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brand eins 04/2009 - SCHWERPUNKT: Führung / Unterschied
Das Unkalkulierbare zulassen
Der Philosoph Bernhard Waldenfels über die anderen, die Fremdheit und das Bedürfnis nach Ordnung.
brand eins: Die Unternehmen werden immer internationaler. Das finden viele gut. Theoretisch. In der Praxis wirkt das Fremde oft bedrohlich. Woran liegt das, Herr Professor Waldenfels?
Bernhard Waldenfels: Das Fremde ist das, was die Ordnung beunruhigt, weil es als Ausgeschlossenes einen Platz beansprucht. Deshalb ist das Fremde ambivalent. Sigmund Freud unterscheidet zwischen Fremdfreundschaft und Fremdfeindschaft und beschreibt unser Verhältnis zum Fremden damit sehr treffend. Das Fremde macht neugierige Menschen neugierig, weil es sich sehr unterscheidet von ihren persönlichen Interessen und Empfindungen. Das ist das Stimulierende am Fremden. Wenn der Ausgangspunkt allerdings etwas anderes ist als Neugier, beinhaltet das Fremde oft auch etwas Beunruhigendes. Die Ambivalenz des Fremden besteht darin, dass man sich nicht ganz auf sicherem Boden fühlt. In manchen Fällen führt dies zu einer Neigung, sich so weit abzusichern, dass das Fremde gar nicht mehr auftritt - was eine Verarmung des Lebens mit sich bringt. Denn das Fremde ist das, was aus dem Normalen hinausführt. Aus ihm entsteht das Neue - in den Naturwissenschaften beispielsweise basieren viele Erfindungen und Innovationen darauf. Fremdheit findet man in allen Bereichen: in der Politik, in der Ökonomie, in der Kunst, zwischen den Geschlechtern, zwischen den Kulturen. Wo Ordnung ist, gibt es auch Fremdheit.
Wer auf das Fremde verzichtet, stagniert? Kann man es also gezielt einsetzen?
Natürlich kann man das Fremde sehr gezielt strategisch einsetzen. Und etwa als Unternehmer sagen: Es hilft, wenn wir ein paar mehr Mitarbeiter aus dem Ausland haben. Meiner Überzeugung nach schwindet dann allerdings der stimulierende Effekt des Fremden. Denn dann hat man sich das Fremde bereits angeeignet. Die Stimulation entsteht nur, wenn man die Überraschung durch das Fremde zulässt. Auch wenn das zu Missverständnissen und Streitigkeiten führen kann. Viele finden es allerdings bequemer, unter Leuten zu sein, die sie kennen.
Und noch etwas kommt hinzu: Offenheit macht verletzlich. Bei jeder neuen Erfahrung setzt man sich Überraschungen aus, die nicht immer nur angenehm sind. Der Philosoph Emmanuel Lévinas, der sich mit der Ethik des anderen beschäftigt hat, schreibt, der andere sei ein Störenfried, weil er eben nicht ganz dazugehöre. Würde er sich völlig anpassen, wäre er zwar nicht mehr bedrohlich, aber der positive Effekt wäre eben auch weg. Dieses Dilemma lässt sich nicht aus der Welt schaffen.
Aber wie kann man die Störenfriede ertragen?
In der Psychologie gibt es den Begriff der Ich-Stärke. Ich-starke Menschen können sehr viel Fremdes aushalten. Dass man es nicht aushalten kann, ist ein Zeichen für Ich-Schwäche. Gewalttätige Menschen sind Ich-schwache Figuren, die Fremdes scheuen. Das Aushaltenkönnen steht für eine Form, die nicht immer die Sicherheit sucht. Und nur durch sie entsteht Neues. Man kann in keinem Bereich etwas erfinden, wenn man das Fremde nicht zulässt. Das beginnt mit dem Fremden bei mir selbst. Der Überschritt zum Fremden ist die Chance dafür, dass ich mich weiterentwickle. Wenn ich mich vor dem Fremden in mir abschirme, vor den Dingen, die ich nicht gerne an mir mag, stagniere ich. Menschen, die das trotzdem tun, schaffen sich eine künstliche Form der Selbstgewissheit. Aber dadurch ist keine Neuerung möglich.
Woher kommt denn diese Sehnsucht in den Unternehmen, die Fremdheit zu managen, was bedeutet, sie zu reduzieren, zu vereinheitlichen?
