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brand eins 02/2003 - Werte

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Schmuck oder Zahl?

Der Wert von Architektur ist sichtbar, aber nicht immer für jedermann erkennbar. Manchmal ist ihr Wert höher als ihr Preis. Manchmal ist es umgekehrt.

Was ist der Bundesrepublik Deutschland ihre Hauptstadt-Architektur wert? Stephan Braunfels, der Architekt der neuen Münchner Pinakothek der Moderne und des Paul-Löbe-Hauses des Bundestages im Berliner Spreebogen zuckt bei dieser Frage ein wenig zusammen, setzt den Hauch einer Leidensmiene auf und erzählt die Geschichte von jemandem, dem man unerwartet den Boden unter den Füßen wegzieht.

 

Stephan Braunfels hatte für seinen eleganten Bauriegel, dessen sakrale Raumeigenschaften er gem mit Le Corbusiers berühmter Kapelle Notre Dame in Ronchamp vergleicht, für innen und außen ein modernes Material ausgewählt: Sichtbeton. Einen Stoff, der den Bearbeitern großes handwerkliches Können abverlangt, was das Ein- und Ausschalen betrifft. Der aber auch eine feine gleichmäßige Körnung des Betons aus der Kiste des bauenden Alchimisten voraussetzt, damit man diesen Sichtbeton auch gem anschauen mag.

 

Um aber Geld zu sparen oder eben im Beamtensinn sinnvoll zu verwalten, war von der Bundesbaudirektion vorab ein Generalhersteller für sämtliche Bundesbauten verpflichtet worden, der sich allerdings eher für Tunnel- und Brückenbauten eignete. Einfach nur Beton, kein Sichtbeton wurde verbaut, und die mögliche Kosmetik für etwa 1,02 Millionen Euro, so viel hätte eine weiße Beton-Lasur gekostet (bei einer Gesamtbausumme von fast 297 Millionen Euro) - die war es der Bundesbaudirektion nicht wert. Der Architekt wurde um sein Finish betrogen.

 

Doch wer außer ihm und seinen Kollegen bemerkt die mangelnde Verarbeitung der Betonoberfläche wirklich? Ist der Schaden mehr als ein bloßer Imageschaden?

 

Braunfels zitiert Oscar Wilde, der einen Menschen, der von jedem Ding den Preis und von keinem den Wert kennt, einen Zyniker nannte. Der Umkehrschluss aber ist literarisch nicht belegt: Was ist einer, der glaubt, den Wert eines Dings erkannt zu haben, und sich nicht um den Preis kümmert? Ein Architekt?

 

Mit der Architektur, fast ehrfürchtig oft auch als Baukunst eingeordnet, ist das so eine Sache. Architektur gilt als Königin der angewandten Künste, und gleichzeitig sind Bauwerke Produkte mit einem nachvollziehbaren Marktpreis. Architektur ist wie ein Münze: auf der einen Seite mit einer Zahl und auf der anderen Seite mit einem schmucken Motiv zur Freude des Betrachters. Oder wie der Architekt Hans Hollein mit Wiener Charme einmal schmähte: "Bei der Architektur gesellt sich zur rituell-kultischen Komponente ganz simpel formuliert die Aufgabe von der Erhaltung der Körperwärme."

 

Letzere ist messbar und kann durch das Aneinanderrreihen von Ziffern entsprechend preisgerecht umschrieben werden. Gute Wärmedämmung kostet Geld, ein schneedichtes Dach genauso. Der Berufsstand des Architekten profitiert davon, denn geschickt haben sie und die Ingenieure die Baukosten zur Basis ihrer eigenen Berechenbarkeit gemacht. Die Honorartafel 10 der HOAI, der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure, definiert genau, was der Architekt wofür bekommt.

 

Grundlagen des Honorars. Das Honorar des Architekten für Grundleistungen bei Gebäuden, Freianlagen und raumbildenden Ausbauten richtet sich nach den anrechenbaren Kosten des Objekts, nach der Honorarzone, der das Objekt angehört, sowie der entsprechenden Honorartafel.

 

Aber in Wirklichkeit laufe es doch manchmal ganz anders, sagt der Berliner Architekt Armand Grüntuch: "Man kriegt bezahlt, was man wert ist." Er und seine Partnerin Almut Ernst haben am Hackeschen Markt eine letzte Baulücke mit einem gläsernen Kristall geschlossen, der je nach Tagesund Nachtzeit blinkt oder leuchtet. Eine Erfolgsstory für Bauherr und Architekt: Das Wohn- und Geschäftshaus wurde zum Schaufenster für neue Hauptstadtlust, mit metropolitanen Machern innen und glücklichen Voyeuren draußen, die live miterleben, was drinnen passiert.

