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brand eins 06/2009 - WAS WIRTSCHAFT TREIBT
Ex und Pop
Kaum einer will heute noch für Musik bezahlen. Internettauschbörsen bieten alles, was das Herz begehrt.
Dagegen läuft die Branche Sturm sie sucht fieberhaft nach einem neuen Geschäftsmodell.
Dabei gäbe es eine einfache Lösung: Musik im Abonnement.
In schwierigen Zeiten rücken traditionelle Kontrahenten plötzlich zusammen. Musik werde "zur frei verfügbaren Ressource, an der sich jeder nach Gutdünken bedienen kann, ohne Urhebern, Künstlern und Produzenten eine faire Entlohnung zukommen zu lassen", sagt Dieter Gorny. Wenn nicht bald etwas geschehe, so der Ex-Viva-Chef und heutige Vorsitzende des Bundesverbands Musikindustrie, werde der Branche die ökonomische Grundlage entzogen.
Und aus der Ecke der popkulturellen Avantgarde tönt es: "Die wirtschaftlich und künstlerisch autonome Musikkultur, die seit Ende der siebziger Jahre eines der wichtigsten gesellschaftlichen Korrektive bildete, ist in ihrer Existenz bedroht." So steht es in der Ankündigung zur Konferenz "Audio Poverty" zur "Lage der postökonomischen Musik" in Berlin. Wenn die Großen und die Kleinen im Pop-Biz, üblicherweise durch tiefe ideologische Gräben getrennt, zu gleichklingendem Lamento finden, kann das nur eines heißen: Die Lage ist ernst.
Denn Fakt ist: Keiner muss heute mehr für Popmusik bezahlen. Sie ist - für den, der sich ums Urheberrecht nicht schert frei verfügbar.
Im Zeitalter von Filesharing, Youtube, Myspace und Webradio ist alles gratis zu haben. Von israelischem Rare-Groove-Funk der Siebziger über argentinische Gangsta-Cumbia bis zu norwegischem Black Metal: Alles ist nur ein paar Klicks entfernt. Die Alben der großen Stars finden sich meist schon Wochen vor der Veröffentlichung in den sogenannten Peer-to-Peer-Tauschbörsen.
Diese Verfügbarkeit hat das Geschäft mit Musik nachhaltig erodieren lassen. Die digitale Revolution hat die Branche kalt erwischt, und sie hat viel zu spät geantwortet. Mit Apples iTunes musste erst ein Branchenfremder kommen, um den in Schockstarre verharrenden Musik-Majors zu zeigen, wie eine digitale Verkaufsplattform aussehen kann. Seither steigen die Einnahmen aus Download-Verkäufen jährlich in zweistelliger Höhe. Doch die Umsatzeinbußen aus dem traditionellen Geschäft machen sie nicht wett. Der Umsatz im Tonträgerverkauf ist in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland um 41 Prozent geschrumpft, in den USA um ein Drittel. Die vier Großen der Branche, Sony, EMI, Warner und Universal, erklären die Internetpiraterie für die Einbußen verantwortlich, und sie bemühen alarmierende Zahlen: Bei 95 Prozent der Musik-Downloads handele es sich um Raubkopien, behauptet der Internationale Verband der Musikindustrie (IFPI). "Auf einen gekauften kommen acht illegale Downloads", heißt es beim deutschen Bundesverband Musikindustrie. "Auf organisierten Partys werden ganze Festplatten mit mehreren Tausend Musikdateien getauscht."
Mit solchen Schreckensszenarien mache die Branche es sich zu einfach, kritisiert Udo Raaf von Tonspion.de, einem Webmagazin, das legal und kostenlos MP3-Dateien zum Download anbietet. "Die Musikindustrie hatte 1998, als wir begonnen haben, kein legales Angebot. So hat man die Musikfans massen haft in die Tauschbörsen getrieben." Raaf hält die Einschätzungen der Industrie zu illegalen Downloads für übertrieben: "Natürlich kommt man jetzt an viel mehr Musik ran. Aber für die Mehrzahl der Hörer ist nur das wertvoll, was sie selber entdeckt haben. Was soll ich mit einer Festplatte, auf der Tausende von MP3s sind, zu denen ich gar keinen Bezug habe?"
