorenzo. "Ich höre mir drei-, viermal die Woche an, was Doreen so macht, auch wenn ich bei manchen Entscheidungen zusammenzucke", gibt Roller zu. Ihr Hauptaugenmerk richtet sie auf eine engere Zusammenarbeit mit den örtlichen Elite-Universitäten Berkeley und Stanford. "Innovation kommt aus der akademischen Welt, und an Hochschulen müssen wir uns aktiver darstellen - auch um neue Talente zu rekrutieren. Konkurrenten wie Ideo haben das schon verstanden."

Mit Aricent im Rücken ist Frog wieder auf Wachstumskurs. Der Umsatz soll sich 2007 von 50 auf knapp 80 Millionen erhöhen. Die Zahl der Studios hat mit neun den Stand vor dem Dot-com-Einbruch erreicht, nur dass diesmal mit der Expansion anders verfahren wird. Heute schickt die Zentrale ein, zwei Mitarbeiter in eine neue Stadt und lässt sie dort in zeitweilig angemieteten Büroräumen die Lage sondieren, bevor größere Investitionen getätigt werden. So geschehen in Seattle, wo die Frog-Präsenz seit September 2006 von einem auf 19 Mitarbeiter gewachsen ist. Als ersten Brückenkopf in China gibt es seit März 2007 ein Büro in Schanghai mit bislang vier Mitarbeitern, das bis Ende des Jahres auf rund ein Dutzend Personen wachsen soll. "Früher wären wir dort eingerollt und hätten ein Büro toll eingerichtet", so Lorenzo. " Jetzt gehen wir behutsamer vor."

Das Gleiche gilt für Europa. Derzeit unterhält Frog ein 41köpfiges Studio in Deutschland und ein kleineres mit 15 Mitarbeitern in der Design-Hochburg Mailand. Eckhard Wunder, neuer General Manager für Europa, der nach 15 Jahren als globaler Marketing-Mann bei Procter & Gamble ins brave Schwaben gezogen ist, hat bereits neue Wachstumsregionen im Auge: Osteuropa und Skandinavien, daneben England und Frankreich.

Dabei kann Frog nun damit werben, seinen eigenen Stall an Programmierern in Niedriglohnländern zu unterhalten. Die Schnittstelle zwischen Aricents Entwicklern und den 350 Kreativ-Fröschen ist Collin Cole. Seit zwölf Jahren dabei, hob er 1996 die Digital-Media-Gruppe in Austin aus der Taufe. Jetzt, glaubt Cole, sei der Kurswechsel auf einem gutem Weg. Die enge Verbindung mit den Mobiltüftlern sei dazu ideal.

Meist sind es kleine Teams von 15 bis 20 Kreativen und Programmierern, die an digitalen Designprojekten wie einem neuen Handy samt neuer Benutzeroberfläche und neuen Diensten arbeiten. Anstatt Modelle zu bauen oder Menüs zu simulieren, können die Frog-Denker in Palo Alto, Austin oder New York jetzt ihre (meist unbekannten) Kollegen in Indien oder der Ukraine mobilisieren, die kurzfristig voll funktionsfähige Programme entwerfen.

Frog hat viel zu bieten. Aber wenig, was andere nicht haben

Auch wenn Cole betont, dass kaum eines der anderen führenden Designhäuser wie Smart Design oder Ziba eine derart tief gestaffelte Expertise unter einem Dach bieten kann - Branchenkenner sehen das keineswegs als überzeugenden Wettbewerbsvorteil. "Eine Gruppe Software-Entwickler oder Fabriken in Asien kann sich jeder suchen. Eine globale Lieferkette für digitale Produkte oder Software ist nichts Besonderes", sagt Bruce Nussbaum, leitender Redakteur des Wirtschaftsmagazins "Business Week" und einer der Wächter über Design und Innovation. " Jeder Designer, der etwas auf sich hält, hat ein solches Netzwerk."

