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brand eins 08/2004 - SCHWERPUNKT: Der Plan
Plan paradox
Ölreichtum ist für afrikanische Länder ein Fluch. Im Tschad will die Weltbank einen Segen daraus machen.
• Die Geschichte beginnt, wie fast jede Geschichte über Erdölförderung in Afrika anfängt - mit einer Absage. Der Sprecher von Esso Chad, Tochterfirma des US-Mineralölkonzerns ExxonMobil, führt gleich drei Gründe an, wieso er uns beim besten Willen nicht empfangen könne. Erstens sei derzeit Regenzeit und alles aufgeweicht. Zweitens werde er zum fraglichen Zeitpunkt gar nicht im Lande sein. Und drittens zeigten sich an diesem Thema dermaßen viele Journalisten interessiert, dass das Unternehmen gar nicht mehr zum Erdölfördern käme, wenn alle Besuchsanfragen positiv beschieden würden.
Selbst wenn man mit der Transparenz amerikanischer Mineralölkonzerne bereits seine Erfahrungen sammeln konnte (siehe auch brand eins 01/2004), kommt diese Absage doch etwas verblüffend. Schließlich handelt es sich in diesem Fall um eine Geschichte, mit der sich der Ölkonzern ExxonMobil selbst gern schmückt. Der Tschad - ein bettelarmer Staat im Herzen Afrikas mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von 240 US-Dollar, einer Alphabetisierungsrate von 20 Prozent und einem Arzt pro 30 000 Einwohner - werde, so meldet ExxonMobil stolz, "von der vorindustriellen Ära ins 21. Jahrhundert katapultiert". Und zwar ausgerechnet mittels jener klebrigen Substanz, die anderen afrikanischen Staaten bislang mit großer Regelmäßigkeit zum Verhängnis wurde: dem Erdöl.
Es handelt sich um die größte private Investition im subsaharischen Afrika. Für 3,9 Milliarden Dollar hat ein von ExxonMobil geführtes Konsortium im Süden des Tschads drei Erdölfelder erschlossen und eine fast 1100 Kilometer lange Pipeline durch Kamerun hindurch in den atlantischen Golf von Guinea verlegt. Bereits seit einem Jahr wird das schwarze Gold durch die aus Deutschland stammenden Stahlrohre gepumpt. Bald soll der Öl-Strom mit 225 000 Barrel pro Tag seine Höchstkapazität erreichen. Ein fantastisches Indiz dafür, dass selbst Wirtschaftskapitäne ihren Glauben an Afrika wiedergefunden hätten, jubelt der Generalsekretär der Global Coalition for Africa, Ahemdou Ould-Abdallah: " Ein neues Paradigma ist geschaffen." Zum Studium des alten Paradigmas mussten die Tschader nur in eines ihrer Nachbarländer schauen. Welcher afrikanische Staat auch immer das Pech hatte, dass Geologen Öl in seinem Boden fanden, musste dafür zahlen. In Nigeria, die erdölreichste Nation des Kontinents, sank das Pro-Kopf-Einkommen in den vergangenen 30 Jahren um 23 Prozent, obwohl im selben Zeitraum 300 Milliarden US-Dollar Öleinnahmen ins Land geflossen sind. Der 120-Millionen-Einwohner-Staat gilt heute als eines der korruptesten Länder der Welt - in der Ölregion im Nigerdelta muss der Shell-Konzern immer wieder die Produktion einstellen, weil es ständig zu Unruhen, Entrührungen oder Sabotage-Akten kommt.
Etwas weiter südlich, in Angola, tobte ein vom Erdöl angeheizter fast 30-jähriger Bürgerkrieg. Und seit der verheerende Bruderzwist zu Ende ist, kassieren die Machthaber rund eine Milliarde Dollar der jährlichen Öleinnahmen selbst. Die Bevölkerung geht leer aus: Die überwiegende Mehrheit der Angolaner muss mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. "Paradox of Plenty" nennen Wissenschaftler dieses Phänomen. "Wir kennen keinen einzigen Fall, in dem Öl in einem Entwicklungsland zu langfristigen positiven Resultaten führte", sagt Terry Lynn Karl, Politikprofessorin an der kalifornischen Stanford-Universität.
