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brand eins 08/2002 - Sonstiges
Emanzipation dank Bollywood
Im indischen Bergdorf Danawli, eine Tagesreise von Bombay entfernt, hat das Fernsehen den Tagesablauf gründlich durcheinander gebracht. 1985 tauchte das erste TV-Gerät dort auf, Mitte der Neunziger war schon in fast jeder vierten der 104 Stroh- und Lehmhütten der staatliche Sender Doordarshan zu empfangen. Menschen, die jahrhundertelang kurz nach Sonnenuntergang schlafen gegangen und morgens um fünf Uhr aufgestanden waren, verfolgen heute bis weit nach Mitternacht Hindi-Spielfilme und Musiksendungen. Rund 25 Stunden in der Woche sehen sie fern - und schlafen nachts drei Stunden weniger als früher.
Immer seltener singen die Leute die traditionellen Volkslieder und besuchen die Tempel. Doch das Fernsehen hat in der indischen Provinz keineswegs zu kulturellem Niedergang und sozialer Isolation geführt; vor dem TV-Zeitalter war nicht alles besser. Theater- und Café-Besuche etwa waren reine Männersache. Und sehr kommunikativ waren die Dorfbewohner auch nicht, wie einer erzählt: "Was gibt es schon groß zu sagen? Wir müssen unsere Arbeit tun, und wenn ich mich entspannen will, habe ich keine Lust, mit meiner Frau zu sprechen und mir ihr Gejammer anzuhören." Aus Frauensicht hört sich das so an: "Ich rede die ganze Zeit mit meinem Mann, aber er hört nie zu."
Heute tauschen sich die Leute in Danawli so rege aus wie nie zuvor. Weil nur wenige Familien einen Fernseher haben, besucht man sich gegenseitig. Während Hindi-Romanzen über den Bildschirm flimmern, knüpfen Männer Geschäftsbeziehungen und arrangieren die Heiraten ihrer Kinder. Mädchen und Jungen, die früher kein Wort miteinander wechseln durften, liegen nebeneinander auf dem Lehmboden und unterhalten sich über " Baywatch" und Hindi-Pop. Anders als früher, als die Frauen erst aßen, nachdem sie ihre Männer versorgt hatten, essen Ehepaare heute gemeinsam. Einige Männer nehmen ihren Frauen sogar das abendliche Melken der Kühe ab - so ist die Hausarbeit rechtzeitig vor dem abendlichen Spielfilm beendet.
Das Fernsehen steht für die Trivialisierung und Amerikanisierung der Kultur. Tatsächlich füllen US-Serien weltweit die Programme, auch weil Sendungen, die in der Produktion eine Million US-Dollar gekostet haben, für Dritte-Welt-Länder oft schon für wenige hundert Dollar erhältlich sind. Doch trotz "Cosby Show" und "Emergency Room" erzielen vielerorts nationale Produktionen die höchsten Einschaltquoten.
In Indien ist Bollywood, die größte Filmindustrie der Welt, auch im TV-Geschäft höchst erfolgreich. Wie in vielen Ländern des Südens startete das Fernsehen mit einem erzieherischen Anspruch. Inspiriert vom mexikanischen Netzwerk Televisa, das populäre Melodramen mit Themen wie Analphabetismus und Gesundheitserziehung verband, ging es Mitte der achtziger Jahre bei der ersten, immens erfolgreichen indischen Seifenoper, "Hum Log", um Familienplanung. In den Neunzigern fegten dann die religiösen Soaps, "Ramayan" und " Mahabharat", die Straßen leer und etablierten den Sonntag als festen Serientag. Doch ebenso wie die Geburtenkontrolle bei "Hum Log" im Melodram unterging, gewann mit der zunehmenden Kommerzialisierung des Fernsehens beim staatlichen Sender wie auch in den acht privaten, in Indien zu empfangenden Kabelnetzen die Unterhaltung die Oberhand.
Mit dem Fernsehen kam die Welt bis ins letzte indische Dorf und veränderte die Wirklichkeit dort - bis hin zu den einst fest gerügten sozialen Hierarchien. So verloren die großen Landbesitzer und Ältesten ihr Informationsmonopol, die Basis ihrer Macht. " Heute", sagt ein Bewohner Danawlis, "sind sie nicht die Einzigen, die sich im System auskennen. Wir alle sehen die gleichen Programme und kennen unsere Rechte. Die da oben können uns nicht mehr einschüchtern."
Fernsehzuschauer, so das Fazit einer Reihe von Studien, treten Vorgesetzten und Autoritäten kritischer gegenüber. Auch medialen: Viele englischkundige Inder vertrauen nicht den Nachrichten des staatlichen Senders, sondern schalten auf BBC World Service um, wenn sie sich über Politik in ihrem Heimatland informieren wollen. Und immer mehr Dorfbewohner meiden die traditionellen Rechtsforen, in denen die Mitglieder der oberen Kasten oft zusammenhalten. Stattdessen suchen sie staatliche Gerichte auf, von denen sie sich unparteiischere Urteile erhoffen.
Hindi-Romanzen und Werbung zelebrieren ganz nebenbei urbanes Leben. Allerdings können sich gerade mal zehn Prozent der Inder die beworbenen Mundwässer und Designer-Jeans leisten - der Rest muss sich mit Träumen begnügen. "Ich will Dinge, die meine Eltern nie hatten", sagt der 24-jährige Dilip. "Ich möchte andere Teile Indiens besuchen und vielleicht sogar nach Dubai gehen." Mittlerweile zieht die Hälfte der jungen Männer aus Danawli nach Bombay und kommt nur zur Ernte und zu den wichtigen Festen ins Dorf zurück.
Die Bildschirmbilder wecken ständig neue Bedürfnisse. Als vor 15 Jahren Entwicklungshelfer den Dorfbewohnern Latrinen schmackhaft machen wollten, wehrten die noch lachend ab und sagten: "Gebt uns doch, was wir wirklich brauchen." Heute sind die ersten Latrinen im Bau, und gekachelte Fußböden und Stereoanlagen stehen auf den Wunschzetteln.
Beiläufig verbreitet das Fernsehen auch neue Verhaltensnormen. In Danawli weiß man, dass Kastentrennung und arrangierte Ehen unmodern sind. Die Kluft zwischen dieser Erkenntnis und dem Alltag ist allerdings immer noch groß. Auf die Frage: " Vermischen sich die Kasten? Wie steht es mit arrangierten Hochzeiten?" erwidern die Dorfbewohner: "Das sind doch Relikte." Wenn man weiter fragt: "Und wie viele sind eine Liebesheirat eingegangen?", erntet man betretenes Schweigen.
