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brand eins 08/2004 - SCHWERPUNKT: Der Plan

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Der lange Weg

Sieben Menschen wollen zusammen leben. Von der Idee bis zur Verwirklichung vergehen zehn Jahre. Zwei der Gründerinnen, Elisabeth Schmidt-Brockmann und Ute Feddersen, erzählen, wie es war: ein harter Kampf mit finanziellen Problemen, Behörden und den eigenen Wünschen.

"Die Idee, gemeinsam ein Wohnprojekt aufzubauen, wurde in unserem Freundeskreis konkret, als eine Freundin zum zweiten Mal Witwe wurde. Mit der Perspektive, in Zukunft allein zu bleiben, war sie sehr unglücklich. Das war 1993. Innerhalb eines halben Jahres bildete sich eine Gruppe von sieben Erwachsenen, die Jüngste war 29, die Älteste 61. Wir kannten uns gut und waren uns einig, dass wir zusammen wohnen wollten, aber nicht in einer WG, das war uns zu viel Nähe. Es sollte gemeinschaftsorientiert sein, aber gleichzeitig auch sehr individuell. Wir haben uns schließlich auf ein Modell geeinigt, das man Lebenslaufwohnen nennt: Wir wollten ein Haus mit mehreren Wohnungen bauen, in dem verschiedene Generationen gemeinsam leben können.

Wir haben keine Familien in unserer Gruppe aufgenommen, solange wir kein Grundstück hatten, denn die Grundstückssuche kann sich unabsehbar in die Länge ziehen. Wenn man eins hat, kann man sagen, dass man in zwei bis zweieinhalb Jahren einziehen kann, das ist auch Familien mit kleinen Kindern zuzumuten. Wir haben sechs Jahre nach einem Grundstück gesucht, und in dieser Zeit hat auch unser inneres Bild Gestalt angenommen, wie das Haus werden soll. Wir haben gesagt, dass Jung und Alt gemeinsam leben sollen, ein Finanzkonzept entwickelt und uns überlegt, wie viel Nähe und Distanz es geben soll. Diese Diskussionen mündeten immer in konkreten Punkten, etwa, ob es ein oder zwei Treppenhäuser geben soll: Sollen alle durch einen Eingang gehen oder nicht? Wir haben uns schließlich als Motto auf das Stichwort ,Gute Nachbarschaft' geeinigt.

In Momenten, in denen das Projekt konkreter wurde, hat jeder für sich noch mal überprüft, ob er es wirklich will. Das war zum Beispiel so, als das erste Geld eingezahlt wurde, als wir ein Grundstück fanden oder als wir neue Mitglieder aufnahmen. Solche Punkte gab es immer wieder, denn jeder hat woanders eine empfindliche Stelle. Es entstanden dabei aber auch immer wieder Bekenntnissituationen, in denen man sich erneut für das gemeinsame Projekt entscheidet.

Wir mussten 13 Prozent der Baukosten als Eigenkapital einbringen, das waren bei veranschlagten drei Millionen Euro rund 350000 Euro. Einige von uns hatten Erbschaften oder Eigentumswohnungen, da war das kein Problem, aber viele hatten nichts. Es hieß dann immer, wir kriegen das hin, auch wenn wir gar nicht wussten, wie. Das kam aus so einem grundsätzlichen Optimismus. Es sollten aber keinesfalls finanzielle Abhängigkeiten in der Gruppe entstehen, dass einer dem anderen Geld leiht. Das führte schließlich zur Form der Genossenschaft, sodass der Ausgleich auf genossenschaftlicher Ebene stattfand und nicht auf der persönlichen Ebene.

Wir hatten einen Plan und eine Vereinbarung getroffen, aber wir wurden immer wieder gefragt: Und was ist, wenn sich einer nicht an die Abmachungen hält? Da konnten wir nur sagen: Dann müssen wir damit umgehen. Ich muss mir sicher sein, dass es mit den Leuten klappt, mit denen ich etwas anfange, aber es gibt keine Garantie. Die Leute fragten uns auch; Eine schöne Idee, aber wird das gemeinsame Wohnen später funktionieren? Das weiß man ebenfalls nicht. Selbst bei alten Freunden können die Interessen an einzelnen Punkten plötzlich weit auseinander gehen.

