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brand eins 05/2004 - SCHWERPUNKT: Rückbau

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Was tun mit kalten Platten?

Raum schaffen durch Schrumpfung - in Ostdeutschland geht das jetzt. Da schrumpfen die Städte. Eine einmalige Gelegenheit für Experimente, die allen nützen.

Es geht um alles und dann wieder auch nur um eines, aber ganz sicher nicht um die Häuser. Die sind nur weithin sichtbare Symbole, die man leicht entfernen kann, und so tut man es eben, weil man sich sonst etwas anderes überlegen müsste und weil es nicht schadet. Die Nachbarn sind eventuell sogar dankbar: Vor ihrem Fenster wird ein elfstöckiger Plattenbau abgerissen, das ist Unterhaltung, die nichts kostet. Sie schauen aus den Fenstern eines Blocks, an dem auch schon der Putz von der Platte bricht, es sieht aus wie Einschusslöcher, wie auf Bildern aus Sarajevo, von Häusern, die von Heckenschützen beschossen wurden. Aber hier wurde bloß gewohnt. Na ja, inzwischen auch das nur noch begrenzt: Die Hälfte der Wohnungen steht leer, man sieht es sofort, die Fenster glotzen stumm und dunkel. Aber das sehen die Leute nicht, die den Baggerführer beobachten, wie er Arbeit hat, wie er Teile aus diesem Hochhaus reißt, halbe Platten, die zehn Stockwerke tief auf einen Schuttberg krachen. Das sieht verflucht schmerzhaft aus, ein Glück, dass Häuser nicht schreien können, sonst wäre das gesamte Abrissprogramm der Bundesregierung gefährdet. Es ist allerdings leicht vorstellbar, dass sich einer der Beobachter an sein eigenes Leben erinnert fühlt, zerfetzt und auf einen Müllhaufen geschmissen, und da ist schon die Frage, warum hier niemand schreit, Tag und Nacht, bis sich irgendetwas ändert. Aber vielleicht kommt das noch.

Das also ist Silberhöhe, eine Plattenbausiedlung im Süden von Halle, geplant als Schlafstadt für die Arbeiter der chemischen Werke Buna, erbaut ab 1979 und zur Wende fertig gestellt. Kurz darauf wurde Buna privatisiert, heute arbeiten dort 2000 Menschen, früher waren es 20000. In Silberhöhe lebten 1990 noch 40000 Menschen, heute sind es 19 000. Rund 3500 Wohnungen stehen leer. Das sind so Zahlen. Die Fragen sind offensichtlich: Was wird aus der Infrastruktur, wie werden die Menschen versorgt, was kostet ein halb leerer Stadtteil, der zu dünn besiedelt ist, als dass ihn seine Bewohner finanzieren könnten, und wer bezahlt die Differenz? Dabei ist der Leerstand nur ein Teil des Problems.

Plattenbausiedlungen waren in der DDR ein beliebtes Wohngebiet. Neubauten mit Fernheizung und Warmwasser in einem durchgeplanten Viertel, in dem sich vom Schwimmbad bis zum Kindergarten alles bequem zu Fuß erreichen ließ, waren den verfallenden Innenstädten hoffnungslos überlegen. So zogen auch Facharbeiter und Akademiker gern in die Platte und sorgten damit für ein ausgewogenes soziales Umfeld. Die Besserverdienenden sind heute jedoch fast alle weg, dank einer Abwanderung, die sich in drei Schüben vollzog: Die erste Fernwanderungswelle ging 1990 Richtung Westen, die Sonne putzen. Die folgende Welle plätscherte durch die Neunziger: Wer Geld und Arbeit hatte, baute ein Haus, in Vororten oft nur wenige Kilometer vom alten Viertel entfernt - Suburbanisierung nennen das die Stadtplaner. Und schließlich setzte zur Jahrtausendwende eine weitere Fernwanderungswelle ein, die bis heute anhält: Vor allem junge Leute fliehen vor der anhaltend schlechten Wirtschaftslage, weil es keine Ausbildungsplätze gibt und keine Aussichten, außer auf kalte Platten und Abrissbagger. Im Laufe dieser Entwicklung verwandelte sich die einst beliebte Neubausiedlung in einen sozialen Brennpunkt, in dem zunehmend ausschließlich Menschen wohnen, die den Absprung nicht geschafft haben. Doch das ist nichts Besonderes, es ist überall so, im gesamten Osten Deutschlands.

