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brand eins 05/2004 - WAS WIRTSCHAFT TREIBT

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Hirtreiter und die Höllenhunde

Früher war die "Passauer Neue Presse" eine provinzielle Art Katholen-"Prawda". Dann kam Franz Xaver Hirtreiter. Heute hat der Verlag die Zeitungsmärkte in Österreich, Tschechien, Polen und der Slowakei erobert. Und leistet sich nebenbei den Fußballclub AC Sparta Prag.

Franz Xaver Hirtreiter, 47, sitzt in diesem wuchtigen Büro, in dem hinter dem Schreibtisch das Steinrelief eines geflügelten Löwen in die Wand eingelassen ist. Drum herum an den Wanden ist nichts als braunes Holz. Wie er die geschwungene Marmortreppe in Nadelstreif und Socken herunterkommt - man kann es sich vorstellen, wie er mit Mantel und Degen in den Osten stürmt.

"Wir waren die Musketiere, eine eingeschworene Gemeinschaft", sagt Franz Xaver Hirtreiter. " Wir haben eingekauft nach Art von niederbayerischen Raubrittern." Hirtreiter war Geschäftsführer der Verlagsgruppe Passau. Er ist nach Tschechien gefahren und hat Redakteure von staatlichen Zeitungen abgeworben. Er hat Druckereien auf Grund gebaut, von dem er nicht sicher sagen konnte, ob er ihm in ein paar Jahren noch gehört. Er hat auf diese Weise den Umsatz des Verlages in zehn Jahren auf rund eine halbe Milliarde Euro mehr als verzehnfacht, bei einem Gewinn von mehr als 50 Millionen Euro.

Hirtreiter hat aus der "Passauer Neuen Presse" mit 800 Leuten ein Firmenkonglomerat mit rund 7500 Mitarbeitern in Deutschland, Tschechien, Polen, der Slowakei und Italien geschaffen, die Gesamtauflage aller Tageszeitungstitel lag in der Spitze bei mehr als zwei Millionen - angefangen hatte er mit 155 000. Dazu kommen Wochenzeitungen mit insgesamt vier Millionen Auflage. Und obwohl sich die Passauer von ihrem Italien-Engagement getrennt haben, schlossen sie im vergangenen Jahr immer noch mit 580 Millionen Euro ab - bei einer hohen einstelligen Umsatzrendite.

Dies ist die Suche nach den niederbayerischen Musketieren und die Geschichte eines kleinen Verlages, der sich gegen die großen durchgesetzt hat. Es geht um die Befestigung von Zahnhalteelementen und um Männerfreundschaften, und wie in jeder anständigen Geschichte geht es auch um die Liebe. Hier nun kommt Axel Diekmann, 59, ins Spiel, der Hirtreiter in den Verlag geholt hatte. Diekmann ist kein Musketier. Er ist Zahnarzt. Er hat etwas zu der Sache mit der Liebe und zu der mit den Zahnhalteelementen zu sagen, weil er von beidem etwas versteht. Die Liebe hatte ihn nämlich nach Passau gebracht. Er gab eine viel versprechende wissenschaftliche Karriere als Kieferchirurg auf, weil er die Tochter von Hans Kapfinger, dem Verleger der "Passauer Neuen Presse", auf einem Kongress in Italien kennen gelernt hatte. 1971 heirateten die beiden, und er eröffnete eine Zahnarztpraxis. Der Schwiegervater machte Diekmann am 9. September 1984 zum Stiftungsratvorsitzenden der Dr.-Hans-Kapfinger-Stiftung. Der Verlag wurde von diesem Stiftungsrat und der Gesellschalterfamilie gesteuert und war durch Machtkämpfe in den Gremien außer Kontrolle geraten. Die Geschäftsführer wechselten damals beinahe im Jahresrhythmus. Kapfinger hoffte, dass der tüchtige Schwiegersohn die Situation in den Griff kriegen würde. "Das war an meinem Geburtstag. Ich bekam eine Schwarzwälder Kirschtorte, weil das meine Lieblingstorte ist, und dann hat der Onkel Hans mich gebeten, den Stiftungs-Vorsitz zu übernehmen", erzählt Diekmann, der manchmal vom Herrn Doktor Kapfinger und manchmal vom Onkel Hans spricht, wenn er den Schwiegervater meint.

