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brand eins 02/2009 - Kommunikation / PR

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"Das giebt ein köstliches Gesammtbild"

Als der Kaufmann Johannes Janus seine Heimat neu erfand, nannte er sie Holsteinische Schweiz. Und landete damit einen historischen PR-Coup.

Ein Lehrstück.

- Die Wintersonne setzt den still daliegenden Kellersee in Szene. Geduldig posiert Wolfgang Janus in klirrender Kälte für den Fotografen auf dem Anleger des Fissauer Fährhauses. Der joviale 65-Jährige ist Inhaber eines Modellbaugeschäfts im nahen Eutin, rühriges Mitglied der Rotarier am Ort - und einer Familie, deren Name verpflichtet. Sie spielt seit Generationen eine bedeutsame Rolle in der Gegend. Wolfgang Janus' Urgroßonkel Johannes, der am gegenüberliegenden Seeufer vor 124 Jahren ein prächtiges Hotel errichtete, verdankt die Region sogar ihren Namen: Holsteinische Schweiz.

Der ehrgeizige Kaufmann erfand seine Heimat damals neu und begründete das für viele Ostholsteiner bald lukrative Geschäft mit dem Tourismus wesentlich mit. Urgroßneffe Wolfgang profitiert noch heute davon. Etliche seiner meist ebenfalls grauhaarigen Kunden haben seinen Laden mit dem großen Sortiment von Spielzeugeisenbahnen im Urlaub entdeckt und lassen sich seitdem von ihm beliefern. Und natürlich passen all seine putzigen Miniaturlokomotiven, -waggons und -gleise prima in die Miniaturschweiz.

Holsteinische Schweiz klingt nach schamloser Übertreibung angesichts einer Landschaft, deren höchste Erhebung kaum höher ist als der Kölner Dom (157 Meter). "Aber nur für heutige Ohren", schränkt Wolfgang Janus ein. Denn Ende des 19. Jahrhunderts schätzten die Leute an der Schweiz weniger die schroffe, alpine Landschaft als vielmehr die sanften Kuppen, Almen, Wälder und Seen im Aargau und Jura. Das waren die Sehnsuchtsorte des romantisch gestimmten Zeitgeistes - und an ihn knüpfte Johannes Janus geschickt an.

Was seine Idee von den heute verbreiteten PR-Blasen unterschied, waren Stimmigkeit und Systematik. Der unter anderem im Holzhandel zu Geld gekommene Geschäftsmann propagierte nicht einfach willkürlich aus der Luft gegriffene Namen, sondern legte zunächst die Grundlagen. 1882 begann er mit dem Dampfschiff "Uklei" die Ausflugsschifffahrt auf dem Kellersee. Er ließ Landungsstege, Fährhäuser und Aussichtspunkte anlegen. Und er baute an der schönsten, allerdings kahlen Stelle, die er deshalb parkartig aufforsten ließ, sein Hotel - bequem per Schiff zu erreichen. Nicht irgendein Hotel, sondern eines mit allem Komfort und bester Küche. Das von einem Hamburger Architekten entworfene Haus taufte er auf den Namen "Holsteinische Schweiz" und machte es systematisch mit Ansichtskarten und ebenso selbstbewussten wie holprigen Reimen bekannt:

"Wie Holsteinische Schweiz liegt, so herrlich und schön, Dies Bild kann man nicht zeigen, musst kommen und sehn! "

Der umtriebige Unternehmer habe, so urteilt Wolfgang Griep, Leiter der Forschungsstelle zur Reisekultur an der Eutiner Landesbibliothek, "den Kellersee und seine Umgebung in einen touristischen Erlebnisort mit dem Markennamen Holsteinische Schweiz verwandelt - ein kapitalintensives, ungewöhnliches und im Grunde höchst modernes Konzept". Damit lockte er nach einigen Anlaufschwierigkeiten und Hoteldirektoren-Wechseln Kunden aus den besten Kreisen an. Nachzulesen im Gästebuch der Holsteinischen Schweiz, das Wolfgang Janus in mühseliger Detektivarbeit aufgestöbert hat. In dem ledergebundenen Folianten haben sich unter anderem der Admiral von Tirpitz, der Großherzog von Oldenburg und etliche Mitglieder des preußischen Königshauses verewigt. Ein bürgerlicher Gast notierte zum Abschied in gestochener Sütterlinschrift: "Nur wer die Sehnsucht kennt (nach dem Kellersee! ), weiß, was ich leide."

Mit seiner Holsteinischen Schweiz hatte Janus eine Traumkulisse inszeniert. Und eine für ihre Bewohner unspektakuläre Gegend in eine ideale Sommerfrische für Großstadtflüchtlinge ver wandelt; viele seiner Gäste kamen aus Hamburg. Erfunden hat er den Begriff allerdings nicht, wie Hans Joachim Bartels, pensionierter Ingenieur, Hobby-Historiker und Autor einer umfassenden Chronik des Ortes Malente-Gremsmühlen, streng wissenschaftlich nachweist. Schon viel früher sei der nämlich bei Naturfreunden wie etwa dem Lübecker Maler Heinrich Grosch aufgetaucht. Der schwärmte 1790: "Ich glaube also, dass Holsteins Gegenden ein nicht unwürdiges Pendant zur Schweiz ergibt."

