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brand eins 05/2001 - SCHWERPUNKT: Globalisierung
Wer an den Markt glaubt, ist naiv.''
Der Ökonom W. Brian Arthur war Wegbereiter für die wichtigsten Theorien, auf die sich Hightech-Unternehmer berufen: steigende Grenzerträge, der Effekt des Netzwerks und der Vorteil, als Erster im Markt zu sein. Dass die neue Wirtschaft nun in die weltweite Krise rutscht, sagt Arthur, liegt nur an einem – die Leute haben das Wesen der neuen Wirtschaft nicht begriffen.
Vor 22 Jahren lachten ihn Ökonomen aus, weil W. Brian Arthur mit seinen Hypothesen von der Wirtschart als komplexes System an der Grenze zum Chaos am Mythos vom perfekten Marktgleichgewicht rüttelte. "Wenn Sie Recht haben, kann Kapitalismus nicht funktionieren", schleuderte ein Harvard-Professor Arthur noch 1984 ins Gesicht. Fachmagazine wiesen seine Artikel ab, Stanford wollte den Mathematiker nicht einstellen. Wie sich die Zeiten seit dem Aufstieg der PC-Kultur und der Produktion a la Bill Gates und Michael Dell gewandelt haben!
Kartellwächter Joel Klein beschied dem 65-jährigen Iren, seine Theorie von zunehmenden Grenzerträgen und die daraus resultierenden Monopole in einer Hightech-Wirtschaft habe ihn tief beeindruckt. So tief, dass sich ein Großteil der Argumente im Prozess gegen Microsoft daraus speisten. Der ehemalige Citigroup-Vorstand John Reed ließ Arthur ein Computersystem für den Devisenhandel entwerfen, das seine Formeln der Biologie und Physik abgeschaut hatte statt der Idee von der "unsichtbaren Hand" der Märkte. Credit Suisse First Boston präsentierte Arthur seinen großkopferten Kunden auf einem Kongress als " Thought Leader", um technischen Wandel zu überleben. Illustriert wurden die Vorträge mit Zeichnungen eines Bienenschwarms.
Arthur ist beileibe nicht der Erste, der die Devise vom positiven Feedback auf die Volkswirtschaft anwendet: "Wer viel hat, gewinnt noch mehr!" Darüber grübelte Alfred Marshall schon Ende des vorletzten Jahrhunderts. Aber der Dubliner ist der erste Ökonom, der Formeln aufstellte, um den brüsken und zugleich immer komplexeren Verdrängungswettbewerb im digitalen Zeitalter abzubilden. Im Rampenlicht stand der Professor mit der brüchigen Stimme, der einst für McKinsey in Düsseldorf arbeitete, dennoch nie. Arthur hat seit mehreren Jahren kein Buch mehr veröffentlicht.
Er hält Seminare in Stanford und besitzt einen Lehrstuhl am unabhängigen Santa Fe Institut, der Wiege interdisziplinärer Komplexitäts-Forschung in New Mexico. Die meiste Zeit verbringt Arthur in einem kleinen Büro tief in den Eingeweiden von Xerox Parc. Am Ende des Ganges, direkt beim Notausgang auf die Wiese hinter dem Forschungszentrum, schreibt er an einer Philosophie der Technik in der neuen, globalen Wirtschaft.
brand eins: Das Silicon Valley hat eine bizarre Geschichte. Aus einem Tal mit Obstplantagen entstand das Herz der Hightechindustrie, das nun außer Takt geraten ist: Entlassungen, Pleiten und Gewinnwarnungen aus der Silicon-Valley-Hauptstadt San Jose erschüttern die Welt. Wie passt das zusammen?
Arthur: Silicon Valley ist erstaunlich klein und provinziell, und doch ist es die treibende Kraft der US-Wirtschaft geworden. Das hätte vor zehn Jahren niemand erwartet, da wurde Hochtechnologie als Wurmfortsatz der industriellen Fertigung gesehen. Aber keine Frage: Wenn diese Konjunkturlokomotive stottert, rutscht die gesamte US-Wirtschaft in die Krise.
brand eins: Und mit ihr die industrialisierte Welt?
Arthur: Wenn Alan Greenspan an der Westküste lebte, würde er die Leitzinsen nicht um ein halbes Prozent, sondern um zwei bis drei Prozent senken. Wir stecken in einer völlig neuen Krise, denn die alte Wirtschaft operierte unter steigenden Grenzkosten. Das heißt: In einer Expansionsphase stiegen bisher auch die Ausgaben - es gab Kapazitätsengpässe und mehr Überstunden, die Löhne zogen an. Die Kehrseite der Medaille war, dass die alte Wirtschart in einer Rezession dank fallender Kosten einen eingebauten, beinahe automatischen Stabilisator besaß.
