Navigation

Inhalt

brand eins 04/2009 - SCHWERPUNKT: Führung / Unterschied

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Auf gute Nachbarschaft

Wer den Umgang mit dem Fremden üben will, kann das überall tun - in der Firma, im Sportverein, im Urlaub.

Oder vor der eigenen Haustür.

Drei Beispiele aus dem Badischen.

Waldkirch: der ganz andere Beschäftigungspakt

Ein Mann, der bei einem Motorradunfall eine Hand verloren hat. Ein Krebspatient, der keine Arbeit mehr findet. Ein Italiener, der seit 25 Jahren in Deutschland lebt, aber nur ein paar Brocken Deutsch spricht. Das sind die Fälle, die sie kriegen bei der Wabe. Neulich kam einer, 49 Jahre, Deutscher, der lange in den USA gelebt hatte. Psychisch krank, zwei Jahre Drogentherapie, keine Ausbildung. "Der ist bei null", sagt Richard Baum. "Das sind Leute, mit denen die Arge nichts mehr anfangen kann."

Wabe steht für Waldkircher Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft mbH, mit Arge ist die Arbeitsgemeinschaft in Emmendingen gemeint, die Langzeitarbeitslose und Arbeitsuchende in der Region betreut. Ihre schwierigsten Kandidaten schickt die Arge zur Wabe, die wiederum versucht, diese überhaupt oder erneut, aber möglichst dauerhaft, im ersten Arbeitsmarkt unterzubringen. Klingt nach Integration der unmöglichen Sorte. Baum sagt: "Wir sprechen fast immer von niederschwelliger Arbeit, Hauptschulabschluss, abgebrochene Lehre, da ist kein klares Berufsbild, kein durchgängiger Lebenslauf, dafür Probleme im Überfluss."

Baum, Betriebsleiter Technik und Personal, ist ein eher kleiner Mann mit einer großen Leidenschaft. Während er über den Hof der Wabe im Gewerbegebiet Waldkirch läuft, erzählt er, wie sie die Menschen in fünf Stufen wieder an die Arbeitswelt heranführen. Wie sie manche beim ersten Termin wieder nachhause schicken, damit die sich erst mal duschen. Wie sie den meisten mühsam Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit beibringen. Vertrauen in sich und andere, Grundregeln der Kommunikation, realistische Ziele. Vor allem Disziplin. Sie helfen ihnen auch bei Entschuldung und Freizeitgestaltung. Wer ein unstrukturiertes Leben führe, so Baum, habe viele Wünsche, aber keinen Plan. "Man sieht in ihnen gern den Bodensatz der Gesellschaft, aber das sind auch Menschen, die etwas können und etwas wollen."

Der Himmel blau, die Luft mild, majestätisch steht der Kandel in der Wintersonne. Unter seinem Gipfel liegt eine kleine Stadt mit bewegter Geschichte: Waldkirch, 20 000 Einwohner, 16 Kilometer nordöstlich von Freiburg im südlichen Elztal. War Zentrum der Edelsteinschleiferei, Hochburg des Orgelbaus in Europa, später wichtiger Standort der Textilindustrie. Sie haben einen langen, sanft ansteigenden Marktplatz, umrahmt von Fachwerk, den Schwarzwaldzoo mit Uhus und Zwergziegen und den Baumkronenweg, auf dem man in 23 Metern Höhe über Fichten und Tannen steht. Die schwäbisch-alemannische Fasnet in Waldkirch ist berühmt. Und Waldkirch ist eine "Cittaslow", Mitglied in der internationalen Vereinigung lebenswerter Städte. "Es ist ein besonderer Ort", sagt Martin Müller. "Das spürt man sofort."