Die Leistung von Johannes Janus bestand darin, die Holsteinische Schweiz zum umgangssprachlichen Begriff zu machen. Wie er das anstellte, war ein genialer Coup: In hartnäckigen Verhandlungen brachte er die Bahngesellschaft dazu, an der 1890 eröffneten Strecke von Gremsmühlen nach Lütjenburg eine Haltestelle mit dem Namen seines Hotels einzurichten. Von da an stand die Ortsbezeichnung Holsteinische Schweiz in jedem Kursbuch, war also quasi amtlich und verbreitete sich rasch. 1892 schrieb eine Berliner Zeitung: "Zu den in den weitesten Kreisen unbekannten deutschen Hügelländern und Miniaturschweizen gehört das östliche Holstein, ein gesegneter und reizvoller Fleck Erde, der seinen stolzen Namen Holsteinische Schweiz nicht zu Unrecht trägt. Freilich sind die Berge nur wenig über hundert Meter hoch und nach pittoresken Schluchten und brausenden Wasserfällen sucht man vergebens, aber ein anmuthiger Wechsel von bewaldeten Höhen und fruchtbaren Niederungen, von Wald und Wasser (...) - das giebt ein köstliches Gesammtbild."

Die bodenständigen Ureinwohner der Gegend - neuen Ideen und Fremden gegenüber eher wenig aufgeschlossen - erkannten erst nach einer Zeit, dass man an den Sommerfrischlern gutes Geld verdienen konnte. Als der Groschen endlich gefallen war, begann der Tourismus zu blühen. Die Zahl der Gaststätten, Pensionen und Hotels stieg bis zum Ersten Weltkrieg kontinuierlich an, die Region entwickelte sich zum beliebten Urlaubsziel besserer Kreise. Nicht zuletzt der cleveren PR-Arbeit von Johannes Janus verdankt das Gebiet seine starke Stellung unter den sich damals inflationär vermehrenden Schweizen: Mittlerweile gibt es allein in Deutschland 73 Landschaften, die so genannt werden von der Anholter Schweiz (Kreis Borken) bis zur Wolkensteiner Schweiz (Erzgebirge).

Die Holsteinische gehört bis heute neben der Fränkischen und Sächsischen Schweiz zu den Marktführern. Daran konnten auch die Nazis - allem Fremdländischen feindlich gesonnen - nichts ändern: Die Ostholsteiner blieben stur beim in der NS-Zeit offiziell verpönten Markennamen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Holsteinische Schweiz sogar noch zweimal erheblich, weil immer mehr Gemeinden den Wert des Labels erkannten. Zunächst mit der Gründung der gleichnamigen Fremdenverkehrsgemeinschaft, später mit der des Naturparks Holsteinische Schweiz - womit nebenbei Theodor Fontanes Sottise "Die Schweizen werden jetzt immer kleiner" widerlegt wurde.

Das Hotel, mit dem alles begann, existiert schon lange nicht mehr. Es brannte 1922 ab. Später waren auf dem Grundstück ein Marinelazarett und eine Lungenheilstätte untergebracht, seit den sechziger Jahren haust dort die wenig glamouröse Landesfinanzschule. Überhaupt ist die große Zeit des Tourismus vorüber, wie Hans Joachim Bartels, der früher selbst mit einer Pension gut daran verdiente, einräumen muss. Der muntere 77-jährige Chronist will nichts Kritisches über seine Heimat sagen. Doch es ist offenkundig, dass die holsteinischen Schweizer sich zu lange auf ihrem guten Namen ausgeruht haben. Nach der Wende und mit der Konkurrenz der ostdeutschen Urlaubsregionen ging die Zahl der Übernachtungen stark zurück. So verzeichnet das Statistische Landesamt für die Gemeinde Malente von Januar bis Oktober 2008 rund 315 000 Übernachtungen - im Vergleichszeitraum Anfang der neunziger Jahre waren es noch fast 450 000.

Die Landschaft ist immer noch bezaubernd, aber die Hotellerie teilweise stark sanierungsbedürftig. So steht in Malente in bester Lage am Dieksee eine zehnstöckige Hässlichkeit. Kommentar eines Gastes: "Der Gesamtzustand des Hotels ist äußerst marode. Schwimmbad und Sauna funktionieren nicht mehr. Muffiges Siebziger-Jahre-Ambiente, wohin man schaut."

Daneben duckt sich ein Klinkerbau, der wahrhaftig "Hotel Holsteinische Schweiz" heißt - und dessen Anblick und Interieur Johannes Janus im Grabe rotieren lassen müsste. Denn eines wusste das PR-Talent genau: Wo Schweiz draufsteht, sollte nicht Bottrop drin sein.-


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