 

Solche rituell-kultischen Komponenten sorgen für Verunsicherung und dafür, dass die Architektur eigentlich unkalkulierbar ist - weil sie einen immateriellen Mehrwert besitzt. Es waren und sind Architekten, die nicht nur die Ziegelsteine dicht und akkurat aufeinander schichten, sondern aus bloßen Schutzhütten schließlich Skulpturen und respektable Häuser machen, die unser Herz wärmen und für unsere Anerkennung durch den Glanz der eigenen Hütte sorgen. So wurden aus Jägern, Sammlern und Nomaden schließlich sesshafte (Be-)Wohner. Häuser künden von Haltbarkeit; vom Gegenteil des Flüchtigen. Fest gemauert. Ein Wert an sich und vielleicht der unterschwellige Grund für die Angst und Verzweiflung, als ein Symbol westlicher Lebensart innerhalb von Minuten aus 400 Metern Höhe in sich zusammenstürzte: die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Center.

 

Gerade die archaische Qualität einer Immobilie brauchen all jene wie Muttermilch zum Leben, die sich mehr und mehr der Automobilität verschrieben haben, die "in time" und "online" leben wollen. Modevokabeln wie "Cocooning" oder " Nesting" entlarven die unterschwellige Sehnsucht nach einem Heimathafen, und gute Architektur ist als dritte Haut des Menschen eine mögliche Umschreibung dafür.

 

Ein Blick auf die Werbekampagnen der Autoindustrie beweist das, wenn die jeweils neuesten Luxuskarossen vor den Highlights der Bau- und Ingenieurskunst stehen. Da paaren sich dann vordergründig geniale Ingenieurskunst und Konstruktionslust der Architekten und Autobauer. Aber es geht nicht darum zu beweisen, wer nun der bessere Erfinder ist, der Architekt oder der Autokonstrukteur. Es geht viel mehr um das, was das Auto nicht besitzen kann: um den Geist des Bleibenden, um den Ewigkeitsanspruch von Gebautem, der unterschwellig reizt und umso mehr anrührt, desto imposanter das Bauwerk ist.

 

Beispiel Wohnhaus: zwischen Prestige und alternativer Rentenvorsorge

 

Grüntuch und Ernst toppen ihr kleines Glaswunder am Berliner Hackeschen Markt mit Wohnungen. Was in City-Lagen immer noch etwas Besonderes ist, weil Büros höhere Verkaufs- und Mietpreise erzielen. Auf keinem anderen Feld ist die Bewertung von Architektur so nachvollziehbar wie beim Wohnen. Wohnen kann jeder, wohnen muss fast jeder. Wohnraum ist stark nachgefragt und eine Ware, auch wenn Sozialromantiker das nicht glauben wollen. Die Immobilienseiten der Wochenendzeitungen liefern die entsprechenden Preislisten, Kriterien sind Lage, Größe und Imagewert der Adresse.

 

Heinrich Zille hatte einmal geschrieben, man könne einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen, und hatte die Hinterhoflöcher der Berliner Großspekulanten vor Augen. Es geht heute anders herum. Die meisten Eigenheimbauer spekulieren mit dem Hauskauf auf die Zukunft und fahren gut damit, schließlich heißt es doch schon in der Sparkassenwerbung: "Das Eigenheim ist die beste Altersvorsorge."

 

Nur: Wie sieht eine solche Anlage aus, die, langfristig gesehen, mit einer propperen Lebensversicherung mithalten soll? Welche Rolle spielt Architektur dabei? Die Antwort schmerzt sicher die Architekten: erst einmal eine marginale. Manchmal trauen sich Immobilienmakler, ein Eigenheim als Architektenhaus anzubieten. Damit kann gemeint sein, dass es wirklich ein Wohnhaus eines Architekten ist, vielleicht sogar das eines sehr berühmten, aber es kann auch nur der Hinweis sein: " Käufer, mach dich auf was gefasst, das hier ist ganz schön schräg und nur für Liebhaber! Handeln ist erlaubt!"

