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brand eins 02/2009 - Kommunikation / PR

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Der Feuerwehrmann

Auf der Suche nach ihrer verschwundenen Tochter inszenierten Kate und Gerry McCann eine beispiellose Medienkampagne.

Der Mann, der sie ermöglichte, ist der PR-Berater, Ex-Journalist und -Regierungsmitarbeiter Clarence Mitchell. Ein Gespräch über die Story seines Lebens und die Grenzen des guten Geschmacks.

brand eins: Das Satiremagazin "Titanic" druckte vor einiger Zeit eine fingierte Supermarkt-Anzeige unter der Überschrift: "Find Maddie". Das mittlerweile weltbekannte Gesicht der vermissten Madeleine McCann war dort unter anderem auf einem Haushaltsreiniger zu sehen, der "verwischt alle Spuren im Haushalt". Sie bezeichneten den Beitrag im Namen der Familie McCann als "krank" und "respektlos". Was war daran Ihrer Ansicht nach so skandalös?

Clarence Mitchell: Hier wurde eindeutig die Grenze dessen überschritten, was bei journalistischen oder satirischen Beiträgen akzeptabel ist. Diese fingierte Anzeige war nicht witzig, sie hat Kate und Gerry McCanns Gefühle verletzt. Deshalb haben wir von den Verantwortlichen auch eine Entschuldigung verlangt und weitere rechtliche Schritte angedroht.

Die "Titanic"-Redaktion zeigte sich über die Drohung erfreut: So bleibe das Blatt im Gespräch und erhalte kostenlose Werbung.

Zur Klage kam es dann auch nicht. Wichtig war, dass wir unseren Standpunkt sehr deutlich gemacht haben. Wenn ein Kind verschwunden ist, sind die Eltern verzweifelt - das Letzte, was sie in dieser Situation brauchen, sind irgendwelche Journalisten, die meinen, sie seien komisch. Die britischen Medien haben sich übrigens ebenfalls von dem Beitrag distanziert, mit dem Tenor, dass hier ein deutscher Humorversuch gehörig schiefgegangen sei.

Dass die britische Presse nicht amüsiert war, wundert nicht - auf sie zielte die Satire doch. Zeitungen und Zeitschriften haben an der Berichterstattung über das verschwundene Kind glänzend verdient. Maddie wurde von den Medien zu dem gemacht, was die "Titanic" mit der Anzeige drastisch demonstrierte: zu einem Mittel der Verkaufsförderung.

Ich verstehe durchaus, warum die "Titanic"-Leute die Geschichte gebracht haben: Sie wollten aufzeigen, dass wir Madeleines Gesicht im Stil eines Marken-Labels vermarktet haben. Doch in der heutigen Zeit muss man so vorgehen, wenn man im Fokus der Medien bleiben will. Trotzdem mag ich es nicht, über ein kleines Mädchen wie Madeleine als "Marke" zu sprechen.

So wird dieses kleine Mädchen aber doch von Ihnen präsentiert. Über die sogenannte Find-Madeleine-Website wird sogar ein Versandhandel mit T-Shirts und Armbändchen betrieben.

In gewisser Weise mögen Sie recht haben - es gibt tatsächlich Parallelen zum Marketing. Kate und Gerry beschlossen sehr früh, das Bild und den Namen ihrer verschwundenen Tochter zu verbreiten. Und in der modernen Mediengesellschaft konkurrieren verschiedene Geschichten nun einmal um Aufmerksamkeit. Deshalb muss man professionell an die Sache herangehen. Die Leute mögen sagen, das sei zynisch - ich betrachte es geradezu als Notwendigkeit.

Madeleines Vater betonte nach dem Verschwinden des Kindes, dass eine "Marketingkampagne" nötig sei, um sie zu finden. Seine größte Sorge sei, dass die Medien nach wenigen Tagen das Interesse an der Geschichte verlören. Das klingt ziemlich abgebrüht.

