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brand eins 04/2009 - SCHWERPUNKT: Führung / Unterschied

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Mama, Papa, Vabba

Schweden ist ein familienfreundliches Land. Aber auch dort gibt es kein Patentrezept für die vielen Überraschungen, die das Leben für berufstätige Eltern bereithält.

Ein Lehrstück über Pragmatismus.

- Das Geheimnis der schwedischen Fleischbällchen, sagt man, liege nicht im Hack oder Ei oder den alten Brötchen, sondern in der Liebe, mit der man sie anbrät. Das war schon bei Karlsson vom Dach so, dem Kind mit dem Propeller auf dem Rücken. Und das ist an diesem Abend auf Södermalm so, dem Familienviertel auf den Felsen von Stockholm. Maria macht Köttbullar mit Soße. Tochter Majken wippt auf dem Kinderstuhl herum. Olle, Majkens großer Bruder, kreist mit ausgebreiteten Armen durch die Wohnung, als habe auch er einen Propeller auf dem Rücken. Seit halb sechs in der Früh. Oder halb fünf. Ganz genau weiß das Maria, zwölf Stunden und einen Arbeitstag später, nicht mehr.

Maria Hammarsten ist eine schwedische Mutter. Sie hat zwei Kinder, einen Arbeitsplatz und einen Lehrer als Mann. Das funktioniert - wie es überhaupt in Schweden etwas besser zu funktionieren scheint, beiden Welten gerecht zu werden: der chaotischen Welt der Familie und der geordneten im Beruf.

Dass acht von zehn schwedischen Müttern arbeiten gehen, hat allerdings nur teilweise mit den Geheimrezepten zu tun, die Deutschland übernommen hat - mit den Kindertagesstätten, der Elternzeit und den Fleischbällchen aus dem Möbelhaus. Entscheidend ist vielmehr, was die Arbeitswelt über das Leben von Familien mit Kindern gelernt hat: dass es nicht planbar ist, weil auch Kinder mit garantiertem Kita-Platz Zähne bekommen, krank werden oder am falschen Tag von der falschen Schaukel fallen.

Das ist ja der Witz bei der Sache, sagen sie in Schweden.

Auch im Sozialstaat bleibt Familie ein Abenteuer

Auf Södermalm sieht es an diesem Abend nicht so aus, als sei noch Energie übrig für ein Loblied aufs Kinderparadies. Maria hat einen Arbeitstag bei Kaplans hinter sich, dem großen Auktionshaus in der Innenstadt. Sie war mit Majken beim Kinderarzt, grub sich mehrmals durch Schnee. Und Martin, ihr kurz rasierter Mann, hängt mehr quer als längs auf dem Sofa - mit einem Bilderbuch in der Hand, vor dem Olle theoretisch irgendwann einschlafen könnte. In der Praxis macht der Zweijährige aber wie alle Zweijährigen immer das, was man gerade nicht von ihm erwartet.

Drei Zauberworte gibt es, mit denen Maria diese Tage durchsteht. Das erste lautet "Dagis" (Kindergarten) und gilt für Olle, ab Sommer für Majken. Das zweite lautet "Martin" und hängt mit der Elternzeit zusammen, die variabel ist und unter den Vätern Södermalms schon aus Prestigegründen so unerlässlich ist wie der High-tech-Kinderwagen. Das dritte Wort schließlich, sehr schwedisch und als "außerordentliches Elterngeld" mit dem deutschen "Anspruch auf Freistellung und Krankengeld" kaum zu übersetzen, heißt "Vabba" und ging aus einer Abkürzung hervor, die für die Betreuung kranker Kinder steht: "Vård av sjukt barn". Ausgiebig eingesetzt, ist Vabba längst zu einem Modewort geworden.

" Jag vabba", rufen schwedische Eltern, wenn ihre Kinder krank sind. "Ich vabbe! ", winken sie, wenn der Kindergarten urplötzlich dicht hat. "Vabba! " Prompt schüttet die Sozialversicherung 80 Prozent des Gehalts aus. Und zwar bis zu 60 Tagen im Jahr. Pro Kind und Elternteil. Und in den ersten sieben Tagen ganz ohne Attest. Das ist gut für die Nerven von Eltern.

