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brand eins 06/2009 - WAS MENSCHEN BEWEGT

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Das große Warten

In der mosambikanischen Hauptstadt Maputo schwenken wütende Demonstranten regelmäßig deutsche Fahnen und bewerfen ihren Präsidenten schon mal mit trockenem Brot. Seit 20 Jahren streiten sich die ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter mit ihrer Regierung.

Es geht um viel Geld - und um enttäuschte Hoffnungen.

-Alfredo Mangue sitzt hier seit Jahren und wartet. Und wenn kein Wunder passiert, wird er auch die nächsten Jahre auf diesem Kantstein sitzen und warten. Die Zeit will an diesem Vormittag kaum vergehen. Wie die feuchte Hitze scheint sie überall festzukleben, doch Mangue, auf dem Kopf eine gelbe Schirmmütze, hat sich daran gewöhnt, hat hier bereits Hunderte solcher Vormittage verbracht.

Der "Praça da Liberdade", ein Platz mitten in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo. Straßenhändler verkaufen Schuhe, Hosen und Tischdecken auf dem Bürgersteig, ein paar Meter weiter klettern Kinder auf verrosteten Spielgeräten. Überall liegt Müll herum. Und wie jeden Tag seit vielen Jahren, mit Ausnahme der Sonntage, haben Alfredo Mangue und seine Mitstreiter in einer Ecke des Platzes die deutsche Fahne gehisst. Ein paar Meter weiter steht die Base Central, ihr Hauptquartier, ein verrotteter Betonquader, der unter anderem eine öffentliche Toilette beherbergt. An die Wand des Aborts haben sie groß den Namen des Landes gepinselt, dem sie sich verbunden fühlen: Madgermany.

Sie sind die Madgermanes, frei übersetzt "die, die in Deutschland waren". Genauer: in der DDR. Dort standen sie in den achtziger Jahren als Vertragsarbeiter an den Werkbänken der Volkseigenen Betriebe. Jeden Tag, seit knapp zwei Jahrzehnten, sitzen mal 20, mal 30 von ihnen auf dem Praça da Liberdade herum, warten und reden, immer über das Gleiche, immer über das Geld, das ihnen die Regierung schuldet. Mittwochs versammeln sich ein paar Hundert Madgermanes zur wöchentlichen Besprechung, und wenn sie demonstrieren, kommen sogar ein paar Tausend. Alle bringen dann ihre schwarz-rot-goldenen Accessoires mit: Mützen, Schals, T-Shirts, Armbänder, DDR-Fahnen, BRD-Flaggen, da machen sie keinen Unterschied.

Die ersten 450 Vertragsarbeiter schickte Mosambik 1979 ins kalte Deutschland. Für die bis 1989 mehr als 20 000 jungen Männer und Frauen war es die Chance, vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat zu fliehen, nicht zur Armee zu müssen, genug zu essen zu bekommen. Die Mosambikaner landeten auf dem Flughafen Schönefeld und wurden von dort über die DDR verteilt. In welchem Betrieb sie eingesetzt werden sollten, erfuhren sie erst bei ihrer Ankunft. Jeder, so hatte man ihnen gesagt, würde zuerst eine Ausbildung erhalten - als Tischler, Elektriker oder Mechaniker -, anschließend ein paar Jahre in der DDR arbeiten, dann zurückkehren und Mosambik mit den neu erworbenen Fähigkeiten dienen.

Doch im Laufe der Zeit geriet die Ausbildung immer weiter in den Hintergrund. Die Vertragsarbeiter wurden oft nur noch schnell angelernt. Der Grund: Die eingeflogenen Mosambikaner arbeiteten, ohne es zu wissen, die Schulden ihres Landes bei der DDR ab - da war Ausbildung nur verlorene Zeit. Weil Mosambik von der DDR gelieferte Maschinen, Lkw und Industrieanlagen nicht bezahlen konnte, sorgten die Madgermanes mit ihrer Arbeit für Ausgleich auf den Verrechnungskonten. Jedem Vertragsarbeiter wurde Monat für Monat ein Teil vom Lohn abgezogen und das Geld nach Maputo transferiert. Auch ein Teil der Sozialversicherungsbeiträge verschwand auf diese Weise. Das afrikanische Land, seit 1975 unabhängig und von den kommunistischen Freiheitskämpfern der Frelimo regiert, beglich damit seine Schulden bei der DDR, während die Vertragsarbeiter dachten, das Geld werde in Mosambik angespart und stehe ihnen bei ihrer Rückkehr zur Verfügung.