Doch im Tschad soll nun alles anders werden. Dafür steht Gregor Binkert gerade, ein 48-jähriger Ökonom aus Laufenburg in der Schweiz, der seit drei Jahren die Weltbank in der erwachenden Erdölnation vertritt. Binkerts schmuckloses Büro nahe der tschadischen Zentralbank in der Hauptstadt N'Djamena ist so etwas Ähnliches wie eine heimliche Staatskanzlei: Manche halten die Weltbank gar für die eigentliche Regierung des acht Millionen Einwohner zählenden Staates. Zumindest würde ohne die Präsenz der Bank noch heute kein Tropfen Öl gefördert. Die Mineralölkonzerne wissen seit drei Jahrzehnten von den tschadischen Reserven. Damals befand sich das Land jedoch im Kriegszustand mit seinem libyschen Nachbarn: Die Instabilität schloss eine Investition in dieser Größenordnung aus. Selbst als die Waffen schwiegen und das von Putschen geschüttelte Land zu einer repressiven Ruhe kam, blieb manchem Konzern der Wüstenstaat zu heiß: TotalFinaElf und Shell stiegen Ende der neunziger Jahre aus dem Konsortium mit ExxonMobil (in Europa bekannt als Esso) aus. Aus politischen Gründen, wie es hieß.
Es bedurfte einer genialischen Idee der texanischen Erdöl-Magnaten, um sich des tschadischen Schatzes doch noch zu bemächtigen; schließlich hatte das Interesse der Supermacht USA nach neuen Erdölquellen inzwischen Fieberwerte erreicht. Wohl wissend, dass das Milliarden teure Pipeline-Projekt angesichts des sozialen Brennstoffes, den die Erdölförderung in diesem Teil der Welt zwangsläufig mit sich bringt, von keiner kommerziellen Bank der Welt finanziert worden wäre, wandte sich ExxonMobil an die Weltbank. Und wurde von den Entwicklungsökonomen auch nicht im Stich gelassen.
Esso und die Regierung: Halten sich ungern an die Regeln Allerdings stellten die Washingtoner Banker Bedingungen für ihren Einstieg in das Mega-Unternehmen. So mussten sich die Mineralölgesellschaften zur Einhaltung bestimmter Richtlinien in puncto Umwelt- und Sozialverträglichkeit verpflichten. Die tschadische Regierung musste einer Vereinbarung über die Verwendung der Öleinnahmen und deren Kontrolle zustimmen. Der Washingtoner Masterplan soll dafür sorgen, dass im Tschad die Gesetze der Schmierkraft aufgehoben werden, und die Erdölförderung tatsächlich der Entwicklung des Landes zugute kommt. "Ein einzigartiges Projekt" , prahlt Tom Walters, Vizepräsident der US-Produktion für ExxonMobil: "Wir setzen damit neue ethische Standards." Was der Ölmanager nicht sagt: Die Zugeständnisse, die der Konzern der Weltbank machen musste, waren keineswegs Ergebnis eigener Einsicht, sondern Kröten, die das Unternehmen (wie die tschadische Regierung) höchst widerwillig schluckte. Ein für den Fortgang der Geschichte folgenschwerer Unterschied.
Gregor Binkert lässt sich, anders als die Esso-Mitabeiter, von der Regenzeit nicht schrecken. Trotz gelegentlicher heftiger Schauer begleitet er uns in die acht Autostunden südlich der Hauptstadt gelegene Ölregion. Eine Gegend, die Binkert im Gegensatz zu den meisten tschadischen Kabinettsmitgliedern wie seine Westentasche kennt. Hier hat der Ökonom schon manchen Tag im Gespräch mit Dorfbewohnern unter einem Baum verbracht. Einmal wurde der schmächtige Schweizer dermaßen von Moskitos zerstochen, dass er kurze Zeit später an Malaria erkrankte. Die Weltbank evakuierte ihren schwer fiebernden Repräsentanten mit einem eigens entsandten Flugzeug. Für Einheimische, die auf solchen Service nicht zurückgreifen können, verlaufen ähnliche Attacken oft tödlich.
"Schauen Sie, hier gibt es schon richtig gemauerte Häuser!", ruft Gregor Binkert froh und deutet auf zwei Backsteinhäuschen, die aus einem Meer von windschiefen Bretterhütten ragen. Wir sind in dem Teil der Ölsiedlung Komé angelangt, den Einheimische Komé Atan nennen: ein vom französischen "attendre" abgeleitetes Attribut, das deutlich machen soll, dass es sich bei diesem Slum um eine "Warte"-Siedlung handelt, denn jeder wartet hier auf einen Job bei Esso. Nicht viel mehr als 400 Glückliche haben einen solchen bisher bekommen.
