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brand eins 10/2006 - SCHWERPUNKT: Erfolg
Von Sängern und Strategen
Die einen inszenieren Architektur als Pop.
Die anderen bauen ungewöhnlich vernünftig.
Zwei Erfolgsbeispiele aus einer schwierigen Branche.
Als Gott die Erde bewohnbar gemacht hatte, sah er irgendwann keinen Schöpfungsbedarf mehr und verließ sie. Zurück ließ er einen Satz Lebensbausteine, aus dem sich auch jenes Wesen zusammensetzen ließ, das sich zum Weiterbauen berufen fühlt: den Architekten. Der Traum von der schöpferischen Architektur scheint ungebrochen. Wie sonst erklärt es sich, dass eine beharrlich hohe Zahl von Studierenden - 52 300 im vergangenen Jahr in Deutschland - die Fächer Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und Raumplanung belegte, obwohl Angebot und Nachfrage längst arg aus dem Gleichgewicht geraten sind? Düstere Analysen und Prognosen kennzeichnen seit Jahren die Branche.
Thomas Willemeit, Lars Krückeberg und Wolfram Putz sind allesamt Optimisten, und das zog sie gegenseitig an. Die drei Architekturstudenten an der Technischen Universität Braunschweig erprobten die Zusammenarbeit zunächst a cappella und sangen sich mit dem TU-Kammer-Chor A:Cantus bis zum zweiten Platz beim Deutschen Chor-Wettbewerb, Kategorie Jazz. Krückeberg, der heute noch staunt über diesen Erfolg, sagt: „Das Singen im Chor hat uns geprägt, jeder kann mal so, mal so singen, aber im Grunde geht es um Harmonie." Das helfe ihnen heute, als Architekten unterschiedliche Positionen wahrzunehmen und immer zu versuchen, das Beste daraus zu machen - an mittlerweile drei Standorten weltweit.
Die erste entscheidende Station war Los Angeles. Nach dem Studium dienten alle drei in großen deutschen Architekturbüros. Doch nach einem Jahr waren sie frustriert - „renommierte Büros, gutes Design, aber sehr pragmatisch", beschreibt Krückeberg dieses Jahr, als berichte er von einem Restaurantbesuch: feines Lokal, gutes Essen, aber ziemlich steif. Immer habe es „Momente gegeben, in denen man eigene Projektvorstellungen hatte, und der Chef sagte: Ja, aber wir müssen den Wettbewerb gewinnen und machen das anders". Man habe diese Büros einfach verlassen müssen, um den eigenen Weg zu finden.
So besorgten sich Willemeit, Krückeberg und Putz kurzerhand ein Postgraduierten-Stipendium für die USA, und wenn schon Amerika, dann an die Westküste, „richtig weit weg". In Los Angeles gönnten sie sich eine verlängerte Jugend und wollten ein Label für Architektur, Städtebau, Interieur-Design, Musik und „The Pursuit of Happiness" gründen. Daraus wurde 1998 ein Büro mit poppigem Logo: Graft, was so viel heißt wie Verbinden, Transplantieren, Hybridisieren von Dingen.
Erst für Brad Pitt bauen, dann für Zahnärzte Was die drei Deutschen als Graft anfangs taten, will, zumindest der Reihe nach, keiner mehr so genau wissen. Krückeberg: „Unglaublich viel Zeug - Schwarzbrotjobs, Garagen umbauen, Kleinkram." Willemeit erlebte es als „eine Art Wanderzirkus, eine Zigeunerwagenburg, die weiterzieht und dabei etwas sucht". Sicher ist, dass sie sich nicht versteckt, sondern mit der Nase im Wind Gerüche und Fährten aufgenommen haben. So kamen sie auch zum Bauunternehmer von Brad Pitt und dann zum Star selbst, der auf Gestaltungsvorschläge gespannt war. Sie wirbelten ihre und Pitts Ideen durcheinander, bauten sein Gästehaus um und richteten ihm ein Studio mit zu- und wegschaltbarem Interieur ein. Diesem feinen, kleinen Auftrag folgten weitere für Film- und Kunstschaffende an der Westküste.