Die Vabba-Kultur ändert allerdings wenig an den Herausforderungen im Job. Denn auch in einem Schweden, das sich als Familienidylle stilisiert, gibt es die üblichen Verdächtigen, die (potenzielle) Mütter und Väter als Super-GAU für die Unternehmensplanung betrachten. Wobei die Kollegen zuweilen schwieriger sind als die Vorgesetzten.

Kinder zahnen, fiebern, stürzen. Kinder trödeln, toben, trotzen. Kinder haben keine Lust, im Wochenplan vermerkt zu werden. Und selbst im Idealfall - ausgerüstet mit Organisationstalent und Telefon-Flatrate - kommt alles anders als gedacht. Ob man nun ein Netzwerk von Großeltern und Freunden im Rücken hat oder nicht. "Die Probleme, die sich bei der Rückkehr ins Berufsleben stellen", sagt Maria, "sind nach Schwangerschaft und Elternzeit nicht einfach aus der Welt."

Dennoch scheint es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Schweden besser bestellt zu sein als andernorts. In mehr als 80 Prozent aller Familien gehen beide Elternteile arbeiten, in 40 Prozent sogar Vollzeit.

Die Köttbullar auf den Tellern sind jetzt fast weggeputzt. Maria arbeitet für ein Familienunternehmen. Als sie von ihrer Schwangerschaft erzählte, sagte der Chef ihr: "Du bist noch jung. Es ist gut, jetzt Kinder zu bekommen, solange ihr die Energie dafür habt." Sie kann auf Verständnis bauen, wenn die Tage als Mutter kompliziert werden. Und das Unternehmen kann darauf bauen, dass Maria die Arbeit trotz einer Unterbrechung irgendwie erledigt. Neue Mütter und Väter wiederum können darauf vertrauen, dass Maria Hammarsten, die Personalchefin des Hauses, ihre ständigen Mitteilungen und Fragen zu Eltern-, Teil- und Kernzeitregelungen versteht. Sie weiß, wie schwierig der Versuch ist, die perfekte Mutter und Mitarbeiterin zugleich zu sein.

Bei Müttern beliebt: Jobs im öffentlichen Dienst

Maria weiß, was es für den Stress-Level einer Belegschaft bedeutet, wenn Eltern ausfallen, hektisch werden oder unkonzentriert sind. Sie weiß allerdings auch: "Für die meisten Eltern ist der Arbeitsplatz ein Ruhepol. Endlich einmal Zeit zum Nachdenken. Endlich einmal Konzentration. Endlich einmal die Gelegenheit, mich selbst zu beweisen. Das macht die Arbeit von Müttern und Vätern sehr effektiv."

Überhaupt, sagt sie, Eltern seien doch die besseren Manager. Wenn sie einigermaßen ausgeschlafen sind. Das ist der Moment, an dem Olle ruhig und sanft und schläfrig wird.

Im Foyer des schwedischen Arbeitgeberverbandes, der von Stockholm aus die Interessen von 54 000 Firmen vertritt, stehen zwei Kinderstühle. Das wundert nicht, waren doch in Skandinavien Wickelablagen auf dem Männerklo und vollzeitbeschäftigte Eltern schon die Norm, als in Deutschland die Geschlechterrollen noch klar definiert waren. "Verbände und verbandsähnliche Arbeitgeber", sagt Kerstin Brodén, die bei Svenskt Næringsliv die Personalabteilung leitet, "haben sich auf die Bedürfnisse von Eltern seit Langem eingestellt."

Im Alltag eines Unternehmens gebe es schwierigere und sinnlosere Regelungen als die zu Elternzeit und Vabba-Tagen, sagt die Frau, die als Mutter schon in den siebziger Jahren Vollzeit arbeitete. Und: "Wir haben längst verstanden, dass es auch für uns als Arbeitgeber Vorteile hat, den Familien das Leben nicht schwer zu machen." Mit Leuten zu arbeiten, "die mit dem Chaos umgehen, das kleine und große Kinder produzieren, ist eine wertvolle Erfahrung".

