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brand eins 06/2009 - WAS WIRTSCHAFT TREIBT
Aus alt mach sparsam
In Brasilien müssen Energieversorger dabei mithelfen, die Haushalte ihrer Kunden zu modernisieren. Seitdem tauschen sie alte Kühlschränke gegen neue.
Das ist gut für die Kunden, gut fürs Klima und gut für die Wirtschaft.
- Ein Kühlschrank erleichtert den Alltag. Er hält Wurst und Käse frisch, temperiert Limonade und Bier, verwandelt im Gefrierfach Wasser zu Eiswürfeln. Sobald das Gerät in die Jahre kommt, kann es zur Belastung für seine Besitzer werden. Es brummt laut und saugt so viel Strom aus der Leitung wie mehrere neue Haushaltsgeräte zusammen. Wird der Apparat dann nicht fachgerecht entsorgt, verschmutzt er mit seinem Kühlmittel auch noch die Umwelt. Um dieses Problem zu lösen, hat die brasilianische Regierung ein System ausgetüftelt, das alle glücklich macht: die Stromversorger, die Verbraucher und die Kühlschrankhersteller.
Doch von vorn. In brasilianischen Haushalten stehen mehr als 50 Millionen Kühlschränke. Hinzu kommen Geräte in Restaurants, Hotels, Supermärkten und kleinen Geschäften. Fast jeder zehnte Kühlschrank ist älter als 16 Jahre. Das brasilianische Umweltministerium schätzt, dass 17 Millionen dieser Apparate Fluor chlorkohlenwasserstoffe (FCKW) und weitere 33 Millionen das Kühlmittel Fluorkohlenwasserstoff (FKW) enthalten. In nur wenigen Kühlschränken wird umweltneutrales Isobutan verwendet.
FCKW und FKW gelten als Klimakiller. Außerdem verbraucht ein altes Kühlaggregat mehr als 700 Kilowattstunden (kWh) Strom im Jahr; ein neues kommt mit 180 kWh aus. Würden zum Beispiel die 17 Millionen der ganz alten Kühlschränke durch neue ersetzt, könnte Brasilien Kraftwerkskapazitäten von 1200 bis 1600 Megawatt (MW) einsparen. Zum Vergleich: Das deutsche Kernkraftwerk Brokdorf hat eine installierte Kapazität von 1480 MW.
In Brasilien stehen die Stromfresser vor allem in den Haushalten der Armenviertel. Nicht selten macht ein alter Kühlschrank dort 70 Prozent des Stromverbrauchs einer Familie aus. Ein neues Gerät ist für seine Besitzer jedoch oft unerschwinglich. Dieses Dilemma hat die brasilianische Regierung dazu bewogen, ihrem Energiespargesetz eine soziale Note zu geben. Seit 1999 sind die 64 Stromversorger des südamerikanischen Landes dazu verpflichtet, ein halbes Prozent ihres Umsatzes in Energieeffizienz zu investieren. Die Hälfte davon muss armen Menschen zugute kommen. Und deshalb verteilen die Unternehmen nicht mehr nur Energiesparlampen in den Favelas, sondern seit Kurzem auch Kühlschränke - und zwar nur neue Modelle.
Salvador da Bahia ist eine Stadt an der Küste Brasiliens, 1600 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro. Der Ort lockt Besucher mit Sonne, Strand und einer schmucken Altstadt. Abseits der Touristenpfade lebt Maria Feles, 45, mit ihrem Mann und der siebenjährigen Tochter in einer Favela. Das kleine Haus hat nur zwei Zimmer, die Straße davor ist nicht geteert. Eine reguläre Arbeit haben in diesem Slum nur Wenige. Feles' Mann erhält als Schlosser den Mindestlohn, sie verdient als Putzfrau etwas hinzu. Gemeinsam kommen sie umgerechnet auf rund 200 Euro im Monat.
Regelmäßig brachte die Stromrechnung am Monatsende die knappen Finanzen der Familie durcheinander. "Früher haben wir ein Viertel unseres Einkommens für Strom ausgegeben, heute sind es nur noch zehn Prozent", sagt Feles. Zum Beweis zeigt sie ihre alten Stromrechnungen und führt dann in die Küche. Dort steht ein neuer Kühlschrank mit Gefrierfach von Bosch und Siemens Hausgeräte (BSH) - der Energieversorger Coelba hat ihn gegen den alten ausgewechselt.
Das Potenzial für derartige Deals ist riesig. Mehr als 2,3 Millionen Geringverdiener zählt allein Ana Christina Mascarenhas in ihrer Kartei. Die schwarzhaarige Frau residiert in einem gläsernen Bürobau des Energieunternehmens Coelba. Draußen brennt die Sonne von Salvador da Bahia, drinnen ist es angenehm kühl. Mascarenhas ist bei dem Versorger verantwortlich für Energieeffizienz und damit zuständig für den Kühlschranktausch. "Es ist uns wichtig, dass die alten Kühlschränke fachgerecht entsorgt werden, die neuen Geräte wenig Energie verbrauchen und als Kühlmittel nur noch Isobutan verwenden", sagt sie.
