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brand eins 05/2004 - SCHWERPUNKT: Rückbau

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ZEMENTIERTE HOFFNUNG

Wer in New York seinen Job verliert oder anderswie Pech hat, lebt schneller auf der Straße, als er sich vorstellen mag. Rosanne Haggerty wollte sich damit nicht abfinden. Und gründete Common Ground.

Einer hat zwölf Monate lang sein Zimmer nicht verlassen; einer wurde in der Psychiatrie geboren und führt nächtelang sehr laute Selbstgespräche. Und als während des Stromausfalls vergangenen Sommer jemand starb, den sie den "Kubaner" nannten, wussten sie nicht, ob er noch Verwandte hatte und wohin sie die Leiche bringen sollten.

Die Bewohner von Nummer 197 Bowery sind der Albtraum jedes Vermieters. Sie sind arm, alt, einsam und krank, gezeichnet von einem Leben, das sie größtenteils auf der Straße verbrachten. Es sind Leben, die begannen wie falsch aufgebaute Gleichungen und mit jeder Korrektur mehr vermurkst wurden. Jetzt leiden diese Männer unter Arthritis, Asthma, Herzschwäche, Lungenkrebs oder Leberzirrhose, nicht selten in Verbindung mit Depressionen, Autismus oder geistiger Umnachtung. Ihre Behausungen quellen über vor Unrat. Schimmel, Wanzen, Läuse überall. Und was vom Leben noch übrig ist, vernebeln häufig genug Fusel und Drogen.

Nummer 197 Bowery, The Andrew's, war ein Flophouse. Als Flophouse bezeichnet man in New York eine Unterkunft der billigsten Sorte, bestehend in aller Regel aus zusammengenagelten Schlafboxen mit je knapp drei Quadratmeter Fläche. Mehr als hundert hat es einmal davon gegeben an der Bowery, Downtown Manhattan. Drei Flophouses sind noch übrig; zuletzt kostete die Übernachtung im Andrew's sieben Dollar.

Sie habe es sofort geliebt, sagt Rosanne Haggerty, dieses Haus, kaum mehr als zwei Fenster breit, sechs Stockwerke, aus roten Ziegeln gebaut 1901, das sie 2002 gekauft hat. Ringsum Garagen, Pizzaservice, Laden für Handwerker, Restaurantbedarf; es ist eine raue Gegend. Im ersten Stock eine Glastür, dahinter der Gemeinschaftsraum, abgeschabter Holzfußboden, Parkbänke, ein unter der Decke hangender Fernseher. In der Luft ein Geruch von Schweiß und Desinfektionsmittel. "Wir sehen in jedem Gebäude eine Möglichkeit", sagt Haggerty, "die Frage lautet: Können wir das Leben eines Menschen positiv verändern? Und die Antwort ist immer, ohne Ausnahme: Wir können." 2,25 Millionen Dollar hat das Andrew's gekostet, weitere vier Millionen sollen Renovierung und Umbau kosten. Das Gebäude wird nach der Instandsetzung neun Stockwerke haben, nur noch 146 statt 217 Wohneinheiten, alle 6,7 Quadratmeter groß, dazu medizinische und therapeutische Betreuung im Haus. Finanziert wird das Projekt mit öffentlichen Geldern, Spenden und zinslosen Krediten, beispielsweise von der New Yorker Filiale der Deutschen Bank, die wie alle Kreditunternehmen gesetzlich verpflichtet ist, in strukturschwache Gegenden zu investieren. Alle Mieter, 65 insgesamt, von denen der älteste seit 1942 hier wohnt, sollen übernommen werden. "Soziale Probleme sind inakzeptabel", sagt Haggerty, so, als spräche sie über ein altbekanntes Kuchenrezept, "denn man kann sie lösen durch innovative Programme, die Menschen, Gebäude und Kommunen verändern." Haggerty, 43, eine große, schlanke Frau, ist Gründerin und Chefin von Common Ground Community, einer gemeinnützigen Organisation in New York, die Gebäude erwirbt, verwaltet und an ehemalige Obdachlose und, zu gleichen Teilen, an Alleinstehende mit Jahreseinkommen bis maximal 30000 Dollar vermietet. Die Mieter können Sozialhilfeempfänger, Invaliden oder junge Künstler sein, aber auch Problemfälle wie geistig Behinderte, entlassene Häftlinge oder verhaltensgestörte Jugendliche. Die Miete beträgt nie mehr als ein Drittel der Einkünfte, wer irgendwann mehr verdient, sollte ausziehen, kann aber bleiben, wenn er will.

