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brand eins 05/2004 - SCHWERPUNKT: Rückbau
Bau ab! Bau ab!
Auch für leer stehende Plattenbauten in Ostdeutschland gilt: Es kommt darauf an, was man daraus macht.
"Da gab es doch mal so ein Lied; Bau auf! Bau auf..." Rüdiger Kießlich, Technischer Vorstand der Gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft Stadt Cottbus (GWG), muss selbst lachen, als ihm die Melodie durch den Kopf geht. Weiter kann er den Text nicht mehr. Ein Blick in die Liederfibel der DDR-Jugendorganisation FDJ hilft weiter: "Bau auf! Bau auf! Bau auf! Bau auf! Freie Deutsche Jugend, bau auf! Für eine bessere Zukunft richten wir die Heimat auf!" Alte Blauhemd-Aktivisten kennen noch alle Strophen auswendig. Der Aufbau-Song war eine der FDJ-Hymnen. Der Bauingenieur Kießlich, Jahrgang 1940, hat in der DDR nicht gesungen. Er hat seinen Mann gestanden und aufgebaut. Platte. Reihenweise. Fast ein Berufsleben lang. Jetzt baut er "die Platte" wieder rück. Doch der Reihe nach.
Cottbus, im Südosten Brandenburgs nahe der polnischen Grenze, ist eine Retortenstadt - zumindest zur Hälfte. In den fünfziger Jahren hatte die Metropole der Niederlausitz rund 60000 Einwohner, dafür jede Menge unerschlossener Braunkohle im Umland. Kurz vor dem Fall der Mauer waren es 120 000 Einwohner und deutlich weniger von dem fossilen Brennstoff. Von Beginn an hatte die Volkswirtschaft der DDR ein massives Energieproblem. Die traditionellen Energieversorger Deutschlands waren unerreichbar. An Saar und Ruhr förderte der Klassenfeind. In Schlesien gruben die polnischen Genossen. Steinkohlereserven gab es auf dem Gebiet des ostdeutschen Teilstaates keine, Erdöl und Erdgas waren auf dem Weltmarkt für das devisenklamme Regime in Ost-Berlin viel zu teuer, und die Atomenergie steckte noch in den Kinderschuhen. Da blieb nur die Braunkohle der Lausitz. Binnen zwei Jahrzehnten transformierten die zentralen Wirtschaftsplaner in der Hauptstadt die Region zum Hauptstromaggregat der DDR. Mit dem Ausbau der Kohlegruben und Kohlekraftwerke kamen auch die Menschen. Zu Hochzeiten waren rund 70 000 " Energiearbeiter" aus allen Teilen der DDR in der Lausitz beschäftigt. In den größeren Städten der Lausitz stampften die Baubehörden Plattensiedlungen aus dem kohlenstaubhaltigen Boden. Die größte heißt Sachsendorf/Madlow und liegt am südlichen Rand von Cottbus. Rüdiger Kießlich hat sie mit gebaut, seit 1967, als Oberbauleiter des Wohnungsbaukombinats Cottbus.
Das ortsunkundige Ohr vermutet, dass Kießlich aus Sachsen stammt. Die Pressereferentin stellt aber klar, dass er gebürtiger Schlesier ist. Freundlich, kompetent und gründlich wirkt der Technikvorstand von Brandenburgs größter Wohnungsbaugenossenschaft. Mit dem ersten Handschlag steht fest: In ein Haus, das Kießlich konstruiert hat, kann man bedenkenlos einziehen. Im Sitzungsraum der GWG-Zweigstelle in Sachsendorf steht ein Modell des Plattenbauviertels. Auf der lackierten Spanplatte ragen noch deutlich mehr Holzquader in die Höhe als Beton-Originale draußen vor der Glastür. Einst wohnten in Sachsendorf/Madlow 30000 Menschen in 12000 "Wohneinheiten in sozialistischem Neubaustandard". Heute sind es 15 000 in 4700 Wohnungen. Ein Viertel der Apartments steht leer.