Es ist Gerrys Natur, die Dinge nüchtern und fokussiert zu betrachten. Und auch ich war gezwungen, so zu denken. Uns blieb keine andere Wahl, als die Suche auf rationale und nahezu kommerzielle Weise zu organisieren.

Schon in der Nacht von Madeleines Verschwinden gingen den britischen Medien zahlreiche Fotos des Mädchens zu.

Das stimmt, allerdings nicht von den Eltern - Kate und Gerry waren viel zu beschäftigt damit, nach Madeleine zu suchen. Die Fotos kamen von Freunden und Verwandten in England. Das Internet hat bei ihrer Verbreitung die entscheidende Rolle gespielt: Noch bevor Kate und Gerry die erste Nacht der Suche hinter sich hatten, war ihre Tochter zu einer Ikone geworden.

Wie kann eine Dreijährige über Nacht zu einer Ikone werden?

In dieser Medienwelt herrschen ständige Nachfrage und immenser Konkurrenzdruck: Für viele Redaktionen geht es heutzutage darum, mit einer Nachricht so schnell wie möglich auf den Markt zu kommen, um die Mitbewerber auszustechen. Das führt zu schlampiger Recherche, zu einer Minderung der journalistischen Qualität und immer öfter dazu, dass eine gesendete Meldung kurze Zeit später revidiert werden muss. Insgesamt entsteht so ein wahnsinniger Druck im Mediensystem, der sich nicht zuletzt auf diejenigen auswirkt, über die berichtet wird. Besonders wenn sie, wie die Familie McCann, ganz plötzlich ins Fadenkreuz der Medien rücken.

Welche Auswirkungen hatte dieser Druck auf Sie?

Auf dem Höhepunkt des öffentlichen Interesses war die Geschichte auch für mich sehr belastend. Vor der Ferienwohnung der McCanns warteten bis zu 300 Medienleute, darunter allein 40 Fernsehteams. Ständig waren schnelle Antworten gefragt, und manchmal hätte ich mir gewünscht, dieses oder jenes anders gesagt zu haben. Es gab Tage in Portugal, an denen ich bis zu 200 Anrufe von Journalisten aus aller Welt bekommen habe, das war wirklich sehr anstrengend. Meine Frau war zeitweise nicht glücklich über meinen Job. Selbst wenn ich zu Hause war, war ich nicht wirklich anwesend. Ständig hat das Telefon geklingelt, ständig habe ich vor dem Computer gesessen.

Unter dem größten Druck standen Sie, als die McCanns Sie im September 2007 - nachdem Ihr Job als PR-Mann im Auftrag der britischen Regierung abgeschlossen war - auf eigene Rechnung als Pressesprecher zurückholten. Madeleines Eltern waren gerade selbst offiziell zu Verdächtigen erklärt worden und in den Fokus der Ermittlungen geraten. Wie war es dazu gekommen?

Ständig gelangten aus Polizeikreisen irgendwelche Gerüchte an die Öffentlichkeit - obwohl die portugiesische Gesetzgebung es der Polizei untersagt, Informationen nach außen zu tragen. Teilweise handelte es sich um unhaltbare Unterstellungen. Zum Beispiel wur den DNA-Spuren in einem Mietwagen der Eltern gefunden, und man behauptete, die Eltern hätten den Körper des toten Kindes damit weggeschafft. In Wahrheit hatten die McCanns Wochen nach Madeleines Verschwinden Kleider ihrer vermissten Tochter in diesem Wagen transportiert. DNA ist leicht übertragbar - kleinste Mengen von Schweiß oder Hautpartikeln reichen. Aus solchen Spuren zu schließen, dass ein Körper transportiert wurde, ist abwegig. Außerdem war der Wagen die ganze Zeit vor der Ferienwohnung geparkt und wurde von Fernsehkameras gefilmt.

Für die Medien waren die Gerüchte aus Polizeikreisen ein gefundenes Fressen: Die Maddie-Story bekam eine neue Wendung.