Keiner der Vertragsarbeiter kann bis heute sagen, wie viel Geld ihm die Regierung schuldet Grundlage der Beziehungen zwischen der DDR und Mosambik war eigentlich ein "Vertrag über Freundschaft und Zusammenarbeit" - das hinderte die beiden Staaten aber nicht, modernen Menschenhandel zu betreiben. Für die Staatssicherheit waren die afrikanischen Arbeiter schlicht "fester Bestandteil des gesellschaftlichen Arbeitsvermögens", und das Politbüro beschäftigte sich noch im Jahr 1988 mit der Idee, die Zahl der mosambikanischen Arbeiter noch einmal zu erhöhen. Auf diese Weise sollte der "Gesamtforderungsbestand" der DDR in Höhe von 367 Millionen Clearing-Dollar bis 1995 auf 66 Millionen reduziert werden, wie der Entwicklungsexperte und Kenner der DDR-Afrikapolitik, Hans-Joachim Döring, recherchiert hat.

Daraus wurde bekanntlich nichts. Weil die DDR-Betriebe reihenweise pleitegingen, wurden die meisten Vertragsarbeiter 1989 und 1990 nach Hause geschickt. Fast alle Madgermanes erzählen die gleiche Geschichte: Noch am Flughafen in Maputo hätten Beamte unter einem Vorwand sämtliche Papiere einkassiert darunter auch die Nachweise, wie lange sie in der DDR gearbeitet hatten und wie viel ihnen vom Lohn abgezogen worden war. So können sie heute wegen fehlender Unterlagen oft nicht genau sagen, wie viel ihnen die Regierung schuldet. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes hat die DDR insgesamt 74,4 Millionen US-Dollar an Lohnabzügen und rund 18,6 Millionen US-Dollar an Sozialversicherungsleistungen nach Mosambik transferiert. Macht zusammen 93 Millionen Dollar. Im Schnitt geht es - ohne Zins und Zinseszins - um 4300 Dollar pro Kopf, im Einzelfall manchmal um das Doppelte oder Dreifache. Kein Wunder, dass Madgermany in ständigem Aufruhr ist.

Chef der Madgermanes ist Zéca Alfredo Cossa, 1,90 Meter groß, raue Stimme, selbstsicherer Blick. Jeden Mittwoch hält er eine Rede auf dem Platz. Wenn der Anführer spricht, murmelt das Volk von Madgermany zustimmend. "Wir müssen die Regierung wieder daran erinnern, dass wir existieren! ", ruft Cossa und erntet Applaus. Die Madgermanes sind die einzig sichtbare außerparlamentarische Opposition in Mosambik. Sie sind Trendsetter der mosambikanischen Protestkultur, haben das Parlament gestürmt, den Staatspräsidenten während der Ersten-Mai-Parade mit altem Brot beworfen und die deutsche Botschaft besetzt.

Ihr Widerstand gegen die staatliche Willkür hat den Madgermanes Respekt in der Bevölkerung verschafft, aber man fürchtet sie auch: Sie gelten als renitent und gewalttätig. Wenn der Ärger hochkocht, kann aus den sonst so ruhig auf dem Platz verweilenden Männern ein wütender Mob werden. Es ist der soziale Abstieg, der an ihnen nagt, denn sie waren mal wer. Fast alle hatten in der DDR gespart und schickten Schiffs-Container mit ostdeutschen Waren nach Hause: Motorräder, Kühlschränke, Geschirr, Kleidung, Fernseher, Öfen, Werkzeug, Uhren, Thermoskannen. Doch schon bald mussten die ersten anfangen, ihren Besitz zu verkaufen, denn die Regierung rückte das transferierte Geld nicht raus, und die versprochene Arbeit gab es auch nicht. So fühlten sich die Madgermanes doppelt betrogen.