Am Anfang kamen die Songs, die die Tonspione zur Verfügung stellen, hauptsächlich von ehrgeizigen Amateurbands. Heute leben Raaf und seine Kollegen gut vom Nachholbedarf der großen und kleinen Plattenfirmen. Denn mittlerweile sind Gratis-MP3s das Promotion-Tool Nummer eins - zumal sie sich im Netz rasend schnell verbreiten. Wenn dem Hörer der Köder geschmeckt hat, so das Kalkül, wird er sich im Zweifel auch die CD kaufen. Virales Marketing heißt das im Werberjargon.
Und es funktioniert. Radioclit, ein derzeit sehr angesagtes DJ-und Produzentenduo aus London, hat das Köderprinzip noch weiter getrieben: Es verzichtete darauf, mit seinem aufwendig produzierten Debüt-Mixtape bei den einschlägigen Labels vorstellig zu werden, und stellte es gratis auf seine Myspace-Seite. "Thank you so much for buying our mixtape", verabschiedet sich der Sänger auf dem letzten Stück. "Oh, shit, I forgot: You never bought it. You got it for free." Mehr als 150 000-mal fand das Album seinen Weg gratis auf die Festplatten. "Wenn nur die Hälfte der Leute so fair sind, das nächste Album zu kaufen, weil sie das letzte geschenkt bekommen haben", sagt Johan Karlberg, "dann hat sich die Aktion mehr als gelohnt." Mit dem Gratis-Coup wurde Radioclit so bekannt, dass das Duo mittlerweile sogar einen Deal für die USA hat.
Große Plattenfirmen bekommen es mit einer neuen Konkurrenz zu tun: den Künstlern, die sich selbst vermarkten
Doch solche Erfolgsstorys können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das alte Geschäftsmodell - der Verkauf von Tonträgern - lahmt. Zwar werden noch immer 81 Prozent des Musikumsatzes in Deutschland mit CDs gemacht. Doch die Branche klagt, dass die Rechnung trotzdem nicht mehr aufgehe. Problematisch ist die Situation vor allem für den Mittelstand, weil der gewohnte Vertrieb nicht mehr funktioniert und neue Kanäle weniger profitabel sind. Vor zehn Jahren entfielen in Deutschland noch etwa ein Viertel der Umsätze aus dem Tonträgerverkauf auf CD- und Plattenläden. Heute sind es gerade mal 3,6 Prozent. Der gute alte Indie-Plattenladen aus Nick Hornbys Roman "High Fidelity" wird zum Anachronismus. Den Markt beherrschen die Unterhaltungs-elektronik-Tempel Saturn und Media Markt mit mehr als 30 Prozent Umsatzanteil. Das ist vor allem für die kleinen und mittleren Plattenfirmen ein Problem, deren Titel es selten in die Charts schaffen. "Dann bestellen Saturn und Media Markt das oft gar nicht mehr", sagt Stefan Strüver, Artist & Repertoire Manager des Labels und Vertriebs Pias, das neben Grace Jones oder Nouvelle Vague auch viele kleinere Bands im Programm führt. "Andererseits gibt es kaum mehr Läden, die ein Vollsortiment haben."
Das Problem liegt nicht zuletzt auch im Wandel der Jugendkultur. Popmusik ist nur noch ein Zeitvertreib unter vielen und konkurriert mit Computerspielen, DVDs, Handys oder Online-Foren um die Aufmerksamkeit der Kundschaft. Viele Saturn- und Media-Markt-Filialen haben die Stellfläche für CDs daher schon vor Jahren verringert, um Platz für Computerspiele und DVDs zu schaffen. Um den verbleibenden Platz balgen sich die Musikkonzerne - und natürlich macht schnell drehende Ware das Rennen. Die Folge: Musik jenseits der Charts wandert ins Internet ab. " Je weniger wir über den Handel absetzen", erklärt Stefan Strüver, "desto mehr läuft über Amazon."
Doch hier lauert schon das nächste Problem. Denn der Versandgigant setzt Jahr für Jahr härtere Konditionen durch - auch weil sich die meisten Plattenfirmen einen Verzicht auf den Verkauf über Amazon nicht leisten können. Die Independent-Labels beobachten mit Argwohn, dass der Internet-Händler derzeit auf Kommissionsgeschäfte umsteigt. Das bedeutet: Das Risiko wird künftig komplett bei den Anbietern liegen bei einem Geschäft, das die Künstler, Produzenten und Labels ohnehin lange vorfinanzieren müssen, bis Gewinn erzielt wird. Wenn es nach Amazon geht, sollen die Anbieter ihre Produkte auch gleich in der Website einpflegen. "Das ist eigentlich das Letzte", sagt der Vertriebschef einer Indie-Firma, der ungenannt bleiben möchte. "Wir müssen alles selbst machen, die stellen nur noch das Tool."