So ist Common Ground zu einem Unternehmen mit 180 Angestellten und 1600 Mietern in fünf Gebäuden geworden, deren Zimmer klein und schlicht sind: Einbaubett, Einbauschrank, Kochplatte. Zwei der Häuser, das Times Square und das Prince George, sind ehemalige Nobelhotels, Reliquien glorreicher Epochen. Während also vermeintlich Gescheiterte resozialisiert werden, Außenseiter integriert und Nachbarschaften revitalisiert werden, leistet Common Ground auch noch Denkmalschutz.

Angefangen hat alles 1990 mit dem Times Square Hotel. Haggerty war damals Sozialarbeiterin einer christlichen Organisation und wohnte an der Eight Avenue, Höhe Times Square. Die Gegend war bevölkert von Drogenhändlern und Prostituierten. Haggerty litt besonders beim Anblick des Times Square Hotels, 255 West, 43rd Street, gleich neben dem erhabenen Verlagsgebäude der "New York Times" gelegen und in der Blütezeit des amerikanischen Art déco entstanden. Inzwischen war das Hotel pleite, kurz vor der Abrissbirne. "Ich sah nicht nur die Schönheit, sondern auch das Potenzial dieses Gebäudes", erinnert sich Haggerty, " wenn man es professionell führen und für Obdachlose und Senioren verwenden würde." Common Ground ist erfolgreich, weil Visionen auch ohne Profitdenken funktionieren, wenn die Idee stark genug ist Schöner Gedanke, kleines Problem. Zwar gab es auch damals privat gerührte Häuser, die Problemfällen Unterkunft boten, doch nicht in dieser Dimension: Das Times Square hatte 652 Zimmer. Haggerty indes ließ nicht locker, verhandelte mit der Stadt, die gerade bemerkt hatte, dass sie in einem Jahrzehnt 4,4 Milliarden Dollar für sozialen Wohnungsbau ausgegeben hatte, die Obdachlosigkeit in diesem Zeitraum jedoch explodiert war. Haggerty gewann die Unterstützung von "Times" -Herausgeber Arthur Sulzberger jr., sie überredete Firmen wie J.P. Morgan Chase & Co. und Clorox, Tax Credits zu zeichnen, sprich steuerlich abzugsfähige Spenden, sie überzeugte die lokalen Läden, dass ihr Konzept der Gegend Konsumenten und Stabilität geben würde.

29 Millionen kostete das Times Square, es wurde das Fundament von Common Ground, der Beweis, dass Visionen auch dann funktionieren, wenn weder Profitdenken noch geschäftliche Ambitionen im Spiel sind. Wenngleich Haggerty nicht anders denkt, als jeder Geschäftsmann denken sollte. "Gute Ideen funktionieren immer, wenn man hartnäckig ist", so Haggerty, und: "Man muss große Probleme in kleine Probleme zerlegen." Common Ground beschäftigt Mieter als Putzkolonne, Nachtwächter, Verwaltungsangestellte und besorgt Jobs in Eisdielen ihres Partners Ben & Jerry's. Es gibt gemeinsame Dinner, Weihnachtspartys, Ausflüge zu Musicals und Sportveranstaltungen. Sie haben sogar eigene Workshops für kreatives Schreiben oder Ikebana und im Times Square wie auch dem Prince George neben Ärzten und Psychiatern sogar Sportstudios und Fitnesstrainer.