Ein weiterer Vorteil liege darin, neue Gesichter zu sehen, während die alten Gesichter der Kinder wegen pausieren. "Wir sind als Verband auf die besten Köpfe angewiesen", sagt Brodén. "Wir suchen immer Talente, auch wenn wir ihnen vorerst keine feste Stelle bieten können." Für ein Unternehmen sei die Elternzeit "eine Riesenchance", das eigene Netzwerk zu erweitern und neue Leute "auszuprobieren".

Reibungslos geht das freilich nur, solange die neuen Kollegen ihren Platz bei der Rückkehr der Mütter oder Väter auch wieder räumen. Im öffentlichen Dienst oder bei einem Verband, sagt Brodén, sei das schon aus rechtlichen Gründen kein Problem. Das erklärt nicht nur, warum fast alle Männer, die für Svenskt Næringsliv arbeiten, von ihrem Recht auf Elternzeit Gebrauch machen. Es erklärt auch, warum die Hälfte aller schwedischen Mütter die Privatwirtschaft scheut.

Denn dass es selbst in Schweden schwierig ist, als Mutter Karriere zu machen oder gar ein Unternehmen aufzubauen, ist kein Geheimnis. Erst im Sommer veröffentlichte das Wirtschaftsmagazin "E24" eine Umfrage unter 1800 Personalchefs. Jeder zehnte gab zu, die Arbeit mit jungen Eltern zu scheuen. Die Leserdebatte, die daraufhin entbrannte, übertraf das übliche Maß an Beschimpfungen und Ressentiments bei Weitem. Ein Kommentar fiel auf: "Ich habe ein kleines Unternehmen und kann nur festhalten, dass Mitarbeiter zwischen 20 und 30 nicht verstanden haben, was es bedeutet, zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Das ändert sich markant, sobald sie Eltern werden. Habe auch eine Abteilung bei einer der größten Firmen Schwedens geleitet. Dort gab es tendenziell dieselbe Beobachtung."

Womöglich sehen das die 90 Prozent der befragten Personalchefs, die Mütter als Arbeitnehmer nicht kategorisch ablehnen, ebenso. Oder sie denken an die neue Vorsitzende ihres Unternehmerverbandes, Signhild Arnegård. Sie ist Gründerin des Knab-berchips-Unternehmens Svenska Lantchips und Mutter von sechs Kindern, eines davon mit Behinderungen. Auf die Frage, wie sie das alles unter einen Hut bringe, antwortete sie einmal: überall strukturiert denken, deutliche Ansagen machen und allen Mitarbeitern vertrauen.

So gesehen, unterscheidet sich das Management einer Familie tatsächlich kaum von der Führung einer Firma. Nicht alles ist plan-, aber irgendwie machbar. Das hat sich mittlerweile sogar bis in die Smålandsgatan 20 herumgesprochen. Vinge gilt neben Mannheimer Swartling als die wichtigste Anwaltskanzlei Schwedens. Hier arbeitet das Schweden, das dem deutschen Nordlandklischee in den Nachkriegsjahren abhanden kam: das nüchterne, geschäftsmäßige, strikt sachbezogene Schweden mit hohem Haaransatz, das einst in der ganzen Welt für seinen diplomatischen Habitus berühmt war. Eine Hochleistungsfirma wie diese hat man bis vor Kurzem nicht mit Familienfreundlichkeit in Verbindung gebracht. Jetzt gibt es ein Kinderzimmer mit allerlei Spielzeug. Das neue Schweden ist nach 30 Jahren Emanzipationsdebatte auch hier angekommen.

Spielzeug für den Nachwuchs der Flexilawyer

Daran ist nicht zuletzt Fredrik Dahl schuld. "Ich muss Ihnen kaum erklären, wie der Arbeitsalltag einer international tätigen Kanzlei ausschaut, oder?" Er streicht den Anzug glatt, bietet Kaffee an, Wasser, Visitenkarten. Sein Privatleben mit Kind, sagt er nebenher, habe er für den Beruf noch wie selbstverständlich geopfert. "Die Arbeitstage sind sehr lang, und die Kunden sind sehr anspruchsvoll. Wir müssen sieben Tage in der Woche erreichbar sein, rund um die Uhr." So habe man lange gedacht, sagt der Mittvierziger. Bis der Blick auf vielversprechenden juristischen Nachwuchs fiel, der lieber dorthin geht, wo ein anspruchsvoller Beruf und die Gründung einer Familie miteinander vereinbar sind.