Überall schrumpft die Bevölkerung, ohne dass ein Ende absehbar wäre, überall leeren sich die Orte, überall stehen Wohnungen leer, insgesamt etwa 1,3 Millionen - die Hälfte in der Platte, der Rest in Alt- und Neubauten. Diese Wohnungen sind nur ein Aspekt einer umfassenden Entwicklung, aber weil an ihrem Schicksal einige wichtige gesellschaftliche Kräfte Interesse haben, kümmert man sich wenigstens darum. Seit 2001 stehen sie im Mittelpunkt des Bund-Länder-Programms Stadtumbau Ost. Der Name verspricht leider mehr, als das Projekt hält. Stadtumbau Ost ist letztlich ein mit 2,7 Milliarden Euro ausgestattetes Abrissprogramm, in dem bisher 50 Prozent des Geldes für Abriss und der Rest für Umfeldverbesserung ausgegeben wurden. In den gerade stattfindenden Nachverhandlungen deutet sich allerdings an, dass in Zukunft 80 Prozent des Geldes für Abriss ausgegeben werden sollen - das würde kurzfristig die Wirkung des Programms verstärken, langfristig aber die Lage der Städte eher verschlechtern. Die Gründe dafür liegen in einem Detail der Wiedervereinigung.

Das gibt es nur im Osten; Wohnungsbaugesellschaften vernichten ihr Kapital, um ihre Schulden abzubauen Während die Altbauten ab 1990 an einzelne Eigentümer zurückgegeben wurden, gingen die von der DDR erbauten Plattenbausiedlungen an kommunale oder genossenschaftliche Gesellschaften. Diesen Trägern waren keine Baukosten entstanden, und so wurden auf die Häuser, als Wettbewerbsausgleich, die Schulden der DDR-Staatsbank verteilt. Das sind die so genannten Altschulden, zu denen Staatskredite für Sanierung und Instandsetzung kamen, die Neuschulden, Beides sollte über Mieteinnahmen abgezahlt werden, doch die blieben selbst hinter den bescheidensten Erwartungen weit zurück, denn die Bevölkerung schrumpfte, während der Wohnungsmarkt wuchs. Staatlich subventionierte Neubauprogramme, der durch die Eigenheimzulage geförderte Bau von Einzelhäusern sowie die Sanierung der Altbauten schafften eine enormes Überangebot an Wohnraum, das die Mieten auf einen unvorstellbaren Tiefstand drückte. Also wurde es nichts mit den Entschuldungen, und so liegen Alt- und Neuschulden bis heute wie Blei in den Büchern der Wohnungsgesellschaften und gefährden inzwischen massiv deren Existenz.

Also soll abgerissen werden, denn jeder weiß: Wenn das Angebot sinkt, steigen die Preise. Nun ist es aber relativ schwierig, einen Hausbesitzer vom Abriss seines Hauses zu überzeugen, um den Markt zu verbessern, denn vom Abriss hat nur die Konkurrenz etwas, er aber, ohne Haus, nichts mehr. Hier kommt das Altschuldenhilfegesetz ins Spiel: In Gemeinden mit mehr als 15 Prozent Leerstand werden beim Abriss eines Gebäudes die darauf liegenden Altschulden getilgt. Daran sind alle Plattenbaugesellschaften interessiert, und so gibt es sehr viele Bewerbungen für den subventionierten Kahlschlag. Allerdings sind die Abrisse selten in eine städtebauliche Planung integriert, meist gilt: Weg soll, was mit Altschulden stark und mit Neuschulden (die weiterhin zurückgezahlt werden müssen) wenig belastet ist. Dabei reicht das bisher bereitgestellte Budget aber nur für einen Teil der leer stehenden Wohnungen, während der Leerstand dank sinkender Bevölkerungszahlen weiter wächst. Realistische Schätzungen gehen davon aus, dass am Ende des Programms genauso viele Wohnungen leer stehen werden wie heute.