Nur wenige Meter von Komé Atan entfernt ragt auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine gigantische Lagerhalle in den Himmel, sie gehört zu Kome Base, dem Refugium der Ölarbeiter. Dort leben die aus allen Erdteilen rekrutierten Erdöl-Facharbeiter isoliert wie auf einer Bohrinsel im Atlantik. Morgens werden sie in alten US-Schulbussen zu ihren jeweiligen Installationen und abends wieder zurück ins Hauptquartier gekarrt. Alkohol ist ihnen genauso untersagt wie allzu vertraulicher Umgang mit der Bevölkerung. Dennoch hat sich in den vergangenen Monaten ein bemerkenswerter Wandel in der Demografie Komé Atans vollzogen, berichtet Jacob, Barmann in der "Phoenix-Bar". Während die männlichen Arbeit Suchenden die Hoffnung inzwischen aufgegeben hätten und weitergezogen seien, wurde ihr Platz von aus dem gesamten Subkontinent herbeigeeilten Frauen eingenommen. "Auch sie warten auf Beschäftigung", sagt Jacob. "Sie verfügen allerdings über ein gottgegebenes natürliches Diplom." Dass sie bei der Jobbeschaffung erfolgreicher als ihre männlichen Vorgänger sind, zeigen am Ortseingang angebrachte Schilder, die vor der tödlichen Immunschwächekrankheit "Sida" warnen: Komé Atan wird von Einheimischen auch Komé Satan genannt.
Aber Komé ist nicht der Ort, zu dem uns Gregor Binkert führen wollte. Wir steuern Doba an, die Hauptstadt der Provinz, die bis heute ohne Stromversorgung ist. Der Weltbank-Mann lotst uns zu einem von seiner Institution finanzierten Gebäude, in dem drei neue Diesel-Generatoren bald Strom produzieren werden. Das heißt, falls irgendwann der Diesel aus dem Nachbarland Nigeria eintrifft. Das Öl-Land Tschad hat nämlich keine eigene Raffinerie. In der nur wenige Kilometer entfernten Erdöl-Aufbereitungsanlage Komé 5 hat Esso ein Kraftwerk errichtet, das von dem bei der Ölförderung ohnehin anfallenden Erdgas betrieben wird und mit 120 Megawatt sechsmal mehr Leistung produziert als die gesamte öffentliche Stromversorgung des Landes. Warum das Werk außer den Pipeline-Pumpen nicht auch gleich die Region mit Elektrizität versorgt, muss aus eingangs genannten Gründen Essos Geheimnis bleiben. Für die Belange der Bevölkerung ist schließlich auch die Weltbank zuständig: "Ich habe nichts dagegen", meint Gregor Binkert, "wenn wir als Blitzableiter benutzt werden." Die Weltbank-Dollars: Sollen die Bevölkerung ruhig stellen Tatsächlich ist die Strom-Hilfe für Doba nur ein kleiner Teil eines umfangreichen "Notpaketes" der Weltbank für die Ölregion. Mit 55 Millionen Dollar wurde der Bau von Schulen und Krankenstationen finanziert, selbst einen Wasserturm im bisher leitungslosen Städtchen Bebedja kann Binkert seinen Gästen präsentieren. So soll vermieden werden, was in schwachen afrikanischen Staaten eine besonders häufige Konsequenz der Erdölgewinnung ist: dass sich die Bevölkerung der Ölregion gegen die Zentralregierung erhebt, weil sie sich am Gewinn aus den aus ihrem Boden gewonnenen Schätzen nicht adäquat beteiligt fühlt.
