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brand eins 02/2009 - Kommunikation / PR

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Schnipsel-Jagd

Medien-Monitoring-Firmen lesen, sehen und hören alles. Und bereiten daraus den Kaffeesatz, aus dem die Kommunikationsexperten und PR-Strategen lesen, wie es um Image oder Glaubwürdigkeit steht.

Nur eine Frage bleibt dabei offen: wem das alles nützt.

- Jeden Morgen um fünf Uhr machen sich in Bonn ein paar ehemalige Pförtner des Bundeswirtschaftsministeriums mit Schere und Kleber an die Arbeit: Sie lesen Zeitung. Sie durchsuchen die Seiten nach Stichworten, die ihnen die Referenten zurufen, die mittlerweile im Ministerium in Berlin sitzen. Der so zusammengeklebte Pressespiegel landet bei der Pressestelle des Ministeriums, den Staatssekretären, den Referenten - alles in allem bei ungefähr hundert Beamten. Was die damit machen? "Weniger als Sie vermuten", heißt es dazu lapidar aus der Pressestelle.

Elektronisches Medien-Monitoring zum Stichwort "Bundeswirtschaftsministerium" zwischen 10.12.08 und 8.1.09: 722 Artikel
Davon Artikel mit Suchprofil "Pförtner": keiner

Wenn die verbeamteten Schnipsler in Bonn mit dem Ausschneiden beginnen, sind bei der Firma Cision im schwäbischen Kornwestheim bereits mehrere Hundert Kilo an Zeitungen und Zeitschriften eingetroffen. Mehr als 30 000 Printausgaben erreichen die Firma monatlich, darunter gut 1100 Tages- und Wochenzeitungen, rund 800 Publikums- und Kundenzeitschriften, 900 Fachmagazine und 1300 Anzeigenblätter.

Die werden alle gelesen.

Beim Gang durch die Büros der 200 Mitarbeiter sieht man fast ausschließlich in Gazetten vertiefte Menschen. Hier ist Zeitunglesen Arbeit - und das ab zwei Uhr in der Nacht. Allein die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" wird täglich auf mehr als 7000 Themen hin durchgeblättert. Weiterhin fahndet Cision - Weltmarktführer für Medien-Monitoring und -Analyse - bei rund 100 TV-Sendern und 60 Hörfunkkanälen, dazu in Tausenden deutschen Online-Medien, Internet-Blogs, rund 700 Datenbanken, im Videotext und in 40 Nachrichtenagenturen. Insgesamt führt das schwedische Unternehmen nach eigenen Angaben mit weltweit 2700 Mitarbeitern mehr als 50 000 Quellen aus 125 Ländern in 20 Sprachen zusammen.

In Krisenfällen werden die Kunden 24 Stunden am Tag ohne Pause über das aktuelle Mediengeschehen unterrichtet. Das Wort "Krise" klingt in dieser Branche ausnahmsweise positiv: Dann wird viel geschrieben - und muss auch viel gelesen werden.

Elektronisches Medien-Monitoring zum Stichwort "Cision" zwischen 10.12.08 und 8.1.09: 3 Artikel
Davon Artikel zum Suchprofil "Krise": keiner

Was nach zwanghafter Sammelwut klingt, gilt einer Umfrage der Universität Leipzig zufolge mehr als 80 Prozent der europaweit befragten PR-Professionellen als wichtigstes Instrument für die Erfolgsmessung der eigenen Arbeit.

Tatsächlich bedient der allmorgendliche Pressespiegel Eitelkeiten einzelner Personen in den Führungsetagen, die davon überzeugt sind, dass diese Informationen für ihre Entscheidungen wichtig sind. Und deren Laune je nach Inhalt des Pressespiegels steigt oder sinkt. Für Kommunikations- und PR-Abteilungen sind die Presseschauen Lebenselixier und Daseinsberechtigungsnachweis zugleich.

Was irgendwo geschrieben steht, ob der Konkurrent mehr Zeilen wert war - das bildet den Wert der eigenen Arbeit ab, und deshalb will man kein Sterbenswörtchen übersehen. Wollten die Kommunikationsabteilungen aber alles selbst im Auge behalten, müssten sämtliche Mitarbeiter den ganzen Tag Zeitung lesen, fernsehen und Radio hören. Dafür werden sie nicht bezahlt.