"Hier könnte sich ein echter Monopolist entwickeln", warnen Eva Kiltz und Peter James vom VUT, ehemals Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen, der als Stimme der Independent-Labels gut ein Viertel des deutschen Musikmarktes vertritt. "In einem Kampf zwischen Amazon und Media-Markt/Saturn um die besten Konditionen würden viele Musikunternehmen zwischen den Fronten aufgerieben."
Im vergangenen Herbst strich der VUT den Begriff "Tonträgerunternehmen" aus seinem Namen und setzte stattdessen "Musikunternehmen". Die Umbenennung folgte der Erkenntnis, dass es immer weniger die klassischen Plattenlabels sind, die Musik produzieren und vertreiben. "Fast ein Drittel unserer Mitglieder sind mittlerweile Musiker, die ihr eigenes Label gegründet haben", sagt Eva Kiltz. Künstler wie Nena, Ich + Ich, Die Ärzte, DJ Bobo, Kettcar oder Thomas D kümmern sich heute selbst um ihr Geschäft. Was ihnen die etablierte Branche anbietet, ist für sie nicht mehr attraktiv. Um die sinkenden Verkaufserlöse zu kompensieren, schließen Plattenfirmen heute nämlich gern Verträge nach dem 360-Grad-Modell ab. Das bedeutet: Der Künstler soll seinem Label nicht nur Prozente von seinen CDs abgeben, sondern es auch am T-Shirt-Verkauf oder an den Konzerten mitverdienen lassen - an allem eben, womit Musiker Geld machen.
In Großbritannien haben sich im vergangenen Winter Künstler wie Robbie Williams, Iron Maiden und Bryan Ferry zur Featured Artists Coalition zusammengeschlossen, um dazu beizutragen, "bei künftigen Geschäftsabschlüssen gegenüber Plattenfirmen, digitalen Vertrieben und anderen mit einer Stimme zu sprechen". Die Einstürzenden Neubauten nutzen schon seit 2002 das Internet (vgl. brand eins 02/2004), um ihre Alben statt von einer Plattenfirma von ihren Fans finanzieren zu lassen - das Supporter Project lief bis Ende 2007. Die Band Radiohead machte ihr neuestes Album einige Wochen lang per freiem Download verfügbar und überließ es ihren Hörern, den Preis festzulegen. Zwei Drittel bezahlten, und obendrein verkaufte sich die reguläre CD-Version noch 1,5 Millionen Mal.
So mancher Megastar hat sein Geschäft gleich ganz von der Plattenindustrie abgekoppelt. Madonna kündigte vor anderthalb Jahren ihren Vertrag mit Warner Music und unterschrieb bei dem Konzertveranstalter Live Nation. Prince ließ sein jüngstes Album als Gratisbeilage der Sonntagszeitung "Mail On Sunday" verschenken und spielte wenige Wochen später 21 ausverkaufte Konzerte in Londons O2-Arena. So wird klar: Je mehr der Künstler sich als globale Marke etablieren kann, desto mehr kann er von den neuen Verhältnissen profitieren. Branchenkenner wie Peter James drücken es so aus: "Das alte Modell war auf den Urheber ausgerichtet. Das verschiebt sich jetzt auf den Interpreten. Der Interpret ist heute der Dreh- und Angelpunkt im Musikgeschäft."
Früher gingen die Fans zum Konzert, weil sie das Album mochten, heute ist es umgekehrt: Auf dem Weg nach Hause kauft man am Merchandising-Stand noch die neue CD - zur Erinnerung an einen tollen Abend. Die Songs hat man längst auf Myspace oder Youtube gehört. Vielleicht liegt es an der inflationären Verfügbarkeit von aufgenommener Musik, dass Live-Events immer wichtiger für das Musikgeschäft werden.
