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brand eins 10/2006 - SCHWERPUNKT: Erfolg

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Ein guter Ingenieur ist wie ein Künstler

Apple-Mitbegründer Steve Wozniak erzählt, was nötig ist, um mit einer zündenden Idee erfolgreich zu werden, und weshalb Google heute der unbestrittene Hort der Innovation ist.

brand eins: Mr. Wozniak, in Silicon Valley gelten Sie bereits als Legende - als jener Tüftler, dem die Welt den ersten Apple-Computer, Apple I, und seinen Nachfolger Apple II zu verdanken hat. Aber erst jetzt haben Sie Ihre Lebensgeschichte in einem Buch veröffentlicht - waren Sie dafür vorher zu bescheiden? Wozniak: Ich bin jenseits der 50 - und da fragt man sich, welche bahnbrechenden Dinge im vergangenen halben Jahrhundert in unser Leben getreten sind. Der Computer steht auf dieser Liste ganz oben - sehe Entstehungsgeschichte ist ein spannendes Stück Geschichte. Aber: Viele Geschichten über Apple sind schlichtweg falsch. Laien lesen all die Bücher, die jahrzehntelang immer dieselben Geschäftspraktiken oder Anekdoten wiederkäuen. Doch das Spannende ist, wie Leute wie ich überhaupt auf die Idee kamen, solche ungewöhnlichen Produkte zu entwickeln, und wie die ersten Computer hergestellt wurden. Der Apple II war der erste Personal Computer für die breite Masse, und seine Geschichte kann ich zwangsläufig am besten erzählen, da ich die Hardware und die Software entwickelt und gebaut habe.

Sie hatten Ihren alten Bekannten und Apple-Mitbegründer Steve Jobs gebeten, ein Vorwort zu schreiben, aber er hat abgelehnt. Wieso?

Ihm gefiel die Art und Weise nicht, wie er in dem Buch porträtiert wird. Er hat das Manuskript gelesen und sah sich darin verunglimpft. Ich finde die Beschreibung seiner Person korrekt. Ich wollte schlicht und einfach aufzeigen, worin wir uns unterscheiden. Ich war ein reiner Mathematiker und Ingenieur. Er war der Geschäftsmann, dem es um den Aufbau eines erfolgreichen Unternehmens ging. Heute suchen alle immer nur nach dem Negativen, doch es gab gar nicht so viel Streit zwischen uns. Ich bin der größte Softie der Welt. Ich sage, was ich denke, aber ich versuche, Konflikte zu vermeiden.

Ist die Geschichte der beiden Steves nicht auch ein Lehrstück über den Erfolg einer Neugründung? Man braucht eben einen Tüftler und einen Geschäftsmann.

Das stimmt. Steve kümmerte sich um das Geschäft. Er rief die Händler an und fand heraus, was sie wollten. Er machte sich Gedanken über die Verpackung, über die Anzeigen. Und ich war der Ingenieur, der die Software schrieb. Ich wollte nichts mit Geschäfts- und Personalpolitik zu tun haben oder Leute herumkommandieren. Stattdessen wollte ich das tun, was ich am besten kann: einen PC zu erschwinglichen Preisen bauen, mit dem jeder umgehen kann.

Diese Arbeitsteilung zwischen einem Tüftler und einem Geschäftsmann kam auf lange Sicht Steve Jobs zugute: Noch heute erntet er den Ruhm bei Apple.

Was die Technik angeht, waren das alles meine Ideen: so groß wie eine Schreibmaschine, kleine Tastatur, Farbmonitor. Steve erkannte das Potenzial. Er realisierte, dass der Apple II ungemein beliebt sein würde und seiner Zeit weit voraus war.

Den alten Zwist einmal beiseite - was sollen wir an inspirierenden Gedanken aus Ihrer Geschichte mitnehmen?