Deshalb gibt es Monitoring-Agenturen - die alles sehen, hören und lesen. Großkunden lassen sich das gern einige Tausend Euro im Monat kosten. Es geht ums Image. Und glaubt man den Experten für PR und Kommunikation, dann ist das Image das Wichtigste auf der Welt. Nicht was man tut zählt, sondern wie oft etwas darüber geschrieben, gesendet und gesagt wurde.

Lesen und lesen lassen

Am Duffesbach, so heißt die Straße am Ende des Kölner Sachsenrings, verweist nur ein kleines Schild in der Glastür auf die Firma von Thomas Breitenbach. Ein Mann mittleren Alters, in dessen Schopf sich die ersten grauen Haare zeigen und durch dessen kleine Brille blaue Augen schauen. Die Angestellten tragen Sweatshirts, der Chef Sakko und Jeans. Zeitungen sieht man hier keine.

Als einer der ersten Anbieter verschickt Breitenbach Media seit 2005 ausschließlich elektronische Pressespiegel, an Dax-Unternehmen genauso wie an Bundesministerien. Ein Drittel der Mitarbeiter sind Software-Entwickler, Breitenbach selbst ist Ma-schinenbau-Ingenieur. Immerhin bastelt er auch hier in gewisser Hinsicht an Maschinen - an Suchmaschinen.

Der Weg dahin begann für Breitenbach mit einem Praktikum bei Bayer. Dort suchte man eines Tages jemanden, der eine Software für ein Presse-Clipping schreiben kann. Texte ließen sich schon Ende der achtziger Jahre scannen, nur konnte man damit dann herzlich wenig anfangen. Ein elektronischer Pressespiegel lag in weiter Ferne.

Breitenbachs Unternehmen nutzt mittlerweile die dritte Weiterentwicklung jener Software. Der Computer "liest" die Zeitungen, und ein "Redakteur" analysiert die markierten Fundstellen, schaut, ob mit "Quelle" tatsächlich das Versandhaus gemeint ist oder ein entspringendes Bächlein. Das Unternehmen verkauft diese Software auch an die Kunden zum Eigengebrauch, das ist für die oft billiger als ein externes Monitoring. Der elektronische Weg kann aber auch einen teuren Haken haben.

Egal, ob Breitenbachs Computer einen Zeitungsartikel aufstöbern, man diesen bei Google selbst findet oder ihn mit der Schere irgendwo ausschneidet - sobald dieser weitergereicht oder genutzt wird, fordert das Urheberrecht Lizenzgebühren. Für die gedruckten Pressespiegel treibt diese die Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) von jedem Nutzer ein. Dass dies ein sehr einträgliches Geschäft sein kann, hatten sich die deutschen Zeitungsverlage nicht vorstellen können, als sie die entsprechenden Rechte an die VG Wort abgaben. Als Ende der neunziger Jahre der Scanner den Kopierer ablöste, immer mehr Artikel auf elektronischem Wege zur Pressebeschau ausgestellt wurden, waren die Zeitungsverlage aufmerksamer und gründeten im Jahr 2000 die Firma PMG. Deren Gesellschafter sind die beiden großen Verbände der Zeitungs- und Zeitschriftenverlage (BDZV und VDZ) sowie diverse große Verlagshäuser. Seit April 2001 vermarktet die PMG digitale Artikel und Lizenzen für die Erstellung und Verbreitung von elektronischen Pressespiegeln.

Elektronisches Medien-Monitoring zum Stichwort "Breitenbach Media" zwischen 10.12.08 und 8.1.09: kein Artikel
Davon Artikel zum Suchprofil "elektronischer Pressespiegel": keiner

Als PDF-Datei kostet ein Artikel nun mehr als die Variante auf Papier. Zudem offeriert die PMG auch selbst ein elektronisches Monitoring nebst Medienanalyse, womit den Zeitungsverlegern die Leistung gelang, bei der Zweitverwertung ihrer Texte Urheber, Erfasser, Vertreiber und Analyst zugleich zu sein.

