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brand eins 06/2003 - SCHWERPUNKT: Beziehungen

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Die kleine Allianz für zwischendurch

Wenn Sie etwas wollen: Machen Sie sich Freunde.

Dann geht alles - jedenfalls in Brasilien.

Das Land: Brasilien. Der Ort: eine Behörde. Ein Brasilianer macht eine Eingabe. Der Antragsteller ist dem Amtsinhaber unbekannt. Seine erste Reaktion ist deshalb Ablehnung und Verzögerung, getreu dem Beamten-Motto: Haben wir nicht, kennen wir nicht, haben wir noch nie gemacht. Im Übrigen gelten die üblichen Gesetze und Bestimmungen. Das sei alles sehr kompliziert und dauere ewig. Am besten sei es, der Antragsteller nehme seinen Antrag zurück oder gehe damit zu einem anderen Amt.

Doch diese Reaktion hat der Antragsteller erwartet. Er wechselt nun zu einer weit verbreiteten brasilianischen Umgangsform, um Gegensätze aufzulösen, die Konturen zwischen den Parteien zu verwischen und vor allem harte Konfontrationen zu entschärfen: den Jeitinho, den kleinen Trick. Das geschieht meist durch die Suche nach einem kleinsten gemeinsamen Nenner mit der Amtsperson, der Basis einer kurzfristigen Allianz. Zum Beispiel könnte der Bittsteller herausfinden, dass der Beamte den gleichen Namen trägt, aus der gleichen Ecke Brasiliens stammt, den gleichen Wagen fährt, Anhänger desselben Fußballvereins ist oder Fan derselben Samba-Schule. Ist ein solcher kleinster gemeinsamer Nenner erst einmal gefunden, ist man schon weiter.

Ein Wort gibt das andere, man trinkt einen kleinen Kaffee, kommt so recht ins Plaudern, und schon stellt sich ein Gefühl von Nähe und Gemeinsamkeit ein. Antragsteller und Amtsinhaber kommen sich näher, sie haben die gleichen Hobbys, Schicksale oder Krankheiten, am Ende sind sie fast so etwas wie verwandt. Wunderbar! Darüber kann man reden - und nebenher auch noch mal auf diese verdammte, etwas missliche, im Grunde lästige Eingabe zurückkommen. Doch zu diesem Zeitpunkt ist der Antrag, der Stempel, die Unterschrift eigentlich nur noch eine Formalität - Gesetze und Vorschriften hin oder her. Man hat es doch mit einem Amigo, Kollegen, Landsmann zu tun! Kurz gesagt: In Brasilien ist es wichtiger, Leute zu kennen und sie ins eigene Boot zu ziehen, als Gesetze zu beachten.

Der Jeitinho liegt zwischen dem persönlichen Gefallen, den man einer anderen Person tut, ohne dabei einen unmittelbaren Vorteil zu erwarten, und der Bestechung, die auf einen handfesten Vorteil abzielt. Der brasilianische Anthropologe Roberto DaMatta sieht im Jeitinho einen Grundbegriff zum Verständnis seiner Heimat, er ist für ihn die Synthese von Unvereinbarem. Brasilien sei hin- und hergerissen zwischen den äußeren Gesetzen und Normen der Zivilisation und den Bedürfnissen privater Personen. Mit dem Jeitinho versuche man immer wieder, diesen Abgrund zu überbrücken. In Nordamerika oder Nordeuropa, so DaMatta, gebe es gesellschaftliche Regeln, Verbote und Gebote - und die würden beachtet. Was verboten ist, ist verboten - oder besser: Nur was nicht verboten ist, ist eventuell erlaubt. In Brasilien gilt dagegen eher: Es ist alles erlaubt, solange es nicht ausdrücklich verboten ist - und wenn es verboten ist, gibt es vielleicht einen Jeitinho, um das Verbot zu unterlaufen.

In dem sehr amüsanten autobiografischen Buch " Brasilien für Anfänger" des Österreichers Peter Kellemann aus dem Jahr 1946 schildert der Autor seine erste Begegnung mit dem Jeitinho. Kellemann bemüht sich um ein Einwanderungsvisum für Brasilien und gibt seinen Beruf korrekt als Arzt an. Der brasilianische Konsularbeamte aber macht aus ihm per Federstrich einen Agronomen, denn Brasilien braucht Landwirte, und nur als Agronom bekommt Kellemann das Visum. Der brave Antragsteller wundert sich: Er habe von Ackerbau und Viehzucht keine Ahnung. Das macht nichts, meint der Konsularbeamte, die eigene Bürokratie produziere täglich so viel Blödsinn, da käme es auf einen falschen Agronomen auch nicht an. Tatsächlich braucht Kellemann nach seiner Einwanderung kein einziges Diplom vorzulegen. Der großzügige Beamte aber dürfte mit seinem Jeitinho wohl eine Kopfprämie für die Anwerbung eines Agronomen gewonnen haben.

