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brand eins 06/2003 - WAS UNTERNEHMERN NÜTZT
Was ist eigentlich - Whistleblowing ?
Wenn jemand einen verpfeift, ist er deshalb noch lange kein übler Bursche. Manchmal sogar ein Held.
Im Grunde genommen könnte man bei Adam und Eva anfangen. Vom biblischen Gleichnis lernen heißt: Wo mehr als zwei zusammenleben, kommt der Tag, an dem einer dem anderen etwas erzählt, das der Dritte... Den Rest kennen Sie bestimmt. Und auch den alten Satz: Man liebt den Verrat. Nicht den Verräter.
Ist das eigentlich in Ordnung?
Auf keinen Fall.
Denn das, was man gemeinhin unter Verrat zusammenfasst, ist längst nicht alles dasselbe. Da gibt es den doofen neidischen Kollegen, der sich beim Chef andient. Das kommt meist gut an, genauso wie die anonymen Hinweise des Ex-Mitarbeiters über mögliche Steuergeheimnisse des Chefs - die allermeisten Anzeigen trudeln bei den Behörden immer noch auf diesem Wege ein. Missgünstige Kollegen, Mitarbeiter und Nachbarn, Familienangehörige und Ex-Ehepartner, Konkurrenten und anderes Pack sind der Quell der Missgunst, aus dem sich der Verrat nährt und dem nichts Gutes innewohnt. Dem niedrigen Verrat gemein ist, dass er aus persönlichen Gründen erfolgt.
Doch was ist eigentlich mit jenen, die nicht aus niedrigen persönlichen Motiven handeln? Die nicht den Job, den Mann, die Frau, das Geld, das Grundstück, die Anerkennung eines anderen wollen. Sondern die jemanden verpfeifen, weil der etwas tut, was dem Gemeinwohl schadet. Der Gesundheit, dem Wohlergehen anderer. Für solche Leute haben wir in unserer schönen Sprache, die Stasi, Blockwart und Spitzel kennt, kein Wort. Deshalb übernehmen wir ihn aus dem Amerikanischen: Whistleblower.
Ein Whistleblower ist einer, salopp und frei übersetzt, der etwas verpfeift. Da ist zum Beispiel Jeffrey Wigand, der Mitte der Neunziger berühmt wurde. Hollywood hat die Geschichte des Vizepräsidenten der Forschungsabteilung des Tabakgiganten Brown & Williamson (z.B. Lucky Strike) in Szene gesetzt: Der "Insider", gespielt von Russell Crowe, zeigt die Geschichte eines ehrenwerten Verräters. Wigand hatte einem CBS-Reporter - und später auch den Ermittlungsbehörden - Beweise dafür vorlegen können, dass Brown & Williamson lange bekannt war, dass die Zusätze in ihren Zigaretten süchtig machen. Das war in den Mammutverfahren, die von der US-Gesundheitsbehörde und zahlreichen Bundesstaaten längst gegen Tabakkonzerne geführt wurden, von entscheidender Bedeutung. In mehreren Prozessen, die ohne Jeffrey Wigands Whistleblowing keine Chance auf Erfolg gehabt hätten, wurden die amerikanischen Tabakkonzerne zu 145 Milliarden Dollar Strafe verurteilt. Außerdem müssen die fünf großen Tabakkonzerne in einem Zeitraum von 25 Jahren einen Fonds für Tabak-Opfer einrichten und finanzieren: 368,5 Milliarden Dollar stehen dort bereit.
Oder "Deep Throat", der nach einem Pornoklassiker aus den frühen siebziger Jahren benannte Hauptinformant der Watergate-Aufdecker Bob Woodward und Carl Bernstein. Die bis heute nicht geklärte Identität des Mannes aus den höchsten Regierungskreisen sorgte für den Rücktritt Richard Nixons und die größte innenpolitische Krise der Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg. Deep Throat handelte - wie Wigand - uneigennützig und unter erheblichem persönlichen Risiko, weil er nicht wollte, dass im Weißen Haus ein Präsident und eine Mannschaft regieren, die Einbrüche, Bilanzfälschungen und Betrug als völlig normales Instrument im Wahlkampf einsetzten.
Whistleblower sind in den USA Volkshelden. Hier zu Lande werden sie weithin noch als Querulanten, Spinner, Denunzianten und rachsüchtige Schwächlinge behandelt. Doch die Zeiten ändern sich. Inzwischen gibt es auch hier die Wigands und Deep Throats, die Helden des Verrats. So wie die Tierärztin Margit Herbst. Die war in Schleswig-Holstein Amtstierärztin. Und stellte fest, dass bei den Untersuchungen auf die Rinderseuche BSE geschlampt wurde. Bundesbehörde und Fleischindustrie hatten wenig Interesse, die Sache an der eigenen Ware ganz genau zu untersuchen. Mit Beweisen dafür trat Herbst an die Öffentlichkeit, nachdem sie jahrelang versucht hatte, ihre Behörde davon zu überzeugen, dass damit nicht nur die Gesundheit der Kunden, sondern auch die Existenz des Unternehmens auf dem Spiel stehen würde. Sie wurde entlassen. Und verklagt. Als die Sache Margit Herbst 1997 beim Arbeitsgericht angelangt war, konnten die Mauscheleien der Behörden und der in die Vertuschung verwickelten Großschlachtereien bewiesen werden.