In der kleinen Gruppe haben wir uns einmal im Monat getroffen, später 14-tägig und dann wöchentlich, als wir das Grundstück hatten. In der Kerngruppe haben wir alles gemeinsam erarbeitet und beschlossen, mit der großen Gruppe kamen Differenzierungen: Es gab eine Baugruppe, eine Finanzgruppe, eine Rechtsgruppe, die Gruppe zur Auswahl der Architekten. Die Gruppen trafen sich zwischen den wöchentlichen Treffen, sodass manche bis zu vier Wohnprojekttermine pro Woche hatten. Es hat aber immer gewechselt, wer wie viel macht: Manche hatten mal nicht viel Lust, weil es vielleicht nicht um das Thema ging, das sie interessierte, oder weil sie mit etwas anderem beschäftigt waren, dann haben andere mehr getan. Das entwickelte sich aus den Notwendigkeiten und der Bereitschaft, viel Energie zu investieren, aber auch der Fähigkeit, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und sagen zu können: Die nächsten zwei Monate mache ich mal weniger.

Es gab immer Leute, die viel machten, und Leute, die wenig machten, aber wir haben nie eine Liste geführt, wie viele Stunden man arbeiten muss. Es fühlte sich auch niemand ausgenutzt, es war immer klar: Wenn du nicht mehr willst, lass es. Wenn allerdings jemand sagte: ,Ich habe so viel gemacht in letzter Zeit, und jetzt meckert ihr auch noch rum', dann hieß es auch mal: ,Das ist schön, dass du viel gemacht hast, aber du hast dich nicht abgesprochen, und mit dem Ergebnis sind einige unzufrieden, also frag' doch das nächste Mal lieber erst. Und wenn du findest, dass du zu viel machst, dann mach weniger, das muss dir doch niemand sagen.' Wir sind stolz darauf, dass sich in dem ganzen Prozess keine Hierarchien entwickelt haben. Wir hatten keinen Vorstand, die Gesprächsleitung im Plenum und die Protokollführung wechselten ständig, sämtliche Positionen, in denen sich Herrschaftswissen ansammeln konnte, rotierten. Das hatte sicherlich auch damit zu tun, dass wir anfangs sechs Frauen waren und ein Mann, später 16 Frauen und acht Männer. Unter Männern ist Konkurrenz oder die Unfähigkeit abzugeben weiter verbreitet, unter Frauen ist das oft nicht so ein Problem. Außerdem war es ein Vorteil, dass niemand dabei war, der vom Fach war, kein Architekt, kein Ingenieur, kein Finanzmensch. Wir mussten alle lernen. Wir waren eine Gruppe von Ahnungslosen, und das war gut.

Als wir ein Grundstück hatten, suchten wir weitere Interessenten, außerdem hatten wir natürlich in unserem Bekanntenkreis erzählt, was wir vorhatten. Wir haben Auswahltreffen gemacht, nach denen wir nach Sympathie abgestimmt haben, und die so gewählten Kandidaten sind dann sechs Wochen zu unseren Treffen gekommen. Die Kerngruppe war zu dieser Zeit sehr angestrengt, also haben wir alle, die neu hinzukamen, gebeten, bei den Arbeitsgruppen mitzumachen. Wir beschäftigten uns in dieser Phase mit vielen Spezialthemen und brauchten dringend Leute.

Außerdem haben wir so gleichzeitig vermieden, dass sich eine Hierarchie zwischen der alten Gruppe und den neuen Mitgliedern entwickelt. Alle hatten schnell die gleichen Abstimmungsrechte, mussten Entscheidungen mit fällen und mit tragen. Daneben half es auch, dass wir keinen Chef hatten. Dass die Neuen plötzlich in der Überzahl waren, hat der Sache überhaupt nicht geschadet: Wir haben 1996 eine Liste gemacht mit allem, was wir in dem Haus verwirklichen wollen, und wir haben sämtliche Ziele erreicht. Wir haben die Liste gleich den neuen Mitgliedern vorgelegt, und die konnten sich damit identifizieren.