Theres Essmann, bis Ende 2008 Geschäftsführerin der Kommunikationslösungen GmbH bei Cision, beziffert die Mehrausgaben für Großkunden bei elektronischen Lizenzen auf mehrere Zehntausend Euro im Jahr. Um Kosten zu sparen, liefert Cision daher mehr als 90 Prozent seiner Clippings auf papiernem Wege an die Kunden. Das summiert sich per anno auf mehrere Millionen Papier-Clippings - ein gewisser Wahnwitz, werden die Artikel doch von den Mitarbeitern am Computer bearbeitet und liegen auch in den Zeitungsredaktionen digital vor.

Klaus Rohr, Geschäftsführer der PMG, kennt diesen Wahnwitz und spricht von einem Lernprozess - freilich für die Kunden. Jeder Nutzer eines digitalen Textes zählt für die PMG als potenzieller Zeitungsleser, und der muss zahlen. Das bringt der PMG pro Jahr 17 bis 18 Millionen Euro, die an die Verlage entsprechend ausgeschüttet werden.

Dass es so viel ist, überrascht selbst die PMG. Im Jahr 2001 startete sie noch mit 30 Titeln, heute vermarktet sie mehr als 1800 Lizenzen für Publikationen von 500 Verlagen. Sämtliche Treffer unseres kleinen Monitorings führten beim Suchbegriff PMG direkt in das Impressum verschiedenster Tageszeitungen. Dort steht dann immer: "Die Rechte für die Nutzung von Artikeln für elektronische Pressespiegel erhalten Sie über die PMG Presse-Monitor GmbH."

Rund 900 Tageszeitungen liefern jede Nacht mehr als 100 000 Artikel an die PMG. Dort werden sie verschlagwortet und den gut 2000 Kunden im Internet zur Verfügung gestellt. Die zahlen dafür eine monatliche Mindestnutzungsgebühr, die mit 50 Euro für zwei Nutzer beginnt. Die genutzten Artikel kosten extra, für bis zu zehn Leser um die zwei Euro, bei bis zu 1000 Lesern rund zehn Euro, und können mit der Grundgebühr verrechnet werden. Auf das Bundeswirtschaftsministerium, das sein Monitoring nach eigenen Angaben demnächst auf die PMG umstellen wird, kommt da bei weit mehr als tausend Artikeln im Monat ein ordentlicher Posten im Budget zu. Die Pförtner gehen leider in Pension.

Elektronisches Medien-Monitoring zum Stichwort "Bundeswirtschaftsministerium" zwischen 10.12.08 und 8.1.09: 722 Artikel
Davon Artikel zum Suchprofil "Wirtschaftskrise": 377
Davon Artikel zum Suchprofil "Lösungsvorschläge": 190

Für Klaus Rohr geht der Trend klar in Richtung Digitalisierung. Das Potenzial der elektronischen Pressespiegel taxiert er in Deutsch land auf mehr als 20 000 Kunden. Einen weiteren Trend vermutet er in der Internationalisierung der Medien-Beobachtung. Um dieser gerecht zu werden, gründete die PMG im November 2008 mit zwölf europäischen Pressespiegel-Lizenzvermarktern die globale Mediendatenbank PDLN, über die künftig auch Rechte an internationalen Veröffentlichungen angeboten werden.

Man kann dann die Nachrichten auch in Australien lesen. Und an dieser Stelle muss die Frage erlaubt sein: Wozu brauchen die3 PR-Professionellen eigentlich diesen tausendfachen Einblick in die Medienwelt, sei es nun in der Provinz oder am anderen Ende der Welt? Die Antwort ist zunächst: Sie brauchen noch viel mehr.

Tonnenweise Zeitungspapier und 24-Stunden-TV genügen nicht mehr im Wettbewerb der Kommunikation. Für Michael Scheuermann hat dieser den Produktwettbewerb in der Wirtschaft längst abgelöst. Scheuermann ist bei BASF Leiter des Bereichs "Corporate Issues Network und Web 2.0 Com", zuvor war er in der Öffentlichkeitsarbeit der katholischen Kirche des Bistums Limburg und als Redakteur der "Abendpost/ Nachtausgabe" tätig.

Reingehen, schauen, kennenlernen

Scheuermann spricht von Many-to-many-Kommunikation, Social Circles, News Groups und Blogs. Davon, dass die Kommunikation neue Adressaten und dafür neue Medien brauche. Das aktuelle Zauberwort heißt Social Media. Gemeint sind Blogs, Foren, Internet-Communities, Mailinglists - BASF versucht auch hier, den Überblick zu behalten. Womit ein entsprechend weiter Ozean eingelassen wird, den Scheuermann zusammen mit einer Handvoll Studenten auf der Suche nach Relevantem durchsegelt. Sein Motto: reingehen, schauen, kennenlernen.