Unter den niedrigen Mieten leiden natürlich nicht nur große Gesellschaften, sondern auch die Altbaueigentümer in den Innenstädten. Gemessen am real existierenden Wohnungsmarkt, haben deren Gebäude heute nur noch einen Bruchteil des Wertes, den sie in den Neunzigern besaßen. Das ist auch ein Problem für die Banken. Die meisten Altbauten wurden mit Krediten saniert, für die als Sicherheit die Häuser mit Hypotheken belastet wurden, und zwar zu Preisen, die heute bestenfalls unrealistisch sind. Die Kredite sind, kurz gesagt, ungenügend gedeckt. Deshalb kämpfen die Banken gegen ein weiteres Sinken der Mieten und der Grundstückspreise - fiktive hohe Preise sind für ihre Buchhaltung besser als realistisch niedrige.

In diesem Rahmen könnte ein Absenken der Umfeldverbesserung den privaten Hausbesitzern und den Banken helfen: Es würden mehr Häuser abgerissen, vor allem in Plattenbaugebieten, in denen gleichzeitig durch mangelnde Planung und Nachbesserung der Wohnwert weiter sinken würde. Das könnte zu weiterem Wegzug und einer Verschlechterung der sozialen Lage in den betroffenen Vierteln führen und eine Abwärtsspirale in Gang setzen, die für einige Wohnungsgesellschaften sowie deren Stadtteile das Ende bedeuten könnte, ohne dass die Innenstädte davon betroffen wären. Den Gemeinden und dem Bund käme das teuer, weil sie für soziale Folgen und weitere Abrisse zahlen müssten, doch die privaten Vermieter und die Bankkredite wären eventuell gerettet. Kein Wunder also, dass sich die Banken vehement für die Ausweitung des Abrissprogramms aussprechen.

Wobei man nicht grundsätzlich von einem bösen Vorsatz ausgehen sollte. Zur Zeit scheint es bei vielen gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen, als wüssten die Akteure nicht, was sie tun, aber hier ist es tatsächlich so: Die Schrumpfung der Bevölkerungszahlen ist ein ganz neues Problem. Jens Bullerjahn, Haushaltsexperte der SPD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt, hat in seiner Studie "Sachsen-Anhalt 2020 - Einsichten und Perspektiven" als erster Politiker einige Prognosen zusammengefasst. In Deutschland werden danach im Jahr 2050 statt heute 82 Millionen noch 75 Millionen Menschen leben - bei 200 000 Zuwanderern pro Jahr. In Ostdeutschland werden es rund 10 Millionen Menschen sein, also etwa ein Drittel weniger als heute, in Sachsen-Anhalt 1,4 Millionen statt heute 2,5 Millionen. Bullerjahn macht angesichts dieser Entwicklung einige pragmatische Vorschläge: Schwerpunktförderungen statt Gießkannensubventionen, neue Verwaltungsstrukturen mit größeren Regionalkreisen, die Verschmelzung von Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt zu einem Bundesland, die verstärkte Konzentration auf Bildung und Mittelstand, und, vor allem, die Förderung des Problembewusstseins. Durchsetzbar ist wohl nicht einmal der letzte Punkt, schließlich sollen die Leute nicht beunruhigt werden. Und der Rest ist ohnehin viel zu langfristig gedacht, um heute Politik zu machen - die Verwaltung des Hier und Jetzt mit Mitteln von gestern und vorgestern zum Nutzen weniger bindet alle Kräfte.

