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brand eins 05/2004 - SCHWERPUNKT: Rückbau

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Immer mehr

Hightech-Geräte werden immer schlauer - und überfordern zunehmend ihre Benutzer. Die Konvergenz-Bewegung verspricht alles, aber am Ende kommt nichts dabei heraus.

RATLOSIGKEIT UND UNZUFRIEDENHEIT SIND DIE ERSTEN VORBEDINGUNGEN DES FORTSCHRITTS.

Thomas Alva Edison Wie viele PS hat Ihr Computer?

Ende März veröffentlichte die Intel Corporation, der Welt mächtigster und einflussreichster Hersteller von Computerprozessoren, eine kleine, bisher wenig beachtete Änderung seiner Geschäftspolitik.

Von Juni an will der Konzern seine Prozessoren nicht mehr nach deren Prozessortaktleistung benennen. Anstelle des unvermeidlichen Gigahertz-Zusatzes werden schnöde Klassifizierungsnummern treten, die statt des theoretischen Tempos und der Taktfrequenz der Prozessoren aussagen, wie schnell sich ein Prozessor mit einer bestimmten Anwendung verhält.

Die Orientierung am Tempo ist ohnehin Theorie, und das fällt den Kunden zunehmend auf. So leisten Strom sparende Centrino-Prozessoren für Notebooks nach der bisherigen Gigahertz-Lehre nur rund die Hälfte dessen, was ein aktueller Desktopcomputer vermag. Praktisch hingegen ist ein mit 1,3 Gigahertz getakteter Centrino einem gut doppelt so schnellen Schreibtischklotz meist überlegen, weil die Prozessorarchitektur intelligenter ist. Folgen hatte das bisher nicht: Industrie und Kunde sind auf eine Formel getrimmt, die den Rückbau zu mehr Nutzen behindert: Weniger ist schwer. Das Leuchtfeuer der Computerindustrie strahlte immer schon umso heller, je dicker aufgetragen wurde.

Das gilt analog auch für die restliche Informations- und Kommunikationsbranche: für Produkte vom Handy bis zur Software. Bei Standard-Software, wie etwa Microsofts Textverarbeitungsprogramm Word, sind etwa 90 Prozent der Funktionen für neun von zehn Benutzern unbedeutend - das wusste man schon vor einem Jahrzehnt. Hinter dieser Überfrachtung steckt eine in der Industrie seit langem bekannte Wachstumskette: Computer müssen immer schneller werden, damit komplexere Anwendungen bedient werden können, die wiederum, in neuen Varianten, nach schnellerer Hardware verlangen, die sich nur dann halbwegs auslasten lässt, wenn man die entsprechende Software kauft. Dieses permanente Hochschaukeln ist die Basis des Wachstums der Branche - aber endlich. Wo der Komplexitätsgrad von PCs und Software immer höher wird, verlangt der Kunde zunehmend nach überschaubareren Lösungen.

Wenn die einzelnen Funktionen, wie Schreiben, Rechnen, Adressen-Verwalten, Telefonieren, Mailen und Spielen, bereits in mehr als zufrieden stellender Qualität vorliegen, ist der Fortschritt, den die Industrie anbietet: alles in einem bündeln. Konvergenz heißt der Fachbegriff dafür. Es ist ein an sich unschuldiges lateinisches Wort, convergere: die Annäherung aneinander. Das klingt nett und unverdächtig. Einander annähern ist irgendwie friedliebend, praktisch und gemütlich - auch wenn in der Praxis nicht selten genau das Gegenteil dabei herauskommt.

Zum Beispiel bei Handys. Ende der neunziger Jahre waren die meisten Geräte klein und smart genug, um damit sehr gut und sehr ausdauernd telefonieren zu können, und das in sehr guter Sprachqualität. Das war einmal. Wer in Elektronik-Märkten heute nach einem Handy fragt, mit dem man einfach nur gut telefonieren kann, steht kurz vor der Zwangseinweisung.