 

Hamburger Immobilienpreise, Januar 2 003 (Quelle: " Hamburger Abendblatt"), Preise in Euro: Blankense - Neubau-Villa, Top-Lage, 790000; Elmshorn - exklusive Villa, beste Lage, 870000; Architektenhaus Sülldorf - einfamilienhausähnliches Wohnen am Naturschutzgebiet, 475 000. Büroflächen: Schanzenviertel - neu ausgebaute Lofthalle, 508 qm, 900 000; Rotherbaum - Stadthaus mit vollgewerblicher Nutzung, 1112 qm, 2200000; Hohenfelde - Bürovilla, Alsternähe, 1600 000...

 

Anders verhält es sich mit dem Fertighaus. Das ist eine klare Angelegenheit, es kombiniert das Abenteuer Hausbau mit Liefertermin und Festpreisgarantie. Da wird kalkuliert wie beim Anzug von der Stange, nur dass nicht in China geschneidert wird, sondern die Sandwich-Wände irgendwo im Westerwald zusammengezimmert werden. Der größte Mangel des Fertighauses war allerdings lange Zeit, dass es auch so aussah wie ein Fertighaus und nicht wie der maßgeschneiderte Traum vom Eigenheim.

 

Inzwischen läuft aber die Traumfabrik Fertigbau perfekt. Jeder kann bekommen, was er will. Nirgendwo werden, wenn es nach der Meinung der Architekten geht, ihre wahren Werte so schnell wie hier verraten oder substituiert. Marmor fürs Bad, wenn nicht goldene Wasserhähne, dann zumindest verchromte. Ein kleiner Portikus für den Eingang macht jedes Häuschen zum Schlösschen. Und das Schönste ist: So etwas bringt Punkte für den Wiederverkaufswert wie die Klimaanlage oder das Schiebedach beim Auto.

 

Nicht alle Architekten schlucken solche Werteverschiebung. Karin Renner, Hamburger Architektin (Renner Hainke Wirth Architekten), versucht die Quadratur des Kreises, sie versucht, ein aus Architektensicht anspruchsvolles Fertighaus zu bauen. Und siehe da, es gelingt. Kein bonsaimäßiger Verschnitt aus der Baugeschichte, keine Protzmaterialien, sondern schwungvoll, hölzern, farbig, flexibel. Die Konstruktion besteht aus einem leichten Holzskelett. Letztendlich war das schon der Garant für Flexibilität im guten alten Niedersachsen-Bauernhaus vor 200 Jahren.

 

Kosten/qm Wohnfläche (Zirkawerte in Euro, ohne DG-Ausbau) Einfamilienhaus: Erd-Maurer-Beton 400-600, Putz/Trockenbau 100-130, Sanitär 50-85, Heizung 70-90, Bodenbeläge 16-35, Fliesen 10-140, Maler 25-60. Reine Baukosten 1000-1700.Geschosswohnungsbau: Erd-Maurer-Beton 280-600, Putz/Trockenbau 60-110, Sanitär 30-60, Heizung 25-65, Bodenbeläge 12-24, Fliesen 14-44, Maler 17-50. Reine Baukosten 600-1400.

 

Das gebogene Dach steht an den Schmalseiten weit über, als Schutz für Veranda oder Carport. Innen definiert sich das Haus nicht über Zimmer, sondern über Zonen, die flexibel zu benutzen sind. Die wichtigste Leistung der Architekten besteht in der schlichten Tatsache, die Vorteile eines vorfabrizierten Hauses (Preiswürdigkeit, Termin- und Preisgarantie, flexible Konstruktion, günstige Energiebilanz) jenseits von heimeliger Klischee-Baukunst mit einer selbstständigen Form kombiniert zu haben.

 

Beispiel Bürohaus: zwischen Rendite und Vermietbarkeit

 

Im Bürohausbau sind die Bedingungen härter, es geht meistens weder um Heimeligkeit, Individualität noch um Heimat, sondern um Rendite und Vermietbarkeit. Aber die kann durch Architekturqualität gesteigert werden, am besten dann, wenn gleichzeitig die Baukosten fallen, denn hier herrscht ein höheres Kostenbewusstsein als auf dem Wohnmarkt. Auf das Konzept kommt es an. In Hamburg hat das Architekturbüro Bothe Richter Teherani, deren Aufstiegsgeschwindigkeit in die architektonische Hall of Fame ohne Beispiel ist, eine hochintelligente und ökologisch innovative Variante eines " Haus-im-Haus" neu belebt. Dazu stecken sie ganze Bürohäuser unter riesige Aquarien oder Glaskuppeln, pflanzen überdachte Gärten und legen geschützte Innenhöfe an - Freiräume für die Angestellten im doppelten Sinn unter einem intelligenten Energie sparenden Wärmepuffer, den man als Wintergarten kennt.