"60 Prozent der Mitarbeiter, die Vinge heute rekrutiert, sind Frauen. Zugleich wächst auch bei den jungen Männern das Bedürfnis, sich am Familienleben beteiligen zu können." Dahl schaut etwas unglücklich drein, als er davon erzählt. Aber er meint es ernst: "Wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir unsere Haltung ändern. Sonst werden wir schlicht die besten Anwälte verlieren. Oder gar nicht erst bekommen."

Den älteren Partnern bei Vinge ist das bis heute noch nicht zu vermitteln. Die jüngeren nahmen die Sache daher vor zwei Jahren selbst in die Hand. Sie setzten ein Team zusammen, halb Männer, halb Frauen. Das Team schrieb eine Wunschliste auf, zu der die Männer, was Wunder, "Blackberrys für den Heimgebrauch" und die Frauen "bezahlte Nannys" und "Haushaltshilfen" beisteuerten.

Schon war er geboren: der "Flexilawyer". Spielzimmer. Haushaltshilfe. Blackberry. In dem weißen Prospekt, den Dahl über den Tisch schiebt, ist alles drin. Selbst von Massagen am Arbeitsplatz, Firmenkreditkarten, einer Bezuschussung der Elternzeit und einem neuen "Karrieretreppenkonzept" ist die Rede. Auf der "flexiblen Karrieretreppe", heißt es, lasse sich nun auch eine Stufe einplanen, die etwas langwieriger sein könne als bei "der Norm".

So sieht das wohl aus, wenn Juristen eine Revolution anzetteln. Oder Bankiers. Oder überhaupt Unternehmen, die ständig unter Strom stehen. Längst gibt es in Schweden auch börsennotierte Firmen wie Skandinaviska Enskilda Banken (SEB) oder Kommunikationsfirmen wie Telia, die mit elternfreundlichen Teilzeitregelungen um Mitarbeiter werben. Zum guten Ton gehört das längst dazu, auch wenn das allein aus einem Arbeitsplatz für Ellenbogen noch keine Wellness-Farm macht.

Die älteren Kollegen, sagt Dahl, lachten über den Flexilawyer, als sie davon hörten. Sie verstanden zunächst kaum, dass nicht stille Sonderregelungen und etwas Geld, sondern ein "Programm" hermusste, "um wahrgenommen zu werden und das Bewusstsein zu ändern". Sie schmunzeln weiterhin über die jungen Kollegen, die einige Monate Elternzeit nehmen, und über das Spielzimmer, das den Eltern als Alternative zum "Vabba"-Anruf (und außerhalb der Kita-Öffnungszeiten) zur Verfügung steht, die versuchen möchten, den Anwaltsjob so lange wie möglich nach den Spielregeln des Gewerbes mitzuspielen - nicht nach jenen ihres Kindes, das hinter dem Rücken bereits die nächsten Chaostage plant. Das ist schon viel wert, sagen sie.

Wenn dazu noch Vabba-Tage kommen, sagt Fredrik Dahl, müsse man das akzeptieren. "Wir arbeiten bei den internen Teamzusammenstellungen schon jetzt mit einem Back-up für junge Eltern. Wir müssen akzeptieren, dass der Beruf vielleicht nicht mehr das Wichtigste im Leben eines Mitarbeiters sein kann. Und wir werden uns auch daran gewöhnen, dass junge Eltern an den Abenden um acht Uhr nach Hause fahren oder nur Kernzeiten vereinbaren, in denen sie im Büro anwesend sind. Das ist dann halt so."

Es werde schwer bleiben, mit Kind so schnell Karriere zu machen wie ohne, meint Dahl. Auch der Druck, der von den Klienten ausgeht, bleibe.

Aber das muss man den Vätern und Müttern hier nicht zweimal sagen. Sie wissen, was es bedeutet, routinemäßig unter Druck zu stehen. Das sei es ja, sagt Fredrik Dahl, der bei Vinge für die Einstellungen zuständig ist, was die Reife und den Charakter von Eltern später auszeichne, wenn sie bei der Karriere endlich Gas gäben.