Dass es wichtig ist, eine große Idee zu haben und sie leidenschaftlich zu verfolgen - sei es in den Naturwissenschaften, in der Mathematik oder im Ingenieurwesen. Man kann erfolgreich sein, selbst wenn die tollsten Doktoranden, die berühmtesten Universitäten und Unternehmen nicht einmal im Traum an dein Projekt glauben. Als Jugendlicher meine eigenen Dinge zu bauen, das hat mir im Leben am meisten Spaß gemacht.

Ihr letztes Kapitel ist überschrieben mit „Brief an einen jungen Erfinder". Wie sehen Ihre Ratschläge für angehende Genies aus?

Erstens muss man Dinge von der Pike auf lernen. Wie Elektronen durch einen Draht fließen, wie sich Atome zu einem Kristall formen. Von diesem Grundwissen aus muss man sich nicht nur in der Mathematik, sondern auch in der Elektronik und der Technologie nach oben arbeiten. Zweitens sollte man seiner Intuition folgen und sich von niemandem vorschreiben lassen, einer anderen Formel zu folgen, um sein Ziel zu erreichen. Drittens sollte man selbst in den Naturwissenschaften die Welt nicht in binäres Schwarz, und Weiß unterteilen.

Wie arbeitet ein visionärer Ingenieur am besten?

Ein guter Ingenieur ist wie ein Künstler. Wenn man etwas entwickelt, ist jedes Detail wie ein Pinselstrich, der genau passen muss. Genauso wie Ernest Hemingway Tage und Wochen an seinen Sätzen feilte, arbeitete ich bei Apple. Wir haben komponiert wie Solo-Musiker. Aus Noten werden Melodien, dann Strophen, und am Ende kommt ein ganzes Lied heraus.

So arbeitet heute kaum noch jemand. Technologiefirmen haben riesige Teams mit genau vorgegebenen Zeitplänen, in denen es wenig Raum für Individualität gibt.

Jedes Projekt lebt am Ende von ein bis zwei guten Leuten. Meine Projekte waren meine Babys, und ich musste mit niemandem darüber streiten, was ich weglassen oder hinzufügen sollte. Das Modell gilt heute noch. Ich schätze, dass einer von zehn Ingenieuren oder Programmierern ein solcher Künstler ist.

Was passiert, wenn diese künstlerische Ader fehlt?

Wenn man etwas als Auftragsarbeit für ein Unternehmen entwirft, dann zählt nur, ob es am Ende abgenommen wird. Die Folgen sieht man überall. Welche Technik kann man heute kaufen, die wirklich funktioniert? In der heutigen IT-Welt können die wenigsten Entwickler wie Perfektionisten denken und testen, testen, testen. Die großen Firmen bewegen viel Geld, sodass es vor allem auf eines ankommt: Verlässlichkeit, was die Termine und den Kostenrahmen angeht. Da reicht es dann, wenn das Produkt gerade gut genug ist.

Also sollte man seine visionären Technikträume am besten in einem kleinen Unternehmen zur Produktreife entwickeln?

Nicht unbedingt. Als ich vor Apple bei Hewlett-Packard arbeitete, konnte ich großartige Ideen clever umsetzen. Aber man muss genug Freiraum haben, um dazuzulernen. Künstler steigen selbst in einer großen Organisation auf lange Sicht auf und können über kurz oder lang ihre eigenen Projekte verfolgen.

Wieso sind dann fast alle großen Technologiefirmen dabei, ihre Forschungs- und Entwicklungslabors zu stutzen, statt mehr künstlerische Freiheit zu gewähren?

Weil es heute nicht mehr auf unterschiedliche Hardware ankommt, sondern auf Software. Das macht die Entwicklungsarbeit um den Faktor 1000 oder 10 000 kürzer und preiswerter. Fast jeder beliebige Mikroprozessor taugt heute für die verschiedensten Geräte - man muss nur aus einer begrenzten Auswahl von Hardware auswählen, statt das Rad neu zu erfinden. Mit Software lässt sich jetzt fast jede Idee realisieren. Man muss die Einzelteile nur mit der richtigen Software zusammenkleben.

Kann eine Firma wie Apple angesichts des enormen Drucks vom Markt und der Börse überhaupt noch kreativ sein?