Wie? Was? Das ist polemisch? Hah! Polemisch sind die Plattenbauten in Silberhöhe, die für den Abriss vorbereitet sind, die Fenster schon rausgenommen, in jeder Platte ein totes Loch, und drum hemm gestrandete Restmenschen, die im Carisatt-Laden einkaufen, einem Billig-Shop der Caritas für Sozialhilfeempfänger und Arbeitslose. Wer eine Bescheinigung hat, bekommt kurz vor dem Verfall stehende Lebensmittel fast umsonst, und wenn diese Verlierer auf dem Weg nach Hause an den Betonleichen vorbeikommen und sich wundem, wieso außer ihnen niemand ein Problem damit hat, dass der Carisatt-Laden voll ist, bei 21,7 Prozent Arbeitslosigkeit in Halle, und da sind die Sozialhilfeempfänger und die unterfinanzierten Rentner noch nicht eingerechnet, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis ihnen das mal jemand ganz simpel erklärt: Das sei alles die Schuld der Ausländer. Es gibt Forschung zum Zusammenhang von Stadtschrumpfung und Rechtsradikalismus. Und das wäre auch für die Wohnungspreise nicht gut, wenn man überall in der Stadt junge kurzhaarige Männer in Bomberjacken sehen würde und nicht wüsste, ob das jetzt ein Wachdienst ist oder das Ende des sozialen Friedens. Nein, Vorschläge wie die von Jens Bullerjahn sind nur ein Anfang.

Das kann der Osten werden: ein Experimentierfeld, in dem Menschen selbst entscheiden, was sie brauchen und wollen "Wir müssen angesichts der Schrumpfung viel radikaler denken", sagt Thomas Knorr-Siedow vom Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner bei Berlin. "Die Bevölkerung schrumpft, und das hat ökonomische und politische Folgen, auf die wir uns einstellen müssen." Vom Stadtumbau Ost halt der Soziologe und Stadt- und Regionalplaner mit Schwerpunkt Stadtentwicklung und Wissen allerdings eher wenig: "Wurde man das Projekt als ein Lernprogramm sehen, als einen Weg, um sich Problemen anzunähern, wäre es sehr gut. Aber es wird als eine Problemlösung vertreten, und das ist es nicht." Sicher, der Abriss sei notwendig, der Leerstand sei zu groß, trotzdem wären neue Ansätze der Nutzung wichtig: " Wir haben jetzt die Chance, Leuten schöne, große Wohnungen zu geben, für die man nicht die volle Miete verlangt, sondern vielleicht nur die Betriebskosten - ein Standortvorteil des Ostens könnte sein, dass man dort billiger und großzügiger wohnt. Außerdem müsste man andere Formen der Vermietung erproben. Es ist zum Beispiel für viele Betriebsgründer schwierig, angemessene und billige Räume zu finden - denen könnte man in einem ehemaligen Wohnhaus solche Räume anbieten. Es gibt überall geschlossene Kindertagesstätten und Schulen - kann dort günstig Gewerbe einziehen, das große Räume braucht? Das würde natürlich bedeuten, dass man Gebäude und Land in Ostdeutschland neu bewertet. Was ist eine Wohnung wert in einer Stadt, in der es 70 Prozent Leerstand gibt?" Ein Bremsklotz ist die Verwaltung. "In Berlin war es im Rahmen des Projektes "Soziale Stadt" fünf Jahre lang nicht möglich, in einigen benachteiligten Stadtteilen die Ressorts Gesundheit, Bauwesen, Wirtschaft und so weiter an einen Tisch zu bekommen. Alle wussten, dass die Gebiete schwierig und die Probleme multifaktorell sind, aber es ging nicht! Ich glaube, dass wir mit den anstehenden Problemen nicht zurechtkommen werden, ohne die Verwaltung grundlegend umzubauen und die Verwaltungsentscheidungen zu lokalisieren." Am besten, die Betroffenen entscheiden selbst. "Ich bin nicht grundsätzlich gegen Subventionen, aber wie sie heute verteilt werden, sind Subventionen wie Drogen. Wir brauchen dafür neue Kontrollen. Im Rahmen der " Sozialen Stadt" haben in Berlin einzelne Quartiere einen halbe Million Euro bekommen, um ihre Probleme selbst zu lösen. Niemals ist mit Geld so vorsichtig und zielgerichtet umgegangen worden wie dort, wo die Bürger unabhängig entschieden haben. Wir brauchen mehr solcher Projekte. Im Englischen gibt es den Begriff enabling, also befähigen, anregen. Darin müssen wir investieren, in die Software, in die Menschen." Denn Schrumpfung sei an sich kein Problem. "Schrumpfung heißt nicht, dass die Leute automatisch arm sind. Man kann eine Entwicklung ohne quantitatives Wachstum denken." Knorr-Siedow führt als positives Beispiel Schwedt an, eine Kleinstadt mit sehr hohem Leerstand, die einen strukturell sinnvollen Stadtumbau von außen nach innen organisierte - und das höchste Bruttosozialprodukt pro Kopf in Brandenburg hat. "Sicherlich wird es im Osten die Rückwandlung einiger Gebiete in dünn besiedelte Regionen geben, aber das halte ich nicht für problematisch, vo 50 Jahren waren diese Gebiete teilweise auch schon dünn besiedelt." Es gibt bereits Leute, die vom "Luxus der Leere" sprechen: Um die Einsamkeit zu finden, muss man bald nicht mehr nach Finnland fahren, es reicht der kurze Weg in die Uckermark.