Dies gilt nicht nur für die Superstars. Auch eine Newcomerin wie Johanna Zeul, die mit ihrem zornigen Singer-Songwriter-Pop die Republik rauf und runter bespielt, bestätigt den Trend: "Ich verdiene bei den Konzerten an den CD-Verkäufen mindestens so viel wie über den Vertrieb", sagt die 28-Jährige, die ihre eigene Plattenfirma gründete, weil Sony nach einer Umstrukturierung plötzlich keine Verwendung mehr für ihr fertig produziertes Album hatte. "Bei der Suche nach einem neuen Deal habe ich gemerkt, dass die Großen total auf Nummer sicher gehen", erinnert sich Zeul. "Die wollen keine Aufbauarbeit mehr leisten. Es muss einfach sofort funktionieren. Ich möchte aber nicht mit Leuten arbeiten, die Angst haben und kein Risiko eingehen. Das Problem war nur: Die, die risikobereit waren, hatten überhaupt kein Geld." Also hat sie ihr Debütalbum selbst herausgebracht, sich einen Vertrieb gesucht, eine Promotion- und eine Booking-Agentur.
Zeul ist ein Beispiel für eine neue, geschäftsbewusste Musikergeneration, die gerade lernt, die Industrie als Dienstleister zu nutzen, statt sich von ihr abhängig zu machen. Neue Internet-Plattformen wie Audiomagnet oder Soundcloud entstehen, die auf das Do-it-yourself-Prinzip setzen: Musik vertreiben, den Kontakt zu den Fans pflegen, die Werbetrommel rühren - das Web macht die neue Unabhängigkeit so einfach wie nie zuvor.
Die Großen der Branche glauben derweil eine Strategie gefunden zu haben, um die Einbußen der vergangenen Jahre wieder wettmachen zu können. "Monetizing access to music", heißt die Lösung. Zugang statt Verkauf: Weil es immer schwieriger wird, Musik ein Preisschild anzupappen, versucht man es nun mit Abo- und Flatrate-Modellen wie etwa Nokia Comes With Music. An dem Nokia-Modell, das im vergangenen Herbst in England eingeführt wurde, sind Sony, EMI, Warner und Universal beteiligt sowie ein paar größere Independent-Labels. Gegen eine Gebühr von 145 Euro können sich Käufer bestimmter Handy-Modelle ein Jahr lang unbegrenzt Songs aus dem Nokia-Store herunterladen. Ähnliche Modelle gibt es in Dänemark, Finnland und Frankreich, wo sich Internetserviceanbieter und Telefongesellschaften mit Musikfirmen auf Flatrate-Angebote geeinigt haben. Mal dürfen die Käufer das Heruntergeladene behalten, mal verschwinden die Tracks nach Ablauf des Vertrages. Nokia hat gerade Verhandlungen mit Verwertungsgesellschaften in diversen europäischen Ländern abgeschlossen, in Deutschland wird die Comes-With-Music-Flatrate seit Anfang Mai dieses Jahres angeboten. John Kennedy, Vorsitzender des Internationalen Musikverbandes IFPI, stellt rosige Zeiten in Aussicht: "Das alles ist nur ein Vorgeschmack auf das enorme Potenzial, kommerziellen Nutzen aus Musik überall dort zu ziehen, wo der Konsument sie haben möchte."
Womit wir wieder beim Ausgangsproblem wären: Warum soll jemand Gebühren für eine monatliche Flatrate bezahlen, wenn er, so wie momentan, ohnehin alles gratis aus dem Netz ziehen kann? Der "drastische Anstieg des illegalen Filesharing" drohe "den gesamten Musiksektor geschäftsunfähig zu machen", sagt IFPI-Chef Kennedy. Die Musikindustrie dränge daher darauf, die Internet-Provider als Partner zu gewinnen, um das freie Herunterladen von urheberrechtlich geschütztem Material zu unterbinden. Man strebe "bei der Bekämpfung von Internetpiraterie Lösungen ohne juristisches Vorgehen" an, sagt der deutsche Verbandschef Dieter Gorny.
Das Vorbild ist Frankreich. Dort hat die Nationalversammlung Anfang April das sogenannte Olivennes-Gesetzes verabschiedet. Eine neue Urheberschutzbehörde wird dort künftig Internetsünder per E-Mail verwarnen können - nach drei Abmahnungen wird der Internetzugang des uneinsichtigen Filesharers für mindestens zwei Monate gesperrt. Die deutsche Bundesjustizministerin hat schon abgewinkt: "Ich glaube nicht, dass Olivennes ein Modell für Deutschland oder gar für ganz Europa ist", sagte Brigitte Zypries. "Die Sperrung von Internetzugängen halte ich für eine völlig unzumutbare Sanktion. Sie wäre verfassungsrechtlich und politisch hochproblematisch."