Damit hatten die Graft-Männer ein kleines Feuerwerk abgebrannt, das die Medien anlockte, die sie als saloppe Society-Architekten bekannt machten. Nach drei Jahren Los Angeles war es wieder ein Mann aus der Filmbranche, ein Produzent, der sich von Graft in Berlin ein riesiges Loft einrichten ließ. Er bekam eine futuristische Wohnlandschaft, in der die Grenzen zwischen Schlafen, Essen und Wohnen, Tag und Nacht aufgehoben sind.
Dieses Projekt nahmen die Graft-Gründer zum Anlass, Standort zwei in der deutschen Bundeshauptstadt zu gründen. Im Designhotel Q an der Knesebeckstraße landete dann bald eine Art fliegender Teppich made by Graft: rotes Linoleum, das sich in Lobby und Lounge übergangslos über Boden und Wände bis zur Decke hinauf wellt. In den Zimmern ist die Badewanne Teil der Betteinheit. Für einen Zahnarzt am Ku'damm entwarf das Trio eine Praxis wie eine Dünenlandschaft. In Las Vegas designten sie Apartment-Hochhäuser. Für das Hotel Q und Restaurant-Gestaltungen in Amerika wurden sie mehrfach ausgezeichnet.
Das hollywoodeske Image der New Future Designer ist den Architekten, so sagen sie jedenfalls, mittlerweile selbst nicht mehr ganz geheuer. Langsam werde es gefährlich, so Krückeberg: Die Außenwahrnehmung sei verzerrt, sie wollten als Architekten nicht nur wahr-, sondern auch ernst genommen werden - und nicht nur, weil sie die Architekten von Brad Pitt sind. „Wir werden doch auch von anderen interessanten Leuten beauftragt, und die Preise, die wir für diese Arbeiten bekommen, haben mit dem Namen unseres prominenten Freundes nichts zu tun." Jan R. Krause, Professor für Architektur und Media Management an der Fachhochschule Bochum, kann die Sorge seiner ehemaligen Kommilitonen nicht ganz ernst nehmen. Das Trio hätte es nie mit der großen Theorie gehabt, sondern Architektur immer als Lebensgefühl verstanden, und so arbeiteten sie auch: „Sie leben Architektur, Party und Pop." Seinen Erfolg verdanke das Trio bewusster Inszenierung, begünstigt durch den „Glücksfall Pitt" und durch ausgezeichnete Beziehungen zu bestimmten Medien. Graft habe sich geschickt als Marke profiliert und auf einen gewissen Personenkult gesetzt - „diese coolen Architekten, die irgendwo auf einem Sofa rumlümmeln". So sei ein Bild vom Global Player entstanden, vom großen Architekturbüro. „Dabei haben sie, bis auf die neuesten Hochhausentwürfe, noch nie ein Haus gebaut, sondern nur Innenräume gestaltet." Für Meinhard von Gerkan, Chef des Architekturbüros gmp, ist es geradezu „ein Phänomen, wie man mit so wenig Masse so viel Medienschaum erzeugen kann, das ist unvorstellbar!" Den Erfolg und die Design-Qualitäten von Graft wolle er damit aber keineswegs schmälern, und ihre Lebensfreude finde er sympathisch.
Gute Gäste dürfen sich auch selbst einladen Von Gerkan war in Braunschweig Professor der drei Newcomer. Seine Karriere hatte ebenfalls mit einem Feuerwerk begonnen, mit einem Riesenknall, der in der deutschen Architekturlandschaft bis heute nachhallt. Ende der sechziger Jahre erhielten die Berufsneulinge von Gerkan und Volkwin Marg dank eines offenen Europa-Wettbewerbs den Auftrag, den Flughafen Berlin-Tegel zu planen und zu bauen. Was heute undenkbar wäre, wie von Gerkan anmerkt. Mittlerweile seien komplexe und große Bauaufgaben wie ein Flughafen von den Investoren stark vorbestimmt, der Architekt habe wenige Freiheiten. Damals galt es, Vorschläge zu machen, wie man die Passagiere optimal abfertigt, den Weg vom Auto zum Flugzeug möglichst verkürzt und den Flughafen übersichtlich gestaltet. Heute ist eine der Vorgaben, dass auf Flughäfen viel Geld mit Einzelhandel verdient werden muss. Und das funktioniert nur, wenn man die Passagiere auf möglichst vielen Umwegen wie durch ein Kaufhaus durch die Terminals schleust.
