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brand eins 05/2004 - WAS UNTERNEHMERN NÜTZT
NICHTS WIE WEG?
Anderswo ist vieles billiger: Arbeiten, Produzieren, Programmieren. Deshalb erwägen viele Manager und Unternehmer die Flucht ins Ausland. Unternehmensberater Dirk Buchta erklärt, wann eine Verlagerung von Betriebsteilen wirklich sinnvoll ist.
brand eins: Das Verlagern von Betriebsteilen ms Ausland gilt vielen Unternehmen als probates Mittel, um ihre Probleme zu lösen: Jenseits der Grenzen sind die Kosten, vor allem die Lohnkosten, niedriger, und mit der deutschen Bürokratie und den Gewerkschaften braucht man sich auch nicht herumzuschlagen, argumentieren sie.
Dirk Buchta: Es ist natürlich richtig, dass sich vielen Unternehmen durch die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien erstmals eine realistische Möglichkeit bietet, betriebliche Teilfunktionen abseits der klassischen Industrieproduktion zu verlagern, Die Diskussion darüber läuft jedoch in den meisten Unternehmen sehr realistisch und differenziert, keineswegs nur euphorisch. Die Unternehmen sind sich sehr wohl darüber im Klaren, dass es wenig bringt, einfach bestimmte Unternehmensteile unverändert von Land A nach Land B zu schieben.
Dazu muss man auch sehen, dass viele Unternehmen im Inland noch große Potenziale in Sachen Effizienz haben. Wenn ein Unternehmen beispielsweise zehn Tochterunternehmen hat und jedes betreibt sein eigenes kleines Call Center, dann ist der Hauptansatzpunkt sicherlich nicht, die nun alle zu verlagern. Da wäre es im ersten Schritt sinnvoller, dass dieses Unternehmen über seine Töchter hinweg seinen Marktauftritt vereinheitlicht und aus den zehn Call Centern eines mit einheitlichen Abläufen und Verfahren macht. Und wenn man das dann mit moderner Technik ausstattet, dann kann man die Effizienz derartig steigern, dass der Unterschied zu einer Verlagerung meist gar nicht mehr gravierend ist.
Wann ist Offshoring also sinnvoll?
Zunächst einmal geht es darum, zu überlegen, welche die für Offshoring geeigneten Aktivitäten sind. Die nächste Überlegung ist: Wie geht man am besten vor? Generell sind transaktionsorientierte Tätigkeiten geeignet. Das sind die, die arbeitsintensiv sind und die gleichzeitig nicht zu den Kernfunktionen eines Unternehmens gehören. Häufig sind das also unterstützende oder verwaltende Tätigkeiten. Zum Beispie] in der Finanzbuchhaltung die Rechnungsbearbeitung oder in der Informationstechnologie (IT) das Thema Programmierung. Typisches Beispiel sind auch die Call Center.
Diese Beispiele haben gemeinsam, dass sie jeweils mit großem manuellem Aufwand, also viel Personaleinsatz verbunden sind. Gleichzeitig haben sie eine klare Schnittstelle zum Unternehmen, sind also leicht abtrennbar. Und sie sind in vielen Fällen entweder nicht kultur- und sprachsensibel - oder man kann sich auf eine Arbeitssprache einigen. Wie bei der IT-Entwicklung, wo die Kommunikation auf Englisch läuft.
Einfach ist dieser Schritt nicht.
Natürlich muss man zuerst einmal die Voraussetzungen schaffen. In der IT etwa müssen Sie vieles ins Englische übersetzen, denn in vielen Banken und anderen Unternehmen haben die Mitarbeiter vor 20 Jahren damit angefangen, die Dokumentation und auch die Kommentierung im Programmcode auf Deutsch zu formulieren. Das war vollkommen in Ordnung. Nur: Die meisten Inder sprechen nun mal kein Deutsch.
Zudem müssen Sie im Unternehmen auch eine Schnittstelle einüben. In der IT etwa muss das Unternehmen lernen, die Anforderungen sehr genau zu spezifizieren. Denn der Entwickler kann bei Fragen nicht mal eben ins Nachbarbüro kommen, wenn er in Indien sitzt. Wenn Sie ein Call Center verlagern, dann müssen Sie im Zielland Leute einstellen und diese Leute trainieren. Sie müssen die technischen Voraussetzungen managen, weil die meisten Call Center in irgendeiner Weise auf Kundenstammdaten oder Produktdaten zurückgreifen. Das alles ist natürlich lösbar, aber es zeigt, dass der Aufwand, den man betreiben muss, bis man mit dem Offshoring beginnen kann, relativ hoch ist. Die realistische Berücksichtigung der anfallenden Anlaufkosten ist daher sehr wichtig, um Offshoring realistisch zu beurteilen.
Aber dennoch sprechen im Moment viele Unternehmen, nicht nur Konzerne, sondern auch Mittelständler, öffentlich über Verlagerungen.