Das wichtigste Bauwerkzeug zur Sanierung des örtlichen Wohnungsmarktes ist die Abrissbirne. In ein paar Jahren werden noch 3500 Wohnungen im Viertel übrig bleiben. Denn aus Cottbus ziehen die Menschen noch schneller weg als aus den meisten anderen Regionen Ostdeutschlands. Die Stadt hat eine Arbeitslosenquote von mehr als 20 Prozent. In Sachsendorf/Madlow sind es mindestens 25 Prozent. Im Umland kommen noch einmal fünf Prozentpunkte drauf. 2010 kalkuliert die GWG noch mit 80 000 Cottbussern respektive potenziellen Mietern. Rüdiger Kießlich ist dennoch optimistisch: "Die Stadt ist künstlich gewachsen, jetzt schrumpft sie wieder auf ihr Normalmaß. Diesen Prozess müssen wir intelligent begleiten, dann haben wir auch wieder Zukunft." Intelligenter Rückbau hat für Kießlich eine Adresse: Sachsendorf/Madlow, Theodor-Storm-Straße 6-9.
EIN MAL GROSS MACHT FÜNF MAL KLEIN Ende 1998 standen an der Theodor-Storm-Straße drei unsanierte, elfgeschossige Plattenbauten. Ein Drittel der Wohnungen war leer. In den folgenden Jahren modernisierte die GWG zwei der Hochhäuser von Grund auf und vergrößerte die Wohnungen durch Zusammenlegen. Ein Hochhaus baute sie vorsichtig ab und konstruierte eine Krandrehung weiter aus den alten Plattenbauelementen fünf schmucke Stadtvillen im Bauhausstil. Hochhäuser und die Recycling-Villen sind heute zu hundert Prozent vermietet. Letztere gewannen zudem den Bauherrenpreis Modernisierung der Aktion " Hohe Qualität - Tragbare Kosten", den der Bundesverband deutscher Wohnungsunternehmen, der Bund Deutscher Architekten und der Deutsche Städtetag gemeinsam ausloben. Seit der Preisverleihung 2003 zieht das Projekt Busladungen mit Investoren, Stadtplanern und Architekturstudenten an.
Der Architekt Frank Zimmermann ist eigentlich ein nüchterner Mecklenburger. Doch wenn er an den simultanen Rück- und Neubau denkt, kommt er umgehend ins Schwärmen. "Alles lief wie am Schnürchen. Der Kran zog die Platte heraus, schwenkte um 180 Grad und setzte sie einfach bei den Villen wieder ein." 30 Prozent der Hochhausplatten wurden auf diese Weise ihrer neuen Bestimmung zugeführt. Die Betonelemente, rund 20 Jahre alt, erwiesen sich durchweg als neuwertig und ließen sich verbauen, als kämen sie direkt aus der Fertighausfabrik. Zimmermann hatte darauf bestanden, Reserveplatten bereitzuhalten, falls sich einige der alten Elemente als porös erweisen sollten. Die Ersatzteile fielen am Ende der Schreddermühle zum Opfer. Im Westen mag die Platte nach wie vor als Synonym für kommunistischen Betonbrutalismus stehen. Als Baustoff ist sie von durch und durch solider Qualität und kann einen alten Werbeslogan der westdeutschen Betonindustrie für sich in Anspruch nehmen: "Es kommt darauf an, was man daraus macht!" DER RÜCK-NEU-BAU An der Theodor-Storm-Straße 9a-e in Sachsendorf/Madlow stehen vier kubische Häuser mit je drei Wohnungen sowie ein zweistöckiges Einfamilienhaus. Die Formen sind schlicht und angenehm in der Proportion. Die Betonplatten sind unter einer grauen Isolierhaut verschwunden. Braune Holzelemente, die zum Sonnenschutz vor die Fenster geschoben werden können, strukturieren die Fassaden. Die Wohnungen im Erdgeschoss haben Gartenzugang, die in der zweiten Etage eine große Dachterrasse. Alles erinnert an die klassische Moderne. "Man muss zur Platte stehen, wenn man mit ihr etwas Neues schaffen will", sagt Zimmermann und verweist auf die Architekturgeschichte.