Die Abteilung von Scheuermann surft vornehmlich für Auftraggeber aus dem eigenen Konzern. Sie sucht nach Negativmeldungen zu BASF, um einer wachsenden Skandalisierungsgefahr im Netz vorzubeugen. Vor allem hält sie nach neuen Phänomenen Ausschau. Nach bloggenden einflussreichen Journalisten etwa, nach Foren und Blogs mit hohem Verlinkungsgrad - sogenannten Hubs, denen Meinungsführerschaft unterstellt wird -oder interessanten Themen, die die herkömmlichen Medien noch nicht erreicht haben, den Early Birds.

In einem dieser Blogs fand sein Team den Hinweis auf ein in China erscheinendes Handbuch zu nachhaltigem Bauen, das dort einen gewissen Kultstatus erreicht hatte. Da BASF-Produkte, beispielsweise zur Dämmung, auf nachhaltiges Bauen ausgelegt sind, versuchte man, in diesem Buch präsent zu sein. Heute soll in den Neuauflagen der chinesischen Alternativ-Baufibel regelmäßig über BASF zu lesen sein. "In der Fachpresse wären wir auf so einen Fall nie oder zumindest zu spät gestoßen", sagt Michael Scheuermann.

Elektronisches Medien-Monitoring zum Stichwort "BASF" zwischen 10.12.08 und 5.1.09: 275 Artikel
Artikel zum Suchprofil "chinesisches Handbuch für nachhaltiges Bauen": keiner

Die weltweite Kommunikation am besten unter Kontrolle, zumindest aber im Blick zu haben, das könnte man einer Branche als überaus ambitioniertes Anliegen unterstellen. Möglicherweise geht es der PR aber auch nicht anders als jedem anderen Wirtschaftszweig: Man muss sich immer mal wieder neu erfinden, um für die Kunden attraktiv zu bleiben, und ihnen auch regelmäßig ein neues Produkt vor die Nase setzen. Wo heute noch exotische Handbücher als Erfolg gepriesen werden, sagen PR-Leute zukünftig das wichtigste Instrument der eigenen Arbeit voraus. Rund 90 Prozent der in der Leipziger Umfrage befragten PR-Professionellen vermuten, dass bis zum Jahr 2011 die Online-Kommunikation und die Online-Medien zu den beiden wichtigsten und meistgenutzten Kanälen ihrer Arbeit geworden sind. Printmedien rangieren für sie dann nur noch auf dem dritten Platz, TV und Radio an fünfter Stelle, nach dem zwischenmenschlichen Gespräch. Mehr als die Hälfte nennen Social Media das zukünftig dominierende Medium.

Cision hat darauf längst mit einem Angebot für ein Monitoring im Web 2.0 reagiert. In den chinesischen Handbüchern könnte es also bald richtig eng werden.

Auch die Umweltorganisation Greenpeace will nach Aussage von Michael Hopf das Kontroll-Surfen im Web 2.0 "massiv ausbauen". Die Konzentration der Medienbeobachtung sieht er aber auch künftig in den meinungsbildenden überregionalen Printmedien. Für den Chef vom Dienst der Pressestelle beginnt der Arbeitstag mit sechs bis sieben dieser bundesweiten Zeitungen und einigen Online-Portalen. Er nennt das die "schnelle Durchsicht". Bei Cision lässt man zudem die Haupt- und Nebenausgaben sämtlicher Tageszeitungen, Zeitschriften und Fachblätter observieren. Das Suchwort ist "Greenpeace" und fördert im Monat zwischen 700 und 1000 Artikel zutage.

Elektronisches Medien-Monitoring zum Stichwort "Greenpeace" zwischen 10.12.08 und 8.1.09: 253 Artikel
Davon zum Suchprofil "Kritik": 197

Mit diesem Monitoring-Aufwand kann sich der von Fördergeldern finanzierte Verein durchaus mit den Aktivitäten eines Dax-Konzerns messen, mit den veröffentlichten Artikeln allerdings auch. "Die Kosten dafür machen den größten Anteil am Budget unserer Pressestelle aus", sagt Hopf. Deshalb würde diese Praxis intern auch ständig infrage gestellt.