Hätte Kapfinger an Diekmanns Geburtstag in der Schwarzwälder Kirschtorte herumgestochert, ohne etwas zu sagen, wäre die "Passauer Neue Presse" wohl nicht geworden, was sie heute ist. Denn Diekmann räumte auf und holte Hirtreiter.

"Eines Samstags stand Diekmann auf meinem Bauernhof, ich war noch im Stallgewand", erzählt Hirtreiter, damals ein passionierter Hobbyzüchter von Charolais-Rindern. Er war 32 Jahre alt und hatte schon eine steile Karriere hinter sich: vom Volontär beim "Straubinger Tagblatt" zum Chef vom Dienst, dann zum Geschäftsführer zahlreicher Lokalradios in Niederbayern. Unter anderem managte er zusammen mit " Focus"-Gründer Helmut Markwort das Regensburger Radio Donauspatz.

Er war der richtige Mann für Axel Diekmann, der zwar privat Beteiligungen an Radiosendern und Anzeigenblättern hielt, dem aber der Passauer Verlag zu der Zeit doch noch eine Nummer zu groß war. "Ich habe Kieferchirurg werden wollen, weil ich ein kleines Gebiet perfekt beherrschen wollte. Ich hätte nie damit leben können, etwas nicht so gut zu können wie ein anderer. Ich hätte den Patienten dann dorthin überwiesen", sagt Diekmann. Gewissermaßen hat er den Patienten "Passauer Neue Presse" im August 1988 in die Hände Hirtreiters überwiesen.

Als der das Stallgewand auszog und seinen Dienst als Geschäftsführer antrat, stellte er Diekmann die Gretchenfrage: "Soll ich die Braut fertig machen zum Verkauf? Oder wollen wir weitermachen?" Für Diekmann war die Antwort klar. Er wollte weitermachen. "Ich weiß, es ist kitschig", sagt er. " Aber auf dem Sterbebett hat Onkel Hans gesagt; ,Axel, du musst mir versprechen, dich um den Verlag zu kümmern'." Wenn dem so sei, dann müsse das Unternehmen expandieren, sagte Hirtreiter und kündigte an, in zehn Jahren die Umsatz-Milliarde zu knacken. Das war 1988, und die Passauer setzten 88 Millionen Mark um. Vom Geschäft im Osten war noch nichts zu ahnen. Das Vorhaben war objektiv betrachtet also ziemlich bekloppt.

Hirtreiter verordnete Radikalkuren: Er baute ein neues Druckzentrum, mit dem viel Geld zu verdienen war. Er gab der "Passauer Neuen Presse" einen neuen Anstrich mit neuem Layout und neuem Chefredakteur. Und er stellte eine Firmenzentrale aus Glas, Granit und Marmor in die Industrieprärie, die mit Sonderabschreibungen im Rahmen der Grenzlandförderung nach Meinung Hirtreiters ein lohnendes Investment war. Druckzentrum und Verlagshaus stehen seitdem im Wald vor Passau, die Glasfassaden in Richtung Osten. Wer aus der Tür kommt, sieht ein Gebäude, auf dem "Berger Wild - Des Waidmanns edle Ernte" steht. Hier im Wald saß also Franz Xaver Hirtreiter und zog die Fäden, die dort zusammenliefen. Erst aus Österreich, dann aus Tschechien, aus Polen, aus der Slowakei und aus Italien.