Für Ivana Ribeiro, die bei BSH das Umweltprogramm leitet und dabei mit der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit kooperiert, sind das dankbare Richtlinien. "Wir sind bislang die Einzigen, die alte durch neue Kühlschränke ersetzen. Und wir waren die Ersten, die damit angefangen haben, Kühlschränke zu hundert Prozent zu recyceln", sagt sie. Dank dieser Strategie macht BSH mit den Großkunden von den Versorgungsunternehmen ein gutes Geschäft. Die Energieriesen kaufen mal 5000, mal 20 000 Apparate auf einmal. "Unser Vorsprung bei der Umwelttechnik verschafft uns einen Vorteil, der unsere höheren Preise gegenüber Konkurrenzprodukten wettmacht", sagt Ribeiro.
Ein neuer Eisschrank bringt bares Geld
Am nächsten Tag steht sie in einer Montagehalle in Paulínia, einem Industriepark nördlich von São Paulo. Die Halle gehört der Firma Oxil, die für BSH die zurückgenommenen Kühlschränke in ihre Einzelteile zerlegt. Es wird geschraubt, gesägt, gebohrt. Gabelstapler balancieren Paletten mit Kühlschränken durch die Halle. Arbeiter saugen mit Werkzeugen die giftigen Kühlmittel aus den Geräten. Rund zwölf Euro je Kühlschrank zahlt die BS H dem Recycling-Unternehmen für seine Dienste. Eine gute Investition, sagt Ribeiro: "Sie sichert uns den Vorsprung." BSH sei hinter Whirlpool, Electrolux und General Electric die Nummer vier auf dem brasilianischen Markt. Beim Austausch von Kühlschränken stehe das Unternehmen jedoch auf Platz eins.
Dass mit Umweltschutz gutes Geld zu verdienen ist, hat inzwischen auch die Konkurrenz von BSH bemerkt. Lange wird es wohl nicht mehr dauern, bis auch andere Hersteller klimafreundliche Kühlaggregate auf dem Markt anbieten werden. Das ist zwar gut für die Umwelt, aber schlecht für Ivana Ribeiros Geschäft. Um den Vorsprung zu halten, plant die hochgewachsene Frau bereits die nächsten Schritte: Zum einen will sie die erste vollautomatische Recycling-Anlage in Brasilien bauen. Zum anderen will sich BSH die Kosten für das Recycling über den Emissionshandel wieder hereinholen.
Ein neuer Kühlschrank spart über einen Zeitraum von zehn Jahren zwei bis drei Tonnen Kohlendioxid ein. Diese Ersparnis kann BSH zu barem Geld machen. An den Energiebörsen wird die Tonne CO2 gegenwärtig für rund 14 Euro gehandelt. Experten gehen davon aus, dass die Preise sich erholen und die Tonne wieder rund 20 Euro kosten wird. Pro ausgetauschten Eisschrank kann BSH dann also zwischen 40 und 60 Euro über den Emissionshandel verdienen, rund ein Viertel des Kaufpreises.
"Wir sind der erste Hersteller, der ein Austauschprogramm für Kühlschränke als Clean Development Mechanism (CDM) bei den Vereinten Nationen eingereicht hat", sagt Samuel Shiroff, der in der Münchener BSH-Zentrale diese Projekte koordiniert. Inzwischen wurde die Methode anerkannt, und BSH verhandelt mit mehreren brasilianischen Energieversorgern über gemeinsame Projekte. Das Geschäft mit dem Recycling lohnt sich. Im vergangenen Jahr trugen die Austauschkühlschränke sieben Prozent zur Gesamtproduktion von BSH in Brasilien bei. Ein Manko gibt es allerdings: Die Stromversorger müssen nur einige Zehntausend Kühlschränke im Jahr ersetzen, weil das Gesetz nicht mehr vorschreibt.
Ivana Ribeiro fliegt deshalb regelmäßig in die Hauptstadt Brasilia, um Lobbyarbeit zu betreiben - für das Klima und in eigener Sache. Bei der Regierung rennt sie damit offene Türen ein. "Der Austausch von Kühlschränken ist für alle Beteiligten ein Gewinn", sagt Ruy de Góes, Direktor für Klimawandel im Umweltministerium. Deshalb will die brasilianische Regierung bis zum Ende des Jahres ein zusätzliches Kühlschrank-Tauschprogramm auflegen. Damit sollen in den kommenden zehn Jahren zehn Millionen Kühlschränke ersetzt werden. Das wäre gut für die Umwelt, gut für die Haushaltskasse armer Familien und gut für die Hersteller. Ein wahres Wirtschaftswunder.-
