Inhalt
brand eins 08/2004 - KULTUR-KOLUMNE
Weit weg und unverständlich
... zu sein ist nicht immer ein Nachteil. Nicht nur, wenn man sowieso nicht von allen verstanden werden will.
Im Zuge des Widerstandes gegen die russische Besatzung in Afghanistan kamen Mitte der achtziger Jahre auch die Teppichknüpfer zum Einsatz. In der Abwandlung der alten Tradition der qalin-e dschangi (Kampfteppich) und der qalin-e dschihad (Kriegsteppich) entwickelte sich in kurzer Zeit ein neuer Typ, der qalin-e kalaschinkof, benannt nach dem russischen Maschinengewehr, einem Hauptmotiv der neuen Richtung. Aufbauend auf den traditionellen Ornamenten islamischer Bildteppiche wurden in den Arbeiten außer den Gewehren auch Soldaten, Panzer, Handgranaten, Hubschrauber und Patronenhülsen zu kunstvollen Mustern verwoben. Mit den Wandteppichen wurden anfangs traumatische Kriegserlebnisse verarbeitet und die eigene Stärke beschworen, bald aber auch Geld verdient: Sie wurden von afghanischen Offizieren und Exilanten gekauft, von arabischen Geschäftsleuten und Militaria-Sammler. So entstand in wenigen Jahren ein ganz neuer Zweig des afghanischen Kunsthandwerks.
Kunst erfüllt selten Erwartungen. Das führt dazu, dass neue Entwicklungen oft ignoriert werden, manchmal sogar von den Leuten, die vorgeben, sich für Kunst besonders einzusetzen. In diesen Bereich gehört etwa die Behauptung, die globalisierte (US-)Unterhaltungsindustrie gefährde die Vielfalt der Welt, weil sie kulturelle Traditionen zerstöre. Natürlich wäre einem extrem aggressiven Unternehmen wie dem Disney-Konzern Buena Vista nichts lieber als eine weltweite Marketingmäusemonokultur. Selbstverständlich sterben immer wieder Traditionen aus. Ich bedauere zum Beispiel das Ende der Rhyming Spirituals beziehungsweise Ant'ems auf den Bahamas: Die beim ersten Hören bizarr wirkenden Gitarren- und Vokal-Improvisationen alter Gospel verschwanden, als ihre wichtigsten Interpreten, die Pindar-Familie und der geniale Gitarrist Joseph Spence, starben. Und tatsächlich ist es auffällig, dass sich Traditionen heute vor allem in abgelegenen, schwer zugänglichen Regionen halten, wie man es an der häufig sehr komplizierten und wenig marktgerechten Blasmusik in aller Welt sieht. Für katalanische Sardana, die wie die Vertonung von Schachspielen wirken, gilt dasselbe wie für die Merina von den Hochplateaus Madagaskars, die klingen, als müssten gleich die Instrumente explodieren, oder die peruanischen Huaylas, eine quengelnde Minimalmusik zum Tanzen: Ein Gebirge ist ein prima Schutz für lokale Eigenarten.
Jürgen Wasim Frembgen / Hans Werner Mohm: Lebensbaum und Kalaschnikow - Krieg und Frieden im Spiegel afghanischer Bildteppiche. Gollenstein, 2000; 152 Seiten; 19 Euro Kampfteppiche aus den neunziger Jahren verkauft: Liberty, Regent Street, London.
The Real Bahamas in Music and Song (Nonesuch Records / Warner) Global HipHop (Union Square Music / Manteca) uww.banksy.co.uk wuw.filk.de Andererseits entstehen aber auch laufend neue Formen lokaler Kunst, etwa im HipHop: Sprechgesang plus Rhythmus sind Träger einer Weltkultur, die sich in immer neue Zweige aufteilt. Allein in Deutschland sind die lokalen Unterschiede riesig: Der Mittelstand-Rap aus Stuttgart klingt anders als der Polithop aus Hamburg oder die Sozialhilfereime aus Berlin. Im Ausland werden die Unterschiede noch extremer, schon die europäischen Versionen liegen weit auseinander: Die aktuelle britische Variante Grime ist jung und aggressiv, in Frankreich schlurft HipHop eher verkifft zurückgelehnt dahin, und in Spanien passiert er schnell mal die Grenze zur arabisch beeinflussten Gitarrenmusik. Noch extremer wird es, wenn man sich weltweit umhört: Auf der CD "Global HipHop" werden mexikanische Rapper von Mariachi-Bläsern begleitet, in Chile liegen Latino-Rhythmen unter den Reimen, im Libanon arabische Percussion und beim südafrikanischen Kwaito untermalen House-Beats den Rap. Die Vielfalt ist also offensichtlich - und das ist nur die Oberfläche.