In der Hightech-Industrie passiert das Gegenteil. Wenn AOL statt fünf Millionen zehn Millionen Abonnenten bedient, hat das höchstens einen positiven Effekt auf ihre Stückkosten. Wenn eine Rezession droht, lässt sich mit Kostenkontrolle nicht viel regulieren, und deswegen gehen Dinge viel schneller bergab.
brand eins: Die eingebaute Bremse fehlt?
Arthur: Genau. Es gibt keinen Stabilisator. Erst sahen wir den ganzen Hype um die neue Wirtschaft und die Dot.coms. Man war sicher: Künftig wäre alles vernetzt, und Wunder würden passieren. Doch weder die Technik noch die Benutzeroberflächen waren gut genug, um diese Träume wahr werden zu lassen. Sobald die Erwartungen zusammenfallen, werden wie bei einem Domino-Effekt Projekte entlang der gesamten Wertschöpfungskette gestrichen. Dem Kollaps im Web folgt ein Sturzbach von Hiobsbotschaften bei Hardware-Herstellern wie Intel und Cisco. Wenn die Nachfrage ausbleibt, müssen die Stückkosten über die wenigen überlebenden Projekte verteilt werden.
brand eins: Wird in diesem Kollaps vieles zerstört und ausgekehrt, was als neue Wirtschaft gepriesen wurde? Schwören wir am Ende wieder auf die noch vor einem Jahr verpönte alte Schule?
Arthur: Technik hat unser Leben so durchdrungen, dass es keinen Weg zurück gibt. Gegenwartig strömen mehrere technische Revolutionen zusammen. Wir befinden uns am Anfang der Bio-Engineering Revolution - die krempelt die Landwirtschaft, Medikamente und die Genforschung um. Wir haben die Sprache der Biologie gelernt, um lebende Systeme vom Bauernhof bis zur Gesundheitsvorsorge zu entwickeln. Außerdem durchleben wir die digitale Revolution, sprich das Zusammenwachsen von Computern und Telekommunikation.
brand eins: Droht eine Rezession diesen Entwicklungen die Luft abzudrücken?
Arthur: Nein, denn Technik gebiert ständig neue Technik. Sobald das Genom entziffert ist, geht es an die Entschlüsselung von Proteinen - und wir haben mit der Proteomik einen neuen Forschungszweig. Der Fortschritt betrifft natürlich zuerst nur die Angebotsseite. Was tun, wenn die Nachfrage ausbleibt? Je schlechter es um eine Volkswirtschaft steht, desto weniger Verbraucher werden digitale Spielereien nachfragen. Gleichzeitig kann die Spar-Mentalität aber dazu führen, billigere Biotech-Methoden zur Nahrungsmittelherstellung voranzutreiben.
brand eins: Die meisten Dot.coms beriefen sich in guten Zeiten auf Ideen, die Sie populär gemacht haben. Nehmen Sie den Network-Effekt und den Lock-In-Effekt: Ein Produkt muss nur möglichst schnell genug Marktanteil erobern. Dafür kann man angeblich traditionelle Geschäftsmodelle vergessen und Unmengen von Geld ins Marketing stecken. Sind Sie mitverantwortlich für die Luftblase der neuen Wirtschaft?
Arthur (lacht): Ich würde den Gedanken hassen, dass ich daran schuld bin. Natürlich trugen diese Ideen zum Hype bei. Ich halte an meinen Argumenten trotzdem fest, auch wenn sie die wenigsten richtig verstanden haben. Hightech unterliegt zunehmenden Grenzerträgen, und das aus mehreren Gründen. Wer als Erster Marktanteile gewinnt, kann seinen Vorsprung überproportional ausbauen. Nach enormen Anlaufkosten - etwa eine halbe Milliarde für eine neue Version von Windows - kostet jede weitere Kopie nach dem Prototyp nur noch ein paar Cents. Wenn ich eine Sägemühle betreibe, kostet mich der erste Baumstamm ebenso viel wie der millionste. Dazu kommt der Lock-In-Effekt: Eine genügend große Nutzerbasis sorgt dafür, dass Einsteiger sich für das dominante Produkt entscheiden und dessen marktbeherrschende Stellung festigen.