Einen Job zu finden ist noch immer schwer. Alfredo Mangue schuftet ab und an als Tagelöhner. Für zwei Stunden Schleppen auf der Baustelle gibt es 50 Metical (1,41 Euro), erzählt er, für leichtere Jobs nur halb so viel. Mangue wohnt in einem Vorort von Maputo, er besitzt ein kleines Steinhaus mit Wellblechdach. Die Erinnerungen an seine zehn DDR-Jahre, VEB Baumwollspinnerei Leipzig, hebt Mangue in einem alten Koffer auf. Er klappt ihn auf und trägt eine Unmenge angegilbter Fotoalben aus seinem Haus in die Sonne hinaus. Beim Betrachten der Bilder wird schnell klar, was ihn im sozialistischen Deutschland vor allem bewegt hat. Die Vertragsarbeiter lebten in Wohnheimen, meist vier auf einem Zimmer, und offiziell war der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung nicht erwünscht. Doch die Mosambikaner verstanden unter Völkerfreundschaft etwas anderes als Politbüro und SED. "Meine Freundin", sagt Mangue und zeigt auf eine Bikini-Schöne am Ostseestrand. Beim Blättern tauchen weitere Frauen auf, Porträts, Widmungen, "Für Alfredo zum Andenken von Anke". Eine hat ihm sogar ein ganzes Album gestaltet: "Erinnerungen eines Maikäferchens".

Viele der ehemaligen Vertragsarbeiter haben einen Hang zu den guten alten Zeiten; die Gegenwart erscheint ihnen eher grau. So hört man über das Leben in Deutschland - trotz Ärgers mit eifersüchtigen ostdeutschen Männern und, später, gewalttätigen Neonazis - erstaunlich viel Gutes. Deutschland, da war alles so wunderbar organisiert, findet Madgermanes-Chef Zéca Alfredo Cossa. In seiner Gegenwart ist nichts geordnet, nichts berechenbar. Die für die Madgermanes zuständige Arbeitsministerin Helena Taipo ist bekannt dafür, gegen Missstände zu kämpfen und Betriebe zu schließen, wenn diese ihre Angestellten schlecht behandeln. Bei den Vertragsarbeitern hingegen erlahmt ihr Elan.

Immerhin hat das Arbeitsministerium inzwischen anerkannt, dass die Forderungen der Madgermanes berechtigt sind, auch wenn es nach Lesart der Regierung nur um rund 48 Millionen US-Dollar geht. Ob wenigstens diese Summe ausgezahlt wird, ist nicht sicher. Die Taktik von Taipo scheint zu sein, Verwirrung zu stiften. So hat sie es bisher vermieden, die Madgermanes über die grundsätzliche Höhe ihrer Ansprüche zu informieren. Stattdessen schickt das Ministerium Schecks, jedes Jahr ein oder zwei, hier mal ein paar Tausend Metical, dort mal ein paar Tausend. Doch wie die Kleckerbeträge errechnet wurden, ist unklar: Madgermanes, die zwei Jahre in der DDR waren, bekommen manchmal mehr als andere, die fünf Jahre dort waren, und alle bekommen zu wenig. "Niemand versteht das! ", sagt Cossa.

Er würde gern mal mit der Arbeitsministerin reden, doch es ist schwierig für ihn, bei Helena Taipo einen Termin zu bekommen. Sie sieht keinen Gesprächsbedarf. Deswegen hält sich Cossa jetzt an den Parlamentspräsidenten; bei dem hatte er im Februar einen Termin, aber der Parlamentspräsident sagte kurzfristig ab. Jetzt wartet Cossa - auf einen neuen Termin. Er wartet, wie er schon die vergangenen Jahre gewartet hat. Und alle anderen Madgermanes warten auch. Immer weiter und weiter. Nur eine einzige, kleine Idee kursiert unter ihnen, wie man der ganzen Warterei ein Ende bereiten könnte: Alle gehen rüber, in die Rua Damião de Góis 506. Zur Deutschen Botschaft. Asyl beantragen. -


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