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brand eins 06/2003 - SCHWERPUNKT: Beziehungen
Spinnen oder leben?
Sie kennen keine Freunde im Business, aber Sie sind ein erstklassiger Networker? Das ist okay für eine Spinne.
Ist es aber genug für Sie?
Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen.
Antoine de Saint-Exupéry
LIEBE SOPHIE!
Nach der Vorlesung über Networking willst du sofort deine Netze methodischer knüpfen, und gleichzeitig kommen dir immer mehr Bedenken, ob das langt? Ich gratuliere dir zu beidem. Ja, wir sind soziale Wesen und brauchen also Beziehungen zu anderen Menschen. Nein, Networking ist zwar praktisch und notwendig für Leistungen, aber nicht genug fürs Leben.
NETZWERKE ZUM GEGENSEITIGEN NUTZEN
Jedes Netzwerk funktioniert, wenn Gemeinsames gewollt und gesichert wird. Ohne Netzwerk ist jemand in der Savanne der Wirtschaft einsam. Einem Steppenwolf genügt das eine Weile, für ein Lamm ist es sofort gefährlich.
Das übliche Networking bietet gemeinsamen Nutzen: Jemand ist nützlich für dich, Warum? Weil du nützlich für ihn bist. Der Nutzen kann vielfältig sein: Informationen geben und nehmen, Referenzen bekommen, Türen öffnen, Umwege sparen, Hürden überwinden, in einen Club schleusen, zu den richtigen Leuten eingeladen werden, im Spiel sein und nicht draußen bleiben.
Dein Netzwerk nützt dir, weil du nützlich bist. Zwei Beispiele aus dem wirklichen Leben: Ich brauchte einmal einen Termin bei Herrn Eaton und rief einen an, der sein Netz sehr gut gesponnen hatte. "Ruf mich morgen um fünf wieder an!" Das tat ich. "Am 14., elf Uhr in seinem Office in Detroit oder am 26. in London. Okay?" Das war okay. An einem Abend, spät, rief mich ein Bekannter an. "Kann ich sofort vorbeikommen?" Er war bis einen Monat zuvor CEO eines großen Unternehmens gewesen und lebte in einem Netz aus vermeintlichen Freunden. Nun, plötzlich, war die Illusion verschwunden, und er erkannte, dass diese vielen Menschen nicht Freunde, sondern Abhängige waren, für die er nützlich war, solange seine Macht dauerte. Er konnte das kaum ertragen und schwankte zwischen hilfloser Wut und Suizid.
Netzwerke sind nur so lange nützlich, wie du nützlich bist. Genau genommen handelt es sich um kooperativen Egoismus. Alle, die diese Netze spinnen, sehen sich selbst im Mittelpunkt, ihre eigenen Interessen, ihre Bedürfnisse, ihren Erfolg, und alle, die in diesem Netz verknüpft sind, sehen ihr eigenes Netz genauso. Das passende Bild ist also ein System von Netzen, von Spinnen für Spinnen.
Altere Formen davon sind:
VITAMIN B, SEILSCHAFTEN DER ALTEN UND JUNGEN UND EIN PFUND BUTTER
Nach einem Assessmentcenter wurde der Verantwortliche gefragt, warum er den Zweitschlechtesten an die erste Stelle setze. "Verwandtschaft vom Chef" war seine Begründung. So wirkt Vitamin B. Die Metapher der Seilschaft hingegen meint, einer schlägt für den anderen sichere Haken ein, während alle unterwegs zum Gipfel sind oder dort oben bleiben wollen, möglichst für immer. Fällt einer aus der Wand, dann wird er gehalten, kraxelt zurück und sichert danach wieder den Nächsten. Die extremste Form der Seilschaft ist die Familie des Paten. Wer dazugehört, wird beschützt, egal, was er tut. Allerdings muss er auch alles tun, was ihm gesagt wird.
Wie weit Netzwerke auch korrumpieren können? Stell dir vor, hundert Menschen stehen an einem sehr heißen Tag in einer Reihe. Gib dem Ersten ein Pfund Butter, damit er das weiterreicht. Am Ende ist keine Butter mehr da, niemand hat gestohlen, aber alle haben fettige Hände. Und schreiben damit Memoranden zu Business Ethics.
So ist das Leben. Nein, so ist es nicht. Leben ist mehr als das. Für Netzwerke musst du clever sein, für dein Leben aber klug.