Die Idee des Fertigelements stammt aus den zwanziger Jahren, als die Baustellenprozesse industrialisiert wurden - unter anderem, um preiswert lebensfreundlichen Wohnraum zu schaffen. An den zwanziger Jahren orientiert der Architekt auch seine Formensprache. Postmodem verschnörkelte Balkons und bunte Giebelchen, in den sanierten Plattenbausiedlungen Ostdeutschlands häufig zu sehen, sind für Zimmermann ein absolutes Tabu. Spazierte Ludwig Mies van der Rohe heute durch die Theodor-Storm-Straße, nickte er anerkennend.
Drei der Häuser stehen auf dem alten Hochhauskeller, alle fünf werden von dort mit Wasser und Wärme versorgt. Auch Treppen und Geländer wurden in den Stadtvillen wieder verwendet. Eine Gartenmauer aus zerkleinerten Plattenteilen, eingefasst mit verzinktem Maschendrahtzaun, macht den Recyclingcharakter nach außen sichtbar. 1149 Euro hat der Quadratmeter Wohnfläche im Rück-Neu-Bau gekostet - 15 Prozent weniger als ein Neubau in gleicher Qualität. Als die GWG die 13 Wohnungen für fünf Euro kalt pro Quadratmeter zur Vermietung ausschrieb, flatterten binnen weniger Tage 60 Anträge in die Geschäftsstelle.
Das Wohnungsproblem in Ostdeutschland ist nicht nur eines von zu vielen Plattenwohnungen für zu wenige Mieter. Wer im mittelpreisigen Segment individuell gestalteten Wohnraum sucht, hat in vielen Städten Schwierigkeiten, etwas Passendes zu finden. "Hier liegt eine große Chance, die viele Bauherren und Architekten noch nicht erkannt haben", glaubt Zimmermann.
Auch beim Projekt Theodor-Storm-Straße gab es vorab viele Zweifler. Ist das technisch machbar? Explodieren die Kosten, wie so oft auf dem Bau? Nehmen die Mieter das Angebot am Rande einer Plattenbausiedlung überhaupt an, oder ziehen sie nicht lieber gleich in attraktivere Viertel?
Heute hat der Erfolg viele Väter, und alle klopfen sich auf die Schulter. Die Theodor-Storm-Straße Sachsendorf/Madlow ist Modellprojekt. Nahezu täglich melden sich bei Architekturbüro und Wohnungsbaugenossenschaft Menschen, die Ähnliches vorhaben und von den Erfahrungen in Cottbus lernen wollen. Viele von ihnen kommen aus Polen, Tschechien und Ungarn, wo die Flucht aus den Plattenbausiedlungen jetzt erst richtig einsetzt, Auch dort gilt: Die Lebensdauer einer Platte wurde auf 100 Jahre konzipiert. Von denen sind erst 20 bis 30 Jahre aufgebraucht.
RÜCKBAU OST Gleichwohl: Kubische Stadtvillen aus gebrauchten Plattenelementen werden nicht überall den Abrissbagger ersetzen können. Davon sind nicht nur Zimmermann und Kießlich überzeugt, sondern auch Manfred Stolpe, Bundesverkehrs-, Bau- und Wohnungsminister. Der kennt die Situation in Sachsendorf/Madlow gut. Bis zu seinem Rückzug aus der Brandenburger Landespolitik im Juni 2002 war hier sein Wahlkreis als Landtagsabgeordneter; er gewann stets mit riesigem Vorsprung. Seinen Wählern dankte der Ministerpräsident mit zahlreichen Besuchen bei Einweihungsfeiern von Kinder-, Kultur- und Seniorenzentren oder Hochzeiten der Lokalprominenz. Seit anderthalb Jahren ist Stolpe in der Regierung Schröder für den "Aufbau Ost" zuständig. Beim Wohnraum wäre die Bezeichnung " Rückbau Ost" wohl treffender.
