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brand eins 06/2003 - SCHWERPUNKT: Beziehungen
DAS HÖCHSTE GUT
Sie haben Freunde? Gut.
Und arbeiten mit ihnen zusammen? Besser.
Denn nirgendwo sind Freunde nützlicher als im Geschäftsleben - behauptet der Soziologe Digby Anderson.
Ein loyaler Freund ist so viel wert wie zehntausend Verwandte.
(Euripides, griechischer Dramatiker)
brand eins: Herr Anderson, Sie behaupten, Freundschaft sei im Geschäftsleben ein wichtiger Erfolgsfaktor. Ist das nicht eine ziemlich gewagte These? Die meisten Unternehmen sehen in Freundschaften eine Bedrohung, weil sie Kungeleien und Seilschaften befürchten. Und so, wie es aussieht, haben solche Konstellationen auch Skandale wie bei Enron begünstigt.
Anderson: Das trifft nicht zu. Freundschaften unter Mitarbeitern, Chef und Mitarbeitern, aber auch zwischen Chefs und Angestellten verschiedener Unternehmen fördern die wirtschaftliche Entwicklung. Dass in der modernen Gesellschaft Freundschaft im Geschäftsleben übel beleumundet ist, beweist, dass wir heute nicht mehr wissen, was wahre Freundschaft tatsächlich bedeutet.
Gehen Sie da nicht ein wenig zu weit?
Wie würden Sie sich erklären, dass in britischen Schulen Kurse angeboten werden, in denen Kinder lernen sollen, wie man Freundschaften knüpft? Und dass die Ratgeberkolumnen in den Zeitungen voll sind von einsamen Menschen, die gern wissen würden, wie sie Freunde finden?
Wenn man hört oder liest, dass jemand zu seinem Geburtstag oder seiner Hochzeit 350 seiner allerbesten Freunde eingeladen hat - dann wissen Sie, dass da etwas nicht stimmen kann. Freundschaft wird heute trivialisiert. Menschen, mit denen wir Tennis spielen und hinterher noch ein Bier trinken, bezeichnen wir als unsere Freunde - dabei sind es Tennispartner oder gute Bekannte. Oder sehen Sie sich die Nachrufe an: Von Freunden ist da nie die Rede. Zu Beerdigungen werden auch noch die entferntesten Verwandten eingeladen - die Freunde nicht. Wenn Ihr bester Freund im Krankenhaus liegt, bekommen Sie keinerlei Auskünfte, und wenn es ihm richtig schlecht geht, dürfen Sie ihn oft nicht einmal besuchen.
Was also ist Freundschaft?
In der alten griechischen und auch in der römischen Kultur war Freundschaft eines der höchsten Güter überhaupt. Aristoteles war der Meinung, dass kein Mensch auf Freunde verzichten würde - selbst wenn er sonst alles hätte. Auch im frühen Christentum spielte Freundschaft eine große Rolle.
Die Grundidee in diesen Kulturen war, dass Freunde die gleichen moralischen Werte haben und ähnliche Projekte verfolgen. Ein Freund hilft seinem Freund dabei, seine ethischen Ziele zu erreichen. Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit zu Loyalität und Treue. Und natürlich: Vertrauen, Konsistenz, Charakter und Integrität. Freundschaft hat nichts mit Anbiederei oder Schmeichelei zu tun, darauf haben die alten Griechen in vielen Aufsätzen zum Thema hingewiesen. Übrigens ist Freundschaft mittlerweile fast vollständig als Thema aus der Literatur verschwunden, während es in den klassischen Kulturen jede Menge Schriften gab, die sich mit der Frage der Freundschaft auseinander setzten.
Klar war: Freundschaften werden um ihrer selbst willen geknüpft, weil Menschen ähnliche Ideen vom Leben haben - nicht um irgendwelche Ziele zu erreichen.
Passen sie dann ins Geschäftsleben?
Tatsächlich wird es im modernen Business als unethisch angesehen, Freunde am Arbeitsplatz zu haben. Der klassische Ansatz aber ist, dass man genau hier Freunde braucht: weil sie sich die Wahrheit sagen. Und weil sie diese Wahrheit auch sagen können, denn es geht ihnen um die Person, nicht um ihr eigenes Ansehen oder Fortkommen. Wenn eine Freundschaft zudem materielle Vorteile mit sich bringt, ist das kein Problem, es ist sogar gut - aber eine Freundschaft, die allein auf dem materiellen Vorteil basiert, ist keine. Deshalb ist es auch vollkommen in Ordnung, miteinander Geschäfte zu machen oder einen Freund im Aufsichtsrat sitzen zu haben, denn er wird seinen Job besser machen als andere: Er wird ehrlich kontrollieren und kritisieren. Voraussetzung ist natürlich, dass er die zugehörigen Fähigkeiten besitzt.