Die Weltbank schrieb der tschadischen Regierung deshalb auch ins Pflichtenheft, dass künftig fünf Prozent der Erdöl-Einnahmen in die Ölregion zu fließen haben. Weil es angesichts noch immer fehlender kommunaler Institutionen jedoch dauern kann, bis dieser Obolus, falls überhaupt einmal, in Doba eintrifft, wurde die Weltbank sicherheitshalber bereits vorbeugend aktiv. "Man hat schon den Eindruck", meint Helmut Schrader vom Deutschen Entwicklungsdienst (DED), der in der Ölregion im Weltbank-Auftrag Schulen baut, " dass die Bevölkerung hier ruhig gestellt werden soll." Zumindest vorübergehend gelingt das auch. Bebedja vibriert vor Lebensfreude: Nach Sonnenuntergang lassen sich die Bewohner des Ölstädtchens vor den zahllosen Bars in der Hauptstraße mit Tanzmusik beschallen und sechse gerade sein. Zeichen des bescheidenen Booms, den die Esso-Entschädigungszahlungen für die von der Pipeline betroffenen Familien sowie die Beschäftigungswelle während der Bauphase des Großprojektes ausgelöst habe, erklärt uns Kaufmann Mohammed Sale. "Doch bald ist die Entschädigung aufgebraucht", fügt er hinzu, "und die Pipeline-Arbeiter sind schon wieder arbeitslos." Wie schnell die Stimmung umschwenken kann, bekam Gregor Binkert zu spüren, als er während eines Besuches im Dörfchen Miandoum fast verprügelt worden wäre. Die Dorfbewohner klagten darüber, dass ihre Ernte vom Staub, den die Esso-Lastwagen aufgewirbelt hatten, vernichtet worden sei, und forderten vom Weltbanker Entschädigung. Das überstieg dann doch die Leitfähigkeit des Blitzableiters. Wütend schleuderten die Dorfbewohner dem Besucher auch gleich noch an den Kopf, dass sie inzwischen zwar ein neues Schulgebäude, doch noch immer keine Lehrer hätten. Denn die werden vom Staat bezahlt; im Fall Miandoums wären das exakt drei Lehrer für 400 Schüler.
"Entwicklung ist eben nicht mit dem Bau von ein paar Schulen garantiert", sagt der DED-Mann Schrader. Wenn im nächsten Jahr das Notprogramm der Weltbank auslaufe, sei die Bevölkerung der Ölregion mit Esso allein gelassen: "Da prallen zwei Welten aufeinander, die absolut nicht kompatibel sind." Er werde hier ständig an den Wettlauf zwischen Hase und Igel erinnert, fährt Schrader fort: nur dass im Tschad nicht wie im Märchenbuch der Igel siege. Im Hasentempo sauge Esso in den kommenden 25 Jahren das Erdöl aus dem Boden, danach könnten die Igel in die leeren Röhren schauen. "In Sachen Entwicklung", sagt der DED-Mann, "sind 25 Jahre wie bei Esso ein Tag." In der Hauptstadt N'Djamena wird unterdessen gemeldet, dass - ein volles Jahr nach Beginn des Ölexports - die erste Überweisung eingetroffen ist. Dass der Transfer so lange dauerte, liegt an dem komplizierten Verfahren, das die Weltbank mit der tschadischen Regierung vereinbart hat. Danach werden die von Esso bezahlten Tantiemen (12,5 Prozent des Rohölpreises) zunächst auf einem Londoner Treuhandkonto geparkt. Dort gehen gleich mal alle Zinsen und Rückzahlungsraten für private Kreditinstitute sowie die Weltbank ab, denn kein von der Washingtoner Entwicklungsinstitution finanzierter Cent ist ein wirkliches Geschenk. Sodann werden zehn Prozent an einen Fonds für künftige Generationen abgezweigt. Und der Rest muss nach dem zwischen Weltbank und N'Djamena vereinbarten Schlüssel zu 80 Prozent in den " Primärsektor" des Staatshaushaltes, also Gesundheit, Infrastruktur und Bildung fließen. Und wie viel war das im ersten Produktionsjahr? Knapp 26 Millionen Dollar.
Als Grund für die lächerliche Summe erklärt uns Erdölminister Youssouf Abassalah, dass die Fördermenge im ersten Jahr noch nicht auf vollen Touren lief. Selbst in Spitzenzeiten wird der Ertrag jedoch weit hinter den Summen zurückbleiben, die etwa die angolanische oder nigerianische Regierung einzustreichen pflegen. Im Gegensatz zu jenen Staaten ist der Tschad am Produktionskonsortium selbst nämlich nicht beteiligt. "Dafür", gibt der Erdölminister kleinlaut zu, "fehlten uns die Mittel." Bei einem Rohölpreis von 32 Dollar pro Fass wird der Tschad in den 25 Produktionsjahren höchstens sieben Milliarden Dollar kassieren, während das Esso-Konsortium mit Einnahmen in Höhe von rund 25 Milliarden rechnen kann.