Müller leitet das Amt für Bildung und Soziales. Als er im Dezember 1998 seinen Posten antritt, steckt die Stadt in sozialen Nöten. Jugendarbeitslosigkeit, Armut und Fremdenfeindlichkeit entladen sich im Stadtteil Batzenhäusle. "Da wurden Autos angezündet, Frauen vergewaltigt, das war ein Brennpunkt." Müller, Diplompädagoge mit Schwerpunkt Sonderpädagogik, hatte an der Universität Würzburg ein Projekt entwickelt, das renitenten Jugendlichen sinnvolle Beschäftigung bot. Nun greift er diese Idee auf, denkt sie weiter, und am 28. April 1999 wird eine gemeinnützige Gesellschaft gegründet; Gesellschafter sind die Stadt, der Verein Wabe e. V. und die größten Arbeitgeber am Ort, Sick AG (Lasersysteme, weltweit führend im Bereich Sensoren und Sensorlösungen) und August Faller KG (Deutschlands zweitgrößter Hersteller von Pharmaverpackungen). Herbert Jochum, Gesellschafter bei Faller, wird Vorsitzender und Sprecher. Warum? "Als Unternehmer hört meine Welt nicht bei meinen Mitarbeitern auf. Wir müssen auch im eigenen Interesse das Gemeinwesen fördern."

Der gute Vorsatz trifft auf schwierige Umstände. Frank Dehring, Betriebsleiter Finanzen und Soziales, sagt: "Wir hatten eine Planungssicherheit von maximal einem Jahr, jedes Jahr wechselnde Projekte, wechselnde Bedingungen." Hinzu kommt: "Die Leute werden verpflichtet, zu uns zu kommen; die Kunst ist, aus dem Müssen ein Wollen zu machen." Kritiker geben dem ungewöhnlichen Experiment keine Chance. Doch Wabe und Arge arrangieren sich, man trifft Absprachen mit der Industrie- und Handelskammer. Heute bilden sie Maler aus, betreiben eine Tischlerwerkstatt, ein Möbellager. Mitglieder und Angestellte der Wabe geben in Schulen Essen aus, pflegen Straßen und Grünanlagen, erledigen Transport- und Kurierdienste, machen Entrümpelungen. Jahresumsatz 1,4 Millionen Euro. Inzwischen gibt es einen Ausbildungsverbund, dem 16 lokale Firmen angehören. Baum erzählt, dass er demnächst in Abstimmung mit der Sick AG für die Firma Löter ausbilden wird.

Die Protagonisten dieser Erfolgsgeschichte trifft man bei einem Rundgang mit ihm. Da ist Adi Münzer, der mit 60 als selbstständiger Kfz-Meister pleiteging und nun das Lager der Wabe führt. Da ist Michael Feuerstein, der unter Krampfanfällen leidet und den Verkauf im Möbellager leitet. Da ist Markus Kräter, ein zuvor arbeitsloser Tischler, der schlecht hört, undeutlich spricht und gerade in Zeitlupe an der Tür für ein Kommodenschränkchen feilt. Herr Münzer könnte jederzeit den Fuhrpark der Sick AG leiten, meint Baum; Herr Feuerstein hat mit charmanter Hartnäckigkeit 2008 den Umsatz des Möbellagers um ein Drittel gestei gert; und Herr Kräter ist ein Meister der Maßarbeit. Richard Baum: " Jeder Mensch kann etwas, wir suchen in jedem nach etwas Positivem." Was vermutlich das Geheimnis ist hinter einer Vermittlungsquote von mehr als 70 Prozent bei bis heute 500 von der Arge vermittelten Problemfällen. Und man spreche hier nicht von ABM oder einem geförderten Arbeitsplatz, betont Müller, sondern von "nachhaltigen Anstellungen im ersten Arbeitsmarkt".

Das sind gute Nachrichten in schwierigen Zeiten. Doch an die ist man in Waldkirch gewöhnt. Was auch am Bürgermeister liegt. Auf Richard Leibingers Initiative hin entwickelten die Bürger in Arbeitsgruppen ein Leitbild. "Waldkirch 2020" wurde 2000 vorgestellt und fordert maßvolle Stadtentwicklung, soziale Ausgewogenheit und eine gesunde Balance zwischen Ökologie und Ökonomie. Inzwischen herrscht in Batzenhäusle längst Harmonie und Eintracht, dokumentiert durch das sogenannte Rote Haus. Die ehemalige Obdachlosenunterkunft ist nun Bürgerzentrum und Sitz des Vereins Wabe e. V. Wo früher geprügelt wurde, treffen sich heute Waldkircher aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen. 2004 bekamen sie für das Rote Haus eine Anerkennung im Wettbewerb "Preis Soziale Stadt". Bei der Wabe haben sich von Beginn an die Waldkircher Bürger etwa als Paten engagiert. Sie geben Mathematikunterricht, helfen bei Führerscheinprüfungen und Behördengängen. An Waldkircher Schulen sind Ausländerberatung und Sozialarbeit Usus.