Betriebswirtschaftlich ist das für etliche Unternehmen ganz sicher eine Möglichkeit, im internationalen Wettbewerb zu bestehen und mit dem Kostendruck besser fertig zu werden. Aber in manchen Fällen sind gerade pauschale Aussagen vor allem als Drohung zu verstehen.
Manche meinen es durchaus ernst.
Selbstverständlich. In solchen Fällen sollten vor der Offshoring-Entscheidung die unterschiedlichen Parameter möglicher Zielorte geprüft werden. Da sind logistische Parameter wie Verkehrsverbindungen, Zeitzonen etc., die berücksichtigt werden müssen. Und natürlich die Verfügbarkeit der Arbeitskräfte: Gibt es genug qualifizierte Leute? Wichtig ist auch die Höhe des aktuellen und des projizierten Lohnniveaus. Denn es hat keinen Sinn, an einen Ort zu gehen, an den alle wollen. Dann verdoppeln und verdreifachen sich die Löhne innerhalb kurzer Zeit und erreichen, wenn's schlecht läuft, nach ein paar Jahren westliches Niveau.
Hinzu kommen politische und sozio-ökonomische Rahmenbedingungen. Wie stabil ist das politische System? Wie verlässlich ist die Rechtsprechung in dem Land? Das geht bis zu geografischen Bedingungen: Erdbebengefahr, potenzielle Seuchen- oder Überflutungsgebiete.
A. T. Kearney hat eine Untersuchung zum Thema gemacht - welche Länder sind Ihres Erachtens besonders attraktiv?
Für IT-Leistungen liegt Indien ganz vom. Aber auch China ist generell sehr attraktiv. Gerade wenn ein Unternehmen noch nicht viel Erfahrung mit der Verlagerung ins Ausland hat, spielt bei der Wahl des Ziellandes auch die Historie eine Rolle. Firmen aus Großbritannien fühlen sich trotz der großen Entfernung in Indien häufig sehr wohl, was zum einen an der Sprache liegt - viele Inder sprechen eben Englisch. Und das wiederum liegt daran, dass das Land lange Zeit eine britische Kolonie war. Französische Unternehmen denken bei Offshoring häufig als Erstes an Länder, die ehemals französisch waren, genau wie Spanier an ehemals spanische Länder, vor allem Südamerika. Deutsche Unternehmen haben schon aufgrund der geografischen Nähe eine besonders hohe Affinität zu Ländern wie Ungarn oder anderen osteuropäischen Ländern.
Das hat einen einfachen Grund: Die Zusammenarbeit mit einem Offshoring-Land wird nicht einfacher, wenn es weiter weg ist. Denken Sie an so scheinbar banale Dinge wie unterschiedliche Zeitzonen. Hinzu kommt, dass gerade in den neuen EU-Staaten wie Polen oder Tschechien die Rahmenbedingungen sehr klar sind.
Selbst wenn die Rahmenbedingungen in asiatischen Ländern wie Malaysia durchaus vorteilhaft sind: Es besteht - wie jetzt gerade wieder - die Gefahr aufkeimender ethnischer Konflikte zwischen Moslems und anderen Bevölkerungsgruppen. Und selbst wenn ein Land heute stabil ist, gegen Probleme wie die Seuche SARS sind Sie nicht gefeit.
Das sind wir allerdings nirgendwo mehr in der globalen Welt.
Risiken gehören zum Leben, aber wie man sie bewertet, auf sie vorbereitet ist und mit ihnen umgehen kann, hängt wesentlich mit der vorhandenen globalen Erfahrung und Präsenz zusammen. Unternehmen wie Lufthansa oder Siemens sind langst global aufgestellt. Für die ist das, was ich beschrieben habe, Alltag. Bei denen gehört Globalisierung längst zum Geschäft. Die haben bereits überall ihre Techniker, ihr Bodenpersonal bzw. ihre Niederlassungen und Produktionsstandorte. Für solche Unternehmen ist die Verlagerung der Buchhaltung oder etwa von Teilen der IT ein ganz kleiner Schritt. Für Großkonzerne, die primär in Deutschland tätig sind, oder aber für Mittelständler, die den internationalen Wettbewerbsdruck spüren, ist Offshoring allerdings ein großer Schritt.
Und einer, bei dem es vermutlich nicht bleibt. Denn wenn die Kosten am Offshore-Standort steigen, geht die Suche nach dem nächstbilligeren Zielort los.
Richtig. Die Frage ist aber, über welche Zeiträume wir sprechen. Darüber haben wir uns in einer Untersuchung Gedanken gemacht. An der günstigen Situation für Verlagerungen nach Polen etwa dürfte sich in den nächsten zehn, 15 Jahren nicht viel ändern. Aber das hängt natürlich auch von der Art der Tätigkeit ab. In Irland wurde die Nachfrage nach Call-Center-Mitarbeitern so groß, dass die Löhne eklatant gestiegen sind. Für Ungarn gibt es ebenfalls Prognosen, die besagen, dass das Personalkostenniveau deutlich ansteigen wird.
