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brand eins 02/2009 - Kommunikation / PR
Der Schattenmann
Alastair Campbell war der Strippenzieher hinter Tony Blair.
Er polierte das Image des britischen Premiers und beherrschte das Spiel mit den Medien perfekt.
Bis er selbst in die Schusslinie geriet.
- Die Parlamentslobby des Palastes von Westminister ist der zentrale Umschlagplatz für politische Gerüchte im Vereinigten Königreich. Reporter lauern auf Abgeordnete, Minister nehmen Journalisten zum vertraulichen Gespräch beiseite. Das war der Arbeitsplatz von Alastair Campbell, der das Geschäft von beiden Seiten kennt. Als Reporter des Boulevardblattes "Daily Mirror" entdeckte er, dass der konservative Premier John Major sein Oberhemd in die Unterhose steckte, als Sprecher von Tony Blair sorgte er dafür, dass solche Details nicht bekannt wurden.
Es war im Jahr 1987, als Campbell Blair zum ersten Mal traf. Blair war ein unbekannter Abgeordneter und Campbell Parlamentskorrespondent mit einem Faible für die Labour Party. Schon in ihrem ersten Gespräch sollen sie damals darüber beraten haben, wie Labour wieder an die Regierung kommen könne, und schmiedeten kurz darauf gemeinsame Pläne.
1997 war ihnen das gelungen. Blair zog nach 18 Jahren konservativer Regierungen triumphal in No. 10 Downing Street ein und brachte einen Vertrauten mit: Alastair Campbell wurde zweitwichtigster Mann der Regierung. Er hielt sich im Hintergrund, arbeitete an Gerüchten und Nachrichten, bürstete Blairs Redemanuskripte und gab der hungrigen Medienmeute Futter. Ende der neunziger Jahre dürfte es in Europa niemanden gegeben haben, der die Kunst der Polit-PR so beherrscht hat wie er. Campbell konnte meisterhaft Informationen durchsickern lassen und Gerüchte streuen; so eliminierte er Gegner und pflegte Freundschaften. Ehrfurchtsvoll wurde er "Spin-Doctor" genannt.
An einem kalten Wintertag im Januar sitzt Campbell im Wohnzimmer seines Hauses in Nordlondon und serviert Tee. Im Haus riecht es nach Zimt, ein Kaminfeuer knistert, die Sonne scheint zum Erkerfenster hinein. Campbell ist fast zwei Meter groß, hat eine athletische Statur und einen aufrechten Gang. Nach einem Schluck Tee sagt er: "Die Debatte über mich als Spin-Doctor war überbewertet. Ich war ein politischer Kommunikator." Und zwar einer, der strategisch denken kann und der sich als Boulevard-Mann seiner möglicherweise zuvor vorhandenen Skrupel entledigt hat. Seine wichtigste Regel lautet:
"Du brauchst eine klare strategische Botschaft! "
März 1997. Die Labour-Party war im Wahlkampf, Tony Blair ihr Kandidat, Campbell sein Berater. Ihre Botschaft: Modernisierung. Bei der Partei fingen sie damit an und verpassten ihr das Etikett New Labour. Dahinter verbarg sich ein politisches Projekt, deren Schöpfer zuerst darauf bedacht waren, ihr Tun im richtigen Licht darzustellen: wenige politische Prinzipien, dafür laute Musik. Selbst die Parteiausweise waren nicht mehr rot, sondern orange, so besessen waren Blair und Campbell von ihrer Botschaft der Modernisierung. "Wenn die Botschaft erst mal klar ist, kann man darauf aufbauen und eine Strategie entwickeln", sagt Campbell. Aber:
"Erst wenn die Strategie deutlich ist, kann man über die Taktik entscheiden."