 

Möglich wird das mit dem heute hochintelligenten Baustoff Glas, dem Wissenschaftler durch einen Quantensprung in der Entwicklung ökologisch wertvolle, weil sogar echt wärmedämmende und schallschützende Eigenschaften verliehen haben. Nahezu immateriell und frei wirken Glashäuser heute, weil durch die Möglichkeit einer punktgehaltenen Konstruktion fast Sprossen-freie Glaskleider sich locker über feine Skelettkonstruktionen aufhängen lassen.

 

Die Architekten Bothe, Richter und Teherani denken nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch, denn sie schöpfen aus einem Baukasten vorgedachter und vorgefertigter Konstruktionsmöglichkeiten einschließlich sparsamer Kühldecken und preisgünstiger Fassaden. Am Ende steht ein Quadratmeterpreis für die Bruttogeschossfläche zwischen 1100 und 1300 Euro Baukosten oder ein Vermietungspreis meist unter 12,5 Euro pro Quadratmeter, was in beiden Fällen günstig ist.

 

Und nach der Pflicht kommt die Kür. Bothe, Richter und Teherani wollen, so propagieren sie es selbst, " jenseits glaskalter Funktionalität und der Rechenaufgabe Ökologie auch für großartige Räume und Metropolenrausch sorgen". Das gelingt ihnen sogar unter verschärften Marktbedingungen: "Die Architektur des Bürohauses, die Arbeitsbedingungen im Mikroklima der Gebäudehülle wie im Mikroklima von Stadt und Umgebung werden damit zu entscheidenden Magneten, die verhindern, dass flüchtige Büro-Nomaden mit einem Wissen abwandern, das mit Leitz-Ordnern ebenso wenig zu halten ist wie mit Essensmarken." Im eigenen Büro im Deichtor-Center locken Bothe, Richter und Teherani mit Strandkörben und Bartresen in der Chill-out-Zone und basteln an einem Wir- und gemeinsamen Erfolgsgefühl, täglich dokumentiert durch den eigenen Baustil drum herum. Die Botschaft ist klar: Die Architektur des Arbeitsplatzes trägt zur Motivations- und Leistungssteigerung bei. Die Kontur des Neubaus schmückt dann auch noch die Briefbogen der ansässigen Agenturen oder Büros. Ein architektonisch illustres Bürohaus ersetzt die rar werdenden klassischen Adressen.

 

Beispiel Unternehmensarchitektur: zwischen Aura und Mehrwert

 

Corporate Architecture ist so ein Schlagwort, mit dem insbesondere Unternehmen hausieren gehen, die eine Design- und Innovationskompetenz nachweisen wollen. Sony ist so eines. Der deutschamerikanische Architektenstar Helmut Jahn inszenierte dem Unternehmen eine entsprechende Kathedrale am Potsdamer Platz in Berlin. In den vergangenen Jahren hat sich besonders die Autoindustrie als ein wichtiger Profiteur des architektonischen Mehrwerts erwiesen. Gunter Henn, der zentrale Ansprechpartner für Architektur beim Autobauer Volkswagen, hat die Autostadt in Wolfsburg konzipiert und gebaut, ebenso die Gläserne Manufaktur in Dresden. Henn nennt einen weiteren ideellen Wert von Architektur: " Es geht mir um eine Aura-Qualität, the Awareness of Quality, nicht nur um eine Autoproduktion, sondern beispielsweise um die Aura eines Qualitätsbewusstseins." Damit das bei der Produktion der Luxuskarosse Phaeton in der Gläsernen Manufaktur in Dresden besonders spürbar wird, hat VW viele Millionen Euro investiert.

 

Wertige Autoproduktion kann nur durch wertige Architektur vermittelt werden, es geht also nicht (nur) um einen architektonischen Raum und seine ästhetische Bedeutung, nicht nur darum, mit der Architektur Abläufe der Produktion zu kommunizieren - sondern eben um Wertevermittlung. Für die Phaeton-Produktion heißen die "Keywords" deswegen "gläsern" und "Manufaktur", und diese Manufaktur sieht mit ihrem Parkettfußboden aus wie eine bessere Werbeagentur oder ein "höfisches Lusthaus" ("Die Zeit"). Die Gläserne Manufaktur versteckt nichts, die Räume sind nicht verschlossen, sie fließen sozusagen ineinander über. Der Besucher oder Abholer einer Luxuskarosse fühlt sich wie im Juwelierladen und schaut dem Goldschmiedemeister über die Schulter. Transparenz in der Architektur ist zum wichtigsten Stichwort geworden, nicht nur in Dresden, sondern überall.