So mancher Musikmanager sieht angesichts dieser verfahrenen Situation schwierige Zeiten auf die Branche zukommen: Der kostenlose Zugriff auf geistiges Eigentum führe zu einer "Erodierung kreativer Rechte", schrieb etwa der Konzertveranstalter Marek Lieberberg in der "Süddeutschen Zeitung": " Jetzt schon spürbare Konsequenzen sind das Versiegen intellektueller Quellen und die Verarmung der kulturellen Landschaft."
Musik in der Leitung - die Lösung aller Probleme?
Dabei gäbe es durchaus eine Möglichkeit, auch im digitalen Zeitalter mit Musik Geld zu verdienen: die Kultur-Flatrate. Die Idee ist einfach: Für jeden Internetanschluss wird eine monatliche Download-Gebühr erhoben, die bei den Internetanbietern eingesammelt und auf die Kulturproduzenten umverteilt wird. Statt den Urheberrechtsverletzungen im Netz nachzujagen - um dabei im Zweifel immer einen Schritt langsamer zu sein als findige Programmierer -, machte man auf diese Weise die Geschädigten zu Nutznießern des Filesharings. In dem Maße, wie ein Musikstück in den Tauschbörsen nachgefragt würde, bekäme es einen Anteil aus dem Gesamtfonds. Und der wäre nicht gerade klein: Wenn 22 Millionen deutsche Breitbandanschlussinhaber pro Monat eine Gebühr von fünf Euro bezahlten, kämen pro Jahr 1,3 Milliarden Euro zusammen. Zum Vergleich: Der Gesamtumsatz der Musikindustrie im Jahr 2008 belief sich auf 1,575 Milliarden. Allerdings wären Musiker und Komponisten nicht die einzigen Nutznießer der Kultur-Flatrate. Schließlich werden in Tauschbörsen auch Filme und bald wohl auch Bücher angeboten.
Die Idee erfordert ein radikales Umdenken bei Produzenten, Verwertern und Konsumenten. Denn mit einer Kultur-Flatrate würde Musik vom Privatvergnügen zur Angelegenheit aller werden, zur gesellschaftlichen Aufgabe, per Gebühr finanziert. Der Medien- und Sozialwissenschaftler Volker Grassmuck nennt sie daher einen "neuen Sozialvertrag zwischen den Kreativen und der Gesellschaft". Der US-Musikmanager Jim Griffin bringt es auf den Begriff "monetizing anarchy": "Der Copyright-Krieg zwischen Leuten, die etwas machen, und Leuten, die es nutzen, läuft letztlich auf ein solches Modell hinaus: Man muss einen Fonds schaffen, einen fairen Verteilungsschlüssel finden und das Ganze von der Regierung überwachen lassen."
Die Kultursteuer ist eine schöne Idee - auf einer Insel muss sie den Praxistest bestehen
Dass Geld in Fonds eingesammelt und wieder verteilt wird, ist in der Musikwirtschaft nicht neu. Schon im Wien des 18. Jahrhunderts organisierten sich Komponisten, um bei den Kaffeehäusern Geld dafür einzutreiben, dass ihre Musik dort von Pianisten gespielt wurde. Die Musikverleger verlangten ihrerseits ihren Anteil von den Komponisten, weil sie schließlich die Noten dafür gedruckt hatten. Mit Einführung des Urheberrechts flossen die Ansprüche von Komponisten, Verlegern, Interpreten und Tonträgerherstellern in Verwertungsgesellschaften zusammen.
In Deutschland kassiert die Gema bei Radiosendern, Clubs oder Bars Tantiemen für die dort aufgelegte und aufgeführte Musik, um sie nach einem komplizierten Verteilerschlüssel an die Urheber weiterzuleiten. Nicht anders wäre es im Falle der Kultur-Flatrate: Eine Verwertungsgesellschaft würde die Rechteinhaber nach den Downloads ihrer Werke ausbezahlen.
Selbstverständlich liegen auf dem Weg zu einer funktionierenden Kultur-Flatrate noch eine Menge technischer und rechtlicher Hindernisse. Künstler oder Produzenten könnten etwa massenhaft ihr eigenes Material herunterladen, damit sie einen größeren Anteil vom Kuchen erhielten. Um solche Manipulationen zu verhindern, müssten die IP-Adressen kontrolliert werden, was die Datenschützer nicht gern sähen. Kleinere Labels wittern die Gefahr, dass mit der Verwertungsgesellschaft ein bürokratisches Monster heranwächst, das die Branchenführer bevorzugen könnte.