Campbells Wahlkampfstrategie war es, unermüdlich zu zeigen, dass es mit den Konservativen nur rückwärts gehen kann. Unverzichtbar für die Taktik war ein gut aussehender, junger und rhetorisch messerscharfer Tony Blair. Dessen Gegner John Major wurde zum Opfer. Dem konservativen Nachfolger vom Margaret Thatcher fehlten Kraft und Fantasie, um dem New-Labour-Team erfolgreich Gegenwehr leisten zu können. Nicht selten waren die Momente, in denen Blair Major im Parlament demütigte. "Ist es nicht außergewöhnlich, dass es dem Premierminister dieses Landes noch nicht einmal gelingt, seine eigene Partei dazu zu bringen, seine Position zu unterstützen?" Dann beugte sich Blair weit über den langen Tisch im Unterhaus hinüber zum Platz von Major und rief: "Schwach, schwach, schwach! "
Derart aufgehetzt wurde Blair von Alastair Campbell. Er trainierte mit dem jungen Wilden dessen Reden und schaffte es sogar, neue Freundschaften zu schließen. Er sagt:
"Es ist wichtig, Verbündete zu haben."
Und deshalb reichte er Robert Murdoch die Hand, Herausgeber des Boulevard-Flakgeschützes "The Sun". Traditionell empfehlen britische Zeitungen ihren Lesern vor den Wahlen einen Kandidaten für das Amt des Premiers. Murdoch, ein Konservativer und Gegner eines vereinten Europa, war in den Jahren zuvor auf die Konservativen eingeschworen. Von dem jungen Blair war er beeindruckt, Campbell trotzte ihm eine Empfehlung für ihn ab. Damit war die Wahl schon beinahe gewonnen - und klar, dass er künftig bei der "Sun" in der Schuld stehen würde.
Campbell machte das Beste daraus. Nach dem Sieg pflegte er enge Kontakte zu ausgewählten Medien. Weil kleine Geschenke die Freundschaft erhalten, verteilte er Präsente in Form von News. So freute sich mal der "Guardian" über eine Geschichte über Frauenrechte. Mal die "Times" über einen Entwurf für ein Wirtschaftsprogramm. Die "Sun" durfte Blair in den Anfangsjahren beinahe so oft interviewen, wie sie wollte. Und weil zu guten Freundschaften auch Feindschaften gehören, focht er mit der konservativen "Daily Mail" einen Kleinkrieg aus. Die nannte ihn den "verlogensten, stinkendsten Staatsdiener" Großbritanniens.
Über Journalisten sagte Campbell einmal: "Sie schreiben Blödsinn. Sie schreiben Müll. Sie erzählen Lügen." Und damit waren nicht nur "Daily Mail"-Reporter gemeint. Generell hat der Ex-Journalist Campbell für Journalisten wenig übrig. Er sagt:
"Journalisten sind nicht da, um einem zu helfen."
Und er stellte sie kollektiv unter Beobachtung. Schon für den Wahlkampf hatte er im neuen Hauptquartier der Labour Party eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die 24 Stunden lang Agenturen, Zeitungen, Fernsehen und Radio auswertete. Nichts von dem, was über Blair gesagt wurde, konnte Campbell entgehen. Nach der gewonnenen Wahl wurde eine solche Truppe auch in Downing Street stationiert. Kurz nach sechs Uhr morgens faxte ein müder Nachrichtenwächter Campbell die Titel und Zusammenfassungen aller Artikel über den Premierminister. Beim Frühstück liefen die Morgennachrichten der BBC. Hörte er etwas, das ihm nicht passte, rief er an und beschwerte sich beim zuständigen Redakteur. Er wusste immer, was über seinen Chef gesagt, geschrieben, gesendet wurde. "Das ist keine Obsession", sagt Campbell entspannt in seinem Sessel. Vielmehr ginge es um etwas anderes:
"Sei den anderen immer einen Schritt voraus."
Denn nur so könne man abschätzen, was auf einen zukomme. "Wenn Tony vor das Parlament muss, müssen wir alles kennen, was veröffentlicht wurde. Nur so können wir wissen, mit welchen Attacken zu rechnen sein wird und wie wir darauf reagieren können."
Diese Big-Brother-Taktik beherrschte Blairs Team auch noch nach Campbells Abgang. 2006 attackierte der neue Chef der Konservativen, David Cameron, den Premier wegen des staatlichen Gesundheitsdienstes N HS. Blair kannte den Vorwurf bereits, griff in seine Mappe, zog ein Blatt hervor und bombardierte die Zuhörer im Unterhaus mit Fakten und Ziffern: "Lassen Sie mich sagen, was tatsächlich mit dem N HS passiert. Es stehen 400 000 Menschen weniger auf den Wartelisten als im Jahr 1997. Wartezeiten für Herz-Operationen sind gesunken. Patienten bekommen ihre Krebs-Therapie rechtzeitig. Es gibt 300 000 mehr Mitarbeiter beim N HS. Und wenn Sie den besten Beweis wollen, dass der nationale Gesundheitsdienst besser wurde, kriegen Sie ihn hier. Heute Morgen sagte jemand: 'Wenn Sie mir sagen, dass der N HS heute besser ist als 1997, dann würde ich sagen: Ja, er ist besser.' Wer sagte das? Der Schattengesundheitsminister der Opposition."