In Österreich handelt Hirtreiter ein Gentleman's Agreement aus - aber Raubritter sind keine Gentlemen Hirtreiter zog in den Krieg. Mit seinen Musketieren, seinen jungen Höllenhunden. Sein Feldzug begann ziemlich bayerisch in Österreich. Und hier hat der Verlag, wie das in Kriegen so ist, das erste Mal einen Gegner wenig galant aus dem Weg geräumt. Das Engagement in Tschechien sollte nämlich zuerst in einem Joint Venture mit den "Oberösterreichischen Nachrichten" über die Bühne gehen. Beide Verlage hatten Kontakte geknüpft und sich darauf geeinigt, zusammenzuarbeiten, um sich nicht gegenseitig aufzureiben. Das war der Deal. In den Verträgen gab es einen Passus, dass sich die Verlage zudem auf den eigenen Gebieten in Deutschland und Österreich tunlichst in Ruhe lassen sollten. Der Herausgeber der "Oberösterreichischen Nachrichten", Rudolf Andreas Cuturi, spricht von einem Gentleman's Agreement. Aber Raubritter sind keine Gentlemen. Als die Diözese Linz ihre Anteile am Oberösterreichischen Landesverlag in Linz veräußerte, griffen die Passauer zu. Nun geben sie auch die " Oberösterreichische Rundschau" heraus und machen damit Cuturi direkt vor der Haustür Konkurrenz. " Ich war unter dem Druck des Handelns", sagt Hirtreiter. "Die "WAZ" war auch dran, und die wollten wir nicht in direkter Nachbarschaft haben." Die Passauer boten Cuturi noch ein Joint Venture an, aber darauf hatte der unter diesen Umständen keine Lust mehr. Auch die Sache in Tschechien machten die Passauer am Ende allein.

Nach Ostdeutschland wollte Hirtreiter nicht: "Ich hatte gehört, dass eine Zeitung dort 300 Millionen Mark kostet. Das konnten wir nicht bezahlen. Und für die Eroberung Polens haben wir später nicht einmal die Hälfte ausgegeben." Doch zuerst kam die Sache mit Tschechien. Die konnte nur klappen, weil die Passauer sehr schnell waren und vor allem sehr nah dran an allem. Um zu erfahren, wie nah, sollte man Gerd Brunner besuchen. Brunner, 61, ist bei der "Passauer Neuen Presse" stellvertretender Chefredakteur, und zwar für Sonderaufgaben. Als die Wende kam, war er zuständig für den Bayerischen Wald und die Grenzregion. Mit dem Verlagsmanagement hatte er nichts zu tun. Er war seit den achtziger Jahren Mitglied in der Deutsch-Tschechoslowakischen Gesellschaft, und seit jeher habe ihn etwas in dieses Land gezogen, sagt er. Als Mitglied der Gesellschaft war er der Einzige im Verlag, der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ein Dauervisum hatte. Das nutzte Brunner fleißig, um Geschichten hinter der Grenze zu suchen und zum Beispiel Artikel zu schreiben, in denen er nicht umrechnete, sondern einheitliche Geldeinheiten benutzte, um den Leuten zu Hause zu zeigen, wie luxuriös ihr Leben im Vergleich zu dem der Tschechen ist. Irgendwann stieß er bei seinen Recherchen auf eine Zeitungsredaktion. Und auf einen Landrat, der ihm das Blatt schenken wollte.