Auch die Wettbewerbe haben sich geändert. Um ein Flughafen-Projekt kann sich ein Architekt erst nach einer Vorqualifikation bewerben. Trotzdem ist das Wettbewerbswesen insgesamt unübersichtlicher geworden: Die Bandbreite reicht von kleinen lokalen bis zu international offenen Wettbewerben mit bis zu 1000 Teilnehmern. Die offene Form ist innerhalb des Berufsstandes umstritten. Den einen gilt sie als „Garant für das beste Produkt", die anderen betrachten sie schlicht als Ausbeutung jener, die viel Geld und Arbeitszeit investieren und leer ausgehen. Aber auch Sieger können enttäuscht werden. Denn wenn in der Auslobung steht, dass der Bauherr sich für einen der Preisträger entscheiden kann, ist der erste Platz keine Garantie auf den Abschluss eines Realisierungsvertrages.
Dann gibt es noch Wettbewerbe, zu denen nur ein erlauchter Kreis von Büros eingeladen wird. Dabei handelt es sich meist um große öffentliche Bauprojekte, für die von vornherein nur leistungsstarke oder imageträchtige Bewerber geladen werden - und die, so die Kritik, die immer gleichen Gewinner hervorbringen.
So sehr über das Schaulaufen der Architekten gestritten wird: Für etliche ist der Gewinn eines Wettbewerbs die Basis für die Gründung eines Büros. So ging es etwa Eckhard Gerber, dem Erbauer der King Fahad Nationalbibliothek in Riad. Oder den Wiener Architekten mit dem schönen Namen AllesWirdGut. Sie haben von Anfang an auf Wettbewerbe gesetzt - und luden sich zum ersten gleich selbst ein.
Die AllesWirdGut-Partner Andreas Marth, Friedrich Passler, Herwig Spiegl und Christian Waldner haben sich, wie Graft, am Hochschul-Zeichentisch kennen- und, so Passler, „in ihrer Arbeitsweise schätzen gelernt". 1998, mit dem druckfrischen Diplom im Gepäck, fuhren Marth und Passler für ein halbes Jahr in die Niederlande, um dort zu arbeiten. Spiegl und Waldner sind jünger und mussten sich mit dem Abschluss noch gedulden.
Eines Tages hörte Andreas Marth, dass in seinem Tiroler Heimatort Fließ ein neues Dorfzentrum geplant war. Als er außerdem noch erfuhr, dass dieses Projekt direkt an einen örtlichen Baumeister vergeben werden sollte, sprach er beim Bürgermeister vor und erwirkte einen kleinen Wettbewerb, an dem auch er und Passler teilnahmen. In den Niederlanden waren nun auch die Abende und Wochenenden mit Tüfteln und Zeichnen ausgefüllt. Eine Investition, die sich auszahlte, denn die beiden jungen Architekten gewannen und durften bauen. Mit diesem Projekt in der Tasche gründeten sie 1999 AllesWirdGut - als eine Art Gegenprogramm zum in der Branche verbreiteten Pessimismus. Spiegl und Waldner wurden mit ins Boot geholt, zusammen gewannen sie in den ersten beiden Jahren noch vier weitere Wettbewerbe mit Bauauftrag: ein Einfamilienhaus, ein kleines Betriebsgebäude, eine Dorfraumgestaltung und - dank ihrer Verbindungen in die Niederlande - Geschäfte der Modekette Don Gil.
Gestalten können viele, strategisch denken nicht Wie haben die Anfänger das hinbekommen? Mit originellen Ideen, die sinnvoll sind und sich rechnen. Etwa beim Fließer Dorfzentrum. Vorgegeben war ein übliches, in Schachteln unterteiltes Raumprogramm mit Mehrzwecksaal, Ausstellungsbereich, Cafe und Tourismusbüro. Nach diesem starren Nutzungsprinzip wäre der Saal für kleine Veranstaltungen zu groß und für große zu klein gewesen, sodass im Ernstfall wieder ein Ausweichen in die Turnhalle nötig geworden wäre. Die Lösung von AllesWirdGut sah anders aus: ein räumliches Kontinuum, das sich je nach Nutzungsbedarf zu großen Raumeinheiten verbinden oder in kleine unterteilen lässt.