Generell lässt sich sagen, dass osteuropäische Länder bestimmt noch zehn Jahre attraktiv sind, und gerade für noch nicht offshoring-geübte Unternehmen ist jetzt ein guter Startzeitpunkt, weil sich vieles in den Ländern erst entwickelt. Wenn man erst mal Erfahrungen gesammelt hat und etwa die Schnittstellen zwischen der Buchhaltung und der IT-Entwicklung klar sind, dann kann man im nächsten Schritt noch mal drei Flugstunden weiter weg gehen. Das ist dann nicht mehr so dramatisch, weil sich das ganze Unternehmen in seinen Abläufen und Funktionen bereits globalisiert hat. Wenn Jemand Offshoring für sich als Chance erkennt, ist es also sicher gut, erst mal im realistischen kleineren Maßstab damit anzufangen.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie viel Offshoring möglich ist, ohne die Unternehmensidentität und Kultur als Ganzes zu gefährden. Firmen wie Nike sind heutzutage vor allem Marketing- und Designmaschinen.
Die Frage, was eine Kernkompetenz ist, ändert sich im Laufe der Zeit. Anfang der achtziger Jahre waren Geldautomaten und Kontoauszugsdrucker ein echter Wettbewerbsvorteil für eine Bank. Heute sind beides Selbstverständlichkeiten, die zum Service gehören und gratis sind. Das wäre vor zehn Jahren undenkbar gewesen.
Oder nehmen Sie den Telekommunikationsbereich im Festnetz. Bislang waren Unternehmen wie die Telekom stolz auf den Betrieb und die Wartung ihrer Netze. Inzwischen bieten die großen Telekom-Ausrüster, die Siemens und Alcatels dieser Welt, den Service an, solche Netze zu betreiben, mindestens aber zu warten. Deshalb stellen sich momentan viele Telekommunikationsunternehmen im Festnetzbereich die Frage: Was ist eigentlich meine Kernkompetenz?
Oder nehmen Sie das Beispiel Banken und IT. Für sie war IT bis vor ein paar Jahren die heilige Kuh - logisch, schließlich lebt eine Bank im Wesentlichen von IT. Heute lässt die Deutsche Bank vieles von IBM abwickeln.
Was für die Unternehmen betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, jagt der Bevölkerung einen gehörigen Schrecken ein.
Das ist verständlich, wenn man Offshoring nur als Arbeitsplatzvernichtung im Inland betrachtet. Tatsächlich ist es global gesehen etwas ganz Hervorragendes. Denn der Lebensstandard in den Zielländern steigt dadurch beträchtlich. Und das ist in der Tat ein wichtiges Anliegen.
Was wir auch nicht vergessen sollten: Dort entsteht Kaufkraft. Eines Tages werden diese Länder reich genug sein, um in großem Maße zu importieren - auch Waren aus Deutschland. Und: Viele Waren werden auch im Inland billiger, weil sie im Ausland günstiger produziert werden können. Das ist im Moment vielleicht ein schwacher Trost. Aber das ist der Lauf der Dinge, den wir nicht aufhalten können. Und es ist außerdem eine enorme Chance, die Probleme in Deutschland endlich anzugehen. Im Übrigen ist die ganze Sache nicht neu: In den USA gab es schon vor hundert Jahren Plakate, die davor warnten, dass amerikanische Industriearbeiter durch billigere Arbeitskräfte aus China ersetzt würden. Das ist zum Teil tatsächlich passiert, aber es gibt dafür mittlerweile ganz andere Jobs in Amerika, an die man damals nicht mal im Traum gedacht hat.
Das hilft den Menschen mit ihren Ängsten momentan leider nicht weiter.
Nicht in diesem Augenblick. Aber eine Volkswirtschaft ist solchen Tendenzen nicht hilflos ausgeliefert. Sie hat die Chance, so ein Thema aufzunehmen und zu gestalten. Innovativ zu sein, flexibel, besser als die anderen. Sich hinzustellen und zu jammern bringt nichts. Man muss sich diesem Thema stellen. Und in Deutschland braucht es dazu offenbar viel Druck. Der ist nun da. Die EU-Erweiterung und die Offshore-Diskussionen sind Paukenschläge, die dazu führen können, dass hier etwas passiert. Aber man muss einen solchen Anlass auch nutzen.
Die Wiedervereinigung war eigentlich auch ein guter Ansatzpunkt für Veränderungen. Aber wir haben sie nur dazu genutzt, uns zehn Jahre mit uns selbst zu beschäftigen. Das hat bestehende Strukturen zementiert - und uns scheinbar, aber eben nur scheinbar, zehn Jahre Aufschub gegeben. Das sollte uns nicht wieder passieren. So gesehen ist Offshoring auch eine Chance.