Die Anekdote soll Brunner selbst erzählen, weil er dafür bekannt ist, schöne Anekdoten schön erzählen zu können: "Ich fuhr also hinter die Grenze und lernte zufällig Kollegen in Prachatice kennen, deren amtliche Wochenzeitung im März 1990 eingestellt werden sollte, weil kein Geld da war. ,Dann kaufst du unsere Zeitung', haben sie zu mir gesagt. Ja, ich kann doch eure Zeitung nicht kaufen', habe ich gesagt. Die Zeitung hatte den Namen "Hranica", was so viel bedeutet wie ,der Grenzer'. Später saß ich am Tisch mit dem Landrat der Region, der irgendwann im Gespräch sagte: ,Und Sie wollen unsere Zeitung kaufen?'" Was Brunner wohl heftig bestritt, aber das interessierte niemanden. Der Landrat wollte nichts für die Zeitung haben, sie nur weiter betrieben wissen, bis wieder Geld da sei. Brunner erzählte Hirtreiter von der Sache, der sich ihrer annahm. Dann meldeten sich die Landräte anderer Regionen. Aus diesen Wochenblättern wurden später die Lokalredaktionen der neuen Regionalzeitungen. Doch die Lokalredaktionen brauchten Mantelteile.

Na gut, geben Sie mir Usti! - Wo ist Usti? - In Nordböhmen. Gebongt. Musketiere reden nicht lange herum Der Mann, der dafür sorgte, heißt Viastimil Kostal, 46. Er sitzt in Prag im Salon eines Fünf-Sterne-Hotels. Kostal kommt pünktlich, was nicht weiter schwer ist, weil er dazu nur seinen Gesprächspartner am Nachbartisch verlassen muss. Nach dem Gespräch wird er einen Tisch weiter ziehen, weil dort der Manager eines bekannten tschechischen Fußballspielers auf ihn wartet.

Kostal spricht Deutsch mit bayerisch-tschechischem Akzent und sagt manchmal "Hirti", wenn er Hirtreiter meint. Nach dem Ende des Kalten Krieges war er dafür zuständig, die Zeitungen der kommunistischen Partei in Staatsbesitz zu bringen und wieder flottzumachen. Vorher war er Chemiker, spezialisiert auf polygrafische Farben und in der Verlagsbranche eingesetzt. Und weil er irgendwie schon da war und irgendwas zu tun hatte mit der Branche, ist er irgendwie Verlagschef geworden. Es gab viele dieser Irgendwiekarrieren in dieser Welt nach der Wende. Jedenfalls hatte Hirtreiter von ihm gehört und war 1990 nach Prag gereist. "Kostal war der Boss der nachrevolutionären Zeitungslandschaft und saß in seinem Büro im 20. Stock wie Nikita Chruschtschow selbst", erinnert sich Hirtreiter. Bei Kostal gaben sich die Manager der großen Verlage aus Deutschland die Klinke in die Hand. Die Deutschen wollten kaufen, Kostal lediglich ein Joint Venture. An dem Joint Venture hatten die Deutschen kein Interesse, und damit war Kostals Aufgabe in Prag erledigt. Er wechselte auf die Seite der Passauer, bekam zwei Sekretärinnen und begann, seine Kontakte zu nutzen.