"Ich glaube, wir müssen radikaler experimentieren. Wir brauchen ein experimentelles Wohnungs-, Sozial-, Wirtschafts- und Gesundheitswesen. Und vor allem brauchen wir Mut. Die Franzosen probieren in ihren Regionen immer mal wieder etwas Neues, zum Beispiel lokale Steuersysteme. Oder wie geht man mit Schulen um in menschenleeren Flächen? Brauchen wir Internate, in denen die Schüler wahrend der Woche auch leben? Oder vernetzte Schulen, die altersübergreifend unterrichten und dabei technologisch hochwertig ausgerüstet sind? Wir brauchen jetzt vor allem Experimente, um Wissen zu produzieren, das wir austauschen können, um daraus Politik zu entwickeln." Tja, Jungs, Subventionen sind wie Drogen: Am Anfang bringen sie richtig was, aber je mehr man nimmt, umso weniger Effekt haben sie, und am Ende kann man ohne sie nicht mehr leben. Und weil wir alle gegen Drogen sind, ist jetzt Schluss mit der Steinkohleförderung, und ihr lernt einen Beruf, der nicht aus dem vorletzten Jahrhundert stammt. Klingt gut, oder? Wer sagt das den Kumpeln im Ruhrgebiet? Wobei ausgerechnet dort das Problem Schrumpfung ebenfalls akut ist: Das statistische Landesamt Nordrhein-Westfalen geht von zehn Prozent Schrumpfung für die meisten Städte des Ruhrgebiets aus, Spitzenreiter ist Hagen mit 16,3 Prozent. In der Region hat sich allerdings schon einiges getan: Während der Internationalen Bauausstellung (IBA) in den neunziger Jahren wurden ehemalige Industrieanlagen in postindustrielle Freizeitparks verwandelt und Perspektiven im Bereich Tourismus, Dienstleistung, Bildung und Kultur entwickelt, die bis heute erfolgreich verfolgt werden. Aber das heißt nicht, dass irgendwer auf Privilegien verzichtet. Da entsteht der Eindruck, dass viele Leute nicht begriffen haben, was gerade anliegt.