Darüber hinaus stellt Frogs Integration in eine globale Out-sourcing-Firma die grundsätzliche Frage, welche Rolle ein verhältnismäßig kleiner Design-Shop als Superhirn in der globalen Wertschöpfungskette spielen soll. Es ist keineswegs sicher, dass die vertikale oder horizontale Integration in gut geölte Entwicklungs- und Fertigungsapparate der beste, geschweige denn innovativste Weg ist.

Fester Teil eines Kreativ-Fließbandes wie Aricent und dessen nimmersattem Eigentümer KKR zu sein, sorgt sicherlich für jede Menge Gelegenheiten bei weltweit agierenden IT-Firmen - den Motorolas, Dells und Hewlett-Packards dieser Welt. Aber meist sind das Projekte wie Plasma-Fernseher, Computer oder Software, für die Klienten eine einmalige Gebühr zahlen und bei denen sich Frog hinter der Eigentümermarke verstecken muss, ohne am wiederkehrenden Einkommensstrom oder Ruhm teilzuhaben.

Bei Frog wird das Modell der hauseigenen Entwicklung erst zaghaft angedacht. Die Frogware-Initiative soll Designer ermutigen, sich Ideen für Produkte oder Dienstleistungen rund um umweltbewusstes und nachhaltiges Wirtschaften einfallen zu lassen. In Brainstorming-Sitzungen im Sommer heckten Kreativ-Teams an mehreren Standorten insgesamt neun Konzepte aus, von denen drei Mitte Oktober als Prototypen vorgestellt wurden.

"Ursprünglich wollten wir drei Projekte herauspicken", erklärte Valerie Casey kurz vor ihrem Weggang zu Ideo, als sie Frogware noch als wichtigstes Projekt aller Zeiten anpreisen musste. Stattdessen fiel die Entscheidung, alle neun weiterzuverfolgen und auf ihre Kommerzialisierung hin zu prüfen. Das Unternehmen geht noch weiter und will eine Art innovativen Sandkasten innerhalb seiner Studios einrichten, um jedes Vierteljahr neue Ideen auszubrüten. Die Folgekosten und das Geschäftsmodell für diesen Brutkasten stehen noch nicht fest.

Auf jeden Fall will sich die in die Jahre gekommene Firma bei der Konkurrenz, bei Klienten und in den Medien wieder als Vordenker ins Gespräch bringen, wenn es um die "grüne Bewegung" geht. Der Journalist Bruce Nussbaum bezweifelt jedoch, dass die Kurve zum strategischen Beratungshaus damit schon geschafft ist. "Ich bin ein Fan von Frog Design, und wir hatten sie als eine der ersten Designfirmen auf dem Titel", erinnert Nussbaum an ein "Business-Week"-Cover aus dem Jahr 1990, auf dem Esslinger auf einem Motorrad thront. "Da befanden sie sich wohl auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Seitdem haben sie eine Menge Wandel durchgemacht und treiben immer noch auf See herum, auf der Suche nach sich selbst. Ich hoffe, sie rappeln sich wieder auf." Alle größeren Designfirmen hätten nach neuen Geschäftsmodellen gesucht und den Wechsel zu mehr strategischer Beratung angekündigt - aber bei Frog vermisst der Innovationsautor bislang die praktische Umsetzung. "Wenn man mit Unternehmen über die großen sechs oder acht Beraterfirmen spricht, die sie engagieren wollen, fällt der Name Frog nicht sehr oft." -

Ein kurzer Ausflug in die Frog-Geschichte

1969

Hartmut Esslinger gründet in Altensteig die Agentur Esslinger Design, die 1982 zu Frog Design wird. Früh holt er Ingenieure ins Team, die sich mit Fertigung und Materialien auskennen.

1984

Der Apple IIc kommt auf den Markt. "Time Magazine" kürte den Computer zum "Design des Jahres". Frog eröffnet ein Studio in Tokio und sammelt Kunden von A wie A & T bis Z wie Zeiss.