Wer New York kennt und seinen Immobilienmarkt, fragt sich erstaunt, wie das zu finanzieren ist. Alles ist teuer in New York, soziales Engagement nicht minder. Bis zu 250 000 Dollar kostet die jährliche Unterkunft in einer psychiatrischen Anstalt, mindestens 223000 Dollar in einem Krankenhaus, 66000 Dollar im städtischen Gefängnis, rund 30000 in einem so genannten Shelter, den Obdachlosenasylen der Stadt, und immerhin noch 13 000 Dollar in Unterkünften religiöser oder karitativer Einrichtungen. Common Ground schafft für 11400 Dollar jährlich eine Unterkunft in einer Stadt, deren Immobilienpreise seit 2001 um etwa elf Prozent gestiegen sind und in der man für ein Apartment durchschnittlich 8000 Dollar Miete bezahlt.

Das Privatunternehmen arbeitet nicht nur billiger als staatliche Obdachlosenheime, die Bewohner bleiben dort auch lieber Bedeutet dies, engagierte Privatunternehmen könnten Sozialhilfe effektiver managen als die öffentliche Hand? Haggerty: "Man konnte das Modell jedenfalls auf alle Bereiche anwenden, es würde funktionieren, zum Beispiel bei Drogenabhängigen oder allein erziehenden Müttern." Als Haggerty Common Ground 1990 gründete, war sie selbst allein erziehende Mutter. Als sie elf Jahre später von der MacArthur Foundation in deren Gemeinschaft der hoch begabten " Fellows" aufgenommen wurde, hieß es in der Laudatio: "Ihr Erfolg hat unsere traditionellen Überzeugungen in Frage gestellt." Mike Hickey von der Deutschen Bank, der mit Common Ground beim Erwerb des Andrew's zusammenarbeitete, sagt: "Das sind Leute, die einem Hoffnung geben." Wer auf der Straße lebt, weiß Steven Fernandez, 52, "hat keine Achtung mehr vor sich". Vier Jahre hat er sich ohne festen Wohnsitz als Crack-Süchtiger in New York durchgeschlagen. Die nächsten Stationen: Gefängnis, Entlassung, eine Unterkunft namens Lord of Fort Washington. "Es war schlimmer als im Knast", so Fernandez, "man kann da nicht leben, jeder hat entweder ein Drogenproblem oder ist gewalttätig." Dann kam Fernandez vor drei Jahren durch Vermittlung der Behörden ins Times Square. Was für ein Unterschied! Das Zimmer sauber, seine Alkoholsucht (zwei Flaschen Wodka täglich) passe. Gerade kommt er vom Shopping mit einem Freund, Freitag will er zum Basketball, New York Knicks gegen Orlando Magic, die Karten kosten zwei Dollar.

Fernandez trägt Blazer und Krawatte. Er hat inzwischen einen Ruf zu verteidigen. "Mieter des Jahres" aller sozialen Einrichtungen New Yorks, den er sich auch als Lobbyist bei Politikern der Stadt und des Bundesstaats New York erworben hat. "Die wissen nicht, was sie tun", sagt Fernandez, "die verstehen nicht, warum die üblichen Unterkünfte nicht funktionieren, warum ein Mann, der fünf Jahre Einzelhaft hinter sich hat, mehr Halt braucht als ein Dach über dem Kopf und ein Bett." Haggerty meint, das Problem etwa der Bekämpfung von Obdachlosigkeit liege im Mangel an Information. Niemand frage, wie die Leute auf die Straße kommen. Wie soll man sie also vor der Straße retten? Seit zwei Jahren praktiziert Common Ground ein Modell, das in London Obdachlosigkeit um zwei Drittel reduzierte. Haggerty; "Wir zählen die Leute alle sechs Monate, stellen Kontakt her, bauen Vertrauen auf." Fernandez: "Obdachlose haben Angst vor staatlicher Verwahrung und dem Chaos, das in Shelters herrscht." In den achtziger Jahren wandelte die Stadt das ehemalige Prince George Hotel am Madison Square Park in ein Wellfare-Hotel um, wahllos und unbeaufsichtigt wurden Sozialhilfeempfänger einquartiert. Das Prince George war einmal ein Juwel der Stadt, Beaux Arts, 1904. Die Lobby war die größte New Yorks. Der 500 Quadratmeter große Ballsaal wäre bis heute einer der schönsten der Ostküste, getäfelt mit Eiche, Wandgemälde überall, wäre er nicht in der Zwischenzeit als Basketballplatz benutzt worden. 1600 Frauen und Kinder lebten in den 416 Einzelzimmern. 1996 kaufte Common Ground das Gebäude. Renoviert wurde bis 1999. Insgesamt 39 Millionen Dollar hatte sich Haggerty bei mehr als einem Dutzend Ämtern, Banken und Privatunternehmen zusammengebettelt.