Hopf begründet den Aufwand wie folgt: "Wir verwenden viel Energie darauf, um bei Umweltfragen öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen. Dann müssen wir auch wissen, welche Wirkung wir haben." Alle eingehenden Artikel werden deshalb vom Hamburger Büro für Publizistik analysiert, die entsprechenden Mitarbeiter sind bei den Themen Energie, Artenvielfalt, Gentechnik und Landwirtschaft entsprechend firm. Die drei Hauptfragen sind:

1. Sind wir mit unseren Botschaften angekommen?
2. Haben wir ein Thema verpasst?
3. Hatten wir für ein Thema keine rechtzeitigen Gegenargumente in der öffentlichen Diskussion?

Für eine zusätzliche Sammlung von digitalen Mediendaten und deren Auswertung reicht das Budget bei Greenpeace dann nicht mehr. "Sobald die Lizenzgebühren der PMG kommen, sind wir bei unserer großen Artikelzahl aus dem Spiel", sagt Hopf. Was durchaus ein Nachteil im Vergleich mit den Kampagnen-Gegnern sei. Dass Mitglieder der Industrie- und Handelskammern bei der PMG Rabatte bekommen, falle dabei schon gar nicht mehr ins Gewicht. Hopf beobachtet, dass "das gesamte Instrumentarium der Branche ohnehin zunimmt und teurer wird". Wer diese Ausweitung nicht mitmachen kann oder will, muss sehr genau überlegen, was für ihn sinnvoll ist.

Die Sinnfrage

Was sinnvoll ist, scheint in der Branche keiner so recht zu wissen. Theres Essmann von Cision berichtet, dass viele Kunden schon bei der Formulierung von recherchetauglichen Suchprofilen Unterstützung benötigen. Sich in der Vielzahl der Analysemethoden zurechtzufinden ist noch ungleich schwieriger - zumal diese stetig zunehmen und immer detaillierter werden. Die Monitoring-Firmen reagieren damit auf den ebenfalls zunehmenden Drang seitens der PR-Branche, aus Medienberichten messbare Werte wie Kostenersparnisse, Image oder Glaubwürdigkeit zu extrahieren. Cision hat mittlerweile die gesamte Wertschöpfungskette im Medienkosmos geschlossen: Über die weltweit größte Journalistendatenbank können die Kunden zunächst ihre Pressemitteilungen regional wie interkontinental verschicken, deren Verbleib Cision dann für die Kunden ortet und aus diesen Daten Zusammenhänge jeder Art in Diagramme packt und beispielsweise umrechnet, was pro veröffentlichter Pressemitteilung an Anzeigenkosten gespart wurde.

Die Software-Entwicklung der zurückliegenden zehn Jahre erlaubte diesen Analysen eine immense Entwicklung. Von Bild, Ton bis Wort lässt sich heute alles digitalisieren und mit Codierungsbüchern und Algorithmen sekundenschnell untersuchen. Thomas Breitenbach sagt - und das solle jetzt nicht arrogant klingen -, dass ihm außer Image-Analysen nichts einfiele, das sich nicht automatisiert messen ließe. Sein Unternehmen hat das bloße Trefferzählen der Suchbegriffe längst eingestellt, bietet stattdessen 26 Kurzzeit- und ebenso viele Langzeitanalysen an, die durch ein selbst entwickeltes Analysesystem jeden Morgen bis acht Uhr vollautomatisch entstehen. Etwa die Häufigkeit der Suchbegriffe im Vergleich zur Textlänge, welcher Autor diese Texte aus welcher Quelle schrieb, in welcher Region, in wie großen Artikeln und wie oft er dabei den Namen des Produktes oder der Firma erwähnte.

Ansgar Zerfaß, Kommunikationswissenschaftler der Universität Leipzig und Mitautor der zitierten Monitor-Umfrage, sieht durchaus, dass bei einigen Analysen mitunter "Datenmüll zur Kundenbindung" herauskomme, gleichwohl hält er sie für unabdingbar. "Das bloße Artikelzählen allein macht keinen sonderlichen Sinn." Wichtiger sei es, zu wissen, wie die Botschaften wahrgenommen und verstanden wurden. Immerhin die Hälfte der von ihm befragten Aktiengesellschaften gaben an, genau dies zu erheben. Das geringste Interesse am Verständnis ihrer Botschaften zeigt die Politik. Dort analysieren diesen Punkt nur 30 Prozent.