Philipp Oswalt stimmt nur teilweise zu. "Wenn man heute mit Menschen spricht, liegen die Differenzen weniger zwischen links und rechts als zwischen Ost und West. In Ostdeutschland ist das Problembewusstsein relativ gut ausgeprägt, die Notwendigkeit eines strukturellen Wandels wird meist erkannt. Der Großteil der Westdeutschen dagegen realisiert bestimmte Problemlagen nicht." Allerdings gibt der Berliner Architekt zu: "Dieses Bewusstsein in Ostdeutschland führt selten zu Aktivitäten." Philipp Oswalt leitet das von der Kulturstiftung des Bundes finanzierte Projekt "Schrumpfende Städte". In dem internationalen Projekt werden Schrumpfungsprozesse in Russland (Ivanovo), den USA (Detroit), Großbritannien (Manchester/Liverpool) und Deutschland (Leipzig/Halle) verglichen, wobei Manchester/ Liverpool für das Problem der De-Industrialisierung, Detroit für die Suburbanisierung und Ivanovo für den Postsozialismus steht. In Leipzig/Halle kommt alles zusammen: Die De-Industrialisierung sorgt für Arbeitslosigkeit und Armut, der Untergang des Sozialismus sorgt (in allen betroffenen Ländern) für massiv sinkende Geburtenzahlen, und die Suburbanisierung als Folge steigenden Wohlstands schafft gleichzeitig Wachstum (in den Außenbezirken) und Schrumpfung (in den Innenstädten).

Die untersuchten Städte gehen mit ihrer Situation ganz unterschiedlich um: In Ivanovo, einem ehemaligen Zentrum der Textilindustrie, wird kaum über das Problem gesprochen, man wartet ab. In Detroit, wo der Rückbau der Automobilindustrie seit den sechziger Jahren stattfindet, hat man viel gelernt: Früher wurden leer stehende Häuser nicht abgerissen, was zu Vandalismus und Brandstiftung geführt hat - jetzt wird zügig platt gemacht. Die Region von Detroit ist außerdem in den vergangenen Jahrzehnten wieder gewachsen, doch 80 Prozent der Menschen leben im Umland, während die Stadt die Hälfte ihrer Einwohner verloren hat. Und: Die Schwarzen leben in der Innenstadt, die Weißen in den Vororten, es gibt eine klare soziale Trennung. In Manchester und Liverpool, einst wichtige Textil- und Hafenstandorte, wurde viel getan, Flächen und Gebäude umgewandelt, die Innenstädte funktionieren. Aber das ist überall so: Die Kernstädte erholen sich, auch wenn sich das manchmal nur auf kleine Zentren beschränkt, den Außenbezirken geht es zum Teil ebenfalls gut. Probleme gibt es nur dazwischen: Die Mitte verschwindet.

"Schrumpfende Städte" ist ein Kulturprojekt, und dafür gibt es gute Gründe: "Wir müssen fragen, welche Kultur, welche Werte und Ideale wir brauchen und haben wollen. Wir brauchen eine ganz altmodische Wertediskussion, zum Beispie] in den Bereichen Migration, Planung oder Eigentum. Angesichts leerer Innenstädte stellt sich etwa die Frage, ob man nicht an den Eigentumsrechten einiges ändern sollte. In den Niederlanden ist es legal, Häuser zu besetzen, die länger als ein Jahr leer stehen, was die Eigentümer dazu zwingt, die Gebäude in irgendeiner Form zu nutzen. Das könnte auch in Deutschland in einigen Orten helfen." Das kann man vom Osten lernen: Solidarität. Und nein, das hilft nicht nur den anderen Es gäbe tatsächlich viel zu tun. Nur: Wer soll es tun? Wie geht man mit der Suburbanisierung um? Im Westen ist der Trend zum Eigenheim über Jahrzehnte gewachsen, in Ostdeutschland wurde das in wenigen Jahren nachgeholt. Das bringt natürlich Probleme mit sich: mehr Verkehr, längere Schulwege, in einigen Bereichen ist die Infrastruktur sehr schlecht. Man kann das gut zwischen Halle und Leipzig sehen, kleine Siedlungen wechseln sich ab mit Einkaufszentren und Großmärkten, dazwischen Wiesen.

