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brand eins 06/2003 - SCHWERPUNKT: Beziehungen

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SZENEN EINER EHE

Seit 16 Jahren sind sich das Unterhaltungselektronik-Unternehmen Loewe und sein Stuttgarter Designbüro Phoenix bereits treu. Bilanz ihrer bemerkenswerten Beziehung: 35 Preise für ausgezeichnete Gestaltung, ein unbezahlbares Image als Designmarke und Fernseher, für die Loewe-Kunden im Schnitt 20 Prozent mehr bezahlen als bei der Konkurrenz.

Wie macht man das?

PHASE 1: Rendezvous

Das Allererste, was sie voneinander zu Gesicht bekommen, sind Mappen, Zeichnungen und Modelle. Beim Wettbewerb um ein Flimmerkisten-Design, den der Fernsehhersteller Loewe aus dem fränkischen Kronach vor 16 Jahren erstmals ausschreibt, fallen den Managern die Entwürfe eines jungen, unbekannten Stuttgarter Büros ins Auge. Tom Schönherr und Andreas Haug haben gerade das legendäre Frog-Design-Atelier von Hartmut Esslinger verlassen und mit Phoenix Product Design ihr eigenes Büro gegründet. Zwei Kunden - die Sanitärhersteller Hansgrohe und Kaldewei - bringen sie von ihrem alten Arbeitgeber mit, Loewe soll ihr erster wirklich eigener, großer sein.

Der wiederum durchleidet gerade die kritischste Phase seiner damals 64-jährigen Geschichte: Gebeutelt durch häufige Management- und Besitzerwechsel, bedrängt von asiatischer Billigkonkurrenz und unsicher ob der einzuschlagenden Strategie, wagt der fränkische Fernsehhersteller einen mutigen Schritt: Statt weiter mit den Japanern um schrumpfende Margen zu konkurrieren, will Loewe sich ins Premium-Segment absetzen. Das bedeutet: State-of-the-art-Technik, modernes Design, erkleckliche Preise. Ein erstes Designmodell ("Art l"), das Loewe auf der Funkausstellung 1985 präsentierte, hatte sich bereits hervorragend verkauft; der Phoenix-Beitrag zum Loewe-Designwettbewerb lässt auf einen ähnlichen Erfolg hoffen. Zudem gefällt dem Loewe-Management, wie sich Gerhard Schaas, damals Entwicklungsingenieur, heute Vorstand, erinnert, die "zurückhaltende Art des Herrn Schönherr. Wir merkten: Der denkt nicht nur wie wir, der tritt auch so auf."

Zwei auf der Suche nach Neuem, deren Wege sich in diesen Tagen zum ersten Mal kreuzen. Beide sehen auf ihre Weise in Design ihre Zukunft; beide lassen eine problematische Vergangenheit hinter sich. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Schönherrs TV-Entwurf, der sich an den Look von Computermonitoren anlehnt, kommt 1989 unter dem Namen "Concept" auf den Markt.

PHASE 2: Honeymoon

14 Jahre und mehr als 300000 verkaufte Concept-Geräte später ist Tom Schönherr ziemlich abgebrannt. Vor drei Monaten hat das Phoenix-Studio Feuer gefangen, zunächst in der Modellbauwerkstatt, wo sich vermutlich Staub selbst entzündete, dann der Rest des Hauses. "Das war alles rabenschwarz hier", seufzt der gebürtige Stuttgarter und weist in die hohen Räume, durch deren Fenster man auf die Wohnsilos des Hallschlag-Viertels blickt. Mittlerweile aber wird mit Hochdruck wieder aufgebaut, denn bei Phoenix gibt es jede Menge zu tun, nicht nur, aber auch für Loewe. So ist es in den vergangenen 16 Jahren eigentlich immer gewesen: Schönherr und sein 18-köpfiges Team entwerfen serienweise Loewe-Fernseher samt Fernbedienungen, aber auch die dazu passenden Audioanlagen und Racks, alle ebenso edel wie teuer. Und die Kunden lieben sie. Mit ihrem unterkühlten Understatement-Design passen sie perfekt in Wohnwelten, deren übrige Bewohner Vitra, Knoll oder Minotti heißen. Wer Loewe sagt, meint: " Ich habe Geld, und ich habe Stil. Aber ich habe es nicht nötig, beides groß herzuzeigen." Genauso unaufdringlich wie seine Entwürfe wirkt der 49-jährige Gestalter selbst. Schönherr - schmächtig, schlank, jungenhaft - ist von jener introvertierten Ernsthaftigkeit, die Leute auszeichnet, die ihr ganzes Berufsleben vermeintliche Kleinigkeiten gegen den Rest der Welt verteidigen müssen. Abgesehen von seinem knallroten Porsche 911 ("Rot ist meine Lieblingsfarbe"), wirkt er wie das radikale Gegenmodell zu Luigi Colani, dem Papageien der Branche. Schönherrs PR-Agentin erzählt von einer Szene am Rande der Verleihung des Bundespreises Produktdesign, den Schönherr vor drei Jahren für seinen 12 000 Euro teuren Spheros-Fernseher in Empfang nahm: Minuten vor Beginn der offiziellen Verleihung herrschte dort große Aufregung, weil man immer noch auf den Preisträger wartete. Doch Schönherr war längst im Saal - es hatte ihn nur niemand bemerkt.

