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brand eins 06/2009 - Das geht

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Innovative Heinzelmännchen

Die einen halten ihre Produktentwicklung streng geheim. Andere Unternehmen wenden sich an Atizo und Co. Plattformen im Internet sollen Neugier und Geistesblitze von Tausenden nutzbar machen.

-Ein Motorrad, das auf Luftkissen fährt. Ein Bett, das Strom erzeugt. Intelligente Bahnsteige, die anzeigen, in welchen Zugabteilen es noch freie Plätze gibt. Wer hat's erfunden? Die Schweizer. Zumindest lieferten sie die Geistesblitze, auf Atizo, der Internetplattform aus Bern. Dort fragen Firmen nach Produkten mit Zukunft oder nach Vermarktungsstrategien, und jeder, dem etwas einfällt, kann eine Idee beitragen. Ist sie gut, wird sie mit bis zu 5000 Schweizer Franken belohnt und zu einem Konzept ausgearbeitet. BMW sammelt Input zum Motorrad von morgen. Die Schweizerische Bundesbahn will ihre Bahnhöfe attraktiver machen. Sogar Google hat Atizo für das sogenannte Crowdsourcing eingesetzt, um die Kreativität möglichst vieler Menschen zu wecken und neue Ideen für das Unternehmen zu gewinnen.

Als Christian Hirsig vor vier Jahren mit ehemaligen Kommilitonen die Idee zu Atizo hatte, gab es den Begriff Crowdsourcing noch gar nicht. "Wir haben uns damals gefragt, ob man im Internet neues Wissen genauso akribisch sammeln könne, wie es Wikipedia mit vorhandenem Wissen vormachte", sagt er. Einige Jahre hat das Team Konzepte entworfen und verworfen, verfeinert und vergessen. Hirsig fand einen Job als E-Business-Projektleiter bei der schweizerischen Post, und im Mai 2007 wurde sie doch noch gegründet: die Open Innovation GmbH, die Atizo heute betreibt. Der 28-Jährige ist seitdem Geschäftsführer eines Start-ups, dessen Community im Durchschnitt älter ist als er und die wissenschaftlich erforscht wird. So untersuchen die ETH Zürich und die Universität St. Gallen am Beispiel der Firma das Potenzial offener Innovationen für Unternehmen.

Die Idee ist die der Open-Source-Gemeinde im Internet: "Wissen will frei sein", sagt Christian Hirsig. "Wir sind fest davon überzeugt, dass man mehr gewinnt als verliert, wenn man Informationen mit anderen teilt." Auch aus diesem Grund sind alle Ideenvorschläge, die auf Atizo eingereicht werden, für jeden sichtbar. Nun könnte zwar zum Beispiel auch Kawasaki sehen, welche Gedanken sich die User gerade für BMW machen. Diese konsequente Offenheit mache es Atizo-Nutzern aber erst möglich, meist mehr als 200 Vorschläge untereinander zu diskutieren und gemeinsam zu verbessern. "Ideen sind wie Rohmilch", sagt Hirsig. "Erst nach der Reflexion in der Gruppe schwimmt der Rahm oben."

Als Volltreffer erwiesen sich seit dem Start der Plattform im September 2008 zwei Ideen. Die Textilfirma Blacksocks.com brachte nach einem Vorschlag aus der Atizo-Gemeinde einen durchsichtigen Beutel heraus, der die Sicherheitsvorschriften für das Handgepäck von Fluggästen erfüllt: Tuben und Fläschchen sind sofort sichtbar und müssen nicht mehr beim Einchecken umständlich herausgekramt werden. Für den Bergsportausrüster Mammut dachten sich zwei deutsche Ideen-Lieferanten eine Alternative zum herkömmlichen Reißverschluss aus - basierend auf der Schließtechnik von Tiefkühlbeuteln. Der soll sich nicht verhaken und in der Herstellung viel billiger als das übliche Modell sein. Mammut hat die Idee an Prototypen getestet und an seine Zulieferer weitergereicht, die sie entwickeln sollen.

"Die wenigsten Vorschläge werden in den Firmen eins zu eins umgesetzt", sagt Christian Hirsig. "Sie werden mit eigenen Innovationen abgeglichen oder sind Anstoß für interne Entwicklungen." Mammut hat Atizo gleich wieder beauftragt - dieses Mal mit der Suche nach einer Event-Idee für die 150-Jahr-Feier des Unternehmens.

Nicht alle Firmen sind so zugänglich für die neue Arbeitsweise. "Das ist oft eine Generationenfrage", sagt Hirsig. "Ältere Ansprechpartner können sich bisweilen nicht vorstellen, dass brauchbare Ideen online entstehen können. Oder tun sich schwer mit unserem offenen Konzept." Auch deswegen hat Atizo der freien Ideenfindung eine zweite Phase angefügt. Dann verwandeln ausgewählte Nutzer die besten Ideen in Konzepte: Pro totypen, Verkaufsstrategien, Marktanalysen. Und das im ständigen Dialog mit einem Projektleiter, der vom Auftraggeber eingesetzt wird und als Bindeglied fungieren soll. "Dadurch wollen wir vermeiden, dass gelungene Konzepte später in den Firmen abgelehnt werden, nur weil sie von außen stammen", sagt Hirsig. Für beide Phasen zahlen Unternehmen an Atizo jeweils einen festen Betrag von 4800 Euro zuzüglich der Prämien für die "Innovatoren", wie Atizo seine rund 4000 Nutzer nennt.

Inzwischen sind die Schweizer mit ihrem Angebot nicht mehr allein. Crowdsourcing ist längst zum Trend geworden. Jovoto, ein Start-up aus Berlin, verfolgt ein ähnliches Konzept, ausgerichtet auf Designer, Werbetexter und Illustratoren. Weitere Firmen werden in diesen Markt einsteigen. Sollte Atizo einmal ins Straucheln kommen, hat die Firma einen Vorteil: Sie kann ihre eigenen Nutzer fragen, wie es weitergehen könnte. Das hat bereits mehrere Male gut funktioniert. "Selbst der Name 'Atizo' war eine Idee aus der Community", sagt Christian Hirsig. Er ist abgeleitet von der spanischen Vokabel "atizar" und bedeutet, eine Glut zu schüren, bis das Feuer brennt. -


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