So war es. In der portugiesischen Presse gab es damals eine grässliche Verleumdungskampagne gegen Kate und Gerry. Den Verantwortlichen war jedes neue Gerücht recht, um Maddie-Titelseiten zu produzieren. Jeden Tag ein neuer Skandal! Den McCanns wurde angedichtet, Sexpartys mit anderen Paaren veranstaltet zu haben; Gerry wurde bezichtigt, nicht Madeleines biologischer Vater zu sein. Solche böswillig unwahren Unterstellungen mussten unterbunden werden. Deshalb habe ich mich regelmäßig abseits offizieller Pressetermine mit Journalisten zusammengesetzt und ihnen unsere Version der Geschichte dargelegt. Dabei ging es nicht darum, Madeleines Eltern in günstigem Licht erscheinen zu lassen, sondern allein um eine faire, ausgewogene Berichterstattung.

Doch gutes Zureden allein war offenbar nicht ausreichend, denn im Namen der McCanns wurde eine Verleumdungsklage gegen die große britische Zeitungsgruppe Express angestrengt, die im März 2008 vor Gericht Erfolg hatte.

Das war nötig, um unser größtes Problem zu lösen: Unterschiedliche Blätter übernahmen ungeprüft Falschmeldungen voneinander, die so den Anschein des Wahren bekamen. Wenn montags eine Schmutzkampagne in einer portugiesischen Zeitung lief, wurde die am Dienstag von britischen Blättern reproduziert. Und mittwochs hieß es dann in Portugal: Der renommierte "Daily Express" hat unsere Geschichte bestätigt, es muss also etwas dran sein. Es war ein Kreislauf des Unsinns, und die Blätter der Express Group haben ihn am eifrigsten angetrieben. Das hat den Verlag 550 000 Pfund Schadenersatz gekostet. Die Express-Tageszeitungen waren nach unserer Klage gezwungen, sich auf der Titelseite bei Kate und Gerry zu entschuldigen. Mit diesem Urteil konnten wir die britische Presse in ihre Schranken weisen.

Sind Klagen das einzige Mittel, um den Boulevard zu kontrollieren?

Kontrollieren sollte man nur, was außer Kontrolle geraten ist. In einer Demokratie ist es jedem Menschen erlaubt, seine Meinung - innerhalb der gesetzlichen Grenzen - frei zu äußern. Deswegen halte ich nichts davon, Journalisten "kontrollieren" zu wollen. Viele PR-Leute sehen das anders und reagieren auf Reporterfragen immer noch mit einem barschen "Kein Kommentar! ". In der heutigen Zeit ist diese Antwort ein großer Fehler - sie hilft niemandem und ist extrem schlecht für den Ruf. Ich habe im Gegensatz dazu immer versucht, der Presse gegenüber so offen und ehrlich zu sein wie möglich. So erreicht man meiner Meinung nach weitaus mehr "Kontrolle" als mit jeder Abwehrhaltung. Rechtliche Schritte müssen daher das letzte Mittel bleiben.

Zu diesem letzten Mittel haben Sie gegriffen. War Ihnen die Kontrolle über die Geschichte entglitten?

Phasenweise war das so. Die Medien waren verrückt nach der Story, und so hat sie eine unglaubliche Eigendynamik entwickelt.

Sie wurden also die Geister, die Sie riefen, nicht mehr los?

Da ist was dran. Wer mit den Medien ins Bett geht, muss sich auf alles einstellen - auch darauf, dass sie einem sehr wehtun können. Die Maddie-Story hatte sich irgendwann verselbstständigt. Wir mussten nur eine Pressekonferenz geben, einen Kommentar oder ein Bild veröffentlichen, und schon wurde das über Tage in den Medien behandelt. Die Story hatte eine solche Eigendynamik, dass ich sie nicht wirklich steuern konnte. Die Medien wollten diese Story.

Und Sie haben sie nach Kräften am Laufen gehalten. Sie haben mit den McCanns sogar eine Tour durch europäische Metropolen unternommen, im Privatjet, von Sponsoren finanziert.