Mitte der neunziger Jahre

Frog erweitert das Team um Programmierer und Fachleute für digitale Medien und Internet. Das bringt neue Kunden, unter anderem den Computerhersteller Dell und Start-ups mit reichlich Spielgeld. Sie bringen eine neue Kultur der Hektik und des schnellen Geldes ins Unternehmen, die sich mit den Ansprüchen und Werten der Designer alter Prägung nicht immer verträgt.

Ende der neunziger Jahre

Frog hat Studios in aller Welt, allein drei in Deutschland. Gleichzeitig plant das Designstudio Frogwerk ein softwarebasiertes Netz, das Designer, Entwickler und Klienten verbinden und bei Ideenfindung und Realisierung einbinden soll.

2000/01

Die Dotcom-Euphorie ist verflogen, Frog muss 119 seiner 318 Mitarbeiter entlassen und Büros in Tel Aviv, Berlin und Düsseldorf schließen. Der deutschen Tochter hilft nur eine Insolvenz. Das ehrgeizige Frogwerk-Konzept wird zum sechs Millionen Dollar teuren Abschreibungsobjekt. 2000 bricht der Umsatz von rund 30 Millionen Dollar auf 20 Millionen im Folgejahr ein.

2004

Esslinger verkauft die inzwischen wieder konsolidierte Frog Design an Flextronics, einen der größten Auftragshersteller für Verbraucherelektronik. Flextronics ist zu dieser Zeit mit 82 000 Beschäftigten in 29 Ländern und 14,5 Milliarden Dollar Umsatz die verlängerte Werkbank für IT-Größen wie Dell und Motorola. Was fehlt, ist solide und anerkannte Designkompetenz - die sich Flextronics-CEO Michael Marks nun über fast ein Dutzend kleinerer Design- und Softwarehäuser zukauft. Für Frog bezahlt er geschätzte 25 bis 30 Millionen Dollar.

2006

Der neue Flextronics-Chef Mike McNamara konzentriert sich wieder aufs Kerngeschäft und will die kreativen Geister von Frog & Co. loswerden. Sein Vorgänger Marks, inzwischen zum Private-Equity-Riesen Kohlberg Kravis Roberts (KKR) gewechselt, greift zu. KKR kauft Flextronics die komplette Software-und Designfamilie im September 2006 für rund 900 Millionen Dollar ab (das Risikokapital-Haus Sequoia Capital ist Minderheitspartner bei diesem Deal). Einen Monat später wird das "Unternehmen für Kommunikations-Software" in Aricent umbenannt.

 

Der Weg von Ideo

Die Design-Firma Ideo, 1991 in Palo Alto gegründet, gilt heute als Synonym für innovatives Denken und hat eine Nische neben traditionellen Beratern wie McKinsey oder Bain & Company besetzt. Denn Ideo zeigt zusätzlich zur Firmenstrategie auf, wie man sie in spezifische Produkte oder Dienstleistungen umsetzt.

Das Verhältnis zwischen Klienten und professionellen Vordenkern hat sich seit den neunziger Jahren grundlegend gewandelt - nicht zuletzt, weil inzwischen selbst Auftragsproduzenten in Fernost die Basisanforderungen an Industriedesign erfüllen. Das hat die Bruttomargen für klassische Anbieter wie Ideo und Frog von einst 60 auf 25 Prozent gedrückt.

Ideo wollte deshalb bereits bei der Markenpositionierung ansetzen - lange bevor erste Entwürfe zur Debatte stehen. Ideo-General Manager Tom Kelley versteht es, unermüdlich laut nachzudenken und mit Büchern wie "The Ten Faces of Innovation" die Werbetrommel zu rühren. Die implizite Botschaft: Ideo hat die beschriebene Idealmischung kluger Köpfe, rationaler Macher und wilder Träumer. Und schafft es so, mit seinen weltweit rund 500 Mitarbeitern, davon 150 am Hauptsitz in Kalifornien, im Geschäftsjahr 2005 rund 82 Millionen Dollar umzusetzen.