Ende vergangenen Jahres standen in Ostdeutschland knapp 1,1 Millionen Wohnungen leer. Deshalb fördert das Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen den Abriss von Plattenbauten im Rahmen des Programms "Stadtumbau Ost" mit rund 500 Millionen Euro. Länder und Kommunen schießen noch mal einen etwas höheren Betrag hinzu. Wer alle Förderanträge richtig ausfüllt, bekommt für den Abriss von einem Wohnquadratmeter Platte 60 Euro Subvention. Bis 2009 sollen auf diese Weise 350000 leere Wohnungen als Kiesel unter den Autobahnen verschwinden.
Mit am teuersten am Abriss ist der Teil, den man nicht sieht. Wenn ein Wohnblock am Rande einer Siedlung abgebrochen wird, muss nämlich auch die technische Infrastruktur des Viertels verkleinert werden. In der Kanalisation beispielsweise kann es sonst zu viel zu langsamen Fließgeschwindigkeiten kommen, mit den entsprechenden olfaktorischen Konsequenzen: An heißen Tagen stinkt es in vielen Rückbaugebieten zum Himmel. Bei der Fernwärme, an der viele Plattensilos hängen, herrschen plötzlich gravierende Überkapazitäten, die das Heizungssystem gefährden. Dann stellt sich noch die Frage, was mit der Straßenbahn passiert, die nur noch halb so viele Fahrgäste hat. Und auch ungenutzte Flächen, die früher Geld brachten, kosten nach einem Rückbau Geld. Selbst bei einer einfachen Rasenfläche ist die Kommune mit drei Euro pro Jahr und Quadratmeter dabei.
Stadtplaner wie Lars Scharnholz, der an der Fachhochschule Lausitz strategisches Planen unterrichtet, sehen dennoch keine Alternative zur gesunden Schrumpfung. "Ziel muss es sein, die Ränder wegbrechen zu lassen und den Kern zu sanieren und neu zu beleben", sagt der 34-jährige Wissenschaftler, der von seinem Büro aus auf sanierte Platte schaut.
BAU AUF! BAU AUF!
Rüdiger Kießlich, dem Optimisten, der immer aufgebaut hat, kann dieser Prozess nicht schnell genug gehen. Doch wer rückbaut, betritt Neuland. Im Westen wie im Osten wurde in der Bauwirtschaft fast 60 Jahre lang nur in Wachstumskategorien gedacht. Weder Baugesetzgebung noch Bauindustrie sind heute auf den Abriss im großen Stil eingerichtet. "Bis vor kurzem haben wir für den Rückbau erst einmal eine Baugenehmigung gebraucht", erzählt der Ingenieur. Das ist seit einigen Monaten nicht mehr nötig, doch nach wie vor hakt es in der Baubürokratie an vielen Stellen, bevor die Abrissbagger rollen dürfen.
Auch das Förderprogramm des Bundes ist für Kießlich viel zu langfristig aufgestellt: "Wir müssten hier in den nächsten zwei Jahren richtig wegpowern. Dann hätten wir wieder Spielraum für neue Investitionen." Auf dem Modell im Besprechungsraum zeigt er auf vier Holzquader am westlichen Rand von Sachsendorf/Madlow. Draußen vor der Glastür wurden die echten Gebäude bereits abgeräumt. Nur ein kleiner Wall trennt die neue Freifläche von der Autobahn A15 Berlin/Breslau. Wohl keine wirtschaftliche Kennziffer der Region wird in den nächsten Jahren so schnell wachsen wie die Zahl der Autos, die hier vorbei Richtung Neu-EU-Mitglied Polen fahren oder von dort kommen. Wo bislang leere Plattenbauten standen, soll bald ein Gewerbegebiet entstehen. Rüdiger Kießlich hofft, das Projekt noch selbst anschieben zu können. Jedem Abbau, so weiß Kießlich längst, folgt irgendwann ein Aufbau.
