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brand eins 06/2003 - SCHWERPUNKT: Beziehungen

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FADENSPIEL FÜR SECHS HÄNDE

Sie bauen auf Vertrauen. Sie zahlen sich keine Gehälter und machen keine Verträge. Sie nisten sich beim Kunden ein, als ob sie kein Zuhause hätten. Sie ernähren sich von Fachliteratur und Suppengrün. Und wo die anderen outsourcen, schaffen sie Vorsprung durch Insourcing. Heldt+Partner pflegen die etwas andere Partnerschaft.

An der östlichen Außenalster, wo Hamburg die schönsten Perspektiven bietet und die Spaziergänger ihre Runden um das in der Sonne schimmernde Gewässer drehen, steht in einer Weggabelung eine Gruppe von drei mächtigen Linden. Sie sind sicher mehr als 100 Jahre alt und so eng aneinander geschmiegt, als seien die drei aus einer einzigen Wurzel gewachsen. Das sind Günter, Rita und Ursel. Die Firma Heldt + Partner.

Natürlich nicht wirklich. Die drei haben sich die Baumgruppe nur als Symbol für ihre Arbeits- und irgendwie auch Lebensgemeinschaft gewählt, die man schon fast symbiotisch nennen muss. ,Jede Linde hat die anderen mit hochgezogen", sagt Heldt, "jede von ihnen hat eine besondere Ausprägung. Zusammen bilden sie die stärkste Gruppe weit und breit."

In Günter Heldts Powerpoint-Präsentation des Geschäftsmodells taucht das Baumgruppenfoto so um Folie 46 herum auf, wenn einem schon der Kopf schwirrt von Balken- und Pyramidengrafiken, Kreis- und Schnittdiagrammen, sich ständig ändernden Schaubildern für Problemlösungsstrategien mit Input hier, Output da, Sprüngen und Querverweisen von A nach B, falls nicht C.

Der Mann hat es geschafft, die ganze Komplexität des Druckingenieurwesens kurz und klein zu denken, bis es in seine Diagramme passte. Bevor er auch noch den " Heldt-Radar" erklärt, eine von ihm entwickelte grafische Trend-Analyse für Produktlebenszyklen und Innovationskreisläufe, muss man ihn mal kurz unterbrechen, sonst ist zu befürchten, dass er nie aufhört. Erschiene auf Folie 132 schließlich die Weltformel, wunderte man sich nicht.

Es geht jedoch auch plastischer. Die Linden Nummer zwei und drei, die eineiigen Zwillingsschwestern Rita und Ursel Habermann, demonstrieren für Doofe die Kerntätigkeit der Firma Heldt + Partner. In diesem mit PCs, Bildschirmen, Druckern, Plottern und Proof-Geräten dicht bestückten und durchaus nüchternen Großraumbüro, in dem die beiden Produktionstechnik-Ingenieurinnen normalerweise Datenbestände für die Druckvorstufe aufbereiten, stehen sie sich gegenüber und spielen für den Besucher das Fadenspiel. Ganz recht: das, was kleine Mädchen früher in der Schule auf dem Pausenhof spielten, wenn sie nicht gerade gummitwisteten. Rita hat ein kompliziertes Bindfadenmuster zwischen ihren erhobenen Fingern gesponnen, in das Ursel mit konzentrierter Miene greift und das Geflecht blitzartig zu einem neuen Muster sortiert.

Das Team sorgt für Durchblick in Firmen - was anderen Beratern überhaupt nicht gefällt

Das soll uns sagen: Die Firma Heldt + Partner bereitet komplexe digitale Daten so geschickt auf, dass ihr Kunde damit in kürzester Zeit die unterschiedlichsten Publikationen wie Kataloge, Bestelllisten, Werbeplakate oder Broschüren in Druck gehen lassen kann. Und dabei nicht mehr die meisten Arbeitsschritte an externe Dienstleister vergibt, sondern alles im eigenen Haus herstellen kann - bis es an die Druckerei geht. Neudeutsch gesprochen, betreiben Heldt + Partner Insourcing für Inhouse Publishing.

Von seinem derzeitigen Arbeitsplatz aus kann das Team seine Stellvertreter-Bäume beinahe sehen, denn es arbeitet momentan auf der gegenüberliegenden Seite der Alster, im feinen Stadtteil Rotherbaum für die Deutsche Grammophon Gesellschaft (DGG). Momentan heißt seit fünf Jahren. Und die DGG ist der einzige Kunde von Günter Heldt und den Zwillingsschwestern.