"Eigentlich", sagt Martina Wegner vom Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung (ZZE) in Freiburg, "braucht man nur kluge Ideen, der Rest liegt an den Beteiligten." Das ZZE forscht und begleitet zivilgesellschaftliche Projekte für die Europäische Union, für Bund, Länder, Wohlfahrtsverbände und Stiftungen. Es berät und betreut Kommunen in Sachen Bürgerbeteiligung; zur Wabe kam das ZZE durch deren Geschäftsführer Müller.

Baden-Württemberg ist bei Bürgerbeteiligungen führend in Deutschland. 42 Prozent aller Einwohner des Bundeslandes sind engagiert; in Hamburg etwa sind es nur 30 Prozent. Was, wie Jochum vermutet, an der Mentalität der Menschen im Süden liegen könne. Jochum jedenfalls hat für die Waldkircher Tafel in zwei Wochen 37 000 Euro gesammelt. Die Seniorchefin der Sick AG hat spontan eine halbe Million Euro für eine Kindertagesstätte gespendet. Martha Ganter wiederum, Gattin des Chefs der Firma Ganter Interior, das auch zum Ausbildungsverbund gehört, engagiert sich im "Hin und Weg", dem Secondhand-Kaufhaus der Wabe.

Neulich waren sie in Brüssel. Die Landesvertretung Baden-Württembergs hatte eingeladen. Thomas Klie, Leiter des ZZE, hielt vor 200 geladenen Gästen einen Vortrag über bürgerschaftliches Engagement. Jochum sprach über Corporate Citizenship. Müller nahm Glückwünsche entgegen. Schließlich hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie die Wabe als einen von zwei Nominierten für den European Enterprise Award bekannt gegeben. Im Mai werden in Prag die Nominierten aus zehn europäischen Ländern prämiert. "Wir haben viel erreicht", sagt Müller. "Wir haben gegen die Unkenrufe der Auguren einen tollen Laden aufgebaut", sagt Jochum. Das müsste eigentlich reichen. Oder nicht? "Ich glaube, dass unser Modell auch anderswo funktioniert", sagt Müller. "Warum soll aus der Wabe Waldkirch keine Wabe Deutschland werden oder eine Wabe Europa?"

Eichstetten: der dörfliche Generationenvertrag

Eichstetten am Kaiserstuhl. Wir schreiben das Jahr 1998. Auf 390 Hektar wächst Wein, auf 100 Hektar wird seit einem halben Jahrhundert biologische Landwirtschaft betrieben. Der Lössboden zwischen der Alten Dreisam und der bewaldeten Eichelspitze ist fruchtbar, das Klima mild. Eine der wärmsten Gegenden Deutschlands. Man konkurriert zwar auf dem Freiburger Münstermarkt mit dem Gemüsestand des Nachbarn. Man streitet sich gelegentlich, ob biologisch-dynamischer oder doch organisch-biologischer Anbau. Aber sonst hält man zusammen, trifft sich im Musikverein, Turnverein, bei der Freiwilligen Feuerwehr. Zusammenhalt hat Tradition, Mauer an Mauer stehen die Häuser in Eichstetten, das als protestantische Insel umzingelt ist von Katholiken. Als der Bürgermeister am 9. März eine Versammlung einberuft, erscheinen die Bürger zahlreich in der Festhalle.

Fast elf Jahre später sitzt Gerhard Kiechle in einem Konferenzraum des Rathauses. Er trägt ein graues Jackett zum marineblauen Hemd, Schnurrbart, ist 61 und nicht mehr im Amt; ein paar Türen weiter sitzt seit fast vier Jahren sein Nachfolger. 24 Jahre war Kiechle Bürgermeister, er war es gern. "Aber die Menschen interessiert weniger, was war, sondern mehr, wie es weitergeht."