In Deutschland haben wir damit nicht die besten Erfahrungen gemacht. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.
Was Sie meinen, sind Interessengemeinschaften. Man tut sich zusammen, um einen bestimmten Zweck zu erreichen. Und manchmal, das ist ohne Zweifel richtig, enden solche Verbindungen in Seilschaften, in denen es darum geht, Vorteile für die Mitglieder zu erreichen. Echte Freunde wollen das Beste für den anderen, aber sie handeln dabei nicht unethisch, schanzen sich keine Pfründe zu, weil sie davon ausgehen müssen, dass dies ihrem Freund am Ende schaden würde. Das Gleiche gilt übrigens auch für Insider-Geschäfte. Ein Freund, der von seinem Freund einen Aktientipp erwartet, ist keiner. Denn er verlangt, dass sich der Freund über kurz oder lang Ärger einhandelt. Solche falschen Vorstellungen von Freundschaft kommen daher, dass vielen die Erfahrung mit Freundschaft fehlt. Im Geschäft ist sie nicht mehr gern gesehen, also wird sie ins Privatleben abgedrängt, sie ist heute eine Freizeitbeschäftigung.
Und für Hobbys fehlt meist die Zeit.
Freundschaft hat mehrere Feinde in der modernen Gesellschaft. Ihr großer Feind ist unzweifelhaft die Familie. Die meisten von uns müssen sehr hart arbeiten, und der Ehe- oder Lebenspartner beansprucht den Rest der Zeit für sich. So wird Freundschaft zerrieben zwischen den Anforderungen im Beruf und denen der Familie. Besonders dramatisch wird es, wenn Kinder ins Spiel kommen, denn heute erwartet der Partner ganz selbstverständlich, dass man die Kinder gemeinsam erzieht. Das ist grundsätzlich nicht schlecht. Aber die Idee, dass es genauso wichtig ist, enge Beziehungen außerhalb der Familie zu pflegen, ist heute für die meisten Menschen nicht akzeptabel.
Sind nicht auch Ehepartner oft miteinander befreundet?
Glückliche und langjährige Ehen scheinen tatsächlich auch auf Freundschaft zu basieren. Die romantische Liebe allein jedenfalls ist es nicht. Die hält nicht so lange wie eine Freundschaft.
Ist Freundschaft Liebe?
Eindeutig. C. S. Lewis, der sich in einem Buch mit Liebe befasst hat, unterscheidet verschiedene Formen der Liebe. Eine, neben der erotischen, ist die Freundschaft. Aber unsere Obsession mit der erotischen Liebe hat dazu geführt, dass wir heute kaum noch verstehen, dass es Formen der Liebe gibt, die nichts mit Sex zu tun haben. Dabei gibt es etliche Parallelen. Zum einen beruht Freundschaft auf der Anziehung der Charaktere. Der Schriftsteller Michel E. de Montaigne sagte auf die Frage: Warum sind Sie mit ihm befreundet? Weil er er ist und ich ich. Zum anderen können Freundschaften sehr schnell entstehen. Viele Freunde, die beschreiben sollen, wie sie sich vor 20,30 Jahren gefunden haben, sagen, sie hätten innerhalb von fünf Minuten gewusst, dass der andere von nun an eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen würde. Aber genau wie in der romantischen Liebe ist es mit dem Anfang nicht getan. Man muss diesen besonderen Beziehungen Zeit widmen, sich kümmern und auch verzeihen. Wenn man nicht an ihnen arbeitet, scheitern sie.
Und natürlich ist der größte Feind der Freundschaft der Betrug. Den Griechen und Römern galt der Verrat einer Freundschaft als eine der schlimmsten Sünden überhaupt. Damals wusste man: Wer seine Freunde betrügt, dem kann man nicht trauen - und zwar in keiner Beziehung. Jemand, der seinen Freund betrügt, betrügt auch seine Firma, vermutlich seine Frau und seine Familie. Heute würde man dazu nur sagen: Das ist ein sozialer Fauxpas, vielleicht sind es schlechte Manieren, aber ein Drama wäre es nicht.
