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brand eins 03/2004 - SCHWERPUNKT: Fortschritte
ZWEI FLIEGEN MIT EINER KLAPPE
Mittelständler sind häufig klamm. Arbeitnehmer müssen fürs Alter vorsorgen.
Ein Drucker aus der hessischen Provinz hat für beide Probleme eine elegante Lösung gefunden.
25 Kilometer südlich von Kassel liegt Melsungen malerisch an der Fulda. Die Fachwerk-Innenstadt ist vollständig erhalten, das Rathaus aus dem 16. Jahrhundert gehört zu den schönsten seiner Art. Deutschland wie aus dem Bilderbuch, Geschichte, wohin man schaut.
Und die Zukunft ist auch nicht weit. Im Gewerbegebiet des 15 000-Einwohner-Städtchens steht, einen Steinwurf vom Arbeitsamt entfernt, die Druckerei Faubel. Der Geschäftsführer Reinhard Kuge, ein kleiner, rundlicher Mittfünfziger, hat sein Büro im Altbau, der früher mal eine Tuchmühle beherbergte. Sein Unternehmen ist auch nicht mehr jung. 1855 wurde es als Spezialdruckerei für Apothekenbedarf - Faltschachteln, Etiketten, Beipackzettel - in Kassel gegründet. Von dort zog die Firma, nachdem sie im Zweiten Weltkrieg ausgebombt worden war, in die nordhessische Provinz. Kuge hat die Druckerei 1982 von seinem 79-jährigen Vorgänger übernommen - der zwei Monate darauf starb. Eine nachhaltige Erfahrung für den damals erst 33-jährigen Jungunternehmer, der sich fortan ohne diesen Ratgeber durchbeißen musste.
Kuge stammt selbst aus einer Druckerfamilie, wuchs im Westfälischen auf und redet gern ("Ich sach mal") über sich, seinen Betrieb und die Wirtschaft im Allgemeinen. Schon seit langem ärgert er sich über das schlechte Image von Unternehmern, die "durch Großbetriebe in Verruf geraten, wo Mitarbeiter als Ballast gelten und Manager sich bereichern, ohne irgendein Risiko zu tragen". Über das Thema kann er sich richtig aufregen, denn für ihn sind, so sagt er, die Mitarbeiter das eigentliche Kapital. Nun, ja, diesen Satz hat man in Chefetagen schon häufig gehört.
Kuge ist allerdings einer, der nicht nur redet. Bereits vor vier Jahren hat er eine Gewinnbeteiligung eingeführt, bei der für vollbeschäftigte Mitarbeiter jährlich rund 500 Euro zusätzlich zum Urlaubs- und Weihnachtsgeld herausspringen. Seit diesem Jahr gibt es zudem ein weiteres interessantes Angebot: so genannte Wertguthaben. Die Mitarbeiter verzichten auf die Auszahlung von Überstunden, einen Teil ihres Weihnachts- und Urlaubsgeldes oder Gehalts und legen dieses Guthaben brutto im Unternehmen an. Dafür werden ihnen jährlich 3,5 Prozent Zinsen ausgeschüttet - mehr als mit einem Sparbuch. Ihr Konto können sie im Alter nutzen, um früher in den Ruhestand zu gehen oder um ihre Rente aufzustocken.
Das Guthaben ist gegen Insolvenz versichert; bei Notfällen oder bei Kündigung kommt man auch vorzeitig ans Geld.
Für die Beschäftigten ist die Kapitalisierung von Arbeitszeit eine interessante Anlagemöglichkeit, für die Firma ein günstiger Kredit. "Das Schöne ist: Es gibt zwei Gewinner, die Mitarbeiter und das Unternehmen", freut sich der Chef. Sein Modell erinnert an das von Bertelsmann, wo Kuge in den sechziger Jahren den Beruf des Druckers erlernte. Die Firmenphilosophie des Gütersloher Patriarchen Reinhard Mohn, der sein Unternehmen auch mithilfe eines eleganten Beteiligungsmodells ganz groß machte, hat ihn damals ziemlich beeindruckt.