Ihm ging es vor elf Jahren auch darum, was kommt. Kiechle schaut durch das Fenster auf Satteldächer, die im Regen glänzen. Nach außen hin sieht man es nicht, doch das Familienleben im Ort hat sich verändert. Man pendelt immer häufiger zur Arbeit außerhalb Eichstettens, die Jungen ziehen weg, die Alten bleiben zurück. Deshalb hat Kiechle die Versammlung einberufen. Er fragt sich, was mit den Alten passieren soll. Seine These: "Wenn die Familie den Generationenvertrag nicht mehr erfüllen kann, muss es das Dorf tun." Noch am selben Abend gründen 272 Bürger die Bürgergemeinschaft Eichstetten e. V.

Kiechle ist in Opfingen bei Freiburg groß geworden. Bevor er nach Eichstetten kommt, ist er Verwaltungsbeamter im Regierungspräsidium. Freiburg gilt damals als Hauptstadt des betreuten Wohnens in Deutschland, seiner Zeit weit voraus. Betreutes Wohnen, denkt Kiechle, das ist die Lösung. Er weiß, "was die Identifikation, das Wir-Gefühl im Dorf ausmacht". Er trifft sich mit privaten Betreibern von Altenheimen, erörtert eine Zusammenarbeit. "Die sagten, ihr seid zu klein, das ist nicht rentabel." Er wird gewarnt von Wohlfahrtsverbänden. "Die sagten, allein werdet ihr Schiffbruch erleiden."

Kiechle lässt nicht locker. Er hört von einem Bürgerverein in Ettenheim im Ortenaukreis, der ein Seniorenheim mit sieben Bewohnern betreibt. Er fährt mit Mitgliedern der Bürgergemeinschaft hin und ist hinterher überzeugt: "Es geht auch ohne die Big Player." Und die Vorschriften? Kiechle: "Man kann alles verhindern, wenn man nach der passenden Vorschrift sucht."

Eigentlich braucht man nur kluge Ideen, der Rest liegt an den Beteiligten. In Eichstetten sind es neben Kiechle der junge Architekt Wolfgang Frey, der in Berlin studiert und dort in besetzten Häusern gelebt hat; der Winzer und Gemeinderat Albert Schmidt, der später Vorsitzender der Bürgergemeinschaft wird; und der Sozialarbeiter Michael Szymczak von der für Eichstetten zuständigen Sozialstation im Nachbarort Bötzingen.

Weil Kiechle die Gemeinde nicht verschulden will, einigt man sich auf ein unkonventionelles Modell. Man kauft zwei Gebäude an der Hauptstraße: die nicht mehr betriebene Gaststätte Schwanenhof und den nicht mehr bewirtschafteten Bauernhof daneben. Als Investor treten Frey, die Gemeinde, fünf Eichstetter Privatleute und die Winzergenossenschaft auf. Die Bürgergemeinschaft gründet Arbeitskreise. Sechs Jahre tüftelt das ganze Dorf mit Unterstützung des ZZE in Freiburg. Als die Gebäude 1996 renoviert und seniorengerecht umgebaut sind, unterschreibt die Gemeinde einen Mietvertrag auf zehn Jahre, die Bürgergemeinschaft stellt die Betreuung, die Sozialstation garantiert fachliche Unterstützung.

Im Schwanenhof gibt es 17 barrierefreie Wohnungen mit Notrufsystem und Betreuung auf Abruf. Das Büro der Bürgergemeinschaft, in dem drei Damen beschäftigt sind, ist im ersten Stock. Helga Bär, Gründungsmitglied der Bürgergemeinschaft, ist eine von ihnen. Sie sagt: "Wir sind Anlaufstelle für alle sozialen Belange, bis hin zum Antrag auf Pflegeversicherung." Natürlich hat das ganze Dorf ihre Mobilnummer, weshalb sie schon mal nach Feierabend Hausbesuche macht. Nachbarschaftshilfe, ganz professionell. Doch eines hatten sie nicht bedacht. Bär: "Die Idee war ja, die Leute hier zu haben, wenn sie noch selbstständig sind." Irgendwann sind sie es nicht mehr. Und dann zum Sterben weg aus dem Dorf? Kiechle spricht mit Frey, der diesmal als alleiniger Investor einsteigt, und so entsteht im einstigen Wirtschaftsgebäude des Gasthofs Adler die nächste Einrichtung der Kommune.