Währenddessen verfallen die Städte, und das wird sich auch nicht ändern, wenn die Besserverdienenden weiter in der Pampa leben: In Leipzig zogen in den Neunzigern rund fünfmal mehr Menschen ins Umland als in die alten Bundesländer. Man könnte viel machen, zum Beispiel die Eigenheimzulage streichen, die sich der Staat ohnehin nicht leisten kann - aber wer erklärt das den Schwaben? Man könnte in den Städten Bauland günstig für Eigenheime anbieten, dafür gibt es bereits Pläne, aber dazu müsste man die Grundstückspreise neu bewerten - und wer setzt das gegen die Banken durch? Man könnte auch die Städte und die benachbarten Gemeinden zusammenlegen, das wäre billiger in der Verwaltung und gerechter in der Steuerverteilung - aber wer überzeugt wohlhabende Randgemeinden? Anke Hagemann, bei " Schrumpfende Städte" für Halle/Leipzig zuständig, sagt: "Anfangs haben wir lustige Ideen entwickelt, was man mit schrumpfenden Städten machen kann. Aber je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, umso weniger glaube ich, dass Schrumpfung Spaß macht. Und umso weniger Lösungsvorschläge habe ich." Womit wir wieder in Silberhöhe wären. Oder auch nicht. Denn man kann hier auch etwas lernen. Eine Tradition, die als unzeitgemäß gilt, aber vielleicht wichtig ist: Solidarität. Verschrien als Hobby für Weicheier, von Leuten, deren Hirn weicher ist als ihre Eier. Denn was bedeutet Solidarität in einer Zeit, in der alles miteinander zusammenhängt? Was passiert denn, wenn Randgemeinden viele Steuern einnehmen, während die Städte, an denen sie anschließen, verkommen? Die Städte können ihre Funktion als Zentrum der regionalen Kommunikation, etwa in Form von kulturellen Programmen, nicht mehr erfüllen, das schlägt sich auf die Ansiedlung von Wirtschaft und Industrie nieder, und schließlich bricht die gesamte Region zusammen. Solidarität bedeutet heute: den Eigennutz im Netzwerk denken. Einige haben das inzwischen begriffen: Leipzig wurde 1998 erweitert und konnte so einige Verluste ausgleichen.

Auch in den Neubaugebieten von Halle, neben Silberhöhe gibt es noch das größere Halle-Neustadt (Ha-Neu), reagieren inzwischen die Bewohner. Viele erinnern sich noch, wie das geht mit Arbeit in Gruppen und gemeinsamen Unternehmungen, und so bieten Vorruhestandsvereine ehemaliger Chemiearbeiter Freizeitangebote an - früher war der Ort der Arbeit der Ort des sozialen Zusammenhangs, nun ist es der Ort des Wohnens. Außerdem gibt es in Silberhöhe ein Quartiersmanagement, das zwischen dem Stadtplanungsamt und den Bewohnern vermittelt, Fördergelder besorgt und das Programm LOS (Lokales Kapital für soziale Zwecke) organisiert, über das kleinere soziale Projekte zwischen Selbstorganisation und Erwerbstätigkeit auf sehr niedrigem Niveau unterstützt werden. Nein, es wird ihnen niemand helfen, sie werden es selbst tun müssen. Aber zusammen.

Es geht um alles und dann wieder auch nur um eines. Jens Bullerjahn schreibt in seinem Report: " Interessenverbände üben großen, oft sehr egoistisch bestimmten Einfluss aus. Dies ging so lange gut, wie es ausreichend zu verteilen gab. Von einer solchen Situation kann jedoch auf längere Sicht nicht mehr ausgegangen werden." Und Thomas Knorr-Siedow meinte: "Auch wenn man radikal denkt, muss man kleine Schritte gehen." Der kleinste Schritt wäre jetzt die Schrumpfung vor allen Schrumpfungen: die des eigenen Egos. Wer das nicht schafft, schafft nichts.


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