Die Befürworter plädieren daher dafür, dass der Staat moderierend eingreift in den Verteilungskampf zwischen den Urhebern den Komponisten, Interpreten, Produzenten - und den Verwertern - in erster Linie den Plattenfirmen. "Sinnvoll ist es, wenn Urheber und Verwerter sich in zwei Mitgliederorganisationen zusammenschließen, die sich dann auf einen Verteilungsschlüssel einigen", sagt Volker Grassmuck. "Wie das Verhältnis am Ende aussieht, hängt auch davon ab, wie stark die Politik die Urheber beziehungsweise die Verwerter unterstützt."
Ob diese Idee nur schön klingt oder in der Praxis tatsächlich funktioniert, wird man bald auf der Isle of Man beobachten können. Die Insel, auf halber Strecke zwischen Großbritannien und Irland gelegen, will eine Kultur-Flatrate einführen, mit der die Bewohner gratis und legal downloaden können, was ihr Herz begehrt. Dass demnächst größere Geldsummen aus dem Off-shore-Paradies auf die Konten darbender Musiker überwiesen werden, ist eher unwahrscheinlich. Auf der Insel leben nur knapp 80 000 Menschen, und die sollen pro Jahr nicht mehr als einen Euro Aufpreis zu ihrem Breitbandanschluss zahlen müssen.
Und auf dem europäischen Festland hat die Kultur-Flatrate immerhin ihren Weg von den Experten-Foren in das Wahlprogramm der Grünen zum Europa-Parlament gefunden. Um "Künstlerinnen und Künstler für die Bereitstellung ihrer Werke im Internet oder anderswo zu entschädigen", heißt es dort, sei das Modell ein gangbarer Weg. Auch bei der Gema beginnt man vorerst inoffiziell - darüber nachzudenken, ob die Pauschalabgabe nicht eine Lösung sein könnte. Branchenvordenker wie Tim Renner sind davon überzeugt, dass an einer solchen Steuer kein Weg vorbeiführt. "Die Erfahrung zeigt, dass man im Internet nur überleben kann, wenn man so gut ist wie die, die einen angreifen", sagt der ehemalige Universal-Chef, der heute die Firmengruppe Motor Entertainment leitet. "Wir müssen also verstehen, wie die Peer-to-Peer-Tauschbörsen funktionieren, und besser sein."
Die Versuche der Musikindustrie, die Internet-Provider dazu zu bringen, die Tauschbörsen zu sperren und stattdessen kostenpflichtige Inhalte anzubieten, hält Renner dagegen für einen Irrweg: "Wer so was vorschlägt, hat nicht verstanden, wie sich Güter heute im Netz verbreiten. Der Austausch über Peer-to-Peer funktioniert eben nicht über einen zentralen Server, also kann man da auch nichts sperren."
Sicher ist: Solange die Musikkonzerne das Copyright-Modell der analogen in die digitale Welt zu kopieren versuchen, wird es nichts aus der Kultur-Flatrate. Warum aber fällt es gerade der Musikbranche so schwer, sich auf die Bedingungen des Netzzeitalters einzustellen? Tim Renner: "Weil sie Angst hat, das Letzte zu verlieren, was ihr geblieben ist: also in Deutschland mehr als 1,5 Milliarden Euro Umsatz aus dem Tonträgerverkauf. Das ist aber irrational, schließlich verkaufen sich die CDs ja auch heute, obwohl fast alles in Tauschbörsen gratis zu haben ist."
Der Musikmanager Gerd Leonhard vergleicht die Kultur-Flatrate mit einem Wasseranschluss: Obwohl jeder Haushalt in Deutschland über qualitativ hochwertiges Wasser aus dem Hahn verfügt, gibt es immer noch genug Leute, die Mineralwasser in Flaschen kaufen. "Wir müssen aufhören, von den Konsumenten zu verlangen, ihre Badewannen mit Evian zu füllen oder San Pellegrino fürs Spaghettikochen zu verwenden", schreibt Leonhard der Branche ins Stammbuch. "Schließlich haben sie das Kranwasser bereits entdeckt. Also sollten wir sie mit Kranwasser versorgen über günstige Flatrates - und außerdem mit San Pelle grino." -