Gegen 13 Uhr an einem Dienstag. Elfriede Stein sitzt in der großen Wohnküche des Adlergartens. Am langen Esstisch kleben Streifen mit den Namen der Bewohner. An Schränken und Schubladen Zettel. "Teller", "Gläser", "Besteck". Stein ist eine von drei gelernten Pflegern, die restlichen Mitarbeiterinnen sind überwiegend Ortsansässige, die den Kurs "Umgang mit Menschen mit Demenz" belegt haben. Zusammen mit Stein sitzen zwei Frauen, 83 und 93 Jahre alt, am Tisch. Eine Mitarbeiterin legt mit ihnen Wäsche zusammen. Sie unterhalten sich. Zehn Bewohner hat der Adlergarten, zwischen 75 und 98 Jahre, bis auf drei sind alle dement. Weshalb die Sozialstation Bötzingen auch hier die medizinische Betreuung gewährleistet. "Das gibt mir die Gewissheit", sagt Stein, "dass ich im Notfall Hilfe habe." Doch heute ist alles ruhig. Wenn die anderen Bewohner nach ihrem Mittagsschlaf zu den beiden Alten stoßen, werden sie Kaffee trinken, ein paar Spiele machen, dann Gemüse putzen, Kartoffeln schälen, das Abendessen vorbereiten. Nach dem Abendessen singen sie Volkslieder.

Menschen mit Demenz brauchen klare Strukturen, Rituale, ein striktes Programm. Mehr aber noch brauchen sie Brücken zur Vergangenheit. Wer keine Erinnerung hat, verliert den Halt, und mit der Leere im Kopf wachsen Angst und Panik. Deshalb, sagt Stein, sei es so wichtig, dass die Betreuerinnen im Adlergarten die Bewohner schon lange persönlich kennen, mit ihrem früheren Leben vertraut sind, mit ihnen etwa über die Weinlese reden.

"Man muss den Dialekt sprechen", sagt Stein, "dann fühlen sie sich wahrgenommen, respektiert." Man sollte wissen, dass "Rippach" ein Gewann, eine Ackergrenze, ist und der Lerchenberg eine große Reblage der Gemeinde. Fast täglich kommen Angehörige oder Bekannte und lesen etwas vor oder singen mit den Alten. Am Sonntag geht es im Garten des Hauses zu wie beim verkaufsoffenen Samstag. Stein hat früher im benachbarten Breisach in einem privaten Altenheim gearbeitet. Der Stress, die Anonymität, das Heimgesetz, das nur Komplikationen kreiert und den Service verteuert. Sie mag nicht mehr daran denken. "Hier ist dagegen Wohlfühlklima", sagt sie. "Wenn man mich fragt: 'Wo arbeitest du jetzt?', sage ich: , Es ist eine WG für Senioren.' "

Eichstetten hat 3200 Einwohner. Das ist nicht viel. Und trotzdem hat es mit Schwanenhof und Adlergarten nicht nur bewiesen, dass man Alte und sogar kranke Alte in eine Kommune integrieren kann. Inzwischen bringen selbst Auswärtige ihre Eltern in die beiden Einrichtungen. Was auch daran liegen kann, dass eine Wohnung im Schwanenhof schon bei 5,70 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter anfängt. Die Zusatzbetreuung kostet 60 Euro monatlich, ein Betreuungsplatz im Adlergarten zwischen 1230 und 1630 Euro; in Bötzingen beispielsweise sind es zwischen 1588 und 2134 Euro. Und weil sich im Schwanenhof, in dem übrigens auch zwei junge Familien wohnen, ein Reisebüro, ein Café, ein Blumenladen und eine Praxis für Ergotherapie befinden, rennt sowieso ständig das halbe Dorf durch seine Schwiebögen. Im Büro der Bürgergemeinschaft toben dazu Krabbelgruppen, tagt der Lesezirkel, werden Familienjubiläen gefeiert.