Kommunikationswissenschaftler wie Zerfaß mühen sich derweil, aus Medienberichten feinste Nuancen zu destillieren, um etwa Glaubwürdigkeit und Image zu messen. Zerfaß ermittelt zur Erfolgsmessung von PR beispielsweise in Kooperation mit der PMG den "Corporate Trust Index", für den die tägliche Berichterstattung deutscher Medien über die Dax-Unternehmen analysiert wird. Ein Programm fahndet dabei nach speziellen Vertrauensindikatoren in den Texten, die - zugeordnet zu Unternehmen, Vorstand und Produkten - einen Reputationswert identifizieren, der sich in einem Index darstellen lässt. Er soll als Frühwarnsystem für Kommunikationskrisen dienen und Hinweise liefern, welche Botschaften nicht verstanden wurden und welches Handeln in der Öffentlichkeit nicht gut ankam.

Dabei zeigte sich, dass die Banken 2008 den schlechtesten Ruf hatten - was möglicherweise nicht viele überrascht haben wird. Zumal sich diese Art analysierter Glaubwürdigkeit mitunter etwas synthetisch anfühlt.

Belege für das Bauchgefühl

Für Michael Grabicki, seit vielen Jahren bei BASF in der Kommunikation, liefern derartige Analysen aber durchaus auch Handfestes: "Sie geben uns Belege dafür, was wir früher oft nur aus dem Bauch heraus empfunden haben." Das Dogma für seine Arbeit: "Was wir nicht messen können, sollten wir besser lassen." Gemessen werden kann, welche Pressemitteilungen den Weg in die Medien fanden und wie sie dort veröffentlicht wurden. Was die Leser in den Zielgruppen davon verstanden haben, sollen Befragungen klären. So werde das, was man früher aus dem Bauch heraus vermutete, heute recht belastbar analysiert. Und man merke, dass man mitunter einigen Fehleinschätzungen aufsaß: So glaubte man lange Zeit, die regionalen Medien berichteten eher negativ über BASF. Eine Analyse ergab: Die Mehrheit der Berichte war positiver als in der überregionalen Presse.

Elektronisches Medien-Monitoring zum Stichwort "BASF" zwischen 10.12.08 und 8.1.09: 275 Artikel
Davon zum Suchprofil "Kritik": 198
Davon zum Suchprofil "Greenpeace": 109

Mit diesen Daten im Rücken lasse sich auch gegen "praxisferne" Vorstellungen von Führungskräften argumentieren, sagt Grabicki. Die beispielsweise in den Bilanz-Pressekonferenzen möglichst viele Themen unter das Volk reden wollen. Die Analysen zeigten, dass von zehn Themen meist nur drei oder vier den Weg in die Öffentlichkeit finden. Folglich konzentriert man sich nun auf wenige und hofft, dabei die richtigen gefunden zu haben.

Welches die richtigen Themen sind, diskutieren die Kommunikationschefs viermal im Jahr mit den internationalen Managern im gemeinsamen Plenum. Hier hat das Mediengeschehen direkten Einfluss auf die strategische Ausrichtung: Ist die öffentliche Meinung zu Bio-Diesel etwa gerade ablehnend, kann das für ein geplantes Großprojekt das Aus bedeuten. Außerdem haben die BASF-Experten die Daten zur Medienwirkung der großen Industrie- und Automessen in den Taschen: Welche Messe eher international, welche regional, welche von Fachleuten, welche von der breiten Masse wahrgenommen wird - und danach besetzen Management und Kommunikation die Veranstaltungen mit ihren Themen und Produkten.

Eines lässt sich aber bis heute trotz allem nicht messen oder beobachten, wie Theres Essmann zum Abschluss des Gesprächs bei Cision noch einwirft: "Nämlich das, was in den Artikeln überall auf der Welt nicht geschrieben wurde."

Das sollte man nicht zu gering schätzen. Denn gerade das bedeutet nicht selten die eigentliche Leistung der Kommunikationsabteilungen. -


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