Diese Vorstellungen waren Unternehmern im Silicon Valley wohl bekannt und sickerten im Lauf der Zeit in die Kultur. Vor anderthalb Jahren konnte man eine Idee für eine Web-Firma ausbrüten, seinen Zauberstab schwenken und "Network-Effekte" beschwören - und Risikokapitalgeber rannten einem mit Millionen nach! Unternehmer in Europa sahen das Vorbild Silicon Valley und taten das Gleiche.
brand eins: Die Rechnung ging nur leider nicht auf.
Arthur: Viele Leute haben die Theorie nicht zu Ende gedacht. Der Kerngedanke ist ja, dass einer sich durch Glück oder clevere Strategie einen Vorteil verschafft und daraus überproportionalen Nutzen zieht. Nicht jeder gewinnt, sondern fast jeder verliert, weil nur ein oder zwei Große übrig bleiben. Deswegen habe ich den Wettbewerb in dieser neuen Welt mit einem "Casino of Technology" verglichen. Man kennt oft weder die Regeln noch die Mitspieler. Der Erste am Markt zu sein ist wichtig, aber es garantiert keineswegs Erfolg.
brand eins: Das müssen Sie etwas genauer erklären.
Arthur: Wenn ich etwa Groceries.com oder Bookbuying.com starte, dann kann es starke Network-Effekte geben - aber nur, wenn ich dabei wirklich ein Netzwerk erscharfe und nicht nur Kunden sammle. Der klassische Network-Effekt ist das Telefon: Eines ist wertlos, Millionen sind unbezahlbar. Es juckt mich als Dot.com-Kunde jedoch wenig, ob zehn oder 30 Millionen andere Menschen irgendwo einkaufen.
Die meisten Netzwerke sehen wie die Speichen eines Rades aus: Ich logge mich in einen Server ein. Es gibt höchstens indirekte zunehmende Grenzerträge. Je größer eine Website wird, desto preiswerter kann sie Dienstleistungen anbieten oder ihre Logistik verwalten. Bis zu einem gewissen Grad, dann steigen ihre Kosten für zusätzliche Arbeiter oder Überstunden an wie in der klassischen Wirtschaftstheorie.
Einige wenige Firmen wie eBay oder AOL sind wirkliche Netzwerke, in denen jeder Teilnehmer mit jedem anderen sprechen kann. Wenn sich bei einem solchen kombinatorischen Netzwerk die Zahl der Teilnehmer verdoppelt, steigt die Zahl möglicher Beziehungen und Transaktionen exponentiell an. Damit schnellt der Nutzen für jeden Einzelnen nach oben. Und darüber kann ich wieder neue Kunden gewinnen.
brand eins: Kann man sich als Hightech-Anbieter irgendwo auf der Erde vor der erdrückenden Macht des Siegers schützen?
Arthur: Der Sieg gilt für die ganze Welt. Wenn sich Nokia in Finnland an die Spitze schiebt, kann es erst Europa und dann den Rest der Welt aufrollen. Internationaler Erfolg hängt aber auch von der Art des Geschäfts ab, ob Menschen oder Maschinen in Kontakt gebracht werden. eBay beispielsweise passt sich den örtlichen Gepflogenheiten an und nimmt auf die Kultur Rücksicht. Wer will in Deutschland schon Münzen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg sammeln? Ich wäre sehr vorsichtig, wenn mir jemand sagt, sein Online-Geschäft lasse sich global ausdehnen. Es wird weiterhin nationale und kulturelle Barrieren geben.
brand eins: Ist das Gerede von der globalen neuen Wirtschaft dank Internet nur ein schöner Traum?
Arthur: Die so genannte Internetwirtschaft ist bis jetzt eine dünne Schicht von Angeboten, die auf alten Herstellungsmethoden sitzt. Das Web kämpft immer noch damit, zu definieren, was es der Welt zu bieten hat. Was wir vor drei Jahren als seine großen Vorteile sahen, hat sich in vielen Fällen als pure Übertreibung herausgestellt. Es werden zehn bis 15 Jahre vergehen, bis sich das wirklich Nützliche herausschält.
brand eins: Wo ist dann der Wandel zu finden, außer in den Achterbahnfahrten der Börse?
Arthur: Dank Computern und Telekommunikation können eine ganze Menge Dinge plötzlich miteinander verbunden werden. Nehmen wir Finanzdienstleistungen. Banken, Risikomanagement. Versicherungen mussten bisher dort operieren, wo viel los war: in Frankfurt, New York, Zürich, London. Mit einem globalen Netz sehen wir plötzlich Standorte wie Dublin emporkommen; weil man nur einen gut ausgebildeten Mitarbeiter vor einem Bildschirm braucht. Ich wollte vor kurzem einen Flug mit Swissair buchen. Als ich die Frau am Telefon fragte, wo sie arbeitet, sagte sie: in Bombay! Die Fassade einer Firma ist direkt vor mir, während das "Back End" irgendwo auf der Welt sein kann. Staaten werden auf Dauer die Kontrolle und Aufsicht über viele wirtschaftliche Aktivitäten verlieren.
brand eins: Das sehen Regierungen in Europa aber anders, die wollen selbst Web-Seiten am anderen Ende der Welt kontrollieren.