Ist Freundschaft nicht auch deshalb suspekt, weil sich Außenstehende benachteiligt fühlen? Gerade im Geschäftsleben?
Wer unter allen Umständen Chancengleichheit fordert, ist natürlich der größte Feind von Freundschaften. Ich halte das für naiv. Denn natürlich ist auch ein Freund in der Lage, Dinge sachlich zu beurteilen, und damit letztlich ebenfalls im Sinne des Freundes. Sie werden ihm keinen Job besorgen, für den er nicht geeignet ist. Schlicht, weil Sie ihm damit keinen Gefallen tun. Auf der anderen Seite können Sie sich aber besonders gut auf das Urteil eines Freundes verlassen. Wenn er Ihnen einen Kandidaten empfiehlt, können Sie sicher sein, dass er das Beste für Sie will. Und er weiß, wie unangenehm es für Sie - und ihn - ist, falls sich der Tipp als Flop herausstellen sollte. Ein besseres Auswahlverfahren gibt es kaum. Denn auf Arbeitszeugnisse können Sie sich nicht verlassen - und auch Ihr persönlicher Eindruck des Bewerbers ist nicht immer Garant für die richtige Entscheidung.
In Konzernen mit ausgefeilten Auswahlsystemen hat Ihr Ideal keine Chance.
Natürlich ist ein solches Verfahren leichter, wenn der Laden klein ist. Die Frage ist allerdings auch eine philosophische: Ist eine Geschäftsbeziehung trotz oder wegen der Freundschaft erfolgreich? Und noch eine Frage stellt sich: welche Art Unternehmen man gern hätte oder in welchem man gern arbeiten möchte. In einem, in dem das Geschäft aufgrund genau beschriebener und eingehaltener Regeln funktioniert, oder in einem, das aufgrund informeller Kontakte funktioniert?
Sind Regeln nicht wichtig, um Willkür zu verhindern?
Die bürokratische Natur des modernen Geschäftslebens zielt darauf ab, nach Möglichkeit sämtliche informellen Kontakte zu eliminieren, weil die Überzeugung vorherrscht, dass sich formelle Regeln leichter kontrollieren lassen. Informelle Kontakte, erst recht Freundschaft, lassen sich nicht kontrollieren - aber auch nicht unterbinden. Das ist kein Problem, wenn man in der Lage ist, Freundschaften und Seilschaften zu unterscheiden.
Der Unterschied ist für viele schwer zu erkennen.
Das ist wie mit den Werten: Wer keine hat, kann sie bei anderen nicht erkennen und auch nicht akzeptieren. Also versuchen viele Unternehmen, sich mit Regeln und ethischen Grundsätzen zu behelfen, denn sie haben erkannt, dass man so etwas braucht. Manche Manager glauben tatsächlich, sie könnten damit das Verhalten ihrer Mitarbeiter kontrollieren. Reines Wunschdenken.
Besser wäre es, gute Leute einzustellen und ihnen zu ermöglichen, das zu tun, was sie am besten können. Dafür brauchen Sie aber eine Menge Vertrauen in die Leute, mit denen Sie arbeiten. Und Sie brauchen authentische Menschen, die sich bei der Arbeit verhalten wie in der Freizeit.
Angenommen, Lieferant und Abnehmer sind befreundet. Der Lieferant ist auf den Auftrag angewiesen - aber die Konkurrenz ist billiger. Was sollen die beiden tun?
Die alten Griechen würden sagen: Es ist die Verpflichtung von Freunden, absolut ehrlich und klar miteinander umzugehen.
Der Abnehmer müsste sagen: Wir sind Freunde, aber ich brauche das Teil X billiger. Kannst du das? Und der Lieferant müsste ehrlich sagen: nein. Ich mache dir den besten Preis, den ich vertreten kann, wenn der nicht günstig genug ist, müssen wir es lassen. Und der Abnehmer müsste sich überlegen, was das für sein Geschäft bedeutet. Wenn er es gefährdet, muss er das seinem Lieferanten sagen. Der wird es akzeptieren. Denn er ist sein Freund.
Das ist ziemlich viel verlangt.
Stimmt. Aber wer seine Freunde unter Druck setzt, handelt eigennützig. Freundschaft ist keine Einbahnstraße, in der sich einer nur bedient. Wer sie dennoch so nutzt, zerstört sie langfristig.