Bei so viel Integration über Generationen und Unterschiede hinweg wundert sich auch Kiechles Nachfolger, Michael Bruder, nicht mehr, dass sie ihn genommen haben. Bruder kommt aus Ohlsbach im Ortenaukreis, was noch nicht gegen ihn sprechen würde, auch Ohlsbach ist eine Weinbaugemeinde. Doch Bruder ist der erste Katholik als Bürgermeister seit 450 Jahren.

Gottenheim: das neue Wir-Gefühl

Wenn er mal wieder einen Tag der offenen Tür hinter sich hat und außer dem Bürgermeister nur drei einheimische Besucher gekommen sind, wenn sich außer dem Bürgermeister wieder alle über seinen Brunnen vor dem Rathaus aufregen, seine Plexiglasskulptur, also immer dann, wenn dem Künstler Gerhard Birkhofer wieder bewusst wird, dass er doch ein bisschen anders ist als alle anderen in Gottenheim, setzt er sich mit einem Glas Rotwein in sein Atelier und sinniert: "Eigentlich bin ich hier ein Exot. Schon interessant, dass ich trotzdem hier leben kann."

Als Birkhofer 1982 aus Ravensburg kam und mit Frau und vier Kindern in einen Aussiedlerhof zog, lockte ihn der landschaftliche Reiz und die geografische Lage zwischen Schwarzwald, Basel und den Vogesen. Das alles in unmittelbarer Nähe zu einer der beliebtesten deutschen Universitätsstädte. "Ein Dorf an einer Kreuzung", erzählt Birkhofer, "verschlafen, traumhaft schön. Mit den fünf häufigsten Familiennamen war der ganze Ort abgedeckt, und dennoch konnten die Kinder mit dem Zug zur Schule nach Freiburg fahren." Alles richtig gemacht. Doch bald merkte Birkhofer, dass die Sache nicht ganz so einfach und Integration auf dem Dorf eine Frage der Geduld ist: "Um Gottenheimer zu werden, musst du erst drei Grabsteine gehabt haben."

Gottenheim: 2500 Einwohner, gelegen am Tuniberg, einer 314 Meter hohen, mit Löss bedeckten Vorbergscholle des Kaiserstuhls, auf halber Strecke zwischen Freiburg und Eichstetten gelegen. Gottenheim ist nicht nur in Südbaden vor allem wegen seines Burgunders als Weindorf bekannt. In der katholischen Kirche St. Stephan gibt es eine Träubelesmadonna, eine Infobroschüre der Gemeinde wirbt für einen Rebhisli-Rundweg. Wie die Eichstetter haben sie eine Winzergenossenschaft; der Wein wächst auf demselben, ertragreichen Boden; sie haben derzeit sogar dieselbe Weinprinzessin. Und trotzdem taugen die beiden Orte kaum für Vergleiche. Thomas Klie von der ZZE sagt: "Man muss jeden Mikrokosmos aus sich heraus verstehen, man muss ihn ernst nehmen für das, was er ist."

Volker Kieber hat das getan, als er 2004 für das Amt des Bürgermeisters kandidierte. Kieber, gelernter Förster, zog mit Notizblock von Tür zu Tür, verteilte seine Flyer mit Foto, das seine Frau mit der Kamera von Aldi machte. Kieber hörte aufmerksam zu, notierte akribisch, was ihm erzählt wurde, und hatte eine Ahnung. Die Wahl war nötig geworden, weil der amtierende Bürgermeister im Alter von 54 Jahren an Krebs gestorben war. Ein alter Gottenheimer. Einer, der jeden und den jeder kannte. Der entweder im Alleingang Entscheidungen traf oder sich nicht durchsetzen konnte, wie beim geplanten Neubaugebiet. Bei den Verhandlungen waren 70 Eigentümer beteiligt; der Fall zog sich bereits seit mehr als zehn Jahren hin. Kieber wusste, würde er gewählt, müsste er die Bürger stärker einbinden. "Bei meiner Antrittsrede habe ich bereits angekündigt, dass ich mir Mitwirkung wünsche."

