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brand eins 04/2009 - WAS WIRTSCHAFT TREIBT
Doppelt hält besser
Zwei unabhängige Institute beaufsichtigen Australiens Banken. Offenbar mit großem Erfolg die Finanzindustrie des fünften Kontinents zeigt sich von der Finanzkrise weitgehend unbeeindruckt.
Ein Modell vom anderen Ende der Welt, das Experten zur Nachahmung empfehlen.
- Die Idee ist nicht neu und ihr Erfinder kein bekannter Guru. Doch Michael Taylors Modell scheint sich in Zeiten der Krise zu bewähren. Der Brite, der früher einmal bei der Bank of England arbeitete und Vorlesungen über Finanzdienstleistungen an der London Guildhall University hielt, formulierte die Grundzüge seines sogenannten Twin-Peaks-Modells bereits Mitte der Neunziger. Die Idee dahinter ist so klar wie einleuchtend: Statt einer allmächtigen Institution, im Fachjargon Allfinanzaufsicht genannt, der die Banken eines Landes Rede und Antwort stehen müssen, teilen sich zwei unabhängige Agenturen die Aufsicht.
Australien ist eines der wenigen Länder weltweit, die die Ideen Taylors aufgegriffen haben. Sie regulieren ihre Banken heute mit der von ihm vorgeschlagenen Doppelspitze. Wohl nicht zuletzt deshalb hat die Finanzkrise auf Australien längst nicht so dramatische Auswirkungen wie auf den Rest der Welt. Natürlich ist sie auch hier zu spüren - fallende Aktienkurse und eine steigende Arbeitslosenquote (im letzten Quartal 2008 stieg die Quote von vier auf 4,5 Prozent) machen den Menschen zu schaffen, etliche Unternehmen stehen auch auf dem fünften Kontinent vor dem Ruin, darunter viele Finanzdienstleister - aber trotz der turbulenten Zeiten schlagen sich die australischen Banken deutlich besser als ihre Konkurrenten im Ausland. Sie haben kaum in den Subprime-Markt investiert, und vor allem verfügen die vier Großbanken nach wie vor über gute Kapitalreserven und ein AA1-Rating von Moody's. Laut einer Untersuchung der Unternehmensberatung Boston Consulting Group im Februar 2009 ist die australische Westpac die profitabelste Bank der Welt und Australien der lukrativste Bankenmarkt.
Ein Grund, warum die australische Regierung bisher keine Milliardensummen aufbringen musste, um einzelne Banken zu retten, ist die strikte Regulierung des Systems. Das Twin-Peaks-Modell hat deswegen bereits im Oktober 2008 international Aufsehen erregt. Paul Volcker etwa, früherer Präsident der US-Noten-3 bank und gegenwärtig Vorsitzender der G30-Gruppe, hob das Twin-Peaks-Modell in einem Bericht zur Struktur der Finanzüberwachung sogar ausdrücklich als besonders effektiv hervor. Erneute positive Erwähnung fand es im Februar 2009 beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Was also ist das Besondere an dem australischen Modell?
Die australische Variante: zwei Institutionen
Auf dem fünften Kontinent regulieren seit 1998 zwei unabhängige Institute die Banken: die Australian Securities and Investments Commission (Asic) und die Australian Prudential Regulation Authority (Apra). Die Rollen beider Institutionen lassen sich sinnbildlich mit denen eines Arztes und eines Polizisten vergleichen. Die Asic fungiert dabei als Polizist, der Finanzbetrügereien und kriminelles Verhalten aufdeckt. Sie achtet nicht nur auf die Einhaltung der Gesetze, sie kann darüber hinaus auch eigenständig Richtlinien herausgeben und Strafen verhängen. Die Apra dagegen hat die Aufgabe, die Unternehmen gesund zu halten und ein Versagen des Finanzsystems zu verhindern. Dazu muss die Apra eng mit den Instituten zusammenarbeiten und sich darauf verlassen können, dass sie ehrlich über alle Symptome berichten, die sie verspüren. "Es ist eine Partnerschaft, aus der auch die überwachten Finanzinstitute einen Vorteil erzielen sollten, und die dazu dient, die Interessen der Nutznießer dieser Institutionen zu wahren", beschreibt David Lewis, General Manager der Apra, das Verhältnis.
Vorsicht ist gut. Kontrolle nützt
Das funktionierte allerdings nicht von Anfang an. Im März 2001 kollabierte die australische Versicherungsgruppe HIH. Die Untersuchungskommission, die im Anschluss an das rund drei Milliarden Euro teure Debakel eingerichtet wurde, kam zu dem Schluss, dass die Apra das Unternehmen aggressiver und skeptischer hätte untersuchen müssen. Die Agentur führte daraufhin das Probability and Impact Rating System (Pairs) ein. Mit dem neuen System lässt sich prognostizieren, von welchem Zeitpunkt an das jeweilige Unternehmen seinen finanziellen Anforderungen nicht mehr gewachsen sein wird. Darüber hinaus errechnet es die Auswirkung auf das australische Finanzsystem, sollte das Unternehmen insolvent werden.