Jede Firma behauptet von sich, sie sei vom Markt getrieben. Bei Apple war das damals auch nicht anders als bei IBM. Was man wirklich braucht, ist eine Mischung aus tollen Ideen und einer guten Einschätzung des Marktes. Auch Apple hat eine Menge schrecklicher Fehler begangen, aber hinterher ist es immer einfach zu sagen, woran es lag.

Trotzdem: Steve Jobs beherrscht diese Mischung offenbar.

Er benutzt vor allem eines: seine Intuition. Was ist seiner Meinung nach so gut, dass es sich sicher verkaufen wird? Er hat mir selbst gesagt, dass Apple nur dann Geld verloren hat, wenn sie Schrott hergestellt haben, den die Welt nicht wollte. Genauso wichtig ist die Art und Weise, wie Jobs neue Produkte einführt. Er stellt Dinge so vor, dass einem der Speichel zusammenläuft, man muss sie einfach haben. Der Wert eines Produktes ist dadurch ungleich höher als die bloße Summe seiner Funktionen.

Welche Firmen treiben heute Innovationen voran, an denen sich der Tüftler als Künstler freuen kann?

Google ist fast die einzige treibende Kraft bei Software-Innovation. Dort gibt es genug Kreativität, um alte, seit langem ungelöste Probleme zu knacken. Ich habe bereits vor zehn, 15 Jahren mit elektronischen und Online-Kalendern experimentiert, aber bin immer wieder zähneknirschend zum Papier zurückgekehrt. Google hat das Problem gelöst, und zwar gut und gratis.

Wie kann ein Ingenieur in einem Riesenunternehmen wie Google so frei und autonom arbeiten, wie Sie es beschrieben haben?

Sie werden gut genug bezahlt und sind zahlreich genug, um ihre eigenen Ideen zu verfolgen. Fast alle Software-Künstler, die ich heute kenne, arbeiten bei Google. Das liegt vor allem an einem: In einer jungen Firma besitzt man mehr kreative Freiheit als in einem etablierten Unternehmen - egal, wie viele Personen dort arbeiten. Das traf auch auf Apple zu. Dann wurde die Firma erwachsen, und alles musste in einen Rahmen passen, von Managern und der Marketingabteilung genehmigt werden. Von einem bestimmten Punkt an war der kreative Freiraum weg, um großartige Dinge zu entwerfen.

Sie haben vor kurzem mit anderen Apple-Veteranen wie dem geschassten CEO Gil Amelio einen Risikokapitalfonds namens Acquicor gegründet und rund 200 Millionen Dollar eingesammelt. Was wollen Sie mit dem Geld anfangen?

Wir haben die Millionen in einem Treuhandfonds unabhängiger Manager angelegt und insgesamt 18 Monate Zeit, um ein geeignetes Akquisitionsobjekt zu finden, dem 80 Prozent der Investoren zustimmen. Noch bleibt uns knapp ein Jahr, um im Technologiesektor etwas Geeignetes zu finden. Idealerweise suchen wir nach einer Technik, einer Abteilung oder einer ganzen Firma, die zu einem Turnaround taugt und uns außerdem die Gelegenheit zu weiteren Akquisitionen gibt.

Ich dachte, Sie sind kein Geschäftsmann, sondern ein Ingenieur, der tüfteln will ...

Meine Rolle ist die eines Visionärs, der Gespür dafür besitzt, welche Techniken Potenzial besitzen.

Apple hatte und hat wegweisende Ideen, aber die Firma wollte ihr Betriebssystem bis heute nicht lizenzieren. Der Preis dafür ist ein verschwindend geringer Marktanteil, an dem auch Steve Jobs und der Erfolg des iPod nichts geändert haben. Stimmt Sie das nicht traurig?

Nein, im Gegenteil! Ich bin lieber etwas Besonderes als der große Marktführer. Ich kaufe mir lieber ein außergewöhnliches Stück Technik, das nicht jeder hat und das zudem nicht sündhaft teuer ist.


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