Die sozialschwachen Mieter sind gut für die Nachbarschaft -weil sie lernen, in der Gemeinschaft zu leben Das Prince George ist eine Melange aus reanimierter Pracht und liebevollen Details geworden. Auf den Fluren Fotos aller Bewohner und gerahmte alte Aufnahmen des Hotels nach seiner Eröffnung. Im Teesalon gibt es Dichterlesungen. "Für die Restaurierung des Ballsaals sammeln sie noch", erzählt Lori Hammel, 33. Lori wohnt in Nummer 407, seit vier Jahren. Sie gehört zu jener Hälfte der Mieter, die sich durch ihr niedriges Einkommen qualifiziert. Sie kam aus Chicago, um sich am Broadway durchzusetzen als Tänzerin, Schauspielerin, Sängerin, irgendwas. Geld hatte sie nie. "Ich brauchte einen Platz mit niedrigen Fixkosten, wo sonst hätte ich den gefunden in der Stadt?" Nun hat sie einen populären Werbespot für ein Mittel gegen Sodbrennen gedreht und geht nach Hollywood mit einem Drehbuch über das Prince George: "Ich denke, das Prince George ist ein Mikrokosmos New Yorks, alles, was die Stadt ausmacht, den Irrsinn, die Wünsche, das kleine Scheitern, findet man dort." Janelle Farris, Verwalterin im Times Square, eine resolute, fröhliche Person, mag diese Metapher. Auf die Frage, wie ein normaler Tag in ihrem Gebäude aussieht, antwortet sie: "Wenn nichts normal ist, das wäre ein normaler Tag." Solange nicht jemand glaubt, sein Nachbar beschmiere seine Türklinken mit Erdnussbutter oder halte Boa Constrictors aus dem Fenster, solange, meint Farris, "herrscht meistens Ruhe". Es gab anfangs durchaus Bedenken von einigen Anwohnern, die inzwischen feststellen, dass mit Common Grounds Mietern das Comeback der Gegend um den Times Square begann. Die Drogenhändler und käuflichen Damen sind längst weg, die meisten Pornoläden dicht. Dafür florieren jetzt kleine Restaurants, Andenkenläden und Delikatessenläden. Lori Hammel sagt: "Ich fühle mich fast ein wenig schuldig gegenüber Common Ground, dass ich menschlich und finanziell so viel profitiert habe." Haggerty will bis 2007 noch 1000 weitere Wohnungen akquirieren, in Brooklyn soll der erste Neubau von Common Ground entstehen. "Die Gebäude, die wir bezahlen könnten, haben alle ziemliche Macken." Dass ihre Organisation zu groß werden könnte, befürchtet Haggerty nicht. "Wir sehen jedes Gebäude als abgeschlossene, eigene Welt mit ihren Aufgaben." Vielleicht werden so große Probleme tatsächlich klein. Ganz sicher aber können ein paar Quadratmeter Zuhause gerade in New York die Welt bedeuten. "Man sagt gern, wer es hier schafft, schafft es überall, aber was, wenn man verliert?", so Haggerty. "Wo sollen diese Menschen hin? Sollen sie auf der Straße sterben?" Und dann erzählt sie die Geschichte der alten Frau. Rosanne Haggerty kannte sie gut, sie gehörte zu den ersten Mietern im Times Square. Sie starb an Weihnachten. Das Einzige, was sie mit ins Krankenhaus nahm, war ein Foto von dem Haus, in dem sie bis zuletzt wohnte.


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