Bei den introvertierten Loewe-Leuten in Kronach erleichtert ihm seine Zurückhaltung die Arbeit enorm. Schönherr wird dort als einer der ihren empfunden und genießt direkten Zugang zu den Vorständen des Unternehmens - ein unverzichtbares und doch seltenes Privileg für einen Designer, der die Seele eines Unternehmens in Produkte übersetzen muss. "Für einen Gestalter", so Schönherr, "stellt sich immer die Frage, ob er sich in den Dienst einer Marke stellen oder ob er sein eigener Star sein möchte. Ein Star hätte aber weder bei Loewe noch bei uns einen Platz. Wir verstehen uns als Dienstleister." Unauffällig wie ein guter Dienstleister braust er über all die Jahre zu seinem Auftraggeber, spricht mit Konstrukteuren und Marketingexperten und verwandelt sich in eine Membran, durch die die Marke Loewe zu ihren Kunden spricht. Irgendwann beginnen sie ihm in Kronach zu vertrauen. Zwei Jahre dauert die Entwicklung eines neuen TV-Gerätes, mindestens zwei Jahre lang muss es sich verkaufen, um die Entwicklungskosten wieder hereinzuspielen - da käme ein geflopptes Design einer Katastrophe gleich.

Gerhard Schaas kann sich noch ziemlich genau an die ersten Schönherr-Entwürfe erinnern. "Da war uns Technikern gar nicht wohl", erinnert sich der 52-jährige Ingenieur. In seinem Büro steht ein solches Modell, ein Loewe Aconda, designed by Phoenix und aufwändig per Hand mit schwarz glänzendem Klavierlack überzogen. Wie alle Fernseher lässt Loewe ihn komplett in Franken fertigen. "Das geht natürlich nur, weil wir am Markt entsprechende Preise erlösen", erklärt Schaas. Das "Fossil bei Loewe", wie er sich selbst nennt, ist seit 1973 im Betrieb und mit Leib und Seele Franke - er sagt "Dellefon", " Gaddegorie" und "Brodukte", wenn er von seiner Firma und ihrer Geschichte erzählt.

Im Moment gibt es mit den Brodukten ein paar Probleme: Allein im ersten Quartal 2003 ist der Loewe-Umsatz um ein Viertel gegenüber dem Vorjahr abgesackt. "Das ist eine Delle, die wir durchstehen müssen", sagt Schaas. "Auf keinen Fall werden wir uns auf Preiskämpfe einlassen. Technik und Design sind für uns die kaufentscheidenden Faktoren." Tatsächlich verlangen die Kronacher auf einem Markt, auf dem 70 Prozent der Käufer sich nicht für Marken, sondern ausschließlich für das beste Preis-Leistungs-Verhältnis interessieren, durchschnittlich 20 Prozent mehr als die Nobodys von der Konkurrenz. Das funktioniert nur, weil der markenaffine Rest heute vor allem nach Loewe fragt. Und von den 2300 Fernsehern, die in Kronach Tag für Tag vom Band laufen, haben die meisten ihr verkaufsförderndes Design von Schönherr.

"Heute", sagt Ralph Wiegmann, Geschäftsführer des Industrie Forum Design, "verdankt Loewe Tom Schönherr und Andreas Haug einen Großteil des Umsatzes." Schon ziemlich bald, nachdem sie zusammengefunden haben, klebt zwischen Loewe und Schönherr bereits der denkbar beste Kitt, den es für eine Beziehung überhaupt gibt: gemeinsamer Erfolg. Phoenix kann sich mit seinen Loewe-Designs einen guten Ruf erwerben und zum meistausgezeichneten Büro für Industrie Design in Deutschland wachsen. Loewe wiederum schafft - anders als die bedauernswerten Nachbarn Grundig und Schneider - mithilfe von Schönherr den Sprung in die Profitabilität. Mit dem Erfolg wachsen zwischen beiden Partnern ganz von selbst Wertschätzung und Erfahrung. "Erfahrung ist etwas, das man meist erst schätzen lernt, wenn es nicht mehr da ist", sagt Schönherr. "Erfahrung bedeutet zum Beispiel, dass der eine ohne viele Worte weiß, was der andere will." Im Grunde ist es wie bei einem alten Ehepaar. Und wie bei vielen Verheirateten beginnt der eine sich nach einiger Zeit der Gewöhnung nach anderen umzuschauen.