Wer sich in Ideos Studios umsieht, wird mit Foto-Tagebüchern im Schuber, kreativen Spielkarten und anderen, aufwendig produzierten Handreichungen zum Brainstorming eingedeckt. Schnell sind Besucher davon überzeugt, dass sie es mit einer neuen Spezies Anthropologen zu tun haben. Statt einem Stamm Ureinwohner im Amazonas-Regenwald folgen die Ideo-Mitarbeiter Verbrauchern in aller Welt nach Hause und in den Supermarkt und dokumentieren detaillierte Handlungsabläufe eines Tages im Leben von Herrn und Frau XYZ.

Mit ihrer Betonung der am Menschen ausgerichteten, oft unkonventionellen Markt- und Kundenforschung besitzen Kelley und Ideo keineswegs das Monopol auf kreatives Nachdenken und Tüfteln - viele Methoden sind Branchenstandard. Und Kelleys Mannschaft hat über die Jahre hinweg dieselben namhaften Kunden bedient wie Frog ein paar Kilometer weiter. Auch beim Personal gibt es etliche Verbindungen. So rückte kurz nach dem Abgang von Frogs Design-Chefin Casey ein Ideo-Mitarbeiter auf ihre alte Stelle.

Aber das Unternehmen, das inzwischen als 100-prozentige Tochter zum Büromöbelhersteller Steelcase im fernen Michigan gehört, verspricht seinen Kunden die große Vision - und denkt erst dann über Hardware und andere Produkte mit immer kürzerer Lebensdauer nach. "Wir helfen Organisationen, durch Design innovativ zu sein", heißt es schlicht auf Ideos Website.

 

Der dritte Weg

Immer mehr junge Design-Firmen gehen einen anderen, dritten Weg, der sich weder an Frogs Allround-Auftragsarbeit noch an Ideos Ringen um die geistige Marktführerschaft ausrichtet. "Sie bleiben absichtlich klein und unabhängig, mit 20, 30, 40 Leuten, und konzentrieren sich auf Partnerschaften für Branding und sogar neuerdings Werbung", beschreibt der Design-Kenner Bruce Nussbaum von "Business Week" den aktuellen Trend.

Die Designer von morgen haben nach ein paar Jahren in den großen Firmen Lust auf Selbstständigkeit. Sie handeln Verträge mit Unternehmens- und Gewinnbeteiligung aus, bei denen sie einen Kunden nicht nur vom Modell bis zum Marketing beraten, sondern gleichzeitig die eigene Marke verbreiten. Diese Variante des Design-Geschäfts erinnert an die Verträge, die Gründer mit Venture Capitalists oder Inkubatoren abschließen.

Während Frog nach eigenen Angaben bei nur einem Zehntel seines Geschäfts Lizenzgebühren oder Tantiemen aushandelt, sind Konkurrenten wie Smart Design, Continuum oder die gerade frisch gegründete Boutiquefirma Ammunition in San Francisco ganz erpicht darauf, wie ein intellektueller Investor Rendite zu kassieren. Ganz zu schweigen von Designfirmen wie Yves Béhar oder Karim Rashid, bei denen der Gründer zum eigenen handelbaren Markenartikel geworden ist, der seine Ideen lizenziert.

Béhar, Gründer von Fuseproject, schätzt, dass knapp die Hälfte seiner Arbeit in den vergangenen vier Jahren in Form von Risikobeteiligungen oder Partnerschaften zustande kam. Ihm geht es darum, "intelligente und schlüssige Geschichten" rund um Marken und Produkte zu konstruieren, die sich auf Jahre hinaus zu Geld machen lassen - und das mit einem verhältnismäßig kleinen Team.