Denn das Herz des HipHop ist die Botschaft, es geht um Texte und damit nicht nur um Sprach-, sondern vor allem um Bedeutungsbarrieren. Die Neigung, Kultur zu codieren, ist nicht neu: Schon immer haben unterdrückte Mehr- oder Minderheiten eigene Zeichen genutzt, um sich der Kontrolle der Herrschenden zu entziehen. Im HipHop war ein spezieller Code von Anfang an Teil der Kultur, und so kann man die weltweite Entstehung von HipHop-Gemeinschaften auch als Widerstand gegen die kulturellen Übernahmeversuche der westlichen Unterhaltungsindustrie sehen: Das Problem wird in den Entwicklungsländern vielleicht nicht so intellektuell betrachtet wie von westlichen Intellektuellen, aber die angeblichen Opfer des Kultur-Imperialismus sind durchaus in der Lage, es zu erkennen und darauf zu reagieren. Der Neger kann auf sich selbst aufpassen, er braucht keine Hilfe.
Das gilt aber nicht nur im Ausland. Im Westen ginge es ebenfalls vielen Menschen besser, wenn man sie einfach machen ließe. HipHop ist auch hier ein gutes Beispiel, allerdings weniger die Musik, die akzeptiert wird, seit sie kommerziell verwertet wird, sondern eine weitere Säule der HipHop-Kultur: Graffiti. Die Wandgemälde gelten bestenfalls als Schmiererei, manche halten sie aber auch für Verbrechen. Qualität ist dabei kein Maßstab, wie das Beispiel Banksy zeigt: Der vermutlich beste britische Sprayer benutzt Schablonen, um Bilder auf Hauswände, Sicherungskästen oder Straßenschilder zu sprayen, und sieht man sich seine Bilder von randalierenden Ratten und pinkelnden Palastwachen an, ist klar: Der Mann ist ein Künstler. Das nützt ihm allerdings im Kampf mit der Staatsgewalt wenig: Banksy wird wie alle verfolgt - und das ist vielleicht auch gut so. Denn Kunst als Ausdruck von Individualität und Eigensinn entsteht oft im Widerstand, ob nun gegen die öffentliche Ordnung oder leutselige Gutmenschen. Und sogar gegen kommerziellen Erfolg: Viele Künstler haben das Gefühl, sie würden in eine Kompromissmaschine geraten, wären sie zu bekannt, und in der Tat gibt es dafür unzählige Beispiele. Abgesehen davon: Erfolg ist überbewertet.
Das kann man von Filk lernen. Diese Folkmusik mit Science-Fiction- oder Fantasy-Texten entstand vor 30 Jahren auf Science-Fiction-Kongressen als Parodie bekannter Filme oder Bücher. Heute ist Filk ein unauffällig blühendes Genre mit eigenen Stars wie Heather Alexander oder Avalon Rising und eigenen Kongressen, aber ohne große Plattenfirmen oder auch nur einem globalen Vertrieb. Und ich würde sagen: zum Glück. Nicht nur, weil ich auf Lieder über Trolle und Außerirdische gut verzichten, sondern weil ich mir auch vorstellen kann, was mit dieser Musik im Herr-der-Ringe-Boom passiert wäre: plötzlicher Ruhm, internationale Superhits - und dann der Ausverkauf. Es muss nicht immer so gehen, aber die Gefahr ist groß. Deshalb wünsche ich Filk weiterhin ein langes Leben im blühenden Abseits. Und uns allen gute Gründe zum Widerstand, dass wir schöner, besser und schneller werden, Kunstwerke unseres eigenen Lebens. " BRANDEINS 04/08