NICHT NÜTZLICH, SONDERN BEZIEHUNGSFÄHIG
Das Netzwerk der Leistung will nur ein Gemeinsames: Du brauchst und wirst gebraucht. Im Netzwerk deines Lebens geht es auch um Gemeinsames - nämlich um Leben. Was das bedeutet? Das bedeutet gemeinsame Werte, das, was uns selbst unser eigenes Leben wertvoll macht und anderen auch deren Leben. Erst, wenn wir bei dem, was wir leisten, unseren Werten gemäß leben, entsteht etwas, das sinnvoll für uns ist. Gemeint sind auch gemeinsame Freuden und Schmerzen, gemeinsame Hoffnungen und Enttäuschungen, gemeinsame Sympathien und Abneigungen, gemeinsame Haltungen: Das mach' ich, das mach' ich nicht. Das akzeptiere ich, das lehne ich ab. Diesen Kompromiss geh' ich notfalls ein, jenen aber bestimmt nicht. Das hab' ich versprochen, das halte ich. So bin ich, so lebe ich.
Beziehung heißt ja immer, dass wir uns mit anderen auf gemeinsames Leben beziehen, auch wenn diese Beziehung nur flüchtig ist, eng begrenzt auf eine bestimmte Leistung. Ich funktioniere nicht mit Nützlichkeitsfunktionierern. Ich bin mehr als nur eine Funktion und handle so auch mit anderen. Kann ich das, dann bin ich fähig zu Beziehungen. Netze spinne, nähre und nutze ich. Beziehungen wage ich, vertraue mir dabei und stehe dazu.
Reduziere ich andere auf ihre Nützlichkeit für mich selbst, dann reduziere ich auch mich. Bestenfalls bekomme ich kühle Kontakte, schlechtestenfalls falle ich in ein Netz, das genau dann reißt, wenn es um mich geht und nicht nur um meine Nützlichkeit.
Lebe ich menschliche Beziehungen, dann gehe ich im schlechtesten Fall freundlich mit Menschen um, die sich nicht freundlich zu mir verhalten. Aber bestenfalls gewinne ich Bekannte, also Menschen, die ich erkenne, sogar gute Bekannte und hier und da das Kostbarste: Freunde. Ja, Freunde! Das gibt es. Das ist möglich, auch im Beruf, auch im Geschäft.
Kontakte kannst du sehr viele haben. Partner auch, dito Bekannte. Freunde kannst du nicht viele haben. Freundschaft braucht Zeit, um zu wachsen, sich zu entwickeln, sich zu erproben, sich zu genießen. Freundschaft braucht Klarheit und Großzügigkeit und Verstehen und Erleben mit sich und dem anderen. Ein Freund fördert nicht deine Geschäfte. Ein Freund fördert dich. Und umgekehrt. Ein Freund gibt dir nicht immer, was du willst, aber meistens, was du brauchst. Ein Freund ruft dich, und du gehst hin. Ein Freund kommt, wenn du das Ding in den Sand gesetzt hast, grinst über deinen Fehler und fängt an zu schaufeln.
Ich erlebte einmal einen Boss, Hanseat, dessen Freund nach 30 Jahren aus den Staaten zu Besuch kam. Fassungslos sah er zu, wie der sein Fleisch in kleine Stücke schnitt, dann den linken Arm unter dem Tisch baumeln ließ und mit dem rechten seine Steakbrocken gabelte. Nach einer Minute: "Du, lass den anderen Arm auch noch hängen. Ich füttere dich!"
Freunde.
Purer Idealismus, sagen dir da die abgebrühten Networker. Damit kommst du nicht weit. Geld regiert die Welt, und in dieser Welt brauchst du sechs Tage in der Woche gute Kontakte. Am Sonntag kannst du dann immer noch einen Freund anrufen. Das ist nichts als purer Zynismus von solchen, die sich selbst enttäuschten und nun in ihrer kargen Zelle aus Funktion, Nutzen und Egoismus vegetieren. Gerade die Besonderen des Business sind auch besonders gute Networker. Aber vor allem wagen, pflegen und leben sie darüber hinaus lebendige Beziehungen. Und sie sind gute Freunde. Tatsächlich.
Also knüpfe deine Netze - als der Mensch, der du bist, gewinne Menschen, lass dich gewinnen. Dem Geschenk der Freundschaft bist du bestimmt gewachsen.
Ich lächle dir zu.