SAGE NICHT: "HERR PROFESSOR!" SAGE LIEBER: "MEIN GUTER FREUND!"

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass der Jeitinho ein Ur-Element der brasilianischen Nationalkultur darstellt, vielleicht sogar der Angelpunkt ist, um den sich die Gesellschaft dreht. Beim Jeitinho profitieren immer zwei, während der Dritte die Rechnung zahlt. Das sind meistens die Gesellschaft, der Staat oder die Kommune - Einrichtungen, die dem Brasilianer so gut wie nichts bedeuten. Der liberale Ökonom und Ex-Minister Roberto Campos meint sogar, der Jeitinho sei weder legal noch illegal, sondern paralegal. Aber ist das eine Erklärung? Oder nur ein intellektueller Jeitinho?

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen über den Jeitinho und seine Mechanismen. Interessant sind auch seine linguistischen Aspekte. "Mein Bruder", "Kollege", "Herzchen" oder " Nachbar" - solche Anreden verraten sofort, dass der Sprecher einen Jeitinho plant oder sich zumindest anbiedert, um etwas zu erreichen. Das brasilianische Portugiesisch steckt voller Jeitinho-Frasen, ja, die Manie der Brasilianer, alles und jedes durch die grammatische Form der Verkleinerung zu verniedlichen, ist im Grunde nur eine permanente Verbalisierung des Jeitinho. Wer dagegen formale Anreden wie "Herr Doktor da Silva" oder "Sehr geehrter Herr Präsident" wählt, ist auf Konfrontation aus und signalisiert damit Kampfbereitschaft bis zu physischer Aggression. Einen Jeitinho aber geht man so nicht an. Da muss man reden, reden, reden. Um nicht entscheiden zu müssen, vor allem aber auch, um das Gesicht zu wahren und in Verhandlung zu bleiben. Denn wer redet, sündigt nicht.

DER KLEINE TRICK HILFT SOFORT. MORGEN SEHEN WIR WEITER.

Wer sich nicht zutraut, in solche Verhandlungen einzutreten oder die Sprache und die sehr subtilen Codes einer solchen Unterhaltung nicht versteht, mietet sich am besten einen Despachante, einen Eisbrecher auf zwei Beinen, der professionell das Geschäft mit dem Jeitinho betreibt. Ein solcher Despachante betreibt im Extremfall Malandragem, sozusagen berufliche Gaunerei. Und der Malandro, der kleine Gauner, der sich mit mehr oder weniger faulen Tricks durchs Leben schlägt, ist in Brasilien ein durchaus angesehener Zeitgenosse.

Der Brasilianer ist ein pessimistischer Optimist. Man sagt: O jeito de ser brasileiro - der Trick, ein Brasilianer zu sein. Doch der Optimismus der Brasilianer sieht anders aus als etwa der der Amerikaner. Denn im Grunde glaubt kein Brasilianer an die Machbarkeit der Welt, er glaubt nur daran, sich erst mal vor dem Unheil zu retten. Das reicht vorläufig. Wer weiß schon, was morgen kommt? Das ist keine Lebensphilosophie eines jungen Volkes - darin steckt die Erfahrung von Niederlagen. Der Jeitinho Brasileiro ist purer Existenzialismus, er folgt der Erkenntniss, dass man am Lauf der Welt nichts ändern kann. Was bleibt, ist die Suche nach einer provisorischen Lösung. Die Nische seiner Existenz ist der Jeito, der Trick, in ihr fühlt sich der Brasilianer zu Hause.

Es ist die Gerissenheit der Sklaven, die den Brasilianern im Gedächtnis geblieben ist. Ein Aufstand gegen den Zustand der Welt führt zu nichts. Doch der kleine Widerstand, die Schlauheit, Gebote und Befehle zu unterlaufen, die Partisanentaktik des Alltags - sie öffnen dem einfachen Mann Freiräume, die er durch Aufbegehren nicht bekommt. Der Jeitinho ist die Schmiere, die Brasilien vor dem sozialen Kolbenfresser bewahrt.


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