Solche Sätze, abgefeuert im Blair-Stakkato erfreuen die Fernsehsender der Abendnachrichten - und sie erfreuen Campbell. Für ihn bedeutet Politik, den Gegner mit allen Mitteln zu schlagen. Sein Schwert in dieser Schlacht sind die Medien - über sie versucht er eigene Botschaften zu streuen, die abseits der aktuellen Nachrichten liegen. "Bestimmte Events bestimmen die Agenda. Zurzeit sind es Israel und Gaza. Danach wird es Barack Obama sein." Vor einigen Jahren sagte Bill Clinton zu Campbell, zu viele Entscheidungsträger ließen sich von der Wucht der täglichen Me-dien-Events treiben. Deshalb sei eine Sache besonders wichtig:
"Setze deine eigene Agenda."
Täglich versuchte Campbell den Medien Geschichten über die Regierung zuzuwerfen. Er wollte steuern, was gedruckt und gesendet wurde. Denn man muss eines verstehen: "Medien sind laut, aber sie sind nicht mächtig. Sie bombardieren uns mit Nachrichten. Es ist wichtig, dabei die eigenen Themen zu setzen." Gelingt dies einmal nicht, ist es wichtig, das zu erkennen und schnell zu handeln.
"In der Defensive: Klarheit."
Am 1. August 1997 fand Campbell in seinem Büro die Nachricht eines Redakteurs des Boulevardblatts "News of the World" mit Bitte um Rückruf. Am Telefon scherzte er: "Ich hoffe, du wirst nicht einen Skandal lostreten, wenn ich im Urlaub bin." Antwort: "Nein, ich werde das jetzt tun." Das Blatt hatte Bilder, die bewiesen, dass Außenminister Robin Cook mehrmals in der Vorwoche die Nacht mit einer Geliebten verbracht hatte. Campbell wusste, er hatte keine Chance, bat um 24 Stunden Aufschub, sagte zu Blair: "Ich bringe dir deinen ersten Sex-Skandal." Blair fürchtete eine Seifenoper, und Campbell griff erneut zum Telefon.
Er erreichte Cook auf dem Flughafen von London-Heathrow, als der im Begriff war, mit seiner Ehefrau in die Ferien zu fliegen.
Cook war gefasst und wenig überrascht. Campbell sagte ihm: "Vom Standpunkt der Medien ist jetzt eines wichtig: Klarheit." Cook gab zu bedenken, dass er so schnell keine Klarheit haben würde. Da hörte er von Campbell, er müsse sich entscheiden -Frau oder Geliebte. Am nächsten Morgen hatte sich Cook entschieden: für seine Geliebte. Campbell präsentierte die Geschichte der "News of the World", sie sprachen mit Cook, im Gegenzug ließen sie Frau und Familie in Ruhe. Cook blieb Minister, Campbell hatte den Sex-Skandal entschärft.
"Kaltherzig?" Campbell schüttelt den Kopf. "Die Zeitung hat die Familie in Frieden gelassen. Und Robin Cook hätte sich so oder so entscheiden müssen. Wäre er kein Top-Politiker gewesen, hätte er mehr Zeit dafür gehabt. Aber das war er nun einmal."
Campbell war der ideale Mann hinter Blair. Zu Hochform lief er auf, als Prinzessin Diana 1997 in Paris tödlich verunglückte. Ein Staatsbegräbnis für die geschiedene Diana kam für die Queen nicht infrage. Obwohl Tausende von Blumensträußen am Buckingham-Palast abgelegt wurden, wehte über den Dächern noch nicht einmal die Flagge halbmast. Das nahmen die Briten ihrer königlichen Familie, die sich in ihrem Landsitz verschanzt hatte, sehr übel. Für Blair war das eine Chance. Er konnte demonstrieren, dass selbst die Queen auf ihn hörte. Aber zuerst musste er selbst zuhören:
"Verstehe die Stimmung im Land."