Die Arbeit in einer großen Gruppe ist nicht immer schwieriger als in einer kleinen Gruppe. In kleinen Gruppen ist die Gesprächsebene oft persönlich, auch bei Auseinandersetzungen. Bei 15, 20 Leuten wird es sachlicher und damit einfacher. Andererseits kommt bei großen Gruppen oft ein Einheitsbrei heraus: Es wird geredet und geredet, und schließlich einigt man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, mit dem alle leben können. Wir haben aber auch keine extremen Leute bei uns, etwa einen Ökofreak, darauf haben wir schon bei der Auswahl geachtet. In kleinen Gruppen kommt es außerdem leichter zu Aufspaltungen. Bei unserer Größe kommt es nicht darauf an, dass jeder jeden mag - wir halten uns aus, weil jeder im Haus Menschen hat, mit denen er gut zurechtkommt. Da denkt keiner darüber nach, ob er wieder ausziehen soll. Das wäre anders bei einer kleinen Gruppe: Wenn da Spannungen entstehen, ist es viel Arbeit, das auszugleichen. Eine gewisse Fluktuation gab es trotzdem immer mal wieder, auch wegen Streits, aber damit können wir leben.

Besonders mühsam war der Kontakt mit den Behörden. Wohnprojekte sind ja eine relativ neue Sache, die passen nicht in die üblichen Raster, das ist natürlich schwierig. Außerdem gab es den Verdacht, wir seien eine Gruppe von Leuten, die sich irgendwelchen Luxus leisten wollten. Da war dieser Sozialneid; Ein Wohnprojekt von Leuten, die nicht viel Geld haben, soll sich gefälligst bescheiden und nicht noch Sonderwünsche haben. Es hieß immer erst mal: Das geht nicht.

Als wir bereits alle Genehmigungen beisammen hatten und der Bauzaun bereits stand, fehlte nur noch die Genehmigung der Kommission für Bodenordnung. Die lässt sich eigentlich das Projekt nur noch mal von Behördenvertretern vorstellen, die das mit den Bauherren ausgehandelt haben, und nickt es dann ab. Doch in unserem Fall wollten sie es nicht, es gab ein Detail, das ihnen nicht gefiel. Die Sitzungen finden aber nur einmal im Monat statt, bis Weihnachten wollte niemand etwas entscheiden, dann waren in Hamburg Wahlen, da wurde wieder nichts entschieden. Letztlich hat uns das ein Jahr gekostet. Aber so kommt man zu einer ganzen Menge staatsbürgerlichen Wissens.

Heute leben in unserem Haus 22 Erwachsene und zehn Kinder. Von der Kerngruppe, von der wir in diesem Gespräch reden, wird bei uns nicht mehr gesprochen. Der Pflicht-Rahmen in unserem Projekt ist relativ klein, der Kann-Rahmen unendlich groß. Neben der Pflicht, regelmäßig Miete zu zahlen, ist die einzige Regel, dass alle Erwachsenen an den Treffen des Plenums teilnehmen sollen. Wir haben alle individuelle Wohnungen, die wir selbst geplant haben, und das ist etwas Besonderes. Häuslebauer haben dieses Gefühl wohl auch, aber wir haben das in einer Mietwohnung.

Um so ein Projekt durchführen zu können, braucht man vor allem Lust auf etwas Neues, das man komplett selbst macht. Man braucht eine Vision, die man verfolgen will. Und eine gewisse Ehrlichkeit gegenüber sich selbst: Wo sind meine Grenzen, was kann ich, was will ich? Das muss man immer wieder herausfinden, Stück für Stück. Es gibt viele Wünsche und Träume, die nicht ausgesprochen sind, und wenn die nicht erfüllt werden, gibt es Stress. Wenn man über irgendetwas wegguckt oder nicht merkt, was da dranhängt, kommt es später garantiert wieder hoch. Eine gute Portion Sozialkompetenz gehört auch dazu, wenn man so ein Projekt will: Es funktioniert nicht, wenn eine immer die Tollste sein will. Die Gruppe ist mehr als die Summe der Einzelnen, und es geht nicht darum, wie toll die Einzelne ist, sondern darum, welche tollen Sachen sie in die Gruppe bringt. Und schließlich muss man sich auf Unsicherheiten einlassen können. Man weiß nicht, wie das alles wird. Es gibt keine Garantie für so einen Plan." -


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