Im Sitzungszimmer des "Collège de Contrôle et de Surveillance des Ressources Pétrolières" im Zentrum von N'Djamena hängt unter dem obligatorischen Bild des Präsidenten ein Schild mit dem Motto der vor vier Jahren gegründeten Aufsichtsbehörde: "Dafür zu sorgen, dass die Erdölförderung dem Tschad zum Segen und nicht zum Fluch gereicht". Bisher, räumt die College-Vizepräsidentin Thérèse Mekombe ein, seien sie diesem Ziel allerdings nicht näher gekommen. "Seit wir Öl haben, ist es eher schlimmer geworden", schimpft die ehemalige Präsidentin der Frauen-Vereinigung des Tschads. "Alles wird teurer, die Regierung hat seit Monaten ihre Angestellten nicht bezahlt, und selbst in der Hauptstadt funktioniert die Stromversorgung nicht." Dem College, dessen Gründung ebenfalls im von der Weltbank verfassten Pflichtenheft stand, soll die zwischen Weltbank und Regierung geregelte Verwendung der Öleinnahmen überwachen.
Seine erste Nagelprobe hat das Collège bereits hinter sich. Nach ihrem Eintritt in das Esso-Konsortium zahlten die beiden Mineralölgesellschaften ChevronTexaco und die malaysische Petronas der tschadischen Regierung einen "Einstiegs-Bonus" über 25 Millionen Dollar - laut Gregor Binkert ein durchaus üblicher Vorgang. Präsident Idriss Déby zweigte von diesem Bonus gleich mal 4,5 Millionen Dollar für Waffenkäufe ab, was zwar nicht direkt gegen die Weltbank-Bedingungen verstieß, weil das Geld genau genommen nicht aus Erdöleinnahmen stammte, die Washingtoner Ökonomen aber trotzdem nicht amüsierte. Sie drängten darauf, dass wenigstens die verbliebenen 20,5 Millionen Dollar den vereinbarten Kriterien unterworfen würden.
Im Rahmen seiner Überprüfung fand Mekombes Collège später heraus, dass lediglich die Hälfte der 20,5 Millionen Dollar entsprechend der vereinbarten Regeln ausgegeben wurde. Der Rest sei zwar nicht wirklich veruntreut, aber eben falsch oder gar nicht erst zugewiesen worden, meint die Collège-Vizepräsidentin. In Regierungsbehörden, in denen nach Angaben des Finanzministers nicht einmal ein Viertel der Beschäftigten mit einem Computer umzugehen weiß, kann das schon mal passieren.
Der Präsident: Kontrolliert sämtliche Banken des Landes Allerdings schließt Mekombe, die einst selbst im Finanzministerium tätig war, nicht aus, dass es auf dem Weg von der Esso- zur Staatskasse trotz aller Regularien auch zu beabsichtigten Unregelmäßigkeiten kommen könne. Deshalb wollte die Kontrolleurin kürzlich die Bücher des Erdölkonsortiums einsehen, doch die Esso-Manager winkten ab. Dafür gebe es keine rechtliche Grundlage, wurde Mekombe mitgeteilt. Irritiert bat sie um ein Gespräch mit dem Esso-Repräsentanten Ron Royal - und erhielt ein Angebot für einen 30-Minuten-Termin. " So eine Unverschämtheit!", schimpft die Kontrolleurin: "Von Kooperation kann bei Esso keine Rede sein." Sollte sie hier nur als " Schaufensterpuppe" benutzt werden, droht sie, " dann trete ich zurück".
"Watch your steps!" sagt ein Schild vor der engen Eisenpforte, die am Stadtrand von N'Djamena in das mit Stacheldraht umsäumte Esso-Hauptquartier führt: "Pass auf, wo du hintrittst!" Wie bereits angekündigt, ist weder der Repräsentant des Konzerns noch dessen Sprecher zugegen, zum Trost bekommen wir ein paar Hochglanzheftchen und eine DVD mit dem Titel " Tschad: Das Land der Hoffnung" in die Hand gedrückt. Wenn wir wollten, könnten wir unsere Fragen per E-Mail an den Esso-Sprecher richten, wird uns mitgeteilt.
