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brand eins 03/2003 - SCHWERPUNKT: Wachstum

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Sei du selbst

Noch nie hing die wirtschaftliche Entwicklung so stark von der persönlichen ab wie heute. Das Berufliche wird immer privater – und umgekehrt.

"I did it my way" Frank Sinatra Man kann auch noch im 21. Jahrhundert ohne Abitur Karriere machen. Der Kinderpfleger-Azubi Daniel Küblböck ist beim Gesangswettbewerb "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) bis ins Halbfinale gekommen. Obwohl beziehungsweise weil er gar nicht singen kann und obwohl beziehungsweise weil er ziemlich sonderbar ist. Der 17-Jährige aus der bayerischen Provinz hat seine Persönlichkeit in die Waagschale geworfen - das war entscheidend. Vor nicht allzu langer Zeit hätte er es mit einem solchen Einsatz höchstens zum Klassenclown gebracht.

Sei einfach du selbst, du kannst es (mit ein bisschen Nachhilfe) schaffen, das ist die Botschaft, die Millionen fasziniert. Selbst wenn Simon Fuller, der die Casting-Show erfunden hat und weltweit vermarktet, sehr wenig dem Zufall überlässt: Die Botschaft ist nicht ganz falsch. Und sie gilt auch jenseits des Showbusiness. Klaus Scheuch, Arbeitsforscher an der TU Dresden, sagt: "Heute können sich viele Leute beruflich stärker selbst verwirklichen, als es die 68er je zu träumen wagten." Dafür, dass aus einst Öder Last eher Lust geworden ist, spricht unter anderem die seit Jahrzehnten tendenziell steigende Nachfrage: Immer mehr Menschen wollen arbeiten, natürlich des Geldes wegen, aber nicht nur. Tragischerweise wird das Angebot an Jobs für sie nie ausreichen.

Die Humanisierung der Arbeit jedenfalls ist keine akademische Debatte mehr. Ein Mann der Praxis, Jürgen Strube, Vorstandsvorsitzender der BASF, sagt: "In einem modernen Unternehmen gibt es nur noch die Möglichkeit, die Mitarbeiter am Gestalten zu beteiligen." Kommando und Kontrolle seien Vergangenheit.

Das liegt weniger daran, dass mittlerweile auch in Konzernen Gutmenschen den Ton angeben, sondern an den Verhältnissen. Josef Wieland, Wirtschaftsethiker in Konstanz, spricht von einer Renaissance der Subjektivität. In der postindustriellen Gesellschaft sei Wissen das entscheidende Produktionsmittel, an dem es keine Eigentums-, sondern nur Nutzungsrechte gebe. Deshalb bestehe die hohe unternehmerische Kunst darin, Mitarbeiter dazu zu bringen, freiwillig möglichst viel von sich zu geben ein lebenslanges Arbeitsverhältnis ähnlich attraktiv wie der Trauschein für eingefleischte Junggesellen. Ein echtes Problem für das Management. Heute ist nicht mehr der fachliche Anleiter gefragt, sondern der Coach und Animateur, der Mitarbeiter gewinnen und bei Laune halten kann.

So wie die Halbwertszeit von Liebesbeziehungen nimmt auch die der Arbeitsverhältnisse ab. Selbstverwirklichung im Team ist schwierig. Je größer die Entscheidungsspielräume des Einzelnen, desto stärker spitzt sich der ewige Konflikt zwischen dem Wunsch nach Autonomie und Bindung zu. Die Menschen sehnen sich zwar nach stabilen Beziehungen, aber sie sind nicht mehr bereit, alles dafür zu geben. Vor allem die Frauen sind es nicht. Die Fernseh-Anwältin Ally McBeal ist der Prototyp des postmodernen Menschen: unabhängig, aber nicht wirklich glücklich. Interessanterweise, so schreibt Frank Furedi, Soziologe an der University of Kent, verbindet sich in der Single-Gesellschaft die 68er-Idee des persönlichen Wachstums ("Ich bin okay") mit den marktliberalen Vorstellungen einer Margaret Thatcher.

In dieser atomisierten Welt wird das Betriebsklima, also auch die Fähigkeit, wertvolle Mitarbeiter zumindest für eine gewisse Zeit zu binden, zum entscheidenden Faktor im Wettbewerb. Wie ein Team von Individualisten organisieren? Wie Konflikte auf eine konstruktive Weise lösen? Wie Fluktuation managen? Weil solche psychologischen Fragen wichtiger werden, haben der Jargon und die Praxis der Selbsterfahrungsgruppen in Unternehmen Einzug gehalten. Eizen Persönlichkeit einbringen will oder kann, der scheitert in dieser - eigentlich humanen - Arbeitswelt", konstatiert Klaus Scheuch.

Immerhin: Auch Scheitern kann sich lohnen. Die " Bild" taxierte Daniel Küblböcks Wert als Werbeträger kurz nach seinem Ausscheiden aus der DSDS-Show auf einige Millionen.

Keine schlechte Wachstums-Story.


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