Campbell und Blair leisteten harte Arbeit und bearbeiteten die Queen, bis sie sogar einem öffentlichen Begräbnis zustimmte. Für Blair, der mit dem königlichen Protokoll nicht auf Du war, fand Campbell schnell einen neuen Titel für Diana: "Prinzessin des Volkes." Die Trauernden waren gerührt.
Das Problem bei Campbell ist, dass man nie sicher sein kann, was Kalkül und was echt ist. Er weiß, wie Medien funktionieren, und er kann Sätze für sie maßschneidern. Legt er seine Füße auf den Couchtisch, fragt man sich, ob er es tut, um zu zeigen, wie locker er ist, oder einfach nur, um bequemer zu sitzen. "Alastair Campbell ist ein pathologischer Lügner", sagt Peter Oborne, Autor einer Biografie über den ehemaligen Spin-Doctor. "Er ist kein Intellektueller. Aber er versteht viel von der menschlichen Natur. Was Campbell vor allem interessiert, ist die Macht." Für den Kolumnisten der konservativen "Daily Mail" verkörpert Campbell die dunkle Seite von New Labour: Sittenverfall, Werteverfall, Diktatur des Mittelmaßes. Trotzdem gesteht er ein: "Er hat einen guten politischen Instinkt."
Aber der verließ ihn, als er selbst zur Zielscheibe wurde. Es war der 29. Mai 2003. In den Nachrichten behauptete ein BBC-Reporter, ein Informant habe ihm gesteckt, dass die Regierung Geheimdienstberichte "aufgesext" habe, um einen Krieg gegen den Irak besser verkaufen zu können. Der Vorwurf deutete auf Campbell. Als der davon hörte, brannten bei ihm alle Sicherungen durch. Der Mann, der über Jahre hinweg die Medien lenkte, kämpfte wie wild geworden gegen den Reporter, schimpfte ihn einen "Lügner". Gut möglich, dass er deshalb so aggressiv wurde, weil er erstmals selbst in die Schusslinie geraten war. Campbell war immer der Mann im Schatten von Blair und sich nie zu schade dafür, den Schmutz hinter seinem Chef wegzuräumen. Doch plötzlich wurde er das Opfer seiner Loyalität. In der ungewohnten Rolle des Angeklagten verlor er die Selbstbeherrschung - und vergaß alles, was er über Medien wusste. Ohnehin war seine Rolle schwierig. In der Parlamentslobby erzählte man sich immer wieder, Campbell sei gegen den Irak-Krieg gewesen, trotzdem half er Blair, ihn zu rechtfertigen. Hätte er damals fundamental anders gedacht, wäre es schwierig für ihn gewesen, meint er. Aber:
"Es ging damals nicht um mich. Ich habe für Tony gearbeitet."
Zu seiner Verteidigung forderte er von der BBC, dass sie den Namen des Informanten preisgibt. Dieser outet sich später als David Kelly, ein Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums. Er stellte klar, seine Aussage sei von der BBC nicht richtig wiedergegeben worden. Er habe nicht behauptet, dass Campbell die Berichte "aufgesext" habe. Kurz darauf nimmt sich Kelly das Leben. Ein Untersuchungsausschuss widmet sich dem Fall. Zwei Tage lang muss Campbell aussagen, sogar seine Tagebücher abgeben. Vor dem Ausschuss drückt er sich eine Büroklammer in den Finger, damit die Schmerzen seine Wut bremsen. Am Ende wird er freigesprochen. Tage danach tritt Campbell 2003 zurück.
Der Irak-Krieg bedeutete auch das politische Ende von Tony Blair. Nach der überraschend gewonnenen Wahl im Jahr 2005 musste er 2007 sein Amt an den langjährigen Parteirivalen Gordon Brown abtreten. Zum Abschied von Blair zeigte Campbell noch einmal, wie perfekt er die Spielregeln des Mediengeschäftes beherrscht. Fast zeitgleich erschien sein Tagebuch "Die Blair-Jahre", das es sofort auf Platz eins der "Sunday Times"-Bestsel-ler-Liste schaffte.-