Arthur: Es wird ihnen nicht gelingen. Ich rede nicht von Yahoo. Es ist sehr schwierig, Kapitalströme zu kontrollieren. Heute ist das Geld in Brasilien, eine Woche später in Russland, und eine ganze Volkswirtschart steht vor dem Abgrund. Dem kann niemand Einhalt gebieten.
brand eins: Was bedeutet dieser Umbruch für Unternehmen?
Arthur: Vor fünf bis zehn Jahren mussten Geschäftsprozesse mehr oder weniger am selben Ort stattfinden. Die Zukunft geht weit über Outsourcing hinaus, etwa wenn ein Autohersteller die Scheiben in China und das Getriebe in Deutschland produzieren lässt. Produktion an günstigeren Standorten hat es schon immer gegeben. Aber bisher mussten die Rohstoffe von verschiedenen Lieferanten am Ende immer an einem Ort zusammenlaufen, während es nun um die Kombination digitaler Prozesse geht.
Ich kann zum ersten Mal in der Geschichte Geschäftsprozesse atomisieren und beim Verbraucher kombinieren. Etwa eine digitale Bank: Verschlüsselung und Sicherheit kommen von einer Firma in Berkeley, das Clearing findet in Washington statt, die Sortware kommt aus Indien, die Server stehen in Kalifornien. Die Konsequenzen sind geografisch und organisatorisch. Firmen werden horizontaler und aus einer Vielzahl kleiner Einheiten oder Mini-Unternehmen bestehen. Während die alte Wirtschaft eine Ansammlung von Umwandlungs- und Veredelungsvorgängen war, ist die digitale Wirtschaft ein Bündel von Konversationen und Transaktionen, die sogar unterschiedliche Eigentümer haben können.
brand eins: Also bringt die globale digitale Wirtschaft armen Ländern, Schwellenländern, den ersehnten Anschluss?
Arthur: Im Prinzip kann Technologie überall entstehen. Ein Land wie Indien, das die nötige Expertise hat, kann aus dem Nichts in ein paar Jahren zu einem wichtigen globalen Player aufsteigen. Ebenso Finnland oder Irland. Aber ich würde keine Wetten auf den Kongo oder Sri Lanka abschließen. Es muss einen fruchtbaren Boden für Hightech-Kenntnisse geben, in dem digitale Aktivitäten Wurzeln schlagen können.
Es scheint so, als ob das vor allem in Ländern passiert, die kaum traditionelle Industrien haben, sondern eine Volkswirtschaft wie im 19. Jahrhundert besitzen. Finnland hatte Forstwirtschaft, Irland war ein Agrarstaat, Indien durch die Bank unterentwickelt, aber sie haben hervorragende Ausbildungseinrichtungen.
Ein Grund dafür ist, dass Länder mit etablierten Industrien wie Schweden und Deutschland eine Menge an Institutionen und Geschäftsprozessen haben, die einem Hightech-Wachstum im Wege stehen, und sie spüren nicht den Zwang, sich radikal umzustellen. Wo es eine Menge alter Industrien, starke Gewerkschaften und ein Gesetzesdickicht gibt, haben es Start-ups schwer. Deswegen ist Silicon Valley das Paradebeispiel. Vor 30 Jahren standen hier nur Obstbäume, von großen Produktionszentren keine Spur. Deswegen ging es plötzlich los - inklusive unerhört vieler Pleiten.
brand eins: Wenn die schlechten Ideen ausgesiebt werden, heißt das nicht, dass der Weltmarkt unausweichlich zum besten Ergebnis führt, wenn man ihn nur walten lässt?
Arthur: Es ist naiv, zu glauben, dass der Markt immer die beste aller möglichen Welten herbeiführt. Das ist keine Kritik am Markt, sondern Realismus. Wenn ich mein Leben lebe, mich für Freunde, eine Familie und eine Karriere entscheide, steht keineswegs fest, dass am Ende das beste Resultat steht. Hier in Amerika herrscht eine Marktideologie, in der das Geld regiert und die solche Gedanken als gefährlich betrachtet. Die meisten Europäer verstehen das besser als Amerikaner, denn wir haben zwei Weltkriege hinter uns und glauben weder an eine perfekte Welt, noch glauben wir, dass der Kapitalismus uns dahin führen kann.
brand eins: Wie lange wird es dauern, bis diese tief greifenden Wandlungen der Weltwirtschaft passieren?
