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brand eins 04/2009 - SCHWERPUNKT: Führung / Unterschied

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Du und der Problembär

Laut, groß, mächtig, verfressen und niemals diskret und angepasst. Der Bär ist ein zauberhaftes Tier.

- Wir lieben den Unterschied.

Zumindest so lange, wie er nicht zu weit von unseren Vorstellungen abweicht. Mit dieser Einstellung kommt man heutzutage relativ weit. Was lieb aussieht, muss auch lieb sein. Man muss kein Biologe sein, um Bescheid zu wissen. Scheidungsanwälte wissen mehr. Oder Menschen, die sich mit Bären gut auskennen. Bärenversteher sozusagen.

Er ist der Prototyp des Kuscheligen. Ein bisschen rund, ein großes Köpfchen, Kulleraugen und eine - aus unserer Sicht - etwas tollpatschige Art machen ihn zum absoluten Star der Kindchen-Schema-Missversteher. So etwas wie der muss einfach lieb sein, sozialverträglich und zutraulich. Er kann gar nichts Böses im Schilde führen, weil er sich schon von Weitem bemerkbar macht. Unvergessen ist der Anblick einer Familie, die im Berliner Zoo den lustigen Braunbären beim Füttern beobachtete. Da strahlten die Gesichter der Zoobesucher, als der drollige Kerl einen ganzen Laib Brot zum Mittagessen bekam. Das Bärchen setzte sich auf seinen putzigen Hintern, nahm das Brot in seine Tatzen, betrachtete es hingebungsvoll von allen Seiten. Und dann, schneller als man "Irrtum" sagen kann, biss er das harte Brot entzwei. So ist der Bär. Ist das schlecht?

Nur Teddybären sind niedlich und lieb - weil Menschen sie erfunden haben. Ein wenig bedauert man es ja, dass bei Margarete Steiff einst nicht ein echter Grizzly Modell stand. Was wäre da aus dem liebsten Kosetier der Welt geworden? Echte Bären sind nicht niedlich, auch nicht lieb, nur in sehr geringem Umfang in soziale Gruppen integrierbar und weitgehend nicht an Erkenntnisgewinn durch gute Gespräche interessiert. Echte Bären haben immer Hunger.

Im kalifornischen Yosemite Nationalpark, dort, wo Menschen Urlaub machen, die die Natur immerhin aus Fernsehen und Internet kennen, stehen große Schilder, die Menschen, die nicht wissen, dass Bären Raubtiere sind, auf einen sehr einfachen Sachverhalt hinweisen: "Bears can and will destroy your car" - Bären können und werden Ihr Fahrzeug zerstören. Und ganz wichtig: Sie wollen das auch. Nicht aus Bosheit. Sondern weil es darin etwas zu fressen gibt.

Der Bär ist ein Tier, das kann, wird und will * - und zwar all das auf einmal. Man kann so was auch "müssen" nennen. Beim Bären fällt das zusammen. Die meisten Menschen hingegen können nicht oder wollen nicht und werden deshalb auch nichts. Der Bär hingegen ist, wie er ist.

Was vorbeikommt, wird gefressen. Wer frisst, der lebt - und hat es auch noch länger vor. Aber auch Hunger ist vielfältig. Auch Bären kennen mehrere Arten davon. Der Bär ist neugierig. Und wenn sich beides verbinden lässt, die Aussicht auf Sättigung und das Kennenlernen von etwas Neuem, dann ist der Bär entzückt.

Diese Erfahrung machte auch ein deutscher Grizzly-Forscher, der mit seiner Freundin im westlichen Kanada vor einigen Jahren die Nähe zu einer Gruppe Bären suchte und fand. Das ging eine Zeit lang gut, und zwar so lange, wie die Vorräte der beiden Bärenfreunde reichten, um die zotteligen Zausel bei Laune zu halten. Warum auch nicht, werden sich die Grizzlys gefragt haben, die füttern, wir fressen. Der Bär ist durch und durch pragmatisch. Deshalb empfiehlt es sich auch, größere Vorräte an Keksen, Dosenmilch und anderen Leckereien dabei zu haben, wenn man ein Freund des Grizzlys sein möchte. Die Grenzen der Belastbarkeit solcher Beziehungen zeigen sich allerdings schnell. Als die Vorräte alle waren, wurden die Forscher gefressen.

So ist der Bär, und was in Kanada geschah, ist einerseits natürlich und andererseits unverstanden. Als vor nunmehr drei Jahren Bruno, der "Problembär", ins Bayerische zuwanderte, machten unter dem Kommando des ehemaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber die Leute, die man üblicherweise "die Verantwortlichen" nennt, mobil.