Nachdem die staatlichen Zeitungen nicht zu kaufen waren, entschloss sich Hirtreiter, mit Kostal neue zu gründen. "Wir sind 1990 an einem Samstagmorgen nach Budweis in eine Druckerei, der Pförtner hat den Direktor aus dem Bett geklingelt", sagt Hirtreiter. Gedruckt wurde auf einer 50 Jahre alten MAN-Rotation. "Mit dem Direktor haben wir uns schnell angefreundet", sagt Hirtreiter. Er spricht oft von Freunden, wenn er von Mitstreitern aus dieser Zeit spricht. Hirtreiter schickte eine Rotationsmaschine aus Passau nach Budweis. Jetzt hatte er zwar die Möglichkeit zu drucken, aber noch keine Redakteure. Also ging Hirtreiter in Budweis auch in die Redaktion der staatlichen Zeitung: "Ich habe dann eine angeblich zweistündige Rede gehalten - so Europa und Freiheit und Journalismus und so." Danach haben alle Redakteure unterschrieben. "Nur der Chefredakteur nicht", sagt Hirtreiter. "Der kam erst zwei Wochen später." Am Karfreitag 1990 ging es dann nach Pilsen. "Nachdem ich wusste, wie die Rede wirkt, musste ich mir nichts Neues überlegen." Sie wirkte auch in Pilsen. Die folgenden sechs Wochen hat Hirtreiter trotzdem geschwitzt, weil er nicht wusste, ob die Redakteure zum angesetzten Termin tatsächlich aufkreuzen würden. Am Ende kamen alle - und die staatlichen Zeitungen hatten niemanden mehr, der für sie schrieb. Dann kam Königgrätz dazu, und den Passauern gehörte Süd-, West- und Ostböhmen. Um Nordböhmen kümmerte sich der französische Verlag Hersant. Das wollte Hirtreiter nicht auf sich sitzen lassen: "Wir haben uns entschlossen, wir ziehen in den Krieg und waren dann in Nordböhmen bald pari." 1994 kam Hersant in Schwierigkeiten und musste sich von Teilen seines Auslandsgeschäftes trennen. Dazu gehörte auch ein Regionalzeitungspaket in Polen. Hirtreiter brach seinen Urlaub im italienischen Caorle ab und mietete sich stattdessen in einem Pariser Hotel ein. Während Hirtreiter verhandelte, besorgte Diekmann das Geld von der Bayerischen Landesbank. "Das Polen-Paket wollten auch die großen Verlage haben, aber bis die Gremien dort entschieden hatten, hatte ich schon die Verträge", sagt Hirtreiter. Aber: "Am Ende fehlten zu den 110 Millionen Mark Kaufpreis drei Millionen", sagt Hirtreiter. Die wollte er Hersant nicht geben.

Hirtreiter sitzt in seinem Ledersessel und erzählt vom Treffen mit einem französischen Manager. Es ist das erste Mal, dass er lacht in diesem Gespräch. Es fehlten also diese drei Millionen, die er Hersant nicht geben wollte. Es sei denn: "Na gut, geben Sie mir Usti." "Wo ist Usti?" "In Nordböhmen." "Wenn wir da eine Zeitung haben, dann bekommen Sie Usti." Zwei Wochen später gab es die Fusion der Redaktionen, die lästige Pari-Situation war bereinigt. Und die Passauer beherrschten den Regionalzeitungsmarkt in allen Teilen Böhmens. Jahre später wird es mit Prag und Mähren ganz Tschechien sein - zehn Zeitungen mit 55 Lokalredaktionen und ein paar Wochenblätter.

Hirtreiter sagt wirklich: "Wir beherrschten den Regionalzeitungsmarkt in Tschechien." Er sagt auch wirklich: "Wir eroberten Polen." Er würde aber sicher auch sagen: "Wir eroberten Hamburg", wenn er die "Hamburger Morgenpost" übernommen hätte. Hirtreiter mag kriegerische Metaphern. Aber er sagt auch: "Wir wollten niemals kolonisieren. Bei uns machen Tschechen in Tschechien Zeitungen für Tschechen. Anders können Sie eine Lokalzeitung gar nicht verkaufen. Das ist in allen Ländern so." Journalisten in Tschechien bestätigen das. Anfängliche Bedenken, die konservativen Bayern könnten zum Beispiel die Zeitungen in puncto sudetendeutscher Frage instrumentalisieren, haben sich schnell verflüchtigt. Der Verlag ist vielmehr sehr bemüht, die Länder, in denen er engagiert ist, auch kulturell und gesellschaftlich zusammenzuführen, weshalb Angelika Diekmann, 56, deretwegen der Zahnarzt die Sache mit den Kiefern hat sein lassen, alljährlich renommierte Künstler einlädt. Sie zeichnet nebenbei für das Feuilleton der "Passauer Neuen Presse" verantwortlich und dürfte es langsam schwer haben, prominente Politiker zu finden, die bei ihren Veranstaltungen auftreten können: Von Romano Prodi über Michail Gorbatschow bis Lech Walesa war schon jeder da.