Oder der ehemalige grüne Haushaltssprecher Oswald Metzger, der nach einer langjährigen Karriere im Bundestag auf die zum Greifen nahe üppige Abgeordnetenpension pfiff und seinen Job hinschmiss - und der Öffentlichkeit in seinem vor kurzem erschienenen Buch "Einspruch!" auch sagt, warum: weil er als Finanzexperte der grünen Regierungspartei jene Finanzpolitik, die seiner Meinung nach zum Schaden des Landes und künftiger Generationen ist, nicht mittragen wollte. Metzger gilt jetzt unter Berliner Berufspolitikern als Persona non grata.
Wo Systeme taub sind, ist Verpfeifen erste Bürgerpflicht
Wir lernen: Deep Throat, Jeffrey Wigand, Margit Herbst und Oswald Metzger haben, wie viele andere Whistleblower auch, nicht einfach jemanden verpfiffen. Im Gegenteil: Sie alle haben versucht, loyal zu sein. Doch wo Systeme taub sind, ihr eigenes Kopfkino laufen haben, hilft das nicht mehr.
Für die Frankfurter Fairness-Stiftung hat der Baseler Entwicklungssoziologe und Whistleblowing-Experte Klaus Leisinger eine Definition erstellt. Whistleblower sind demnach "Menschen, die sich - zunächst auf dem Dienstweg, dann aber auch dezidiert außerhalb desselben - bemerkbar machen. Sie weisen auf illegale oder - aus ihrer Sicht - illegitime Handlungsweisen einer Person, eines Unternehmens, einer Partei, einer Gewerkschaft, einer Kirche oder einer anderen Institution hin".
Whistleblower sind also nicht einfach Verpfeifer der alltäglichen, üblen Sorte, die für den eigenen kleinen Vorteil die Mauer des Schweigens, die Omertà des Alltags durchbrechen, bei der Kumpanei zu Komplizentum wird. Sie wenden sich gegen Unrecht an vielen zum Vorteil weniger. Weil das so ist, haben Staaten wie Großbritannien und die USA in ihren Gesetzen verankert, dass Whistleblower nicht dafür bestraft werden können, dass sie viele vor wenigen schützen. Das verhindert, dass ehrenwerte Verräter wegen Verstoß gegen ihre Arbeitsverträge verknackt werden können, etwa, weil sie Betriebsgeheimnisse an Dritte weitergegeben haben. Der britische Public Interest Disclosure Act von 1998 ist so ein Gesetz, das Whistleblower zu Kronzeugen der Gesellschaft macht.
Und bei uns? Kein Thema. Noch nicht. Dabei fehlt es in Unternehmen, Behörden und Organisationen aller Art nicht an guten Vorsätzen und großen Worten. Nur an der Einsicht, dass Whistleblower auf ein ungeheures Defizit reagieren, das in vielen Firmen und Behörden zum Normalzustand gehört: einem Mangel an Transparenz, Ehrlichkeit und Fairness - im Umgang miteinander und mit dem Kunden.
Was unter dem Schlagwort Corporate Governance als neue Form transparenter Unternehmensführung steht, wird - bis die Welt so ist, wie sie laut den Ethikkommissionen schon sein sollte - Whistleblower brauchen, Helden des Verrats. Denn die Ursache von Whistleblowing ist Unrecht - in vielfältigen Erscheinungsformen. Und eine weithin kritische Kundschaft, eine sich langsam zur persönlichen Mündigkeit entwickelnde Bürgergesellschaft wird Unternehmen und Institutionen, die sie anlügen und gefährden, nicht akzeptieren. Die Beine der Lügen werden täglich kürzer. Denn, so sagt Karl Leisinger, so schlecht ist der Mensch an sich gar nicht: "Wo die Menschen davon überzeugt sind, dass Fairness herrscht, können auch unbequeme Dinge artikuliert werden. Menschen sind nicht nur im Unternehmen, sondern auch in der Familie und im Gemeinwesen zu Opfern bereit, wenn sie das Gefühl haben, es sei gerecht und nütze der Sache."
So gesehen, gibt es nur einen Rat: Pfeif mit.
Weitere Informationen: www.fairness-stiftung.de