Moment, das war keine Rock-'n'-Roll-Tour! Wir haben einfach darüber nachgedacht, wohin Maddie gebracht worden sein könnte. Die meisten Algarve-Touristen kommen aus Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden. Also haben wir beschlossen, eine Reise nach Berlin und Amsterdam zu organisieren, um auf Maddie aufmerksam zu machen.

Der Höhepunkt war ein Besuch beim Papst.

Der Vatikan ist doch auf uns zugekommen. Der britische Klerus rief an und ließ ausrichten: Der Papst verfolge die Geschichte im Fernsehen, er sehe ein katholisches Paar in Not und biete eine Audienz an. Ich dachte: fantastisch, spirituelle Unterstützung für die McCanns. Doch Kate und Gerry lehnten zunächst ab, sie wollten sich nicht wichtig machen. Also sagte ich: Überlegt es euch, ich kann das möglich machen. Da sagten sie zu.

Trotz all der PR brachte die Suche bisher nicht den entscheidenden Hinweis. Wie viele wertlose Tipps haben Sie bekommen?

Etwa 4000 Hellseher und selbst ernannte "Medien" haben uns genaue Hinweise auf den angeblichen Aufenthaltsort von Madeleine gegeben. Wir sind allen nachgegangen, und alle waren falsch.

Wir hatten einige bösartige Informanten, ein paar Erpressungsversuche, sogar einige Morddrohungen. Bei einer Angelegenheit dieser Größenordnung bringt sich jede Form menschlicher Existenz ein, ob gut- oder böswillig. Trotzdem wird jeder ernst zu nehmenden Information nachgegangen. Entweder kümmert sich die Polizei darum oder unsere Privatermittler.

Welche Art von Informationen bekommen Sie?

Mir wird beispielsweise gesagt, dass Madeleine auf bestimmten Flügen gebucht sei, inklusive genauer Sitzplatzangaben. Sie soll in Chile und Moskau gesehen worden sein, in Sydney und auf Malta. Andere geben mir Autonummernschilder an, nennen Adressen in aller Welt. Aber meistens höre ich irgendwelche abwegigen Geschichten, etwa dass Maddie in einem Schiff auf den Wolken spazieren fährt.

Ist es nicht frustrierend, ständig Märchen aufgetischt zu bekommen?

Das ist es. Frustrierend war auch die Arbeit der portugiesischen Polizei, die ihre Ermittlungen eingestellt hat. Trotzdem ist die Suche noch lange nicht vorbei. Die Gönner der McCanns finanzieren weitere Privatermittlungen. Wir sind international vernetzt. Jüngst wurde ein Mädchen in Chile gesichtet, das Madeleine hätte sein können - ein Ermittlungsteam war drei Stunden später vor Ort. Über Interpol hätte das drei Wochen gedauert. Außerdem sind diese vermeintlichen Hellseher manchmal durchaus ernst zu nehmen. In der Vergangenheit haben sich Entführer schon als "Medien" ausgegeben, um Hinweise auf den Fundort vermisster Personen zu geben, ohne selbst gefasst zu werden.

Wie denkt die Polizei über Ihre Privatermittlungen?

Sie ist nicht besonders glücklich über unsere Arbeit. Doch wir leiten selbstverständlich alles Relevante an sie weiter. Hätten die Polizisten ihren Job von Anfang an gut gemacht, wären sie unvoreingenommen an die Sache herangegangen, hätten wir noch viel lieber mit ihnen zusammengearbeitet.

War Ihnen von Anfang an klar, dass das Verschwinden dieses kleinen Mädchens zum Medienereignis des Jahres werden würde?

Schon als ich das erste Mal von Madeleines Verschwinden hörte, dachte ich: Das wird eine große Sache! Ein fotogenes kleines Mädchen verschwindet unter mysteriösen Umständen. Dazu das gesamte Umfeld: eine glückliche, gut verdienende Ärztefamilie mit süßen Kindern im wohlverdienten Urlaub - und dann dieser Schicksalsschlag.

