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brand eins 02/2009 - Das kleine Wirtschaftswörterbuch

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Brasilianisches Portugiesisch - Deutsch

Eine Übung über die heiße Ananas und die Orange als Strohmann.

Nie im Leben würde Oberstaatsanwalt Demosthenes da Silva hinter roten Fahnen herziehen und Kampfparolen brüllen. Für so etwas hat ein Oberstaatsanwalt schließlich seinen Chauffeur, der auch als sogenannte "Orange" dient.

laranja |

Orange, die (hier als Umschreibung für "Strohmann")

Im Herbst 2008 schickten viele hohe Beamte wie da Silva solche Orangen auf die Straße. Neben den Chauffeuren wurden auch Tausende Angestellte des gewaltigen Justizapparates von ihren Vorgesetzten zum Protestieren befohlen.
Im sprichwörtlichen Sinne hatten die mal wieder eine "Ananas" aus dem Feuer zu holen - davon verbrennt sich kein Oberstaatsanwalt die Finger.

abacaxi |

Ananas, die (wird in Brasilien anstelle der Kastanien aus dem Feuer geholt)

Diese Ananas, deretwegen die Orangen ins Feuer griffen, war der Versuch des Justizministers, den Richtern und Oberstaatsanwälten die eigenmächtige Anstellung von Nichten und Neffen - intern "Vertrauenspersonen" genannt - zu verbieten.

pessoas de confiança |

Vertrauenspersonen, die (meint Verwandte, die von Abgeordneten, Senatoren und Spitzenbeamten auf Staatskosten und ohne jede Prüfung beschäftigt werden)

Die Amtsträger der "Dritten Gewalt" - also Richter und Staatsanwälte - agieren in Brasilien so autonom, dass sie nicht nur über ihre Angestellten selbst entscheiden, sondern praktischerweise auch über deren wie die eigenen Gehälter. Maurício Corrêa beispielsweise setzte fest, dass ihm als Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofs doppelt so hohe Bezüge zustehen wie dem Staatspräsidenten. Nicht nur der Justizminister hält das für ein bedenkliches "Privileg".

mordomia |

Privileg, das (auch als Abzocke zu übersetzen)

Vor allem, weil die Robenträger bei ihrer eigentlichen Arbeit weit weniger eifrig sind. Zivil- wie Strafprozesse ziehen sich in Brasilien über Jahre hin. Die elf Richter des Obersten Bundesgerichtshofs schleppen mittlerweile jedes Jahr mehr als 100 000 meist völlig gleiche Verfahren durch die Instanzen. Sie arbeiten nicht wirklich, sondern nur so, "damit es die Engländer sehen".

para inglês ver |

damit es die Engländer sehen (in der Bedeutung: so tun als ob)

Die Redewendung stammt aus dem 19. Jahrhundert, als Großbritannien noch das Handelsmonopol in Brasilien für sich beanspruchte. Welches von den Einheimischen freilich unterlaufen wurde, wo sie nur konnten. Eine Tradition, die bis heute gepflegt wird. Da die Briten längst weg sind, unterlaufen viele "Magistrados" mittlerweile eben ihren Dienst. Drei Monate Urlaub und regelmäßige Sabbat-Jahre sind in der Recht sprechenden Gewalt selbstverständlich. In der Justiz zu tun zu haben kann sich also durchaus lohnen. Mit ihr zu tun bekommen lohnt sich selten. Wer etwa den Staat wegen einer vorenthaltenen Rente verklagt, sollte ein rechtskräftiges Urteil nicht vor Lebensende erwarten.

fim da vida |

Lebensende, das (im juristischen Sinne: eine Art natürliche Verjährung)

Was gemeine Bürger plagt, ist für zwielichtige Existenzen erfreulich. Beispielsweise für einen wie Paulo Maluf, den Unternehmer, Abgeordneten, Ex-Gouverneur und Ex-Bürgermeister von São Paulo. Man lobt ihn mit den Worten:

rouba mas faz |

sinngemäß: Er raubt zwar, aber er baut auch.

Brasilianer halten Politiker prinzipiell für korrupt, also lobt man jene, die daneben nicht auch noch faul sind, sondern etwas unternehmen. Um Maluf schweben rund 150 Verfahren, die meisten wegen Unterschlagung, Steuerhinterziehung, Veruntreuung, Geldwäsche und Bereicherung im Amt. Der Justiz liegen Bankauszüge über 446 Millionen Dollar vor, die Paulo Maluf über "Orangen" in Steuerparadiesen geparkt hat. Zu fassen bekommt man ihn damit aber noch lange nicht, denn Malufs Anwälte verzögern die Prozesse mit einem unerschöpflichen Repertoire an "Verfahrenstricks".

recursos |

Verfahrenstricks, die

Gekonnt eingesetzt, sind sie äußerst wirksam. Ihr Ziel ist die - natürliche oder gesetzliche - Verjährung. In Brasilien sagt ma n, die Verurteilung werde einfach "mit dem Bauch vor sich hergeschoben".

empurarr com a barriga |

mit dem Bauch vor sich herschieben

Die Verschleppung von Verfahren bis zum Sankt Nimmerleinstag ist bei politischen Skandalen und der Aufklärung von Straftaten in der Wirtschaft zur Regel geworden. "Alle enden in der Pizza", heißt es.

tudo acaba em pizza |

wörtlich: Alles endet in der Pizza (sinngemäß: Ein Verfahren lässt sich genau wie eine Pizza belegen, nämlich mit beliebig vielen "recursos")

Millionenbetrüger gehen deshalb gewöhnlich frei aus, Eierdiebe landen im überfüllten Knast. Das ist die immer wieder beklagte brasilianische "Straflosigkeit".

impunidade |

Straflosigkeit, die (im Sinne von: selektive Anwendung der Gesetze)

Die Prinzipien der "impunidade" lauten:

1. Gesetzesübertretungen erlaube sich nur, wer sich auch einen Anwalt leisten kann.

2. Das Zivilrecht ist für die Reichen, das Strafrecht für die Armen.

In Brasiliens Justiz-Sumpf versinken jährlich 18 Millionen Verfahren, mit denen sich 16 900 Richter und hundertmal mehr Anwälte beschäftigen: Allein in São Paulo gibt es fast doppelt so viele Rechtsanwälte wie in ganz Deutschland. Der Justizminister versuchte sein Reformvorhaben (siehe oben) daher als "unanfechtbare Entscheidung" des Staatsgerichtshofs durchzusetzen. Seine Gegner schieben aber auch diese einfach mit ihrem Bauch vor sich her: Sie erhoben eine Feststellungsklage, ob eine solche gerichtliche Entscheidung denn die gleiche Verbindlichkeit wie ein Gesetz haben dürfe. Das Verfahren läuft noch. Die Beamten um den Oberstaatsanwalt da Silva haben alle Zeit der Welt - und im Ernstfall auch genügend Orangen. -


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