Schließlich sind die Passauer bekannt im Osten. In Polen gaben sie nach dem Hersant-Deal sieben Tageszeitungen mit heute 32 Lokalausgaben heraus. 1997 leierte Kostal ein Joint Venture in der Slowakei an, seit dem 50 Prozent von drei Tageszeitungen und etliche Wochenzeitungen in Passauer Hand sind. Die Stahlwerke, denen eine dieser Zeitungen gehörte, nahmen es zudem mit dem Wort Diversifizierung sehr ernst: Ihnen gehörte auch der Fußballclub AC Sparta Prag, den Diekmann sich dann auch leistete und von Kostal als Präsident sanieren ließ. 1998 ging es nach Italien. Hirtreiter schwebte eine Achse Genua - Venedig - Triest vor. "Aber da kam der Kapfinger-Deal dazwischen." Das klingt ein wenig, als habe da jemand die schöne Vision kaputtgemacht.

Der Kapfinger-Deal. Man kann das ganz schnell erzählen. Die Familie des Sohnes des alten Kapfingers hat sich auszahlen und aus dem Handelsregister streichen lassen. Die Familie Kapfinger wohnt unweit der Villa Hirtreiter hinter der Grenze in Österreich. Sie hat nach der Auszahlung durch Diekmann ein neues Element in die Achse Sanssouci - Schönbrunn gesetzt, ein Schloss mit amerikanischem Fertighaus-Charme. Auf den Erkern blitzen goldene Kugeln. Es gibt Passauer, die Besucher hier vorbeifahren, wenn sie ihnen die Region zeigen.

Axel Diekmann ist ein Mann, der sich neben der Praxis um die Zahlen des Verlages gekümmert hat. Und als er ein Haus für sich und die Familie gebaut hat, hat er geschaut, dass mit der Immobilie Geld zu verdienen war durch Geschäftsräume, die er vermietet hat. Es war irgendwie klar, dass das mit den beiden Familien nicht gut gehen konnte. Und warum der alte Kapfinger den Schwiegersohn und nicht den eigenen Sohn losgeschickt hatte, den Verlag in Ordnung zu bringen.

Zwischen den ungleichen Familien stand bis 1999 Franz Xaver Hirtreiter als Geschäftsführer und bis Dezember 2003 als Aufsichtsrat. Hirtreiter vermittelte, denn " wenn Diekmann für etwas war, waren die Kapfingers erst einmal dagegen". Dennoch: "Alle Gesellschafterbeschlüsse in meiner Zeit waren einstimmig." Als Hirtreiter nicht mehr Geschäftsführer war, haben die Familien sich getrennt. Um die Kapfingers auszahlen zu können, hat die Verlagsgruppe die 1999 erworbenen Anteile an italienischen Zeitungen verkauft.

Irgendwann war Hirtreiter nicht mehr glücklich als Musketier. Nicht die viele Arbeit, die Fechterei, nein, es war was anderes Hirtreiter züchtet heute keine Rinder mehr. Er hat eine Rennlizenz und fährt Auto-Rennen mit dem Porsche. In den Regalen stehen Porzellan-Figuren von Europa, die auf Porzellan-Stieren reitet - als Erinnerung an den Bauernhof. Ein wenig so, als hätte man sie in die Regale gestellt, damit da etwas steht. Als sei Hirtreiter gerade erst eingezogen. Vielleicht ist er aber auch nie wirklich angekommen hier in seiner Villa in Österreich, gleich hinter der Grenze, ein paar Kilometer weg von Passau. "Wir haben Lichtjahre übersprungen in den ersten zehn Jahren, was das Wachstum anbelangt", sagt er. Vielleicht wartet er darauf, dass die Zeit ihn einholt.