Wir wollen nicht. Vergangen sind die Zeiten, als das Unternehmen auf eine wohlgesonnene Öffentlichkeit angewiesen war, um die Teilnahme der Weltbank an dem Großprojekt zu sichern: Jetzt, da das Öl fließt, braucht man nicht mehr nett zu sein.
In gewisser Weise verdankt Ngariejy Yorongar der Weltbank sein Leben. Als der Chef der tschadischen Oppositionspartei FAR vor drei Jahren zum 13. Mal verhaftet und ins Gefängnis geworfen wurde (Er dachte: "Dieses Mal werden sie mich töten"), soll Weltbank-Präsident James Wolfensohn zum Hörer gegriffen und bei Präsident Idriss Déby angerufen haben. Wenige Stunden später war Yorongar wieder frei.
Trotzdem ist der charismatische Politiker über das Engagement der Entwicklungsbank im Tschad keineswegs glücklich. Der vom Erdöl aufgeputschte Präsident Deby bringe bereits die gesamte Region in Unruhe, schimpft Yorongar, während ein Regenschauer donnernd auf das Wellblechdach seines Mini-Büros niedergeht. Deby habe bereits einen Coup in der benachbarten Zentralafrikanischen Republik angezettelt und zündele gegenwärtig mit Unterstützung der Rebellen in Sudans Darfur-Provinz, wo sich die derzeit "schlimmste humanitäre Krise dieser Welt" (UN-Jargon) abspielt.
Die Vereinbarungen zwischen den Erdölkonzernen, der Regierung und der Weltbank seien "nur für die Zuschauerränge im Ausland" ausgeheckt worden, ist Yorongar überzeugt: "Funktionieren wird das hier nie." Der Oppositionschef übergab der Weltbank bereits zwei Aktenordner voller Beschwerden über Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit dem Öl-Deal, eine Reaktion darauf habe er bislang nicht erhalten. "Wie wollen die denn diesen Präsidenten an die Leine legen?", fragt er. Allein schon die Tatsache, dass Deby sämtliche Banken dieses Landes kontrolliere, gebe ihm "unendliche Manipulationsmöglichkeiten".
Dass der autokratische Präsident vor allem an sich selbst und eher wenig an das Wohl seines Landes denkt, hat der durch einen Putsch an die Macht gekommene Offizier bereits hinlänglich bewiesen. Debys 14-jährige Amtszeit ist vom Krieg, der Verfolgung Oppositioneller und endemischer Korruption geprägt. Peter Rosenblum, Direktor des Human Rights Program der Harvard Law School, zog nach einem eingehenden Studium des Weltbank-Masterplans den Schluss, dass der Erfolg des Projektes in erster Linie vom guten Willen der tschadischen Regierung abhänge: "Und die hat bisher einen solchen Willen höchstens unter Druck und penibler Überwachung an den Tag gelegt." Ihr wirksamstes Druckmittel hat die Weltbank an dem Tag verloren, als sie sich zur Teilnahme an dem Großprojekt bereit erklärte. Jetzt, da es um die Erfüllung ihrer Teilnahmebedingungen, den entscheidenden Teil des Plans der sozialverträglichen Ölgewinnung geht, hat es die Entwicklungshilfeinstitution mit einem indifferenten Mineralölkonzern und einer eher unwilligen Regierung zu tun.
Gregor Binkert ist nach eigenem Bekunden dennoch überzeugt davon, dass die drei Säulen des Weltbank-Engagements -Kontrolle, Transparenz und Aufbau verlässlicher Institutionen - den Traum vom sauberen Erdölgeschäft doch noch wahr werden lassen könnten. "Ich glaube fest daran, dass unser Projekt den Tschad verwandeln und die Armut zumindest reduzieren wird", sagt er. Über die Wirksamkeit der vereinbarten Regeln und Kontrollregime gibt sich der Ökonom und Berufsoptimist allerdings keinen Illusionen hin: "Wir werden unser Ziel nur durch Kooperation und nicht durch Konfrontation erreichen. Denn die Leute hier sind unglaublich gewitzt. Die finden, wenn sie wollen, immer Wege." Und wenn der im Tschad eingeschlagene Weg wie in allen anderen afrikanischen Ölnationen doch wieder in die falsche Richtung führt? Für Gregor Binkert ist das, anders als für sein Gastland, keine Schicksalsfrage: Im Januar 2005 tritt der Weltbank-Ökonom einen neuen Job in Mosambik an.