Das System erfordert strikte Kontrolle - und die Apra verlangt heute regelmäßig exakte Nachweise über die Zahlungsfähigkeit und die Rücklagen der Banken. "Wir verstehen unsere Aufgabe als Aufsichtsbehörde allerdings nicht so, dass wir versuchen, alles, was sich bewegt, zu lähmen", sagt David Lewis. Die Apra verfolge lediglich einen im internationalen Vergleich konservativen Ansatz: "Wir denken aber, dass gesunde Kapitalpuffer eine wichtige Grundlage für das Vertrauen in die Finanzinstitute sind", so Lewis.
Trennung der Aufgaben. Und echte Experten
Die Vorteile der Doppelspitze liegen klar auf der Hand: Durch die strikte Trennung der Rollen gibt es keine Überschneidungen der Aufgabenbereiche. Beide Institutionen sind mittlerweile hoch spezialisiert. Die 600 Mitarbeiter zählende Apra beschäftigt vor allem Risikoanalysten, Versicherungsmathematiker und Finanzspezialisten. Sie halten sehr enge Verbindungen zu den überwachten Unternehmen, sind beinahe täglich in Kontakt, treffen sich mit Ansprechpartnern der Unternehmen und deren Wirtschaftsprüfern. Sie sprechen mit Experten und sind selbst Experten. Das verleiht den Mitarbeitern der Aufsichtsbehörde Glaubwürdigkeit und bringt Respekt.
Großer Pluspunkt: wirkliche Unabhängigkeit
Bankenexperten wie Klaus Albrecht, früherer Geschäftsführer der Deutschen Bank in Australien, sehen einen weiteren Vorteil des australischen Systems darin, "dass die Apra und auch die Asic unabhängig sind - vergleichbar mit den Gerichten in Deutschland". Ganz anders hierzulande. Zwar ist die Finanzmarktaufsicht auch durch zwei Einrichtungen geregelt: die Deutsche Bundesbank und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Letztere unterliegt allerdings der Aufsicht des Finanzministeriums. Eine unter Umständen problematische Konstellation, wie auch Paul Gullery, Projektfinanzierungsexperte für den asiatischpazifischen Raum von UniCredit Markets & Investment Banking, findet: "In Australien kann es keine Verzögerungen oder Kommunikationsverluste geben wie in Deutschland, wo es manche Grauzonen zwischen den zuständigen Behörden gibt."
In der Finanzkrise kann das Twin-Peaks-Modell nun beweisen, wie gut es ist. Bisher erwies es sich als robust. Die stellvertretende australische Premierministerin Julia Gillard ging beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos sogar so weit zu sagen, dass das Regulierungssystem ihr Land vor einem Zusammenbruch wie in den USA bewahrt hätte.
Aufsehen erregt Twin Peaks auf jeden Fall: Frankreich, Italien, Spanien und die USA diskutieren gerade darüber, das australische Modell zu kopieren.-
Situation der australischen Banken
Der konservative Ansatz der Apra macht sich im Moment besonders deutlich für die australischen Banken bezahlt. Moody's Investor s Service sieht zwar auch die Gewinnaussichten der australischen Banken in Zeiten der Wirtschaftskrise als negativ, betont jedoch, dass sie wegen ihrer hohen Kapitalreserven im internationalen Vergleich gut abschnitten. Laut David Bell, dem Vorsitzenden der Australian Banking Association, haben allei n die Großbanken Australiens mehr als 50 Milliarden Euro Kapitalpuffer (Stand Ende 2008).
Um ihre gute Stellung in Zeiten der Krise nicht zu gefährden, haben die Finanzinstitute in den vergangenen Monaten durch die Ausgabe neuer Aktien mehr als fünf Milliarden Euro an frischem Eigenkapital eingesammelt. Die Großbanken bilden gegenwärtig mit ihrem Kapital Rücklagen in doppelter Höhe der Mindestanforderungen. Im Vergleich mit der internationalen Konkurrenz sind die sogenannten Tier-1-Ratios der australischen Banken laut Moody's heute besser als vor der Finanzkrise. Mit diesem Instrument messen Finanzexperten die Kapitalkraft einer Bank. Die australischen Groß banken müssen mindestens sieben Prozent für ihr Tier-1-Kapital zur Seite legen. Kanada, das ähnlich strenge Vorgaben hat, ist ein weiteres Land mit einem noch relativ unbeschädigten Bankensystem. In Australien gibt es allerdings keinen Einlagensicherungsfonds und bis vor Kurzem gab es auch keine Garantie der Regierung. Premierminister Kevin Rudd änderte dies erst im Oktober 2008, um die in Australien ansässigen Banken vor dem Abzug von Sparguth aben während der Finanzkrise zu schützen. Heute garantiert die Regierung die Sicherheit der 300 bis 350 Milliarden Euro Sparguthaben bei Banken. Laut Moody's ein weiterer Pluspunkt für die Finanzindustrie des fünften Kontinents.