Unbestritten ist, dass sich Bruno hier und da ein Schaf und hin und wieder ein Hühnchen gönnte, zwischendurch Bienenstöcke besuchte und Touristen, die durch die Pilze latschten, erschreckte - aus Spaß, wollen wir annehmen. Glaubte man aber den Verlustmeldungen von Schafzüchtern, Imkern und Hühnerfarmern, dann verhielt sich Bruno wie Attila, der Hunnenkönig. Schadensmeldungen türmten sich, und kaum jemand stellte die Frage, wie ein Bär an einem Tag in verschiedenen Landkreisen mehrere Schafe und Hühner verputzt haben konnte. Der Bär wurde zum Problem - eben zum Problembären. Dies legt nahe, dass man wenigstens in Bayern auch an die Existenz eines Normalbären glaubt beziehungsweise an die grundsätzliche Möglichkeit, Bären irgendwie integrieren zu können. Möglicherweise steckt dahinter auch die nach einigem Nachdenken erfolgte Wahl Horst Seehofers zum Ministerpräsidenten, eines Mannes, der ohne lange Proben und mit bescheidenstem Dekorationsaufwand den Balu aus dem "Dschungelbuch" geben könnte. Dass Seehofer wurde, was er ist, nachdem Bruno abgeschossen worden war, ist nur Leuten ein Rätsel, die noch nie etwas von einer Übersprungshandlung gehört haben.

Nun ist es mit der Integration des Bären aber so eine Sache, denn er kann, er wird und er will - und man weiß nie genau, was. Das macht es nicht einfach, den Bären so zu nehmen, wie er ist. Freundschaften mit Bären sind wohl das, was wir uns unter Risiko-Management vorzustellen haben.

Erstens schätzen wir die tollpatschige Art anderer sehr, denn sie lenkt von der eigenen Grobmotorik ab. Der polternde Zottel ist ein unermüdlicher Entertainer, dem wir belustigt - und aus der Distanz - zugucken können, ohne selbst den Trottel machen zu müssen. Wir sind dann ganz gruppenverträglicher Kulturmensch, neben dem der Bär irgendwie alt aussieht. Dem Bären ist das wurscht, außer, man besteht darauf, sich als etwas Besonderes zu fühlen, weil man auf zwei Beinen geht. Dann sagt sich der Bär wahrscheinlich: Kann ich auch. Soll ich's zeigen?

Man kann mit dem Problembären sehr gut leben, wenn man ein paar Regeln befolgt, im Wald und sonst wo. Es geht nicht darum, das Tier zu zähmen. Es geht darum, seine Kraft zu nutzen - ganz genauso wie der Bär sich von Keksen ernährt, solange welche da sind. Kann man ihm, nur weil eine harmonische und naturferne Welt uns anderes vorgaukelt, böse sein, dass er die Hand, die ihn füttert, als Zwischenmahlzeit betrachtet, wenn keine Leckereien drauf sind?

Nur Menschen mit kleinem Charakter und Verstand fordern die Separation der Bestie. Weg aus dem Wald, der Welt, in den Zoo bestenfalls, bei abweichendem Verhalten sofort abknallen. Warum sind die so? Die logische Antwort lautet: Der Bär zeigt ihnen - ohne es zu wollen -, welche Würstchen sie sind. Ein Bär, der tut, was er will, weil er kann, ist ein Lebewesen, vor dem es Opportunisten graut. Er zeigt ihnen mit jedem Schritt, wie traurig ihr Leben ist, voller Regeln, Schrottwissen und falschen Rückversicherungen, Feigheit und nie bekämpften Ängsten. Im Problembären spiegeln sich die Probleme anderer Leute. Erst wenn er weg ist, sind sie "normal" - und fallen nicht auf. Dabei kommt eine langweilige Welt raus. Da brummt nichts mehr.

Deshalb geht es nicht um die Frage, ob Bären stören. Es geht um die Frage, wen der Bär stört und warum. Wir sollten uns immer fragen, wer Normalbären will. Bären, die weder auffallen, noch tollpatschig sind, noch marodierend durch die Welt und ihre Wälder ziehen. Wer will solche Tanzbären, solche kastrierten Zottel eigentlich? Bären, die nichts mehr können und wollen und auch nichts mehr werden? Niemand will das.

Außer den Schafen natürlich. -

* Eine Ausnahme von dieser Regel ist der Pandabär, der weder will noch kann. Vgl. dazu auch brand eins 10/2005, "Lass gut sein".


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