Wenn man Erfolg haben will, ist Fremdheit ein Sicherheitsfaktor. Wobei das doppeldeutig ist. Es gibt risikofreudige und risikounwillige Menschen. Wie weit man Risiken zulässt, ist auch ein Faktor, der einer Option unterliegt. Friedrich Nietzsche sagt, das Denken muss experimentierendes Denken sein. Wahrheit wagt man. Das heißt: auch mal etwas sagen, das man nicht mit Fußnoten belegen kann. Das Unkalkulierbare zulassen. Es gibt einen beeindruckenden Satz von Albert Einstein zur Entdeckung der Relativitätstheorie, nach der er ja nicht gezielt gesucht hat. Einstein sagt sinngemäß: Ich war nicht sicher, ob das genial ist oder verrückt. James Joyce sagte über sich: Zwischen mir und dem Wahnsinn ist ein Blatt Papier. Anders gesagt: Wenn man sich nicht selbst infrage stellt, das Risiko eingeht, dass die Dinge auch anders sein könnten, als man glaubt, kommt man nicht weiter. Das gilt für alle Bereiche.
Wie viel schützende Ordnung ist notwendig?
Die Aneignung des Fremden heißt, man klassifiziert etwas, ordnet es in eine bestimmte Ordnung ein, macht es praktikabel. Es bekommt ein Label, und auch das Missfallen wird ausgeschaltet, indem man ein Wort dafür findet. Die Griechen haben Fremde Barbaren genannt. Das Wort Barbar besagt, "die kann man nicht richtig verstehen, die sind auch politisch nicht so fähig wie wir, die sind nicht zivilisiert". Eine solche Festlegung schafft eine künstliche Selbstsicherheit.
Dennoch braucht es Normalität. In ihr rumort das Fremde zwar, aber man ist trotzdem nicht ständig mit Überraschungen konfrontiert. Sonst könnten wir unseren Alltag überhaupt nicht bewältigen. Deshalb sind Gewohnheiten unentbehrlich. Doch egal, was man tut, ob man schreibt oder spielt, es gibt immer dieses eine Moment, das nicht ganz fassbar ist. Das ist das Fremde im Vertrauten, nicht jenseits des Vertrauten.
Muss man etwas also erst einmal verstehen, um das Fremde zu erkennen?
Ich nenne das Fremde das Unverständliche im Verstehen. Dass ich kein Chinesisch verstehe, ist trivial. Überraschend wird es erst, wenn ich eine Sprache verstehe und dann darin das Fremde finde und mir das Unverstehen eingestehe. Das Fremde ist also das, was ich finde, wenn ich mich auf einem Gebiet sehr gut auskenne und anfange, trotzdem darüber zu staunen. Dieses stimulierende Staunen aber setzt Verstehen voraus. Friedrich Hölderin sagt: "Auch das Eigenste will gelernt sein." Verstehen ist damit kein Gegensatz zum Fremden. Sondern das Fremde ist mehr, als ich verstehen kann. Es ist der Antrieb im Verstehen.
Das bedeutet also, es braucht eine solide Basis, um mit Fremdheit konstruktiv umzugehen?
Ein Übermaß an Fremdheit ergibt ein vollkommen diffuses Bild und gefährdet so auch das Eigene. Denn das Eigene braucht auch so etwas wie Ordnung, Struktur, einen Rahmen. Um sich vor einer Überflutung mit dem Fremden zu schützen, muss man ausblenden. Nicht, weil das Fremde schlecht wäre, sondern weil aus einem Zuviel an Fremdem nichts entsteht. Das Problem kennen wir bei Informationen: Jemand möchte beispielsweise einen Aufsatz über Freiheit schreiben und recherchiert dafür im Internet. Und bekommt Zigtausende von Einträgen gelistet. Er muss also eine Auswahl der Fundstellen treffen. Aber woher soll er wissen, welche er nutzen soll? Wenn er klug ist, fragt er einen Freund, der sich auskennt und bei der Auswahl hilft. Wenn er sich dagegen mit allen Einträgen mühen würde, wäre das unproduktiv. Das Fremde ist also nicht unter allen Umständen gut und produktiv. Es steht auch nicht über mir, genauso wie der andere nicht über mir steht. Deshalb muss ich wissen, wo ich stehe, mein Eigenes kennen und auch immer wieder bekräftigen. Denn wenn ich mich dem Fremden unterwerfe und dabei das Eigene vernachlässige, entwickelt sich daraus nichts. Das Fremde stimuliert dann nicht mehr.