Mal kurz zwischendurch: Als Günter Heldt, 62, Rita und Ursel Habermann so um 1990 kennen lernte und beschloss, mit den damals 37-Jährigen zusammen Heldt + Partner zu gründen, "da habe ich sie erst mal aus der Gewerkschaft abgemeldet". So etwas sagt Heldt tatsächlich, und statt zu protestieren, ergänzt Ursel mit großer Selbstverständlichkeit: "Wir hatten die Gewerkschaft nicht mehr nötig, weil wir von der EKS viel mehr profitierten."

Bevor die Abkürzung - oder ist das gar schon die Weltformel? - EKS erklärt wird, erst noch die Begründung für den einzigen Kunden: Die Kapazität von Heldt + Partner reicht immer nur für einen. Und den sucht das Team sich auch noch aus: " Wir würden nie was für Leute machen, die fürs Militär oder für die Pornoindustrie produzieren." Genau genommen, ist die DGG in der 13-jährigen Geschichte der Firma erst der zweite große Auftraggeber: Der erste war Sony Classical, eins von Sonys Plattenlabeln, das Hamburg inzwischen verlassen hat. Dort erschien einmal im Jahr ein Katalog; im März begann die Planung, im August lag er in den Plattenläden. Die Entwürfe, Aktualisierung der Daten, Layout, Lektorat und Proof kosteten Sony netto drei Monate Arbeit und 660 000 Mark.

Dann zogen Heldt + Partner ein. Das muss man sich wörtlich vorstellen, wie jetzt bei der DGG, wo sie sich im Erdgeschoss eingemietet haben und ihre gesamte Hard- und Software installierten, modernste Druckvorstufentechnik. Als sie bei Sony etwa zwei Jahre später wieder abrückten, dauerte es noch ein Jahr des Übergangs - und dann kostete der Katalog nur noch 36 000 Mark. "Die Aufträge an Dienstleister und die Abstimmung waren weggefallen, diese Jobs hatte unsere intelligente Datenbank übernommen", bilanziert Heldt: "Und wir haben für den Katalog zwei Wochen gebraucht."

Das Team verbringt aber nicht nur die reine Installationszeit im Haus des Kunden - sie trainieren auch das Personal ("Wir arbeiten daran, uns überflüssig zu machen"), optimieren das neu installierte System - und lernen. Bezahlen muss der Kunde dennoch nur die Kataloge oder Broschüren, die Günter Heldt und die beiden Frauen in der Zwischenzeit anstelle der externen Dienstleister produzieren. Dabei sind die Lernphasen das A und 0 bei Heldt + Partner.

Jetzt, im Haus der DGG, steht im Büro von Heldt ein Ikea-Regal mit "drei Metern Software-Literatur", durch deren grausam abstrakte Programmiercodes sich alle drei Experten komplett durchgearbeitet haben. "Und davor", ergänzt Heldt, "stand da dieselbe Menge an Fachbüchern über Management." Was die Brücke baut zur ominösen EKS. Das Team schwört auf die so genannte Engpass-Konzentrierte Strategie, kurz EKS, die der 79 Jahre alte Management-Publizist und Lehrgangsveranstalter Wolfgang Mewes schon 1971 entwickelt hat. Sie führt Probleme in Betrieben im Kern auf den Engpass zurück, an dem angesetzt werden müsse. So weit, so banal. Wie der Engpass aber zu finden und auszutricksen ist, das füllt Bände.

Es gibt eine Gemeinde, die an Mewes' Lehre glaubt und nach ihr wirtschaftet. Bundesweit existieren rund 35 Regionalgruppen des so genannten Strategieforums, in dem sich laut Eigenwerbung "über 2000 Männer und Frauen zu der wahrscheinlich weltweit größten Vereinigung von Kybernetikern zusammengefunden haben" . Heldt gibt sich mit diesen Amateur-Treffen nicht ab, er ist schon seit Jahrzehnten aktiv in der noch ernsthafteren Beratergruppe Strategie, dem Inner Circle dieser Gemeinschaft. An die Art und Weise wie er das Universal-Konzept für seine Druckvorstufen-Sparte umgesetzt und ausgebaut hat, daran glaubte zunächst nicht mal der Papst, also Mewes. "Das war ihm zu technikorientiert", sagt Heldt nicht ohne Stolz. "Er durchschaute nicht die Innovationskraft der Informationstechnologie." Dass Heldt und später seine beiden Mitstreiterinnen dennoch erfolgreich waren und von ihrer Insourcing-Strategie leben können in Zeiten, in denen ansonsten alle nur outsourcen, um Kosten zu sparen, liegt am genau identifizierten Engpass: " Know-how", verrät Heldt. Das erkläre fast alles.