Er hat zuvor in Freiburg gelebt und war dort Mitglied einer Bürgervereinigung, die im Stadtteil Landwasser, in dem 63 Nationalitäten leben, eine Jugendinitiative gründete. Sie haben mit der Polizei, lokalen Firmen und den Kids zusammen einen Walderlebnispfad entwickelt. Mit Grillplätzen, Waldxylophon und Barfußpfad. Irgendwann in dieser Zeit begegneten sich Kieber und Klie. Nun, als Bürgermeister, ruft er Klie an. Der kommt, hält einen Vortrag über bürgerschaftliches Engagement, in dessen Anschluss ein Fragebogen ausgegeben wird. Das Ergebnis: 74,6 Prozent der Gottenheimer können sich vorstellen, etwas für die Gemeinde zu tun. Zwei Monate später kommen 30 Leute in die Turnhalle, um an der sogenannten Zukunftswerkstatt teilzunehmen, einer Veranstaltung, die von Klies Kollegin Martina Wegner geleitet wird. Wegner erinnert sich: "Wir haben einfach gefragt, wie sich die Leute ihren Ort 2015 vorstellen."

Gottenheim, das den Ruf hat, eine Art Klassengesellschaft zu sein - die Angehörigen der fünf größten Familiennamen, sonstige Gottenheimer und der Rest -, dieses Gottenheim wünscht sich mehr Integration, mehr Kommunikation, mehr Vielfalt. Nach Wegners Besuch wurden von den Bürgern Projektgruppen gegründet, die unter Gemeinsam@Gottenheim firmieren. "Alt & Jung begegnen sich" widmet sich heute jeden Montag von 15 bis 17 Uhr den Bewohnern des privaten Altenheims; neben Erwachsenen gehören zu ihr auch Kinder und Teenager. "Dorfverschönerung und Tourismus" stellt Wegweiser auf. "Postkarten von Gottenheim" gestaltet die ersten Postkarten und legt sie den Bürgern beim Weihnachtsmarkt zur Abstimmung vor. Wegner: "Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die Menschen verbinden."

Das wirksamste Bindeglied im Dorf ist die Bürgerscheune, ein ehemaliger Stall, der von der gleichnamigen Projektgruppe restauriert und ausgebaut wird und in dem man nun unter anderem Kaffee trinken kann. Die Bürgerscheune organisiert Computerkurse für Senioren und sorgt regelmäßig für Entertainment in ihrem gemütlichen Gewölbe. Werner Förstenberg, ihr Sprecher, sagt: "Wir nehmen vorwiegend Künstler aus unserem engeren Kreis, und man glaubt gar nicht, was da alles im Angebot ist, vom Zauberer bis zum Improvisationstheater."

Es mag kurios klingen, dass ausgerechnet die Integration von Randgruppen und Neubürgern "das Wir-Gefühl stärkt", wie Kieber beobachtet hat. Der Bürgermeister hat auch den Streit um das Neubaugebiet bereinigt, die Grundstücke werden erschlossen, und durch die Erweiterung des Gewerbegebiets sind 250 zusätzliche Arbeitsplätze entstanden. Das bringt Neubürger aus Freiburg und Umgebung und sogar, wie Kieber sagt, "aus dem Norden".

Auch der Künstler Birkhofer trägt zur Vielfalt in der Provinz bei. Der ist von seinem Aussiedlerhof in den Gewerbepark gezogen, in ein imposantes Atelier mit hohen Glasflächen. Dort betreibt seine Tochter Angela die Galerie Birkhofer, in der es neben Werken von Joseph Beuys, Hans Hartung, Markus Lüpertz oder Jörg Immendorff auch die von Künstlern aus Polen, Schweden oder Österreich zu sehen gibt. Die bringen im Zweifelsfall bei Vernissagen ihre Sammler mit, was Gottenheim nur gut tut, wie Angela Birkhofer findet: "Das sind keine Gegensätze, das sind Ergänzungen."

Dass man sogar Gegensatz und Ergänzung in einem sein kann, demonstriert weiterhin ihr Vater. Auch wenn sie ihm den Brunnen wohl immer noch nicht verzeihen ("Es mag eine Spanne dauern, bis das Werk angenommen wird"), gehört Birkhofer längst dazu in Gottenheim. Der beschreibt seine ganz persönliche Integration so: "Ich bin mit ihnen in die Reben gegangen, ich mache wie sie meine Leberwürschte selbst, und ich benehme mich auch wie sie, auf gut Deutsch: wie ein Bauer." -


Anzeige

Anzeige