Die Konvergenz regiert: Videos und Bilder aufnehmen und wiedergeben, Töne speichern, Mails empfangen und senden, im Web surfen, Adressen verwalten, Spiele spielen und via Bluetooth-Schnittstelle Kontakt mit Geräten aufnehmen, die leider kaum jemand besitzt, all das ist mit Handys möglich. Dazu können sie Termine verwalten, als Wecker fungieren oder als Bargeldersatz herhalten. Xelibris präsentierte vor kurzem ein Mobiltelefon, dessen Gehäuse auch eine Klammer ist. Ein anderes wird in einem Spot beworben, bei dem der Inhalt eines großen Koffers in der Röntgenanlage eines Flughafens zu sehen ist. Darin liegen Faxgerät, Computer, Telefon und ein halbes Dutzend anderer Spielereien. Die Botschaft: All das passt in ein ganz kleines Handy. Das Ding ist in der Tat noch kleiner als der Verstand von Leuten, die so etwas glauben.

Konvergenz tut so, als ob eine Krücke besser wäre als ein Bein Warum soll ein Eintopf aus Geräten, die einzeln schon kompliziert sind, besser sein als seine Teile? Kennen Sie jemanden, der mit seinem Handy faxt? Aber vielleicht geht es gar nicht um mehr, sondern um weniger. Vielleicht glauben die Käufer, ihre Probleme mit Technik würden kleiner, wenn sie sie gebündelt vor sich haben. Das muss wohl so sein. Denn nur wer Konvergenzprodukte kauft, gilt gemeinhin als schlau und zeitgemäß.

So hat der kluge Mann immer ein Schweizer Messer bei sich. Das gibt es seit mehr als einem Jahrhundert. Es bündelt, also konvergiert, Funktionen wie Schneiden, Sägen, Korkenziehen, Piksen und noch viel mehr. Allerdings hat noch kein Schweizer-Messer-Hersteller behauptet, dass damit Messer, Scheren, Nadeln, Korkenzieher usw. überflüssig geworden sind. Ein Provisorium ist kein Optimum. Das Schweizer Messer ist praktisch, wenn man unterwegs nicht alles dabei hat. Ein Multifunktionshandy vielleicht auch, sofern man es bedienen kann. Die neue Konvergenz behauptet aber, dass die einzelnen Werkzeugfunktionen, die es vereint, durch dieses eine Gerät ersetzt werden. Die neue Konvergenz tut so, als ob eine Krücke besser wäre als ein Bein.

Die meisten glauben das auch noch, selbst wenn sie sich auf winzigen Tasten die Finger verstauchen.

Die ältere Schwester der Konvergenz heißt Miniaturisierung. Sie war vor dem Bündeln auf der Welt und gilt in der Industrie seit den fünfziger Jahren als wichtigstes Projekt überhaupt. Zu diesem Zeitpunkt war man im Stande, mit Hilfe kleinster Schaltungen die Größe von Apparaten, etwa Radios, dramatisch zu verkleinern. Man konnte zum Beispiel Radios bauen, die kleiner waren als Streichholzschachteln. Das größte bewegliche Teil dieser tollen Entwicklung war ein unproportional großer Drehknopf, zu dem das winzige Radio irgendwie nicht passte. Doch es war unverzichtbar, denn man musste das Ding an- und ausschalten, laut und leise drehen können, in der Regel eine Aufgabe, die die Finger übernehmen und für die - leider, leider - der eigenartige Drehknopf am Winzig-Radio angeschraubt werden musste. Man hätte im Grunde genommen schon damals die Sache auf sich beruhen lassen können: Das menschliche Maß sah mit einem Mal sonderbar aus.

Kurze Zeit später landete das Streichholz-Radio im preiswerten Versandhandel, Rubrik Kuriositäten.

Kann man mit Buchstabensuppe einen Roman schreiben?

Mobilität bedeutet mehr Freiheiten, mehr Platz, mehr Chancen. Aber Dinge, die nichts richtig können, weil sie das menschliche Maß und die menschlichen Bedürfnisse leugnen, dabei aber unglaublich umfassend sind, sind nichts weiter als unpraktisch. Hunderte Menü-Unterfunktionen in einem Gerät, kleiner als eine Zigarettenschachtel, sind nur für Menschen interessant, die nichts zu tun haben oder nicht darüber nachdenken, was sie tun. Die Benutzung solcher Apparate kostet Zeit und Nerven. Sie sind eine unter dem Deckmantel der Freiheit daherkommende Freiheitsberaubung. Alles können und haben wollen, aber nichts davon richtig erledigen können, das ist Idiotie. Solche Leute glauben auch, dass man aus Buchstabensuppe einen Roman schreiben kann.