In Unternehmen weiß heute oft niemand mehr, wie komplexe Abläufe fachlich zu optimieren sind. Deshalb die vielen Berater, die Dienstleister für alles und jedes im Orbit jeder namhaften Firma. Gib einen Auftrag raus und zahl die Rechnung, es wird schon billiger sein, als wenn du jemanden dafür anstellen musst.

Heldt + Partner aber wissen es besser. Weil sie Kostenrechnung beherrschen - und ihr Fach tiefer und breiter durchdringen als viele Spezialisten da draußen. Weil sie das Personal des Kunden schulen, bis es auf dem Stand ihres Wissens ist. Weil sie im Dienste des Kunden lesen und diskutieren und kalkulieren wie die Besessenen, oft von neun bis 22 Uhr, auch gern mal am Neujahrstag, wenn sie sich auf die Aktualisierung des Booklets zur Neujahrskonzert-CD stürzen. Schon in den Anfängen, als die Zwillinge aus der Gewerkschaft austraten, spielte Freizeit keine Rolle. Da paukte und debattierte Heldt mit den beiden Zauberlehrlingen nächtelang EKS - am Lagerfeuer im Sachsenwald.

Seither haben die drei immer erst alles analysiert und in Diagramme gegossen, bevor der erste Handschlag getan wurde. Ergebnis: Sie sind zur Avantgarde geworden. " Wenn wir bei einem neuen Kunden antreten, stehen als Erstes die Dienstleister auf der Matte", sagt Heldt, "weil sie um ihre Aufträge fürchten." Sehr zu Recht, denn sie werden sie los, unweigerlich. Es gab schon regelrechte Drohungen gegen die kleine Firma, " aber dann gehen wir in der Diskussion mal kurz auf die fachliche Ebene, und nach 15 Minuten packen die ein und ziehen ab." Auch Betriebsräte fürchteten übrigens anfangs den Inhouse Publishing Service, denn das Insourcing bedeutet neue Techniken im Haus und daher sichere Arbeitsplätze nur für diejenigen, die fähig und bereit zum Umlernen sind. "Aber durch die Umstellungen und Schulungen sichern wir ja die Mehrzahl der Jobs beim Kunden überhaupt erst", sagt Heldt.

Weil die Familie Heldt den ganzen Menschen beansprucht, besteht sie aus überzeugten Singles

Der zweite Teil der Erklärung für den Erfolg der bemerkenswerten Geschäftsidee liegt in der Anatomie dieses Teams. Wer inzwischen glaubt, eine der drei Linden überrage doch die beiden anderen um ein Beachtliches, der hat Recht - und auch wieder nicht. Einerseits ist Günter Heldt eindeutig der Vater im Trio, das aus drei überzeugten, kinderlosen Singles besteht (Familien würden nur von der Arbeit abhalten). Primus inter Pares will Heldt, der "als Boss erzogen" wurde, aber nicht sein: "Die absolute Stärke der beiden Zwillinge ist Teamarbeit, die hab' ich von ihnen gelernt", sagt er.

Ist die Arbeit also eine Art Ersatzfamilie? Heldt: " So kann man es auch sehen." Rita Habermann: "Es ist ein Familien-Unternehmen." Die Familie hat sogar Pläne, beim nächsten Projekt in eine gemeinsame Villa zu ziehen und häufiger nur noch per Datenleitung mit dem Kunden in Kontakt zu treten. Auf einer von Heldts Powerpoint-Folien ist schon die Grafik des Traumhauses zu sehen "Da unten ist die Sauna, da wohnt Rita, da Ursel, und hier haben wir die Haushälterin." Wie ernst das gemeint ist, bleibt offen. Jedenfalls war in diesem engen Beziehungsgeflecht kein Platz für den vierten Mann, den sie mal kurzzeitig ausprobiert haben: einen Art Director. "Er hat unser Lerntempo nicht mitgehalten", sagt Heldt - der Mann hatte eine richtige Familie.