Nur Anna Wahlgren schüttelt den Kopf. Sie hat als Treffpunkt ein Kellerrestaurant vorgeschlagen, das fast ausschließlich von einem Aquarium beleuchtet wird. Ein symbolischer Ort. In einem Land, in dem sich die legendäre Alva Myrdal schon in den dreißiger Jahren Gedanken um die "Krise der Bevölkerungsfrage" und das Leben der "Stadtkinder" machte, kann man sich fast nur noch im Untergrund über das Menschenbild des Wohlfahrtsstaats unterhalten. Wissenschaftler, die Schwedens Versuche des Social Engineering untersuchten, sprachen von einer "Romantik des Reißbretts", der man seit der rasanten Modernisierung in Nordeuropa fortschrittsgläubiger anhänge als andernorts.

Anna Wahlgren spricht von einer "Durchrationalisierung des Arbeitsalltags", bei der viel zu wenig darüber gesprochen werde, was ihre Konsequenzen für den Menschen seien. Darum geht es Schwedens berühmtester Mutter und Schriftstellerin: nicht um die Mütter und Väter, die arbeiten wollen. Auch nicht um den Staat, der sie mit ihren Steuerforderungen weiter antreibt. Sondern um die Kinder, schlicht und ergreifend.

Einer müsse es ja tun, sagt sie. Und hat doch resigniert: "30 Jahre lang habe ich in Schweden für einen positiveren Kinderbegriff gekämpft. Was ist das Ergebnis? Dass Kleinkinder heute mehr denn je wegrationalisiert werden. Wir rationalisieren alles weg, was den Menschen menschlich macht."

Eine Autorin stellt eine Frage, die das Land bewegt: Wo bleibt die Wärme?

Halb Schweden hat Wahlgrens "Kinderbuch" wie eine Erziehungsbibel im Schrank liegen. Mit ihr diskutieren aber, wie eine Gesellschaft ihre Kinder betrachtet, möchte man allenfalls zur Feindbild-Auffrischung - obwohl Anna Wahlgren mit ihren neun Kindern von drei Vätern, sieben Ehemännern und 30 Büchern in die Schublade des konservativen Mütterchens am Herd nicht passen will.

"In den siebziger und frühen achtziger Jahren", sagt Wahlgren, "waren wir in Schweden an just jenem Punkt, an dem die deutsche Familienministerin Ursula von der Leyen heute ist. Wir diskutierten über Kindertagesstätten. Ich habe den Leuten schon damals keine Vorschriften gemacht, wie sie ihr Leben leben möchten. Aber ich weise auf die Tendenz hin, dass hier ein System entstanden ist, in dem alle ihre Verantwortung abgeben."

Im Grunde geht es ihr nicht bloß um das Für und Wider von Regelungen, die den Alltag mit Kind erleichtern: allen voran die Kindertagesstätten. Es geht ihr um die Kultur, für die sie symptomatisch sind. Sie sitzt einfach im Keller und schwärmt davon, kleine Kinder bei der Entdeckung der Welt zu beobachten. Das erste Tasten. Das erste Lächeln. Das erste bewusste Wort.

Anna Wahlgren will verhindern, dass Kinder nur noch als Problem betrachtet werden oder als modisches Accessoire, das morgens im Kinderwagen mit Laptop-Auflage zum Kindergarten gebracht und abends wieder zurückgeholt wird. Die ersten drei Jahre, sagt sie, "auf die kommt es besonders an".

Tagsüber, sagt Anna Wahlgren, seien wenige Kleinkinder auf den Spielplätzen zu sehen, sofern nicht eine Kita-Gruppe mit alarmbunten Westen zur Rutsche geführt wird; auch die Alten und Kranken verschwanden einmal in Schweden von einem Tag auf den anderen. "Ist das", fragt sie, "die Kultur, die Europa als vorbildlich empfindet?"

Die Statistiken der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) heben die Zahl alleinerziehender Elternteile in Schweden hervor.

Fortschritt durch Konkurrenz bei den Kitas

Fast 80 Prozent der unter Dreijährigen verschwinden tagsüber in den Kindertagesstätten. Klingt das nicht dann doch nach dem Ende der Familienwelt und stark nach dem, was der "Spiegel" in den achtziger Jahren über Schweden und die Entmündigung der Eltern schrieb: nach einem einzigen "Kinder-Gulag"?