Er hatte Angebote, Chef des Süddeutschen Verlages (" Süddeutsche Zeitung") zu werden, und er sollte die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" führen. "Dieses Kapitel in meinem Leben ist abgeschlossen", sagt er. "Ich habe gemerkt, dass ich privat nicht glücklich geworden bin. Es gab Jahre mit 550 Flugstunden im Firmenjet. Prag, Danzig, Slowakei - ich wusste am Mittwoch nicht, ob Donnerstag oder Freitag ist. Das waren sieben Jahre ohne einen Tag Urlaub. Ich habe gearbeitet, als sei das mein Unternehmen. Ich wollte immer Unternehmer sein." Das hat ihn eine Familie gekostet. Heute hat er zehn Autohäuser, eine Immobilienfirma auf Lanzarote, eine Zeitung in Polen, 750 Menschen, die für ihn arbeiten. Das ist doch nichts anderes? "Doch, heute bin ich glücklich." Aber da ist noch etwas: "In diesen Jahren haben wunderbare Menschen für die Verlagsgruppe Passau gearbeitet", sagt Hirtreiter. Dann macht er eine Pause, zupft an der Krawatte: "Das wird heute manchmal vergessen." Es gab viele Trennungen in letzter Zeit. "Dazu sage ich nichts." Er zupft noch einmal an der Krawatte: "Diesen Männern und Frauen sollte man ein Leben lang dankbar sein." Der Satz klingt, als sei er hier noch nicht zu Ende. Viele Weggefährten Hirtreiters haben den Verlag verlassen, und es gibt Gerüchte von über Nacht geräumten Schreibtischen. Aber wirklich erfahren tut man nichts. Denn es geht neben Loyalitäten auch um Dankbarkeit: "Diekmann hat mir bedingungslos vertraut und sein Familiensilber verpfändet", sagt Hirtreiter über die riskanten Investitionen im Osten.

Die Musketiere sind weg, die Geschichte geht weiter. Bei Axel Diekmann im Büro. Er hat die Geschäftsführung des Verlages übernommen, zusammen mit Roland Rager, 45, einem Controller, dessen runde Brille an einer Seite einen rechtwinkligen Knick hat. Rager ist einer der letzten Höllenhunde Hirtreiters, die noch im Verlag sind. "Wir sind nun in einer Phase der Konsolidierung", sagt Diekmann.

Es gibt zwei Diekmanns: den Zahnarzt, der von der Liebe aus Italien erzählt, und den Verlagsgeschäftsführer. Der sagt dann Sätze wie: "Wir sind im mitteleuropäischen Markt hervorragend aufgestellt." Und Polen? In der Branche spricht man von schlechten Zahlen. "Wir hatten Probleme mit dem Management. Diese Probleme führten zu schlechten Zahlen. Wir sind dabei, das zu ändern." Er will die "Passauer Neue Presse" neu strukturieren, die noch 20 Prozent zum Gesamtumsatz der Verlagsgruppe beiträgt. Sie soll in fünf kleine Einheiten zerlegt werden. Fünf Manager für je 30000 bis 40000 Auflage. "Sie können ein so großes Gebiet nicht überblicken", sagt Diekmann, der Kieferchirurg werden wollte, weil er ein kleines Gebiet perfekt beherrschen wollte.

Auch im Ausland soll sich etwas ändern: Diekmann will Benchmarking in jedem Land. Zahlen, Berichte in seinem Büro. Keine Loyalitätsbeziehungen mehr, sondern straffes Regionalmanagement. "Hirtreiter hatte 20, 25 Leute, die gutes Geld bekommen haben und die er seine Freunde nannte." Diekmann macht eine kurze Pause und schaut kurz so, als sei dies das Einzige, das er an Hirtreiter nicht durchdrungen habe: "Sie können nicht mit so vielen Menschen befreundet sein." Diekmann will Kontrolle. Hirtreiter war ein Musketier: einer für alle und alle für einen.

Konsolidierung ist langweiliger.


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