Arthur: Das wird Jahrzehnte dauern. Und man sollte ruhig diskutierten, ob Länder sich beeilen sollten, um sich der Globalisierung zu öffnen. Die Risiken sind die gleichen wie früher beim Freihandel. Wenn Amazon mir in Europa etwas verkaufen will, muss mein Heimatland es für mich so einfach wie möglich machen. In Wahrheit gibt es noch jede Menge Barrieren: teurer Internetzugang, umständliche Zollformalitäten. Wenn ich in Deutschland Waren und Dienstleistungen genauso bequem und zuverlässig bestellen kann wie aus Palo Alto - das wäre der ultimative Freihandel.
brand eins: Klingt wunderbar.
Arthur: Die Frage ist, ob es im Interesse eines Landes liegt, massiv Umsatz in die USA zu transferieren. Die meisten Ökonomen würden es begrüßen. Aber im schlimmsten Fall sitzen alle neuen Firmen in den USA. Kanada etwa bestellte bereits vor fünf Jahren 30 Prozent seiner Bücher bei Amazon. So was kann schnell am Nationalstolz kratzen.
brand eins: Den meisten Leuten wird das wie das pure Chaos vorkommen. Oder ist das alles nur sehr komplex?
Arthur: Unsere alte Sichtweise der Wirtschart war, dass alles von oben nach unten organisiert ist, wie beim Militär. Fast alle Wissenschaftler gingen die Welt wie eine Uhr an, die man zerlegt und untersucht. Ein Körper besteht aus Organen, die bestehen aus Zellen und die Zellen aus kleineren Einheiten. Im Zellkern findet sich DNA und so weiter. Heute studieren sie, wie Dinge sich aus eigenem Antrieb organisieren - das ist Komplexität. Wie entstehen Galaxien, wie entstehen Verkehrsstaus, welche Strukturen und Muster bilden sich heraus? Die digitale Revolution hat diese Konzepte für die Business-Welt interessant werden lassen. Wenn ich meine Geschäftsprozesse beliebig verteilen kann, wie organisieren sich dann Abteilungen und Aktivitäten?
brand eins: Passiert dieser Umschwung im Denken in Europa und den USA gleich schnell, da alle miteinander in elektronischem Kontakt stehen?
Arthur: Amerika ist etwas weiter. Hier gibt es eine längere Tradition in der Forschung, obwohl Deutschland - allen voran Hoechst - vor hundert Jahren der Pionier in hierarchisch geführter Forschung und Entwicklung war. Für jeden Produktionsstandort gab es ein oder zwei Labors. Hier, in den USA, treffen sich vier, fünf Leute in der sprichwörtlichen Garage und tüfteln aus, wo sie ihre Komponenten herbekommen, ohne dass ihnen IBM über die Schulter guckt.
brand eins: Ist das eine der Fragen, die Sie in Ihrem neuen Buch untersuchen?
Arthur: Der Arbeitstitel ist schlicht und einfach: " Technologie und die moderne Wirtschaft". Wir müssen die Bedeutung von Technologie neu definieren. Es geht nicht mehr um Fabriken, die Inputs zu Outputs verwandeln, sondern um Funktionalitäten. Wer in der Hightech-Wirtschaft ein neues Produkt oder eine neue Dienstleistung entwickelt, kombiniert Elemente zu neuem Nutzen.
brand eins: Zum Beispiel?
Arthur: GPS - das Global Positioning System. Ich nehme Satelliten, Sender und Empfänger, Rechenkapazität. Ich setze das alles zusammen und verkaufe die Funktion - an den Wanderer ebenso wie an eine Fangflotte. Das Produkt ist eine unendliche Kette von Konversationen. Mein Auto spricht mit dem GPS-Modul und zeigt eine entsprechende Karte an, auf der bestimmte Läden oder Adressen verzeichnet sind.
Es geht mir um die philosophische Ebene. Durch diese Kombinationsmöglichkeiten bekommt Technologie einen völlig neuen Charakter. Darüber hat seit langem keiner mehr nachgedacht - zuletzt Martin Heidegger in seinem Aufsatz "Die Frage nach der Technik" 1949/50. Wir denken wie im 19. Jahrhundert in Zahnrädern und Abläufen. Das ist ähnlich wie bei der Musik: Wir kennen Noten, Instrumente und Komponisten, aber wir verstehen das Wesen der Musik und ihre Wirkung auf uns noch immer nicht.