Vor diesem Hintergrund mutieren Personal Computer zu Multimedia-Centern, die alle möglichen Funktionen beherrschen, allerdings immer unter der berühmten Einschränkung, dass nichts davon perfekt geht. In den siebziger Jahren gab es schon mal so eine Konvergenzbewegung: Kompakt-Stereoanlagen. Die galten als praktisch, weil sie Plattenspieler, Radio, Verstärker und Kassettenrekorder in ein Gehäuse pfropften. Sehr bald aber wurde den Benutzern klar, dass sich dadurch die Bedienung erschwerte und, wenn ein Gerät ausfiel, auch der Rest gleich mit in die Reparatur musste. Im schlimmsten und nicht seltenen Fall war die gesamte Anlage nicht mehr zu gebrauchen.

Die All-In-Ones sind zwar nie ganz verschwunden, gelten aber heute als unterster Rand des qualitativ Gewünschten. Im Gegensatz dazu feiern Produkte, die nichts bündeln, sondern das, was sie tun sollen, deutlich, klar und zufrieden stellend anbieten, große Erfolge.

So hat der stets zwischen Untergang und Euphorie pendelnde kalifornische Computerhersteller Apple sein Ergebnis im vergangenen Jahr verdreifacht, dank eines vernünftigen, nicht konvergenten Geräts namens iPod, einem Abspielgerät für aus dem Internet herunterladbare MP3-Tondateien. Der iPod verfügt im Gegensatz zur großen Masse der Konkurrenz vor allem über menschgerechte Maße und einige wenige zur Bedienung nötige, vor allem aber verstehbare Funktionen. Wer mag, kann das Gerät erweitern, etwa zu einem Rekorder, aber das liegt in der Hand des Benutzers. Konvergenz von unten nach oben - dagegen ist nichts einzuwenden.

Ist man dumm, weil man nicht alles kann?

Warum aber wird die Konvergenz so hochgejubelt, und warum kauft immer noch die große Mehrheit ein Gerät umso lieber, je mehr Funktionen es (scheinbar) in sich vereint? Vielleicht, weil viele Kunden nicht wissen, was sie wollen. Und vielleicht auch, weil sie auf Geiz getrimmt sind.

Wer ein Handy kauft, das auch eine Kamera ist, die auch ein Adressbuch ist, die auch im Web surfen kann..., hat mehr als genug. Dazu kommt möglicherweise noch eine andere Hoffnung: dass die Dinge, die einzeln nicht zusammenpassen, sich zu einem fügen mögen - und damit leichter handhabbar werden.

Vor allem aber: Man will dabei sein. 30 Jahre Computerisierung haben bei den wenigsten Leuten zu einem sinnvollen und planvollen Einsatz der Informations- und Kommunikationstechnik geführt. Man muss mitmachen, weil man sonst out ist. Das schafft enormen Stress. Wer nicht multimedial ist, immer das schnellste Gerät hat und nach Möglichkeit alles davon verfügbar, gilt als Depp. Das ist Technikgläubigkeit, die mit Wissen nichts zu tun hat und die letztlich dazu führt, dass nicht weniger tumbe Technikfeinde immer mehr Gehör finden. Denn: Wenn der Mensch nichts mehr weiß, wird er gläubig, Das passiert mit zuverlässiger Sicherheit immer dann, wenn ihm die Dinge über den Kopf wachsen, die Sache kompliziert, komplexer und schließlich undurchdringbar wird. Der Glaube hat eine Menge Vorteile, für den Moment: Bestimmte Ereignisse sind, wie sie sind, man muss sie nur glauben. Etwa an ein Leben nach dem Tod oder den Nutzen eines Konvergenz-Handys. Das hat keinen Sinn, aber einen Zweck. Wer nicht fragt, wozu er Technik einsetzt, kauft, um nicht blöd dazustehen, und ist dabei der Dumme.

Wissen hingegen bedeutet, die Kette zwischen Ursache und Wirkung verstanden zu haben. Dazu genügen drei Fragen: Was will ich tun? Wie lautet das Ziel? Wozu ist es nütze?

Damit kann die Konvergenz-Bewegung nichts anfangen. Vage bleibt der Sinn: mehr Effizienz durch mehr Funktionen? Mehr Gewinn dadurch, dass man mit einem Handy nicht mehr richtig telefonieren kann? Mehr Geschmack durch brutalst mögliches Einkochen? Mehr Nutzen durch kleinere Tasten?

Die Konvergenz-Bewegung gibt Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat. Was bleibt, ist eine alte Einsicht: Es wird nicht alles besser, wenn wir immer weniger verstehen.


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