Der ideale Mitarbeiter ist gleichzeitig Kapitalist und Partner der Firma Solche Ambitionen hat Kuge nicht, dafür aber einen kerngesunden Betrieb - die erste Voraussetzung, um Mitarbeiter zu überzeugen, in den eigenen Arbeitsplatz zu investieren. Der Chef hat die einst veraltete Druckerei komplett modernisiert und auf einem Nischenmarkt geschickt positioniert. 1996 ließ er sogar eine selbst entwickelte Neuerung in Deutschland und zwölf weiteren europäischen Ländern patentieren: ein wieder verschließbares Etikett, mit dem sich bis zu 40 Seiten Produktinformationen etwa auf Medizinfläschchen anbringen lassen. Auch dank solcher Innovationen steht das Unternehmen gut da. 80 Mitarbeiter, darunter acht Auszubildende, machen rund acht Millionen Euro Umsatz, der allein 2003 um fast zehn Prozent gesteigert werden konnte. In den vergangenen Jahren hat Kuge kräftig investiert und 20 neue Arbeitsplätze geschaffen. Aus Mitarbeitern sollen nun Kapitalgeber werden.
Die Idee ist noch ein bisschen älter als die Druckerei Faubel. Der Nationalökonom und Reformer Johann Heinrich von Thünen führte die Mitarbeiterbeteiligung bereits 1848 auf seinem Landgut Tellow in Mecklenburg ein. Die Arbeiter bekamen einen Anteil am Ertrag des Gutes, " welcher erst nach vollbrachtem 60. Lebensjahr zu ihrer Verfügung gestellt wird, wovon sie aber bis dahin Zinsen beziehen. Den Arbeitern ist dadurch nun eine heitere Aussicht in die Zukunft eröffnet, und sie sind zugleich unabänderlich an mein Interesse geknüpft." Thünen verfolgte mit seinem Konzept in den unruhigen vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts vor allem ein politisches Ziel: Reformen wie seine sollten die Arbeiter von der Revolution abhalten.
An die denkt im Deutschland des 21. Jahrhunderts kaum jemand. Um die Altersversorgung aber sorgen sich viele, und die Finanzierung des Mittelstandes ist ein echtes Problem für den Standort. Insofern passt das Modell Faubel gut in die Zeit.
Was nicht bedeutet, dass Kuges Wertguthaben ein Selbstläufer war. Es galt, allerlei. Formalien zu beachten - und vor allem die potenziellen Anleger zu überzeugen. Dabei geholfen hat Michael Lezius von der Arbeitsgemeinschaft Partnerschaft in der Wirtschaft (AGP e.V.) Die AGP setzt sich seit Jahren für Beteiligungsmodelle ein, kennt die verschiedenen Varianten und Kniffe. Lezius, der ein wenig zum Pathos neigt, sagt über das Programm seines Vereins: "Wir wollen den Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital aufheben. Der ideale Mitarbeiter ist gleichzeitig Kapitalist und Partner des Unternehmens." Ebenso wichtig wie der Berater war Tanja Ackermann. Die 31-Jährige hat bei Faubel gelernt, später die Meisterschule besucht und ist heute für die Qualitätssicherung im Betrieb verantwortlich. Sie hat einen guten Draht zu ihren Kollegen und weiß, wie man komplizierte Themen rüberbringt. Gemeinsam mit dem Betriebsrat hat sie geduldig die Fragen der Kollegen beantwortet, denen diese neue Idee des Chefs nicht unmittelbar einleuchtete. Warum sollen wir der eigenen Firma einen Kredit geben? Ist das Geld wirklich sicher angelegt, oder kann es sich in Luft auflösen wie bei vielen Börsenwerten? Was, wenn ich es irgendwann selbst dringend brauche? Wie ist das mit der Steuer? "Am Anfang", erinnert sich Tanja Ackermann, "hat uns ganz schön der Kopf geraucht." Der "Transmissionsriemen zwischen Arbeit und Kapital" (Lezius über Ackermann) hat gut funktioniert: Mittlerweile haben von 66 berechtigten Mitarbeitern schon mehr als zwei Drittel ein Wertguthaben. Kuge rechnet damit, dass auf diese Weise pro Jahr rund 80 000 bis 90 000 Euro zusammenkommen, mit denen der Betrieb arbeiten kann. Ein echter Vorteil in einer investitionsintensiven Branche, mit einer durchschnittlichen Eigenkapitalquote von nur zehn bis 15 Prozent.