Eine solche Gemeinschaft muss wohl anders ticken als die Belegschaft herkömmlicher Betriebe. So gibt es bei Heldt + Partner auch keine Gehälter. Von den versteuerten Einkünften - Umsatz im Jahr 2002 etwa 260000 Euro, es waren aber auch schon mal mehr als 500 000 - entnimmt jeder mit der Scheckkarte, was er zum Leben braucht. Interne Buchhaltung darüber: keine. Es gab mal eine Durststrecke, da kam ein Wochenende, an dem der Geldautomat nichts mehr hergab. Rita Habermann beginnt zu berichten: "Wir hatten zusammen noch fünf Mark ...", da reißt Heldt, wie so oft, den Erzählfaden an sich: "... und damit ging Rita auf den Markt und kam mit einem Bund Suppengrün zurück und mit einer Mark Restgeld, von der wir noch eine Briefmarke kaufen mussten." Daraufhin beschloss das Team, seine gerade laufende Lernphase abzubrechen, trat den Job bei Sony an und klotzte ran, wie nur drei Leute ranklotzen können, die sich ansonsten von Suppengrün ernähren müssten.

Verträge machen Heldt + Partner nicht gern. Die DGG bekam anfangs auf Wunsch einen, aber der lief dann aus und wurde nie erneuert. Vertrauen sei viel schöner, sagt Heldt, "das ist unser wichtigstes Gut. Wer uns anschmiert, macht das einmal und nie wieder. Aber wir haben noch nie ein Problem gehabt. Und wenn wir was sagen, dann ist das so."

Der aktuelle Kunde DGG bleibt bei alledem durchaus entspannt. Drei Stockwerke höher sitzt Hartmut Pfeiffer, Head of Creative Services, der die Beraterfirma ins Unternehmen holte: "Wir hatten beim Publishing den Anschluss an das elektronische Zeitalter verpasst. Es gab zu viele externe Partner und dadurch sehr kostentreibende Kommunikationsprobleme." Pfeiffer schätzt, dass sich die Kosten durch Heldt + Partner mindestens halbiert haben. Und der Stil der drei, der Wirbel, den sie anzetteln? "Wenn man sich so etwas mit drei flippigen jungen Typen vorstellt, das wäre schwierig." Doch die geballten 162 Lebensjahre Kompetenz der drei Druckspezialisten sorgen für eine unaufgeregte Partnerschaft.

Dabei schöpfen Günter Heldt einerseits und Ursel und Rita Habermann andererseits ihre Reserven auch aus einer Gemeinsamkeit, die sie durch einen merkwürdigen Zufall verbindet: Alle sind frühere Leistungssportler auf beachtlichem Niveau. Heldt war 1975 Vize-Weltmeister in der olympischen Tempest-Klasse der Segler, Ursel Habermann zwei Jahre zuvor Weltmeisterin in der Wildwasserabfahrt der Kanadier und Rita mehrfach deutsche Meisterin in derselben Disziplin mit dem Kajak. Das war lange bevor die Zwillingsschwestern den damaligen Einzelgänger Heldt kennen lernten.

Der Sport hat alle drei geprägt. Als die Rede darauf kommt, dass sie anfangs immer das Chaos beim Kunden verstärken, wenn sie bei laufendem Produktionsbetrieb alles umzukrempeln beginnen, sagt Rita Habermann nur, als ob sie über Wildwasserstrudel spräche: "Das muss man aushalten können." Und wenn das Fahrwasser dann mit zunehmendem Erfolg ruhiger wird und das Team sich wieder seinen Lernphasen hingeben kann, fällt Heldt dazu eine Segler-Erfahrung ein. Vor der kanadischen Küste geriet sein Boot mal in eine Windhose. Weil er es mitten hinein steuerte, geschah ihm nichts: "Man muss erst einmal durch Turbulenzen hindurch. Im Auge des Wirbelsturms ist es dann still. Und da halten wir uns als Firma auf."

Die Firma indes lassen Heldt + Partner an diesem schönen Nachmittag Firma sein. Die drei packen zeitig ihre Sachen und gehen gemeinsam zum Segeln auf die Alster. Das Boot nimmt rasch Fahrt auf, und am östlichen Ufer ziehen rauschend drei große Bäume vorbei.


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