Tatsächlich ist auch das vorbei. Zum einen führte Schweden mittlerweile nach finnischem Vorbild ein Betreuungsgeld für Eltern ein, die ihr Kind in den ersten drei Jahren daheim oder anders betreuen lassen möchten. Zum anderen sind schwedische Kindergärten keine sozialistischen Verwahranstalten. Auch hier arbeiten die Schweden daran, das starre "System" der Kindertagesstätten, auf dem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie basiert, so gut wie möglich auf die individuellen Bedürfnisse der Eltern und die der Kinder einzustellen.

Es waren die Elterninitiativen und private Kita-Unternehmen, die dem staatlichen Erziehungswesen so lange Dampf machten, bis auch dort die Tagesstätten (Daghem) in Vorschulen umge wandelt wurden. Heute, da es selbst staatliche "Nachttagesstätten", ausgedehnte Öffnungszeiten und den Versuch einer "Individualförderung" gibt, wird in Stockholm jede dritte Kindertagesstätte privat betrieben, jede fünfte ist es im Land. Ohne sie, die sich ebenfalls an die öffentlichen Vereinbarungen zur Beitragshöhe zu halten haben, wären Vielfalt und Wahlfreiheit undenkbar.

Die Qualität, sagen sie bei Pysslingen, einem privaten Kinder-garten-Unternehmen, das 64 dieser Vorschulen für 5300 Kinder betreibt, steht und fällt dabei natürlich mit der Fähigkeit, sich von starren und allgemeingültigen Rezepten zu verabschieden - und Eltern wie Kindern zuzuhören.

Das heißt also nicht, in schwedischen Kindertagesstätten gäbe es keine Probleme. Eines besteht darin, dass man große Schwierigkeiten dabei hat, zumindest einen Teil des Personals mit ausgebildeten Erzieherinnen zu bestreiten. Dennoch ist hier ein Pragmatismus eingezogen, den kaum jemand für möglich gehalten hätte.

Die Stützen der Gesellschaft: Erzieher

Und dann ist da noch Suzanne Axelsson. Sie steht im Hinterhof einer Kindertagesstätte in der Innenstadt. Sie ist früh aufgestanden. Sie hat ihre drei Kinder geschnappt, ist mit der Bahn zur Schule, dann zur Kita, schließlich an ihren Arbeitsplatz gefahren: "Das ist effektives Zeitmanagement, bei dem es auf jede Minute ankommt."

Suzanne Axelsson hat ihre Stelle nach dem "goldenen Dreieck" gewählt, in dem sich die Kitas befinden. Mit ihren Kindern hat sie vereinbart, an den Wochentagen nicht mehr daheim zu spielen, weil der Zeitplan sonst nicht funktioniert. Wenn alles klappt, hat sie morgens noch genau fünf Minuten für den überlebenswichtigen Kaffee und abends etwas Zeit, um den Kontakt zu Ehemann und Freunden zu halten. Sie ist eine von 18 Mitarbeitern (inklusive Koch), die als Kindergärtnerin den Eltern von 85 Kindern den Rücken freihalten.

"Ist Schweden nicht ein merkwürdiges Land?", sagt Suzanne Axelsson. Manchmal fragt sie sich, wie andere Eltern es überhaupt aushalten, ihre Kinder so viele Stunden nicht zu sehen. Manchmal wundert sie sich darüber, dass Schweden als Paradies der Kinder gilt, obwohl es doch eigentlich ein Paradies der Eltern ist. Und manchmal ärgert sie sich darüber, wie wenig tolerant doch berufstätige Eltern sind, wenn eine Kindergärtnerin einen Vabba-Tag nimmt oder wegen Schwangerschaft ausfällt. Aber gut. So ist das nun mal. Ihr jetziger Arbeitgeber ist da verständnisvoller als die beiden vorherigen, die dem Druck der Eltern nicht standhielten: "Hier darf ich endlich auch Mutter sein. Hier rücken die Kindergärtnerinnen zusammen, wenn Erzieher plötzlich ausfallen."

Und ein Restrisiko gibt es ja immer.

Einen großen Geist, sagt Karlsson vom Dach, störe das alles aber nicht.-


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