PHASE 3: Ernüchterung

"Zwischen uns und unserem Partner existiert ein langjähriges, menschlich wie auch wirtschaftlich erfolgreiches Partnerschaftsgefüge." Diesen perfekten Diplomaten-Satz formuliert kein theorieseliger Synodalbeamter und auch kein Funktionär der deutsch-chinesischen Handelskammer anlässlich irgendeines Delegationsbesuches, sondern der Industriedesigner Edmund Englich. Englich, 41, blonde Stoppelhaare, schwarzes Sakko, ist seit fünf Jahren Design Manager bei Loewe. Das bedeutet: Englich formuliert die Designkonzepte für neue Loewe-Geräte, er muss die entsprechenden Aufträge vergeben und zwischen den Designern draußen und den Marktforschern und Technikern im Unternehmen vermitteln. "Im Grunde bin ich Botschafter", sagt Englich. Daher das Diplomaten-Deutsch. Daher sein Bemühen, bloß niemandem wehzutun. Aber trotzdem irgendwie das Richtige rüberzubringen.

Richtig ist zum Beispiel, dass Schönherrs Understatement-Design heute für Loewe schlechthin steht. Richtig ist aber auch, dass das Unternehmen " innerhalb seines Markenkorridors gewisse Haken schlagen muss, wenn es neue Zielgruppen ansprechen will", wie Englich es ausdrückt. Und so kommt es, dass das Unternehmen nach Jahren, in denen Schönherr quasi als unumstrittener Hausdesigner herrschte, wieder Designwettbewerbe ausschreibt.

Einen von ihnen gewinnt nicht Tom Schönherr, sondern der Ludwigsburger Designer Hartmut S. Engel. Sein Entwurf ist verspielter, populärer und auch günstiger als Schönherrs kühles Reduktionsdesign; Engels " Vitros", wie er genannt wird, soll dem Unternehmen neue Käuferschichten zuführen. Ein weiteres Projekt, das im Herbst dieses Jahres auf den Markt kommen wird, hat Englich mit dem Hamburger Büro Design 3 vereinbart. "Schönherr ist unschlagbar mit reduzierter, langlebiger Gestaltung, für die es auch einen harten Kern von Fans gibt", sagt der Design Manager Englich zögernd. "Aber das Lebendige mit etwas mehr Breitenakzeptanz, das können andere möglicherweise besser."

Wenig überraschend: Schönherr sieht das ein wenig anders. "Gekonnt hätten wir's schon, gewollt nicht unbedingt", kontert er. "Vitros entspricht nicht unserem Empfinden und unserer Denkweise."

"Waren Sie beleidigt?"

"Natürlich. Unsere Beziehung zu Loewe ist ein eheähnliches Verhältnis, in dem der eine eines Tages sagt: ,Ich kann fremdgehen, aber du nicht!' Insofern trifft einen das schon. Aber wir haben so viele Projekte für Loewe, dass das irgendwie okay ist."

Tja, lobt Edmund Englich, der Schönherr sei halt ein Profi. " Wir funken auf der gleichen Wellenlänge. Es schadet ganz sicher nicht, dass hier ein Schwabe mit Oberfranken zusammenkommt", sagt er ganz ernst, "uns eint die Zurückhaltung, da stoßen keine Kulturen aufeinander. Und Partnerschaft ist zunächst einmal eine menschliche Sache."

Zurückhaltung bedeutet beispielsweise, dass sich die Oberfranken und der Schwabe auch nach so vielen Jahren der Zusammenarbeit immer noch siezen. Die Oberfranken und der Schwabe haben auch nie ein gemeinsames Betriebsfest gefeiert, weder lustige Get-Togethers veranstaltet noch sind sie sich in Rafting-Events oder Klettertouren näher gekommen, mit denen Personalprofis normalerweise Nähe herzustellen versuchen. Allerdings hängt in Schönherrs Büro seit Monaten ein unübersehbares Memo mit der Erinnerung " Loewe-Event!" "Das haben wir schon lange vor, wird auch allerhöchste Zeit", sagt Tom Schönherr und kratzt sich am Kopf, "irgendwie kommt aber immer etwas dazwischen."

PHASE 4: Emanzipation

Vielleicht ist es ganz einfach so: Die Oberfranken und der Schwabe wissen um ihre gegenseitige Abhängigkeit, aber auch, dass sie notfalls immer irgendwie ohne einander könnten. Sie sind sich persönlich nie so nahe gekommen, dass sie sich plötzlich fern fühlen könnten. Vielleicht ist es gerade diese unverbindliche Verbundenheit, die ihre offene Zweierbeziehung am Leben hält.

Möglicherweise ist das Geheimnis aber auch genauso simpel, wie Schönherr glaubt: "Die waren immer schon ganz genau so, wie sie sind, und wir waren es ebenfalls schon immer. Das passte einfach. Und es passt heute noch."


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