Gerry McCanns Schwester stellte nüchtern fest, dass die Presse kaum so gut an der Geschichte verdient hätte, wäre Madeleines Mutter Kate "fett und pickelig".

Auch ich glaube nicht, dass sich die Medien derart auf eine arme, benachteiligte Familie gestürzt hätten, der etwas Ähnliches passiert wäre. Der soziale Status der McCanns war aber nicht der einzige Faktor, der das ungeheure Interesse an dieser Geschichte erklärt. Es ging auch um elterliche Verantwortung im Allgemeinen, um die Kompetenz der Polizei, um die Zusammenarbeit beziehungsweise Nichtzusammenarbeit zwischen portugiesischen und britischen Behörden. Dazu kamen fast täglich neue Gerüchte. So wurde der Fall Madeleine jenseits der eigentlichen Suche schnell zu einer Art Seifenoper.

Wie viel Fiktion steckt im Fall Maddie? Bücher und Filme sollen bereits in Arbeit sein.

Der Fall gleicht tatsächlich einem Unterhaltungsroman - alle dazu nötigen Elemente sind vorhanden. Unsere Aufgabe ist es, die Geschichte zurück in die Realität zu holen. Denn ihr Kern ist sehr real: Ein kleines Mädchen ist verschwunden - weil Madeleine eine Ikone geworden ist, neigen die Leute dazu, das zu vergessen. Und es gibt keinen Beweis, dass das Kind verletzt oder sogar getötet wurde. Kate und Gerry sind nicht naiv. Sie wissen, dass sie tot sein könnte. Sie haben seit Madeleines Verschwinden mehr über Pädophilie und Kindesentführung erfahren, als sie jemals wollten. Und doch hoffen sie noch, dass ihre Tochter irgendwo festgehalten, aber umsorgt wird.

Für Sie war der Fall der Auslöser, den Beruf zu wechseln und sich auf PR zu verlegen. Zuvor hatten Sie viele Jahre als Journalist gearbeitet. Trotz Ihrer relativen Unerfahrenheit wurden Sie vom Boulevard bereits als "PR-Guru" bezeichnet.

Ist das nicht lächerlich? Ich habe 25 Jahre als Journalist gearbeitet, war zwölf Jahre bei der BBC. Dann warb mich die Regierung Blair an: Als Leiter der Media Monitoring Unit war ich dafür verantwortlich, die mediale Berichterstattung zu analysieren, Politiker über aktuelle Geschehnisse zu informieren und Abgeordnete zu beraten. Leider eine ziemlich bürokratische Tätigkeit. Darum hatte ich meinen Vorgesetzten gefragt, ob ich wieder etwas mehr journalistisch arbeiten könne. Ich dachte an Anlässe wie ein Bombenattentat oder den Ausbruch einer Seuche. Dass ich es mit einem entführten Mädchen zu tun bekäme, hätte ich nicht gedacht.

Ist es normal, dass ein Staat für Bürger in Not PR-Personal abstellt?

Als Madeleine verschwunden war, schickte mich die Regierung nach Portugal, um die Polizeisprecher vor Ort zu unterstützen. In Großbritannien ist das kein ungewöhnlicher Vorgang; die britische Botschaft in Portugal war mit dem überwältigenden Medieninteresse überfordert. Ich verbrachte mehrere Wochen mit den McCanns und wurde dann auf meinen Posten zurückgerufen. Aber wir haben privat Kontakt gehalten. Und als ein wohltätiger Geschäftsmann sich dann bereit erklärte, mir ein angemessenes Gehalt zu bezahlen, kündigte ich meinen Job in London - und kümmere mich seitdem hauptberuflich um die McCanns. So bin ich quasi in die PR-Branche hineingerutscht.

Zuerst waren Sie Journalist, dann Beamter und sind nun PR-Mann. Puristen würden sagen, dass Sie sich immer weiter vom journalistischen Ideal verabschiedet haben.