Ähnlich sieht das der Gründer und Chef von Ammunition, der Design-Veteran Robert Brunner. Zuvor hat er bei legendären Firmen wie Lunar, Apple und zuletzt Pentagram gearbeitet, nun will er mit seinem neuen 17-Mann-Studio nicht nur anderen Unternehmen Ideen liefern, mit denen diese dann Geld verdienen, sondern vom Erfolg seiner Innovationen selbst profitieren. Das kann in Form von Anteilen an seinen Klienten geschehen oder mittels Tantiemen nach der Markteinführung. Dazu trieb er 600 000 Dollar Startkapital auf und sucht derweil nach weiteren zwei Millionen Dollar für künftige Projekte. Design ist für ihn geistiges Eigentum und keine Dienstleistung. Brunner plant, innerhalb der nächsten drei Jahre den Umsatzanteil aus Tantiemen und Beteiligung von anfangs 20 auf 50 Prozent zu steigern.

Ein Extremfall für diese Art der Risikodesigner ist das Duo Brian Witlin und Doug Patt, Gründer einer virtuellen Design-Firma namens Rootphi. Der ehemalige Ideo-Angestellte tat sich vor zwei Jahren mit einem Architekten zusammen, um "Ideen zu lizenzieren", wie Patt es formuliert. Die beiden heuern je nach Arbeitsaufkommen einige wenige freie Mitarbeiter in aller Welt an und brüten Konzepte so weit aus, dass sie sie entweder selbst fertigen und vertreiben lassen können oder komplett an ein anderes Unternehmen abtreten. "Das geht vom funktionsfähigen Prototyp bis zum Vertriebspartner - jedes Modell ist möglich, solange die Idee auf den Markt kommt", sagt Patt. "Ich wollte keine Beraterrolle mehr spielen", erinnert sich Witlin an seinen Absprung von Ideo. "Mein Ideal bestand darin, sogenannte , disruptive ideas' auszuprobieren." Also neue Einfälle, die Furore machen und zum Schlager oder Flop werden können.

Ein gutes Beispiel ist Reclaim - eine von Rootphi entwickelte Technik, um aus Plastiktüten, die sonst auf der Müllhalde landen, mit spezieller Laminierung teure Beutel mit Botschaft zu machen. Patt und Witlin tüftelten monatelang an der richtigen Mischung, der richtigen Maschinerie und der richtigen Temperatur, um Abfall zu stilvollen Taschen umzuwandeln, und zwar so, dass die bekannten Logos auf den Tüten auch im Endprodukt noch deutlich zu erkennen sind. Das Projekt zog die Aufmerksamkeit des Taschenherstellers Timbuk2 auf sich, der die ungewöhnlichen Tüten jetzt in sein Sortiment aufgenommen hat.

Immer öfter wird aus solchen Tüfteleien sogar ein komplett neues Unternehmen. Für einen auf Hochglanz polierten Edelgrill namens Fuego etwa tat sich Brunners alte Firma Pentagram mit einem ihm bekannten Unternehmer zusammen und stellte das luxuriöse Grillgerät als ersten Teil einer Serie von Garten-Accessoires der Marke Fuego Living her. Bis 2010 will Ammunition seine Fuego-Ausgründung zu einem Geschäft mit 30 Millionen Dollar Umsatz ausbauen.

Gegenwärtig regieren die mutigen Vordenker die Welt. Fuegos Grill etwa erntete mehrere Designpreise, unter anderem in der viel beachteten Jahresrevue für herausragendes internationales Design in "Business Week". Von den 81 ausgezeichneten Produkten holte die Designgröße Ideo übrigens sieben Medaillen, kein einziges Produkt stammte aus dem Hause Frog. Ebenso wenig taucht das Unternehmen in der Hitliste der 14 erfolgreichsten Design-Firmen der vergangenen fünf Jahre auf.

Diese Beobachtung bestätigt sich beim Blick in Trendmagazine, die an der Schnittstelle von Wirtschaft, Gestaltung und grünsozialem Gewissen operieren. Als das US-Innovationsmagazin "Fast Company" eine ganze Ausgabe dem Design von morgen widmete, strahlte Béhar vom Titelblatt. Von Frog fand sich kein Wort, auch nicht in der Design-Sondernummer des Magazins "Good". Selbst beim Blick in die Geschichte lobenswerten Industriedesigns haben die Blattmacher mit Altersdurchschnitt um die 30 die Legende Frog vergessen.


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