Inhalt
brand eins 05/2003 - Kommentar - Die Mauer muss weg, Hartmut!
Kommentar - Die Mauer muss weg, Hartmut!
Ein Brief an den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG
Du solltest in diesem Zug sitzen, Hartmut. Du könntest hier etwas lernen. Etwa, warum der Sozialismus untergegangen ist. Ich weiß, das interessiert dich nicht. Aber das ist eines deiner Probleme: Du interessierst dich nicht für Sachen, die dich wirklich etwas angehen. Du denkst an die Börse, während einige hundert Menschen auf dem Weg von Hamburg nach Frankfurt echte Probleme haben. Du würdest auch sofort merken welche, wärst du in diesem Zug. Denn hier ist kein Platz für dich.
Weil der Zug voll ist. Es gibt da eine Störung, ein Lkw hat eine Brücke gerammt, die Trümmer müssen beseitigt, die Sicherheit muss überprüft werden. Also ist ein ICE ausgefallen, der nächste, auch schon verspätet, hat die Fahrgäste beider Züge mitgenommen. Natürlich gibt es keine Sitzplatzreservierungen, weil es ein Ersatzzug ist, und es ist auch etwas eng. Aber das ist nicht so schlimm: Die Menschen sind freundlich, machen den Weg frei, helfen sich beim Verstauen des Gepäcks. Und reden miteinander. Zum Beispiel über deine Firma. Einer sagt "Deutsche Bahn", alle Umstehenden stöhnen, und dann geht es los.
Du hast die Leute zu lange mit Verspätungen terrorisiert, mit ausgefallenen Zügen, gestrichenen Verbindungen und stillgelegten Strecken. Und besonders mit deinem neuen Preissystem Plan & Spar. Ein lustiger Name für die Rückkehr der Planwirtschaft. Auch lustig, dass die Tragödie des Sozialismus, von deiner Deutschen Bahn als Komödie neu aufgeführt, tatsächlich zu Zuständen wie in der DDR führt: lange Schlangen an den Schaltern, überforderte Mitarbeiter, verärgerte Bürger, ein langsam zusammenbrechendes System, Die einstigen Planungskomitees waren auch nicht in der Lage, kleine Störungen vorherzusehen, wie etwa den erwähnten Lkw. Auf Kritik reagierten sie exakt wie du: Der Vorsitzende des ZK der SED, pardon, der Deutschen Bahn, gibt bekannt, dass es uns gut geht und dass, wer anderes behauptet, ein Nörgler ist.
Aber in diesem Zug reden die Leute über die Realität. Es ist immer gleich: Irgendwer erzählt von einer Verspätung oder überhöhten Gebühren, die dann ein anderer überbietet - wie früher beim Autoquartett. Dabei entsteht eine Gemeinschaft, das gute Gefühl der Solidarität: Wir sitzen alle im selben Schlamassel, also halten wir zusammen. So muss es damals gewesen sein, als statt der Anschlusszüge die Bananen ausfielen. Nur für dich ist das nicht gut. Denn wenn die Leute feststellen, dass alle einer Meinung sind, fragen sie sich, warum sich trotzdem nichts ändert. Könnte sein, dass dann dein Name fällt. Aber keine Sorge, du bist mit dem Problem nicht allein. Wenn die Bahn durch ist, sind andere Themen an der Reihe. Deutschland zum Beispiel. Da endet jede Geschichte mit dem Satz: "Hier geht das nicht." Dein alter Kumpel Gerhard hat dasselbe Problem wie du. Die Leute, von denen ihr glaubt, dass sie nichts merken, sind nicht so blöd, wie ihr denkt. Sie wissen sogar, dass ihr sie für blöd haltet.
Manche sagen es laut, andere lassen es nur anklingen, aber alle sind sich einig: Die wollen uns verarschen. Die sind: Manager, Politiker, Funktionäre. Vorsitzende von Gewerkschaften, Banken, Parteien, Verbänden, Handelskammern, Konzernen. Der Bahn. Die Leute sind gut informiert und haben die Schnauze voll. Sie stellen fest, dass sie die Mehrheit sind. Eine, die von radikalen Minderheiten beherrscht wird. Überforderten Minderheiten. Das denken übrigens auch deine Angestellten. Kürzlich erzählte mir eine deiner Ticket-Verkäuferinnen, dass die Bahn Konkurrenz braucht und lobte Connex! Und jetzt? Ab in den Gulag mit ihr?
Weißt du, Hartmut, früher gab es in Ostberlin eine Straße von der Innenstadt nach Wandlitz, wo die Funktionäre ihre Wochenendhäuser hatten. Die Stadt verfiel, die Häuser bröckelten leise auf den von Schlaglöchern übersäten Asphalt, aber an dieser Straße waren alle Gebäude renoviert und die Läden voll mit Waren. Ich frage mich, ob es dir auch so geht. Du sitzt in klimatisierten Konferenzräumen, fliegst Business Class oder fährst erste Klasse Bahn und lebst in Hotels, in denen dicke Teppiche die Realität verschlucken. Du hast keine Zeit, aus dem Fenster zu sehen, und selbst wenn: Die Fassaden sehen gut aus. Aber was wäre, wenn deine Angestellten streiken würden, nicht für mehr Geld, sondern für eine neue Firmenleitung? Das deutsche Volk würde sich mit ihnen solidarisieren, und du wüsstest nicht, wieso. Aber wenn es so weit ist, denk daran: Du bist bloß der Erste. Weißt du eigentlich, was aus Erich Honecker wurde, Hartmut?