Gibt es in diesem Zusammenhang so etwas wie das richtige Maß?
Nein. Ein Maß entsteht in der Antwort. Wenn einer etwa Künstler ist und sich entschließt, kubistische Bilder zu malen, dann akzeptiert er auch ein Maß, an dem er sich misst. In jeder Antwort wiederholt sich etwas als Stil, als Habitus. Und daran gemessen kann man sehr gut sagen: Ein Bild beispielsweise ist gelungen oder nicht. Das Maß entsteht und verändert sich im Handeln und Tun selber. Insofern ist es individuell und situativ.
Lässt sich das lernen?
Was den Regeln und den Ordnungen vorausgeht, ist Aufmerksamkeit. Die lässt sich aber nicht verordnen, denn Aufmerksamkeit, so wie ich sie verstehe, beginnt mit dem Auffallen, nicht mit dem Beobachten. Was man aber sicherlich fördern kann, ist eine Sensibilität für Fremdheitssituationen, eine Achtsamkeit im Umgang. Das beginnt bei ganz kleinen Dingen. Etwa damit, dass man merkt, wenn jemand keinen Kaffee mehr hat, so wie Sie jetzt. Und auch etwas so vermeintlich Banales wie ein Gruß im Vorübergehen kann Achtung für das Fremde ausdrücken.
Das spräche gegen Programme, die ja im Grunde versuchen, den Umgang mit dem Fremden durch feste Regeln zu formalisieren.
Ja, das Fremde lässt sich nicht dadurch lenken, dass wir ein Superprogramm dazu auflegen. Das Fremde bildet keine eigene Disziplin, es bedeutet keine weitere Anforderung, die man einfach noch anderen hinzufügen kann. Und das bedeutet, es kann eigentlich keine festen Regeln für den Umgang mit dem Fremden geben. Sie können zwar versuchen, es auszublenden, das funktioniert nur auf Dauer nicht.
Wenn Ihr Kollege eine pflegebedürftige Frau hat, können Sie das natürlich ignorieren. Denn es gehört schließlich nicht unmittelbar zum Arbeitsprozess. Aber man verkehrt natürlich mit ihm, und es wäre sicher auch im Sinne des Betriebes besser, sich auf diese Situation einzustellen. Denn die Grenzen zwischen offizieller Arbeitswelt und Privatleben lassen sich im modernen Unternehmen nicht völlig eindeutig ziehen. Was bedeutet, dass eben auch immer wieder Fremdes, Unkalkulierbares ins Unternehmen hineinkommt.
Deshalb hielte ich es für wichtig, dass man anders mit Regeln umgeht. Dass es nämlich im Wittgensteinschen Sinne offene Regeln sind. Offene Regeln gestatten einen produktiven Umgang mit Regeln: Sie erlauben mir nämlich, nicht nur das zu tun, was ich tun muss, sie erlauben mir auch andere Möglichkeiten zu nutzen und auch welche zu erfinden. Das wäre sicherlich viel produktiver für den Umgang miteinander. Gerade mit der Fremdheit in den Zwischenbereichen, die nicht voll geregelt sind, denen aber auch nicht mit privater Beliebigkeit begegnet werden kann.
Fremdheit und Regeln finden spontan ihre eigenen Lösungen?
Das Fremde ist überraschend. Und die Ausnahme regeln zu wollen, das wäre absurd. Man sollte den Menschen ermöglichen, in einem solchen Fall zu tun, was sie für richtig halten. Bei Offenheit der Regeln hat das Fremde seinen Platz. Nicht gegen die Regel, sondern als das Ungeregelte in den Regeln. Kein Betrieb würde funktionieren, wenn alles nach Regeln ginge. Die Universität würde zusammenbrechen, wenn sich alle Professoren nur an die Regeln hielten. Wenn alles strikt nach Programm liefe, liefe vieles schlechter. -
Zur Person:
Bernhard Waldenfels studierte unter anderem Philosophie, Psychologie, klassische Philologie und Geschichte in Bonn, München und Paris.
1976 wurde der gebürtige Essener zum ordentlichen Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung 1999 forschte und lehrte. Waldenfels beschäftigt sich im Besonderen mit der Phänomenologie und deren Grenzfragen zur Psychoanalyse. Sein Hauptthema ist die Herausforderung durch das Fremde.