Ich kann nicht behaupten, dass ein PR-Job mein großer Traum war. Ich hatte mich bei der BBC gemütlich eingerichtet, aber ich wollte mehr. Ich wollte eine Spitzenposition und kam nicht so recht voran. Also habe ich mir irgendwann gesagt: Wollen wir doch mal sehen, was sonst noch so möglich ist. Als ich dann für die McCanns arbeitete, merkte ich, wie sehr Menschen, die plötzlich im Mittelpunkt medialer Aufmerksamkeit stehen, Unterstützung brauchen. Diese ständige Belagerung hält kein Mensch aus - und doch muss man damit umgehen. Mir wurde klar: In dieser Branche steckt Potenzial.

Soll das heißen, auch Privatleute brauchen heute PR-Berater?

Wer weiß, vielleicht habe ich tatsächlich ein neues Geschäftsmodell entwickelt. Aber letztlich müssen die Menschen in so einer Situation selbst entscheiden, ob sie sich professionelle Unterstützung holen. Generell gilt: Die Äußerung eines Betroffenen ist immer besser als die eines Pressesprechers. Es heißt, PR-Profis wie ich könnten die Dinge bei Bedarf wenden und verdrehen. Manchmal trifft das sicher zu, etwa wenn ich Lügen aus der Welt schaffen möchte. Manchmal bin ich aber einfach ein Vermittler. Wenn Sie ein Kind verloren haben, sind Sie mit einer Horde Reporter vor Ihrer Haustür überfordert. Zumal das Interesse der Medien mittlerweile über lange Zeit anhalten kann. Je bedeutender die Medien für unser Leben werden, desto gieriger werden sie auch. Deshalb kann professioneller Beistand nützlich sein. Nur ist er nicht ganz billig.

Nicht viele Familien in vergleichbaren Umständen haben reiche Gönner wie die McCanns. Der PR-Mann in der Not ist doch absoluter Luxus.

Ich behaupte nicht, dass der Fall Maddie als Blaupause für andere Fälle taugt. Er ist wahrlich einzigartig. Trotzdem berate ich derzeit drei andere Familien in ähnlich tragischen Situationen. Die haben von mir gehört und sich in ihrer Verzweiflung an mich gewendet. Über mangelnde Nachfrage kann ich mich also nicht beschweren. -

 

Dieses Interview ist ein für brand eins bearbeiteter Vorabdruck aus:
Jens Bergmann/ Bernhard Pörksen (Hrsg.):
Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung
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Herbert von Halem Verlag, Köln 2009; 352 Seiten; 18 Euro

Clarence Mitchell, Jahrgang 1961, arbeitet als Moderator und Reporter für die BBC, bevor er im Frühling 2007 Chef der britischen Media Monitoring Unit wird. Seine Abteilung - vergleichbar mit dem Bundespresseamt - analysiert die Medienberichterstattung im Vereinigten Königreich; Mitchell informiert Abgeordnete und Minister. Doch das ist ihm zu langweilig. So lässt er sich, als am 3. Mai 2007 im portugiesischen Praia da Luz die damals dreijährige Madeleine "Maddie" McCann verschwindet, vom britischen Außenministerium als Berater zu den Eltern schicken. Er verbringt einen Monat mit dem die Medien suchenden und von ihnen bedrängten Paar. Als die McCanns im September 2007 von der portugiesischen Polizei selbst als tatverdächtig eingestuft werden, werben sie Mitchell als privaten PR-Mann an. In dieser Rolle gelingt es ihm, die negative Berichterstattung über die McCanns einzudämmen. Ab Juni 2008 gelten die Eltern nicht mehr als verdächtig, ihre Tochter Madeleine bleibt vermisst. Neben diesem Job arbeitet Mitchell seit September 2008 als Berater für eine große Londoner PR-Agentur. Das Foto zeigt ihn mit Phantombildern eines vermeintlich Verdächtigen, der in Portugal gesehen wurde.


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