Wer aus Arbeitern Investoren machen will, muss seine Karten auf den Tisch legen Tanja Ackermann führt uns durch den im wahrsten Sinne des Wortes blitzsauberen Betrieb. Die pharmazeutische Industrie, einer der Hauptkunden, ist pingelig, und so müssen es die Drucker auch sein. Sie tragen Polo- und Sweatshirts mit dem Firmenlogo; an der Wand ein Blatt mit den Unternehmenszielen, unter anderem soll die Fehlerquote gesenkt werden. Dass Arbeiter, deren Geld in der Firma steckt, noch motivierter bei der Sache sind, darauf hofft Kuge natürlich. "Wenn der Mitarbeiter feststellt, dass irgendetwas nicht so läuft, wie es laufen soll, muss ihm das wehtun." Der Chef tüftelt mittlerweile schon an seinem nächsten Projekt. Im kommenden Jahr wird neben den Wertguthaben noch eine weitere Anlagemöglichkeit eingeführt. Die Belegschaft kann dann - über eine noch zu gründende Faubel-Mitarbeiter-Beteiligungs GmbH - Anteile am Betrieb kaufen (maximal vier à 500 Euro im Jahr, die von Faubel mit zehn Prozent bezuschusst werden). Als stille Teilhaber sind die Beschäftigten, allerdings in begrenzter Form, am unternehmerischem Erfolg beteiligt. Der jährliche Gewinn ist auf 15 Prozent des eingesetzten Kapitals begrenzt, der Verlust auf fünf Prozent. " Der Mitarbeiter nimmt versteuertes Geld aus seiner Lohntüte und steckt es wieder ins Unternehmen", erklärt Kuge. "Dafür wird er belohnt - und ist allerdings auch darauf angewiesen, dass das Unternehmen gut geführt wird." Davon ist der Chef selbstverständlich überzeugt. Allerdings macht er sich schon heute Gedanken über seinen Ruhestand, den er nicht als Greis, sondern in zehn Jahren antreten will. Vielleicht, so seine Überlegung, komme aus den Reihen der stillen Teilhaber, die einen eigenen Geschäftsführer haben und gut über die Firma informiert sein werden, ja sein Nachfolger.
Einfluss auf die Geschäftspolitik bietet das Modell den Anlegern nicht. Dem Unternehmen aber handfeste Vorteile: Die Firma kann Ausschüttungen auf stille Beteiligungen als Betriebsausgaben geltend machen. Das größte Plus: Die Druckerei erhöht durch die stille Beteiligung der Mitarbeiter ihre Eigenkapitalquote und verbessert perspektivisch ihr Rating im Hinblick auf die strengen Kreditvergaberichtlinien nach Basel II - die viele Mittelständler fürchten.
Bei einer - realistischen - Umsatzrendite von drei Prozent würden die Anteile der Mitarbeiter mit sieben Prozent verzinst, eine doppelt so hohe Rendite wie bei dem Wertguthaben. Allerdings ist auch das Risiko größer. "Wenn der Chef an den Baum fährt und das Unternehmen in Konkurs geht, ist das Geld weg, weil es - anders als das Arbeitszeitkonto - nicht versichert wird." (Lezius) Für die AGP ist die experimentierfreudige Druckerei ein leuchtendes Beispiel. Bisher bieten mit rund 32000 Betrieben weniger als fünf Prozent der deutschen Unternehmen Beteiligungsmodelle an. Was auch damit zu tun hat, dass, wer aus Arbeitern Investoren machen will, seine Karten auf den Tisch legen muss. Für Kuge kein Problem: "Wir sind gläsern. Wenn ich höre, dass in anderen Unternehmen hinter dem Rücken der Mitarbeiter irgendwelche Unregelmäßigkeiten passieren, wundere ich mich. Unsere Mitarbeiter werden gut informiert, auch über Zahlen." Selbst seine Träume hält der Drucker nicht geheim. In einem seiner letzten sei er an einer Maschine vorbeigegangen, an der ein Schild hing: "Finanziert von Mitarbeitern der Faubel GmbH". www.druckerei-faubel.de www.agpev.de www.mitarbeiterbeteiligung.de