Der Don-Gil-Wettbewerb war der erste Wettbewerb, in dem sie gegen prominente Büros antraten, die ihnen, wie sie selbst einräumen, gestalterisch überlegen waren. AllesWirdGut punktete dafür mit konzeptionellen Vorschlägen zur Organisation der Filialen, die die Geschäftsführung überzeugten. Auch ein Einfamilienhaus ist nicht zu klein für originelle Überlegungen. Der Bauherr hatte wenig Geld, wünschte sich aber trotzdem ein Gästehaus, eine Sauna und eine Fitness-Einrichtung. Warum also nicht die Räume so gestalten, dass sie sich mal für dieses, mal für jenes nutzen lassen und so Platz und Geld sparen?
Ihre konzeptionell-strategische Kompetenz ergänzten AllesWirdGut bald um den Städtebau. In Esch-sur-Alzette in Luxemburg brachten sie einen verödeten Stahlhof als modernen, repräsentativen Stadtplatz wieder zum Leben. Den Vorsprung für den Gewinn dieses Wettbewerbs holten sie nicht nur mit „gestalterischer Zurückhaltung, sondern auch mit bestmöglicher Ausnutzung des vorhandenen städtebaulichen Potenzials". Der Gemeinde schlugen sie vor, alte Betonpfeiler zu Trägem von hinterleuchteten, flexibel bespielbaren Werbefolien umzufunktionieren. Durch die Vermietung dieser Flächen, so die Idee der Architekten, könnten jedenfalls die Instandhaltungskosten gedeckt werden. Professor Krause lobt AllesWirdGut denn auch ausdrücklich dafür, dass es ihnen nicht um die Inszenierung von Architektur gehe, sondern darum, für jeden Ort die angemessene Lösung zu suchen.
Um Marketing und Öffentlichkeitsarbeit kümmern sich Marth, Passler, Spiegl und Waldner dagegen wenig. Was nicht heißt, dass sie darin nicht gut wären. So durfte das junge, fast unbekannte Team Österreich bei der Architektur-Biennale in Venedig vertreten. Sie bespielten diese Bühne nicht allein, sondern öffneten sie als Plattform für ein Netzwerk. Sie selbst traten als Kuratoren auf und präsentierten Woche für Woche andere Büros aus ihrem Architekturnetzwerk. „Mit dieser Aktion", so Krause, „haben die sich auch in ihrer eigenen Szene eine sehr gute Stellung verschafft, das ist strategisch äußerst klug." Internationale Präsenz ist für AllesWirdGut sonst kein großes Thema. Sie arbeiten am liebsten dort, wo sie die Rahmenbedingungen kennen und für sich nutzen können. „Das", so Passler, „sind wichtige Parameter für wirklich gute Projekte; in Ländern, wo man den Kontext und die Kultur nicht gut kennt, kann man nicht das volle Potenzial eines Projektes ausschöpfen." Ihr erklärtes Ziel ist es, sich in Mitteleuropa so zu etablieren, dass sie den Betrieb und die Qualität, die sie in den vergangenen sieben Jahren aufgebaut haben, weiter halten und ausbauen können.
Und China? Da scheiden sich die Geister Nach China, das neue Mekka für Architekten, zieht es AllesWirdGut nicht. Graft dagegen schon, die mit Standort drei nun auch in Peking vertreten sind. Meinhard von Gerkan warnt vor dem Abenteuer. Newcomer, die in dem boomenden Riesenreich arbeiten wollten, hätten es „sehr, sehr schwer". Es gebe zu viele gute und bekannte Architekten dort. Auch von Gerkan ist mit GMP seit Jahren in China erfolgreich und verdient „richtig Geld" - allerdings erst, seit der Verlust der ersten zwei Jahre wettgemacht werden konnte. Die Honorare sind niedrig, die Projekte zum Teil riesengroß, ganze Stadtteile werden errichtet. Ohne langen Atem und die notwendigen Rücklagen ist das ein hochriskantes Geschäft.
Graft-Mann Lars Krückeberg lassen solche Warnungen kalt. Peking - das verspreche „möglichst viel Abenteuer. Im 15. Jahrhundert wäre Florenz spannend gewesen, im 19. Jahrhundert Paris, jetzt ist eben China unglaublich spannend". Und dann setzt er nach kurzem Zögern nach: „Wir sind frei. Wenn es da nicht klappt, gehen wir woanders hin, und zwar ziemlich schmerzlos."