 

Kosten pro Bruttogeschossfläche in Euro, Beispiel Hamburg: Bürohaus Berliner Bogen 1,300, Kontorhaus am Nicolaiflect 1340, Bürogebäude Channel Acht 1733, Wohnen, an der Bille 12-18, Wohnen Alsterdorfer Straße 1665, Innovativer Fertighausbau 1650 (Quelle: Hamburger Architekturjahrbuch 2002).

 

Gunter Henn kommt in diesem Zusammenhang gern auf die Sakralität gotischer Kirchen zu sprechen. Er meint " den Raum, den Traum vom Raum" und stellt in Frage, was Kauf- und Immobilienleute immer für sakrosant gehalten haben: auf keinen Fall die Kosten von " nichtsnutzigem" Luftraum von Büroräumen und Wohnzimmern oberhalb von zweimeterfuffzig zu bezahlen.

 

Architekten lieben per se den Raum und die Höhe, und aus einem entsprechenden Drang nach Selbstverwirklichung wollen sie (seit Jahrhunderten) gern Kirchen bauen. Transparenz, Licht und Raum geben den Kick, der schließlich Materielles zum Immateriellen erhebt. Große Baukunst kann Balsam für die Seele sein, schön, prickelnd, erregend und einmalig. Das vornehmste Beispiel der letzten Jahre war dafür sicher das Guggenheim Museum in Bilbao für ungefähr 143 Millionen Euro, ein artifiziell aufgefaltetes Raum- und Körpergebilde aus Beton, Kalkstein, Glas und Titanzink. Es wurde so geschickt in eine Biegung des Nervión gesetzt, dass es einmal als zerklüfteter Gletscher und dann wieder als Schiffsleib oder -wrack erlebt wird.

 

Innen mit einem Atrium, das mit 50 Metern Höhe die berühmte Schwester des Architekten Frank Lloyd Wright in New York eineinhalbmal überragt, daneben eine 130 Meter lange schiffsbauchige Galerie und eine Staffel konventioneller, aber maßgeschneiderter Galerien, die so geknetet, geformt und schließlich genial mit Licht versorgt werden, dass am Ende nur ein Urteil möglich ist: Das Guggenheim Bilbao ist von seinem Architekten Frank Gehry zu einer idealen Hülle für die Kunst des 20. Jahrhunderts geworden.

 

Und dieses Museum hat einer geschundenen, kollektiv arbeitslos gewordenen Region Hoffnung, Kraft und Zukunft gegeben. Kurz: ein neues Image und ein steigendes Bruttosozialprodukt. Für Thomas Krens, dem Chef der Guggenheim Foundation, war die Bilbao-Story sein komprimiertes Erfolgsabzeichen fürs Revers -bis sich auf brutale Weise bestätigte, dass auch ein Kunstimperium vom Erfolg der Wirtschaft abhängig ist.

 

Das Guggenheim Museum in Bilbao reißt am Herzen der Besucher, weckt tiefe Emotionen und bringt momentane Glücksgefühle. Gute, sehr gute Architektur tut das immer. Nicht nur im Guggenheim, nicht nur im Paradebeispiel der modernen Architektur, in der Kapelle Notre Dame im lothringischen Ronchamp, wo Le Corbusier in seiner unnachahmlichen Mischung aus bewegtem Raum und Licht ein metaphysisches Architekturerlebnis ermöglicht.

 

Bei der Fortsetzung dieser Beispiele - es gibt deren genügend - würde endgültig deutlich, dass Architektur ein räumliches Lebensmittel und Elixier ist, je besser und reiner, desto wirkungsvoller. Solche Perspektiven in Zahlen auszudrücken verbietet sich quasi - für Architekten. Das sei auch der Bundesbaubehörde auf den zentralen Server geladen, wie auch die Fortsetzung des Satzes von Hans Hollein: "Architektur ist für das ,survival during life' und genauso das ,survival after life' zuständig."

 

Stephan Braunfels, Armand Grüntuch, Karin Renner, Gunter Henn, Hadi Teherani und all die anderen Baukünstler werden auf Anhieb verstehen, was gemeint ist. Aber Architektur ist nicht nur für Architekten etwas wert - auch wenn die Bundesrepublik Deutschland zurzeit ganz andere Probleme hat als die makellose Haut ihrer Hauptstadtbauten.


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